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Der Preis der Befreiung


Ein bekannter buddhistischer Gelehrter fragt: "Wo war die ,Mitte’ von Buddhas Mittlerem Weg?"
von Peter Masefield
 

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Artikel



Peter
Masefield
Es ist immer interessant, sich zu fragen, was wohl der Gründer einer Bewegung, die einige Zeit nach seinem Tod eine große Weltreligion wurde, denken würde, wenn er sähe, wie seine ursprünglichen Lehren von viel späteren Generationen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen in anderen Teilen der Welt verstanden und praktiziert werden.

Und was das Christentum betrifft, so fragt man sich, was Jesus wohl gedacht hätte, wenn seine Wiederkehr, die von der frühen Kirche sehnlichst erwartet wurde, tatsächlich stattgefunden hätte. Was hätte wohl der Mann, der die Tische der Geldverleiher im Tempel umgeworfen hatte, von dem Überfluss des Vatikans gehalten, oder Mohammed von den heutigen Ayatollahs im Iran oder den Taliban in Afghanistan?

Oder was würde der Buddha, ein Mann, der das häusliche Leben ablehnte und gegen das Leben eines Einsiedlers eintauschte, der am Rande der Gesellschaft im Dschungel lebte, von der Tatsache halten, dass die ursprünglich monastische Bewegung, die er gegründet hatte, praktisch eine Laienbewegung geworden war – zumindest so, wie sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Westen praktiziert wird? Und was würde er von Anhängern halten, deren häusliche Verpflichtungen ihnen als Entschuldigung dafür dienen, dass sie an seinem Weg bestenfalls in der Form einer halbherzigen Freizeitbeschäftigung festhalten?

Zu Lebzeiten des Buddha antwortete zum Beispiel der brahmanische* Laien-Anhänger Dhananjani dem ältesten Schüler des Buddha, Sariputta, auf die Frage, ob er in spirituellen Angelegenheiten eifrig gewesen sei, mit der Klage:
Wie könnte ich eifrig sein, lieber Sariputta, wenn ich meine Eltern unterstützen muss, meine Frau und meine Kinder unterstützen muss, meine Sklaven, Diener und Arbeiter unterstützen muss, wenn ich meinen Freunden und Bekannten Dienste erweisen, Blutsverwandten Dienste erweisen, Gästen Dienste erweisen muss, Riten für die Ahnen vollziehen, Riten für die Götter vollziehen, Pflichten gegenüber dem König erfüllen muss – und dieser Leib muss auch gesättigt und gepflegt werden!

Worauf Sariputta antwortete:
Was hältst du davon, Dhananjani: Angenommen, jemand würde versäumen, das heilige Leben zu führen, wegen der Notwendigkeit, seine Eltern, seine Frau und Kinder, seine Sklaven, Diener und Arbeiter zu versorgen, weil er seinen Freunden und Bekannten Dienste erweisen, seinen Blutsverwandten Dienste erweisen, seinen Gästen Dienste erweisen muss, Riten für die Ahnen durchführen, Riten für die Götter durchführen, Pflichten für den König erfüllen muss und außerdem noch einen Leib hat, für den er sorgen muss. Wegen seines Versäumnisses werden die Wächter der Niraya-Hölle ihn in ihre Hölle schleppen. Würde es ihm nützen, wenn er sagte: „Ich habe versäumt, das heilige Leben zu führen, weil es notwendig war, meine Eltern und so weiter zu unterstützen?”

Worauf Dhananjani schließlich antwortet:
„Nein, lieber Sariputta, denn die Wächter der Niraya-Hölle würden ihn weh-klagend in die Niraya-Hölle werfen.”(M II 186f).
Damit soll weder gesagt sein, dass Laien-Anhänger des Buddha zu seiner Zeit unbekannt waren, noch dass es nicht gewisse Personen gab, die, obwohl sie die Befreiung erreichten, sich entschieden, Haushalter zu bleiben, ohne sichtbaren Schaden zu nehmen. Doch muss eingeräumt werden, dass die vom Buddha empfohlenen Praktiken fast ausschließlich für diejenigen bestimmt waren, die sich aus der Sphäre des Haushalts entfernt hatten, um im Dschungel Nordin diens ein nomadisches Leben der Askese zu führen. Ein Beispiel dafür war Anathapindika, ein Laien-Förderer, dessen Freigebigkeit gegenüber dem Buddha und seinen mönchischen Anhängern keine Grenzen kannte. Als er auf dem Sterbebett lag, ließ der Buddha ihm durch seinen ältesten Schüler Sariputta sagen, er solle sich darin üben, nicht an weltlichen Dingen festzuhalten, und auch nicht an den Gefühlen, die ein solches Festhalten hervorruft. Anathapindikas Antwort war verständlicherweise scharf:
Zwar haben mich der Meister und die Mönche, die ihren Geist weiterentwickelten, lange Zeit besucht, doch habe ich noch nie eine solche esoterische Rede vernommen.

Worauf Sariputta antwortet:
Esoterische Reden wie diese, Haushalter, werden nicht vor weiß gekleideten Haushaltern gehalten. Nur vor denjenigen, die fortgegangen sind, Haushalter, werden esoterische Reden wie diese geführt. …(M III 2600)
Lassen Sie uns deshalb nun ohne weiteres Zögern einen neuen Blick auf das werfen, was wirklich im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im Dschungel Nordindiens stattfand, und bis zu welchem Grad die Praktiken moderner Laien-Buddhisten im Westen noch die ursprünglichen Ideale widerspiegeln.

Angeblich hat der Buddha einen „Mittleren Weg” gelehrt – den Mittelweg zwischen der Sucht nach Sinnesfreuden einerseits und der Sucht nach Selbstkasteiung andererseits. Warum er das getan haben soll, wird besser verständlich, wenn man es vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebenserfahrungen, die seiner Erleuchtung vorausgingen, betrachtet.

Der Tradition zufolge war der Buddha der Sohn eines Fürsten im Norden Indiens. Ein Wahrsager, der gerufen wurde, um die Zukunft des Kindes zu prophezeien, sagte, er würde ein mächtiger Herrscher werden, wenn er Laie bliebe, jedoch ein Buddha, wenn er der Welt entsa-gen und fortgehen würde. Sein Vater, der hoffte, er würde ein Laie bleiben und später sein Nachfolger werden, schirmte das Kind von allen Übeln des Lebens ab und umgab ihn mit jedem erdenklichen Luxus.

Eines Tages jedoch gelang es dem künftigen Buddha, sich unbemerkt von den Wächtern aus dem Palast zu stehlen, und



da begegneten ihm vier Zeichen: ein kranker Mann, ein alter Mann, ein Leichnam und ein religiöser Einsiedler. Da erkannte er, dass auch er Krankheit, Alter und Tod ausgesetzt war, und alsbald verließ er seine Frau und seinen erstgeborenen Sohn und ging in den Dschungel, wo er sechs Jahre lang in strenger Askese und Selbstkasteiung lebte, in der Hoffnung, eine Lösung des Problems der Sterblichkeit des Menschen, die ihn so sehr erschüttert hatte, zu finden. Manchmal lief er in Missachtung aller Anstandsregeln nackt umher, aß nur eine Mahlzeit am Tag, dann nur jeden zweiten Tag, bis er schließlich nur noch einmal alle 14 Tage aß. Und wenn er aß, dann verzehrte er Kräuter, Hirse, wilden Reis, Gras oder Kuhmist. Ein andermal hüllte er sich in grobe Hanftücher oder Lumpen, die er von Abfallhaufen aufgelesen hatte. Er riss sich die Kopf- und Barthaare aus und schlief auf einem Bett aus Dornen. Der Staub und Schmutz, der sich auf seinem Körper ansammelte, hing in Klumpen von ihm herunter. Er saß die ganze Nacht im Freien, in Kälte und Schnee wie auch in der Sommerhitze, und mit den Jahren wurde sein Körper so ausgemergelt, dass ihm die Haut auf den Knochen klebte. Er wäre fast gestorben, als ihm endlich klar wurde, dass dies so wenig der Weg zu dem Ziel war, das er suchte, wie es sein früheres Luxusleben gewesen war. (M I 77ff).

Er war natürlich nicht der einzige, der sich einer derart strengen Askese unterwarf. Es ist bekannt, dass solche Praktiken unter den religiösen Aussteigern seiner Zeit verbreitet waren. Auf ähnliche Weise verwarfen zum Beispiel die Jains den luxuriösen, üppigen Lebensstil der kleinen religiösen Elite, die ihren Reichtum ständig vermehrte und ihre Macht festigte, indem sie mehr und mehr komplizierte Opferrituale einführte, die von den Laien bezahlt wurden. Tatsache ist, dass zur Zeit des Buddha eine große Anzahl solcher Asketen am Rande einer Gesellschaft lebten, von der sie verabscheut wurden.

Dass der Buddha diese Praktiken schließlich zugunsten eines Mittelweges zwischen den beiden erwähnten Extremen aufgab, bedeutet jedoch nicht, dass der Mittlere Weg, den er empfahl, nicht streng war – er war nur weniger streng als die Praktiken, welchen er sich früher unterworfen hatte. Denn die nomadische Lebensweise, die der Buddha, nachdem er erleuchtet worden war, seiner monastischen Gemeinschaft empfahl, war kein leichter Weg: Mit nichts als einem zerlumpten Gewand zum Schutz vor Insektenstichen, kalten Nächten und Monsunregen, und mit einer Ernährung, die – wenn sie Glück hatten – aus Abfällen und Speiseresten bestand, waren seine Mönche verpflichtet, abgeschnitten von der Gesellschaft ein streng entsagungsvolles Leben im tiefen Dschun gel zu führen, wo sie – wenn über haupt – wenig schliefen. Die Mönchs regeln schrieben jeden Augenblick ihres wachen Lebens vor: Die Mönche waren verpflichtet, außer wenn sie die Lehren des Buddha diskutierten, das „arische** Schweigen” zu wahren, es war ihnen vorgeschrieben, wie sie gehen, stehen oder sitzen sollten, wie sie urinieren und ihren Darm entleeren sollten und wann und wie sie schlafen sollten. Es stand dem Mönch nicht einmal frei, wann er essen durfte – und wenn er aß, war er verpflichtet, alles, was er in seiner Bettelschale empfangen hatte, zu einer unappetitlichen Masse zu vermischen und selbige dann in kleinen Brocken zu verzehren, und währenddessen musste er sich klar machen, dass er nur aß, um seinen Körper zu erhalten, bis er die Befreiung erreicht hatte.

Es ist wohl kaum überraschend, dass diejenigen, die eine solche Existenz führten, von ihren Zeitgenossen nicht beneidet wurden. Noch weniger wurden sie bewundert:
Mönche, dies ist die niedrigste Berufung, die eines Almosenempfängers. Ein Schimpfwort in der Welt ist es, wenn jemand sagt: ‚Du Restesammler! Mit der Bettelschale in der Hand wanderst du umher!’ (It 89)
Viele Zeitgenossen des Buddha glaubten, dass diejenigen, die einen solchen Lebensstil annahmen, es aus Furcht vor Königen und Räubern taten, wegen Schulden oder weil sie ihre Angehörigen oder ihr Vermögen verloren hatten (M II 66, It 89) und wahrscheinlich konnte die satanische Gestalt der Mara*** nur aus diesem Grund ohne Schwierigkeiten Haushalter dazu veranlassen, Mönche zu verspotten, zu misshandeln, zu quälen und zu ärgern, indem sie jene Haushalter von Folgendem überzeugte:
Diese glatzköpfigen Einsiedler sind minderwertig, schwarz, der Schmutz von den Füßen unserer Verwandten. Sie sagen: „Wir sind Meditierende” … und mit gebeugten Schultern und gesenktem Kopf, als wären sie betäubt, meditieren sie. (M I 334)


* Angehöriger der höchsten Kaste der Hindu-Gesellschaft
** edel
*** die Personifikation des Bösen und der Versuchung


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