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Die neue amerikanische Spiritualität


Präsentiert ein Interview mit Elizabeth Lesser und einen Artikel von Ken Wilber
von Craig Hamilton
 


Einleitung

Manchmal muss erst ein Aussenseiter kommen, um die Dinge im richtigen Zusammenhang zu sehen. Nur so lässt sich erklären, dass der NPR Radiokommentator Andrei Codrescu in den abschließenden Einstellungen seines Films Road Scholar aus dem Jahr 1992 ein Bild von Amerika eingefangen hat, wie es nur ein Ex-Bürger des Ostblocks sehen konnte. „Amerika”, sinnierte er, „ist paradoxerweise das materialistischsteund zugleich das spirituellste Land der Welt.”

Codrescus Worte bringen hier eine Saite zum Schwingenvielleicht deshalb, weil während einem der schöne Glitzer des konsumsüchtigen Amerika fast wie ein Kraftfeld gegen alles Heilige erscheint, man sich doch schwerlich einen anderen Ort auf der Welt vorstellen kann, wo der ungezügelte Drang nach „dem guten Leben” in so unmittelbarer Nachbarschaft zu einem ebenso starken religiösen Eifer gedeiht. Amerika ist schließlich eine Nation, deren erklärte Ideale schon immer, wie in der Unabhängigkeitserklärung verankert, das unveräußerliche Recht auf ein „Streben nach Glück”, aber auch das Streben nach religiöser Freiheit waren, das die Pilgerväter dazu inspiriert hatte, ihre Segel nach einer NEUEN WELT zu setzen. Sogar heute, da uns Stürme technologischer Innovationen versprechen, uns in immer höhere Höhen sinnlicher und materieller Erfüllung zu schleudern, berichten jüngste Erhebungen: 94 % der Amerikaner glauben an Gott oder an einen „universellen Geist”, 66 % glauben, dass die Religion Antworten auf alle oder die meisten der heutigen Probleme gibt und 33 % haben zumindest eine spirituelle Erfahrung gehabt.

Mit der amerikanische Psyche, die auf prekäre Weise zwischen diesen beiden Welten schwebt, soll es uns nicht wundern, dass sich im Land der Verheißung jetzt, da wir die Horizonte des dritten Jahrtausends erforschen, eine neue Art der Spiritualität verankern will, die unsere kollektiv gespaltene Persönlichkeit endlich in einer gemeinsamen ganzheitlichen Sichtweise zu vereinen sucht. Des spirituellen Erbes traditioneller „patriarchalischer” Religionen müde, das die Welt meidet, den Körper verneint und das Leben verleugnet, treten Pioniere einer neuen Art auf den Plan. Es sind Schmiede einer revolutionären, integrierenden „Spiritualität der Ganzheit”, die die so lange bestehenden Mauern zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen, dem Erhabenen und dem Irdischen, ein und für alle Mal niederreißen. In ihrem Buch The New American Spirituality schreibt die Mitbegründerin des OmegaInstituts, Elizabeth Lesser: „Religionen, die auf dem Konzept der Sünde basieren, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt zu kontrollieren und sie nicht als das, was sie ist, zu lieben. Die weniger kontrollierbaren Aspekte unseres Menschseinserotische Liebe, Wut und Ärger, Schönheit und Traurigkeitsind mit dem Etikett ‚zu leidenschaftlich’ oder ‚zu irrational, um vertrauenswürdig zu sein’ versehen worden.” Aber in der „neuen amerikanischen Spiritualität”, so erklärt sie, „ist alles heiligdein Körper, dein Verstand, die Psyche, das Herz und die Seele. Auch die Welt ist heilig, mit all ihrem Licht und ihrem Schatten.”

>Indem man die Welt und alles, was zu ihr gehört, aus vollem Herzen annimmt, kommen viele Aktivitäten, die man vorher als rein „weltlich” oder „irdisch” sah, als kraftvolle Mittel der Transformation zu breiter Akzeptanz. In der Tat bezeugt eine



Lawine von neuen Büchern über diese alles einschließende Spiritualität, dass sich im Sex, im Geschäftsleben, in der Politik, in der Kunst, im Sport und in der Kindererziehung ein spirituelles Potenzial findet. Folglich gebührt jedem Aspekt des Lebensder Arbeit wie dem Gebetdie Anerkennung, ein gleichwertiger und wertvoller Teil des spirituellen Weges zu sein. Mit dem Auftauchen dieses neuen Paradigmas rücktwohl zum ersten Mal in der Geschichte der Mystiksogar die Kernfamilie als Trainingsfeld und ultimativer Test für die spirituelle Verwirklichung ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Jack Kornfield, Bestsellerautor und buddhistischer Meditationslehrer, schreibt: „Familienleben und Kinder sind ein wundervoller Tempel. … Bei beidem, beim Aufziehen der Kinder und in Liebesbeziehungen, treffen wir unvermeidlich auf dieselben Hindernisse, auf die wir beim Meditieren treffen. … Die Spiritualität hat sich von der Fahrt nach Indien, Tibet oder Machu Picchu auf die Rückkehr nach Hause verlagert.”

Obwohl in ihr noch kein klar definierter Kern auszumachen ist, hat diese weit verbreitete Vermählung des Heiligen mit dem Weltlichen zahlreiche führende Seelentechnologen der Gegenwart dazu inspiriert, neue Programme für die spirituelle Entwicklung zu schaffen, die in Übereinstimmung mit ihren ganzheitlichen, der Welt zugewandten Idealen konzipiert sind. Allen voran der neue Hybride der spirituellen Wege, bekannt als Integrale Transformative Praxis. Dieses neue „holistische” System für die menschliche Entwicklung wird von einflussreichen spirituellen Denkern, dem Mitbegründer des EsalenInstituts Michael Murphy, dem Human PotentialPionier George Leonard und dem heute führenden Philosophen des Geistes, Ken Wilber, propagiert und zielt darauf ab, einen wirklich modernen Weg für den Menschen mit Familie und Haushalt zu schaffen, bei dem er sich als Teilzeit-Praktizierender gezielt und ausdauernd mit der ganzen Breite transformatorischer Übungen befasst. Jede von ihnen ist konzipiert für eine Dimension menschlicher Entwicklungdie körperliche, die emotionale, die mentale und die spirituelle. Ihre Verfechter meinen, dass man sich, während man ganz in seinen weltlichen Verantwortlichkeiten bleibt, bei gleichzeitigem Engagementetwa mit Gewichtheben, Tai Chi, Psychotherapie, Lesen, Dienst in der Gemeinde, Wandern in der Natur und ZenMeditationstetig auf das Ziel einer wahrhaft ausgegli chenen und integralen Transformation zubewegen kann.

Das Innovativste und Kontroverseste jedoch an dieser neuen spirituellen Technologie und an der „neuen amerikanischen Spiritualität” insgesamt, ist wohl die Tatsache, dass viele „hierarchische” Elemente, die man früher als wesentlich für den spirituellen Weg gesehen hatte, eilends zu Gunsten einer offeneren individualistischeren Herangehensweise zurückgelassen werden. Insbesondere die traditionelle Vorstellung, dass sich der Suchende der Autorität der Schriften oder der Führung eines spirituellen Lehrers anvertrauen sollte, wird durch eine starke Betonung der „eigenen Autorität” bei der Suche ersetzt. Lesser schreibt: „Es macht keinen Sinn mehr, dass dir die heilige Wahrheit und der Weg, wie man sie findet, durch eine Autoritätsperson beschrieben wird. Du erstellst jetzt die Landkarte für die Reise.” Dieses kühne Vorhaben einer „Demokratisierung” der spirituellen Suche, die den Konsens von mehr als 2500 Jahren angesammelter Weisheit hinter sich lässt, ist wohl der sicherste Beweis, dass sich im Bemühen, uns zu unseren höheren Potenzialen zu erheben, ein echt amerikanischer Ansatz etabliert hat.

Seit Beginn unserer Recherche für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? wurde deutlich, dass wir diese „neu entstehende amerikanische Weisheitstradition” näher untersuchen mussten. Es ist keineswegs der erste Versuch in der Geschichte, Spiritualität auf den Boden der Erde zu bringen. Und dochin seinem Versuch, die Unterschiede zwischen dem Spirituellen und dem Sekulären kategorisch zu beseitigen und in seiner Verpflichtung gegenüber der „Eigen-Autorität”betritt er ohne jeden Zweifel Neuland. Mit dem Einfluss, den dieser neue spirituelle Weg hat und der in fast jedem Bereich der heutigen spirituellen Kultur fühlbar ist, konnten wir die Gelegenheit nicht vorüberziehen lassen, die Bedeutung dieser Verlagerung der Weltsicht, insbesondere in Bezug auf die höheren Ziele der spirituellen Suche, näher zu betrachten. Auf den folgenden Seiten präsentieren wir zwei spezifische Sichtweisen zu diesem sich immer weiter ausbreitenden Terrain der „neuen amerikanischen Spiritualität”. Die erste, ein Gespräch mit Elizabeth Lesser, wirft aus der Sicht einer seiner führenden Vertreterinnen einen offenen Blick auf die Grundlagen dieses neu entstehenden spirituellen Paradigmas. Die zweite, ein Essay von Ken Wilber, ist eine zum Denken anregende Untersuchung der Beziehung zwischen „relativen Praktiken” wie der Integralen Transformativen Praxis und dem letztendlichen Ziel des spirituellen Lebens. Zusammen stellen sie eine bestechende und facettenreiche Untersuchung zu einem der heute einflussreichsten spirituellen Experimente dareines, das dazu bestimmt zu sein scheint, weit reichende Auswirkungen auf die Beziehung heutiger und zukünftiger Suchender zur Welt und zum Geist zu haben.

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WIE Ausgabe 5:
Unsere Ausgabe zum Thema: Was bedeutet es, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr?


Wie können wir in der modernen materialistischen Welt leben und uns gleichzeitig mit Herz und Seele dem spirituellen Weg widmen? Artikel und Interviews mit Ken Wilber, Eckhart Tolle, S.H. Penor Rinpoche, Elizabeth Lesser, Joseph Goldstein, Pater McNamara, Scheich Tosun Bayrak



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