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Was bedeutet es der Welt zu entsagen?


Präsentiert zwei Interviews mit Pater William McNamara und H.H. Penor Rinpoche
von Carter Phipps
 


Einleitung

Durch die Jahrhunderte hindurch hat es immer wieder einzelne Personen gegeben, die in ihrem Herzen und Geist den Ruf gehört haben, die Welt aufzugeben, die eine Sehnsucht, einen inneren Anspruch verspürt haben, die Rollen und Belange der weltlichen Gesellschaft abzulegen und die Vorschriften und Erwartungen alltäglichen Lebens hinter sich zu lassen. Solche Individuen haben einen der radikalsten Schritte unternommen, die ein Mensch machen kannsie haben der Welt völlig entsagt und haben sich aufgemacht, um nach einer Möglichkeit zu suchen, die im Unbekannten liegt. Ob sie nun Yogis, Mönche, Fakire, Eremiten, Schamanen oder Saddhus waren, ob sie in die Berge, die Wüste, die Wälder, in Höhlen oder Klöster gingen, und ob sie nun alleine gingen oder wie Jesus und der Buddha in ihrem Kielwasser eine Revolution ins Leben riefendiese Individuen haben die Dinge des alltäglichen Lebens weit hinter sich gelassen, für eine Lebensweise, die sie als viel realer, viel authentischer, viel näher am Herzen dessen erachteten, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Jedenfalls wussten wir, als wir für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? die Frage in Angriff nahmen: „Was bedeutet es in der Welt, aber nicht von ihr zu sein?”, dass wir uns mit den inspirierenden aber strengen Beispielen der Weltentsager und den großen klösterlichen Traditionen, die durch so manches Kapitel unserer Menschheitsgeschichte hindurch gedeihen und fortdauern, beschäftigen mussten. Obwohl man sich in unserer modernen westlichen Kultur oft über das Ideal der Entsagung als ein verzichtbares Überbleibsel einer weniger aufgeklärten Vergangenheit lustig macht, und als Resultat die Popularität des Klosterlebens dramatisch gesunken ist, waren es in der uns bekannten Geschichte gerade klösterliche Einrichtungen, die in der vordersten Reihe allen spirituellen Strebens der Menschheit standen. In ihren heiligen Hallen, abgeschiedenen Zellen und einsamen Zufluchtsorten wurde ein großer Teil unseres modernen spirituellen Erbes geformt und gestaltet, und die großen Heiligen und Mystiker, die ihre Namen in die Seiten unseres spirituellen Kanons eingraviert haben, waren häufig ein Produkt dieser weltentsagenden Traditionen.

Welcher innerer Drang bewegt diese Männer und Frauen, einen solch mutigen und unkonventionellen Schritt zu tun? Was hat den Prinzen Siddharta, den späteren Buddha, tatsächlich dazu inspiriert, seiner Frau und seinem Kind Lebewohl zu sagen und das obdachlose Leben zu beginneneine folgenschwere Entscheidung, die schließlich eine Klostertradition entfacht, die sich über Asien verbreitete, viele Menschenleben transformiert und Gesellschaftsstrukturen für die Hälfte der Menschheit neu definiert hat? Was hat Jesus dazu inspiriert, sich mutig über die Grenzen seines eigenen spirituellen Erbes hinauszuwagen und andere leidenschaftlich dazu aufzurufen, das Gleiche zu tunalles hinter sich zu lassen, ihm in ein Leben der Armut und Einfachheit zu folgen und die damaligen jüdischen Konventionen abzulehnen? Was bewegte den jungen St. Benediktden Mann, der Jahre später das Buch über das Mönch sein schrieb, Die Regel des Sankt Benediktdie ausschweifenden Genüsse und Freuden im Rom des 5. Jahrhunderts zu betrachten und in ihnen lediglich einen Abstieg in die spirituelle Entwertung zu erkennen und genau deswegen all dem den Rücken zu kehrenzugunsten der Genüsse und Freuden des Alleinseins, der Stille und des Gebets? Ihre Worte und die Worte derjenigen, die ihnen in späteren Generationen folgten, legen unmissverständlich Zeugnis ab über einen tiefen und bedeutungsvollen Wunsch: den Wunsch nach Einfachheit, nach Reinheit des Herzens, nach der Möglichkeit, sich ohne Vorbehalt dem spirituellen Leben zu widmen. „Lasst uns glücklich leben, indem wir nichts besitzen”, hat der Buddha zu seinen Mönchen gesagt. „Lasst von Freude uns ernähren so wie die strahlenden Götter.” Dieses Versprechen von Einfachheit war es, das die christlichen Wüstenväter im 4. Jahrhundert zu der Erkenntnis führte, dass das Christentum in seiner neu gefundenen Akzeptanz inmitten des allgemeinen Lebens am Mittelmeer der damaligen Zeit lasch, bürgerlich und weltlich wurde. En masse sind sie dem großen Heiligen Antonius in die ägyptische Wildnis gefolgt, um im rauen Wüstenleben ihren Glauben zu stärken und ihren Stolz zu mildern. Sie lebten als einsame Eremiten, die durch ein loses Band der spirituellen Bruderschaft miteinander verbunden waren, und initiierten ganz allein die gesamte christliche Klostertradition. Vielleicht waren sie der Worte Jesu eingedenk, der selbst viele Prüfungen unter der Wüstensonne bestehen musste und seine Schüler später warnte: „Niemand kann zwei Herren dienen. (…) man kann nicht der Welt und Gott zugleich dienen.”




Was ist „die Welt”, dieser Feind des spirituellen Pfads, den so viele religiöse Traditionen in ihren Schriften diffamiert haben? Für sie ist die „Welt” lediglich eine Metapher für die unerwünschten Bindungen und ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft, die nur allzu oft auf die niedrigeren gemeinsamen Nenner des menschlichen Zustands eingestellt sind. Es ist die Welt des Materiellen, die Welt von Furcht und Gier, die Welt, die Erfüllung verheißt, aber zwangs läufig Enttäuschung und Leid bringt. Genau dieser allgegenwärtige Refrain unter der Oberfläche unserer Gesellschaft fordert immerzu: „Besitze mehr, konsumiere mehr, werde mehr, genieße den Trost und die Freuden der Sinne und sorge dich nicht um die Nöte der Seele.” „Kommt und betrachtet diese Welt, die wie ein königlicher Streitwagen glitzert,” sprach der Buddha zu seinen Anhängern. „Die Narren sind davon betört, aber die Weisen rühren sie nicht an.” Ganz ohne Zweifel war es der selbe Glanz, auf den sich Thomas Merton, der große katholische Denker, bezog, als er schrieb: „Wir müssen vor dem Untergang im großen Meer der Lügen und Leidenschaften bewahrt werden, das man ‚die Welt‘ nennt. Und vor allen Dingen müssen wir vor dem Abgrund der Verwirrung und Absurdität bewahrt werden, der unser eigenes weltliches Dasein ist. (…) der freie Sohn Gottes muss vor dem konformistischen Sklaveren der Fantasie, Leidenschaft und Konvention gerettet werden.”

Natürlich gab es immer nur wenige, die sich dafür interessierten, der Welt zu entsagen, und heutzutage ist diese Haltung sogar noch seltener. Dennoch, wenn wir für einen Augenblick innehalten, ist es gar nicht schwer, mit dieser anziehenden Schlichtheit und außergewöhnlichen Tiefe in Berührung zu kommen, die nur möglich ist, wenn man ohne die ständig bedrückenden Sorgen der modernen Gesellschaft lebt. In der heutigen Welt, wo es bereits wie eine große Geste der Entsagung aussehen kann, nur einmal sein Handy für ein paar Stunden abzuschalten, scheint es tatsächlich ein wachsendes Verlangen nach einer immerhin zeitweiligen Atempause von der Hektik des Informationszeitalters zu geben. Die Popularität spiritueller Retreats nimmt stetig zu und aus den Klöstern hört man, dass es einen bedeutsamen Anstieg der Anfragen von Laien gibt, die sich in ihren schützenden Mauern für längere Zeit aufhalten wollen. Wäre es möglich, dass der Ruf nach Entsagung der Welt vielleicht dem spirituellen Pfad einfach irgendwie innewohnt? Historiker sprechen davon, dass das Feuer der Entsagung in spirituellen Männern und Frauen tatsächlich schon seit Beginn der menschlichen Zivilisation gebrannt hat, zumindest seit dem zweiten Jahrtausend v.Chr., als einsame HinduAsketen noch Sramanas genannt wurdenim Sanskrit der Name für Einsiedler. Es scheint tatsächlich so, dass die innere spirituelle Berufung fast immer einen Samen der Entsagung in sich trägt. Heute ist dieser Impuls vielleicht verborgener, vielleicht wurde er von den Werten unserer weltbejahenden Kultur abgeschwächt, und vielleicht ist er zu lange mit den übelsten Aspekten unserer religiösen Traditionen in Verbindung gebracht wordendem Patriarchat, einer einengenden Starrheit und der falschen Trennung zwischen Körper und Geist. Nichtsdestotrotz gibt es in diesen frühen Tagen des neuen Millenniums immer noch jenewie die beiden Mönche, die wir für diesen Teil interviewt haben –, deren Leben eine große Sehnsucht nach Schlichtheit des Lebenssinns und Reinheit des Seins zum Ausdruck bringen, was schon die größten Heiligen und Weisen der Menschheitsgeschichte dazu inspiriert haben muss, der Welt mit leeren Händen und leichtem Herzen den Rücken zu kehren. Der Geschichte nach zu urteilen, wird es sie immer geben.

Pater William McNamara hat die Berufung zu einem Leben der Entsagung schon sehr früh erfahren und verließ, als er gerade 13 Jahre alt war, seine Familie, um in ein Kloster einzutreten. Fünf Jahre später nahm er offiziell die Mönchsweihe der Karmeliter an, eines Klosterordens, der seinen Namen von den asketischen Eremiten erhielt, die im 12. Jahrhundert in den Hängen des KarmelBergs in Palästina lebten und zu dem auch solch verehrte Personen wie der Heilige Johannes vom Kreuz und die Heilige Teresa von Avila zählten. Von den Wüstenvätern, insbesondere vom heiligen Antonius, inspiriert, begab sich Pater McNamara bald zu den fernen Ausläufern der Wüste Arizonas, wo er ein kontemplatives Leben in Einsamkeit suchte. Seine Leidenschaft für das Eremitenleben blieb aber nicht lange sein Geheimnis, und bald schon kamen Männer und Frauen zu ihm, die von ihm Inspiration und Anleitung für den spirituellen Weg erbaten. 1960 wurde er zusammen mit einer seiner Schülerinnen, Mutter Tessa Bielecki, zum Mitbegründer eines neuen Zweiges des Karmeliterordens, dem Spiritual Life Institute. Gemeinsam bauten sie mehrere Einsiedeleien in den USA, Kanada und Irland auf. Pater McNamara ist Autor zahlreicher Bücher über das spirituelle Leben und eine führende Kapazität in der Erneuerungsbewegung der mystischen und kontemplativen Tradition im Katholizismus. Darüber hinaus ist er ein beredter und leidenschaftlicher Fürsprecher des Klosterlebens und der Entsagung.

Pater William McNamara hat die Berufung zu einem Leben der Entsagung schon sehr früh erfahren und verließ, als er gerade 13 Jahre alt war, seine Familie, um in ein Kloster einzutreten. Fünf Jahre später nahm er offiziell die Mönchsweihe der Karmeliter an, eines Klosterordens, der seinen Namen von den asketischen Eremiten erhielt, die im 12. Jahrhundert in den Hängen des KarmelBergs in Palästina lebten und zu dem auch solch verehrte Personen wie der Heilige Johannes vom Kreuz und die Heilige Teresa von Avila zählten. Von den Wüstenvätern, insbesondere vom heiligen Antonius, inspiriert, begab sich Pater McNamara bald zu den fernen Ausläufern der Wüste Arizonas, wo er ein kontemplatives Leben in Einsamkeit suchte. Seine Leidenschaft für das Eremitenleben blieb aber nicht lange sein Geheimnis, und bald schon kamen Männer und Frauen zu ihm, die von ihm Inspiration und Anleitung für den spirituellen Weg erbaten. 1960 wurde er zusammen mit einer seiner Schülerinnen, Mutter Tessa Bielecki, zum Mitbegründer eines neuen Zweiges des Karmeliterordens, dem Spiritual Life Institute. Gemeinsam bauten sie mehrere Einsiedeleien in den USA, Kanada und Irland auf. Pater McNamara ist Autor zahlreicher Bücher über das spirituelle Leben und eine führende Kapazität in der Erneuerungsbewegung der mystischen und kontemplativen Tradition im Katholizismus. Darüber hinaus ist er ein beredter und leidenschaftlicher Fürsprecher des Klosterlebens und der Entsagung.

Seine Heiligkeit Penor Rinpoche wurde 1932 in Kham, in der Wildnis des östlichen Tibets, geboren. Schon in sehr jungen Jahren wurde er als Tulku, die Reinkarnation eines kürzlich verstorbenen erleuchteten Meisters, anerkannt und nahm formell Zuflucht zu der buddhistischen Lehre, als er gerade mal vier Jahre alt war. Der junge Penor Rinpoche erhielt sein Training im berühmten PalyulKloster und wurde schließlich als 11. Thronfolger in der PalyulLinie in sein Amt eingeführt. Dadurch war er nun Oberhaupt von 400 Nebenklöstern und für Tausende von Mönchen unmittelbar verantwortlich. Die politischen Verhältnisse, verursacht durch die chinesische Invasion Tibets, veranlassten ihn 1958 im Alter von 26 Jahren, sein Heimatland zu verlassen und Zuflucht imsicheren Indien zu suchen. Seine Reise über den Himalaja war lange, gefährlich, und der Preis war hoch. Es dauerte drei Jahre, bis er an der nordöstlichen Grenze Indiens ankam. Von den 300 Mönchen und Laien, die mit ihm aufgebrochen waren, hatten nur 30 überlebt. Seit dieser Zeit arbeitet Penor Rinpoche unermüdlich dafür, die PalyulTradition zu bewahren und neu zu beleben. Er erwarb sich dabei außerordentlich hohe Anerkennung als einer der angesehensten und verehrtestn Lehrer des Tibetischen Buddhismus. Mit 67 Jahren ist er heute das höchste Oberhaupt der Nyingma Schule des Tibetischen Buddhismus, der ältesten der vier Schulen dieser alten Tradition, und wird von vielen als lebender Buddha verehrt. Er bereist die ganze Welt und erteilt heilige Lehren, Initiationen und gibt Retreats für seine tibetischen und westlichen Schüler, einschließlich der abertausend Mönche und Nonnen in seinen Klöstern, die er auf dem buddhistischen Weg der Entsagung unterweist.

[ weiter zu Pater William Mcnamara ]

[ weiter zu H.H. Penor Rinpoche ]

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WIE Ausgabe 5:
Unsere Ausgabe zum Thema: Was bedeutet es, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr?


Wie können wir in der modernen materialistischen Welt leben und uns gleichzeitig mit Herz und Seele dem spirituellen Weg widmen? Artikel und Interviews mit Ken Wilber, Eckhart Tolle, S.H. Penor Rinpoche, Elizabeth Lesser, Joseph Goldstein, Pater McNamara, Scheich Tosun Bayrak



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