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Integrale Transformative Praxis: In dieser Welt oder jenseits von ihr?


von Ken Wilber
 

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Artikel



Ken Wilber
Andrew Cohen (der Gründer von Was ist Erleuchtung?) hat mich gebeten, ein paar Worte zum Hauptthema dieser Ausgabe zu sagen, was es bedeutet in dieser Welt aber nicht von ihr zu sein, und wie die „neue" spirituelle Praxis der Integralen Transformativen Praxis dazu steht. Andrew hat Bedenken zu diesem Thema. Bedenken, die ich teile, und ich freue mich, zu dieser Diskussion das mir Mögliche beizutragen. Lassen Sie mich mit der Intregralen Transformativen Praxis (ITP) beginnen, was sie ist, und noch wichtiger: was sie nicht ist.

DIE ALLGEGENWÄRTIGE ERLEUCHTUNG
Die großen Weisheitstraditionen besagen generell, dass sich die Realität zumindest aus drei großen Bereichen zusammensetzt: dem Grobstofflichen, dem Feinstofflichen und dem Kausalen (d.h. dem Nirmanakaya, dem Sambhogakaya und dem Dharmakaya). Die materielle Welt ist der materielle Körper und die sensomotorische Welt, also die für die physischen Sinne im Wachzustand sichtbare Welt. Der subtile Bereich ist der Geist und seine Vorstellungen, wie wir sie lebhaft im Traumzustand, in manchen Meditationserfahrungen und, wie es heißt, in den Bereichen des Bardo nach dem Tod erfahren. All dieses sindsubtile Bewusstseinszustände. Der kausale Bereich ist reines formloses Bewusstsein, grenzenlos, in radikaler Freiheit und Fülle. Den kausalen Bereich erfährt jeder im traumlosen Schlaf (der reine, objektlose Formlosigkeit ist). Aber er enthüllt seine letzten Geheim nisse nur, wenn er bei vollem Bewusstsein erfahren wird, was in bestimmten tiefen meditativen Erfahrungen, verschiedenen Arten des Satori oder des beginnenden Erwachens geschieht, in den unendlich ausgedehnten Erfahrungen grenzenlosen Bewusstseins.

Neben diesen drei Bereichen und Bewusstseinszuständen sprechen die Tra di tionen auch noch von einem vierten Bewusstseinszustand (Turiya), dem des immer gegenwärtigen Zeugen, des reinen Selbst, des großen Spiegel bewusstseins, das uneingeschränkt Zeuge des Wachseins, des Träumens und des Tiefschlafs, aber an und für sich kein getrennter Zustand ist. Er kommt nicht und er geht nicht, er ist Zeuge all dieser Bewusstseinszustände. (Rein technisch gesehen existiert noch ein fünfter Bewusstseinszustand, Turiytita, bei dem sich der Zeuge selbst in allem Bezeugten auflöst und die eine reine ungeteilte Verwirklichung des „Einen Geschmacks" bleibt. In dieser einfachen Einführ ung werde ich beide zusammengefasst als das allgegenwärtige nonduale Selbst oder den reinen Zeugen behandeln.)

Der Wachzustand kommt und geht, aber der Zeuge ist immer da. Der Traumzustand kommt und geht, aber der Zeuge ist immer da. Der Tiefschlaf kommt und geht, aber der Zeuge ist immer da. Im materiellen, im subtilen und im kausalen Bereich können ausserordentliche und bemerkenswerte Bewusstseinszustände erreicht, praktiziert und erlangt werden. Aber den Zeugen kann man nicht erlangen. Er ist immer da. Der Zeuge kann, da er allgegenwärtig ist, nicht praktiziert werden. Wie Sri Ramana Maharshi oft gesagt hat: „Es gibt kein Erreichen des Selbst. Wenn das Selbst erreichbar wäre, würde das bedeuten, dass das Selbst nicht hier und jetzt ist, dass man es erst erreichen muss. Was man neu bekommt, wird man auch verlieren. Es wird also nicht von Dauer sein. Was nicht von Dauer ist, ist nicht wert, dass man danach eifert. Ich sage also: Das Selbst kann nicht erreicht werden. Du bistdas Selbst, du bist bereits DAS." Oder der große Zen Meister Huang Po: „Dass Erleuchtung nicht erlangt werden kann, ist kein leeres Gerede. Es ist die Wahrheit. Schwer zu erfassen ist die Bedeutung des Gesagten!" Sie können Erleuchtung oder Ihr Selbst ebenso wenig erlangen wie Ihre Füße oder Ihre Lunge.

Sehen Sie selbst: In Ihrer Wahrnehmung ziehen Wolken, in Ihrem Geist ziehen Gedanken vorbei. Im Körper kommen Gefühle auf, und Sie sind Zeuge von all dem. Der Zeuge funktioniert bereits vollkommen, ist völlig da, völlig wach. Während Sie diese Seite betrachten, ist das erleuchtete Selbst bereits zu hundert Prozent anwesend. Es ist der erleuchtete GEIST, der genau in diesem Moment diese Worte liest: Um wie viel näher können Sie dem wohl noch kommen? Warum weggehen und den Suchenden suchen? Die große Suche nach Erleuchtung ist nicht nur eine Zeitverschwendung, sondern sogar eine kolossale Unmöglichkeit, denn das erleuchtete Selbst ist allgegenwärtig, ebenso wie der Zeuge dieses oder jedes anderen Moments.

Das ist der Grund, warum es im striktesten Sinne wirklich kein Erlangen der Erleuchtung, kein Finden des Selbst gibt. Und dennoch hat es natürlich den Anschein, dass es Menschen gibt, die dieser Tatsache gegenüber mehr erwacht sind als andere – wir können sie „erleuchtet" nennen, und in gewisser Weise ist das wahr. Aber in Wirklichkeit wird in diesen Fällen die Erleuchtung nicht entdeckt, sondern es wird in profunder Weise erkannt, was bereits da ist. Als ob Sie in ein Schaufenster schauen und eine verschwommene Gestalt sehen, die Sie anstarrt. Sie drehen Ihren Kopf, bis Sie erkennen, wer es ist. Erschrocken erkennen Sie plötzlich: Es ist Ihr eigenes Spiegelbild im Fensterglas. Sie sehen sich selbst.

Genauso ist es mit dem Erwachen. Es scheint, als würden Sie die Welt „da draußen", die sehr real wirkt, so betrachten, als wäre sie getrennt von Ihnen. Doch plötzlich merken Sie – Sie erkennen es einfach -, dass Sie nur Ihr eigenes Selbst betrachten und dass Ihr Selbst die gesamte Welt ist, wie sie von Moment zu Moment entsteht, gerade jetzt und jetzt und jetzt. Wenn Sie ungeteilt Zeuge der Welt werden, entsteht die Welt im Zeugen und Sie und die Welt sind eins. Sie sehen den Himmel nicht, Sie sind der Himmel; Sie hören den Gesang der Vögel nicht, Sie sind der Gesang der Vögel; Sie fühlen die Erde nicht, Sie sind die Erde. All das kommt in einer plötzlichen, spontanen, nicht-verursachten Erkenntnis – der Erkenntnis des ungeteilten „Einen Geschmacks", Ihres ureigensten Selbst, Ihres ursprünglichen GESICHTS, das Sie hatten bevor Ihre Eltern geboren wurden, das Selbst, das Sie hatten, bevor das Universum geboren wurde; dieses reine, allgegenwärtige, ungeteilte Selbst, raumlos und daher unbegrenzt, zeitlos und daher ewig – und doch ist es das einzige, das Sie je gekannt haben. Sie wissen schon, dass Sie dieses Selbst sind; und dieses Selbst ist im wahrsten Sinne reiner ungeteilter GEIST.

Diese Erkenntnis oder dieses Wiedererkennen, das scheinbar einen Anfang in der Zeit hat, beinhaltet in Wirklichkeit eine andere Erkenntnis: Dass es nie eine Zeit gegeben hat, in der Sie das Selbst nicht gekannt haben. Im tiefsten Zentrum Ihres Bewusstseins, in dem, was Ramana Maharshi das Ich-Ich nannte (weil es Zeuge des kleinen Ich, des Ego ist) haben Sie es immer gewusst. Im tiefsten Zentrum Ihres eigenen reinen Bewusstseins haben Sie immer gewusst, dass Sie niemals wirklich sterben werden (weil das Selbst zeitlos ist), und Sie wissen bereits, dass Sie schon immer hier gewesen sind (weil das Selbst allgegenwärtig ist). Sie haben das alles in den Tiefen Ihres Geistes bereits gewusst. Sie sind sich vollständig bewusst, dass Sie Zeuge dieses Augenblicks sind. Sie wissen, dass Sie das Absolute sind; Sie wissen, dass Sie Gott sind; Sie wissen, dass Sie Göttin sind; Sie wissen, dass Sie GEIST sind, und Sie wissen, dass jedes empfindungsfähige Wesen im gesamten KOSMOS diese einfache Feststellung machen kann: Wann immer ich reines Selbst bin, bin Ich-Ich Gott. Ich habe das immer gewusst. Sie haben das immer gewusst. Und Sie haben es immer gewusst, weil das Selbst allgegenwärtig ist.

Diese stille Erkenntnis scheint einen Anfang in der Zeit zu haben, bis klar wird, dass es schon immer ganz offensichtlich war. „Ach, DAS!" Diese grundlegende Erkenntnis hat keinen Anfang, weil sie nie endete. Das ist die Erkenntnis des „Ich bin DAS", und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich das immer gewusst habe. Zen nennt es das torlose Tor. Auf der einen Seite des Tors, das uns von der Erleuchtung „trennt", erscheint das Tor als real – bis wir es durchschritten haben, uns umdrehen und sehen: In Wirklichkeit hat es nie existiert. Aber es ist noch viel einfacher. Sie sind das Selbst, Sie sind der Zeuge, Sie wissen es jetzt und Sie haben es immer gewusst.

Diese allgegenwärtige Erkenntnis wird oft „Erleuchtung" genannt. Es ist eine einfache, profunde und irreversible Erkenntnis, wie der Blick in die Fensterscheibe, in der Sie sich selbst wiedererkennen, woraufhin Ihnen klar wird, dass es immer so gewesen ist. Eine wunderbare Beschreibung eines solchen Erwachens kann in Andrews „My Master is Myself" gefunden werden. Einfach indem er seinen Meister sieht, erkennt Andrew sein eigenes Selbst – einfach so! -, und es gibt nur ein einziges Selbst im gesamten KOSMOS, daher der Titel.

Genau genommen wurde diese Erkenntnis, dieses Erwachen, durch nichts ausgelöst, nicht durch seinen Lehrer H.W.L. Poonja, nicht durch Andrew, nicht durch Meditation, durch gar nichts – weil sie in Wirklichkeit immer gegenwärtig ist. Sie können nicht etwas erzeugen, was bereits da ist.

Dennoch gibt es auf dieser Seite des torlosen Tors verschiedene Faktoren, die scheinbar zu diesem Erwachen beitragen können. Satsang – einfach in der Gegenwart jener zu sitzen, deren Verwirklichung außerordentlich, strahlend und klar ist – ist wahrscheinlich der tiefgehendste. Aber da sind noch unzählige andere unterstützende Faktoren wie Meditation, die vielen Formen des Yoga (Raja, Jnana, Bhakti, Karma, Kryja, Laya) und – wie wir sehen werden – ITP. Aber nichts davon kann Sie wirklich erleuchtet machen, da das erwachte Selbst bereits immer gegenwärtig ist, und Sie das bereits wissen. Wenn also Erleuchtung geschieht, erscheint es fast als ein „Zufall". In Baker Roshis Worten: „Erleuchtung ist ein Zufall. Meditation macht uns zufallsanfällig."

Um die Wahrheit zu sagen: Niemand versteht wirklich alle Faktoren, die dabei helfen können, Erleuchtung zu erreichen. Sonst wären wir schon alle erleuchtet. Und außerdem sind viele der Zustände, die man für „erleuchtet" hält, in Wirklichkeit Erfahrungen des subtilen und des kausalen Bereichs. Das heißt, es sind außergewöhnliche Erfahrungen – Lichterscheinungen, innere Klänge, Zustände von Formlosigkeit, Glückseligkeit, ekstatischer Ausdehnung – alle mit einem zeitlichen Anfang. Aber der Zeuge hat keinen Anfang in der Zeit, er ist allgegenwärtig. Das, was einen zeitlichen Anfang hat, ist lediglich endlich und zeitlich; es kommt, bleibt eine Weile, und geht. Aber der erleuchtete Zeuge hat keinen Anfang in der Zeit. Er ist immer gegenwärtig, und Sie wissen, dass er immer gegenwärtig ist (Sie sind sich des Zeugen in diesem Augenblick, während Sie diese Seite lesen, bewusst). In Wirklichkeit ist Erleuchtung das einzige, was nie beginnt (da sie immer allgegenwärtig ist).

Kurzgefasst: Sie werden nicht erleuchtet; Sie wachen einfach eines Morgens auf und gestehen sich ein, dass Sie es bereits von jeher gewesen sind, dass Sie mit Ihrem Selbst das große Versteckspiel gespielt haben. Und wenn dies Ihr Spiel ist, kann man darin einige „unterstützende Faktoren", von Meditation bis ITP, einbauen, bis Sie diese in ihrer Wertlosigkeit satt haben, bis Sie der großen Suche überdrüssig geworden sind und sich eingestehen, dass es unmöglich ist, erleuchtet zu werden, weil Sie erkannt haben, dass Sie es bereits sind. Sie verweilen dann in Ihrem zeitlosen Selbst, das Sie schon immer gewesen sind, und lächeln über den plötzlichen Schock dieser Erkenntnis: Mein Meister ist mein Selbst. Ich habe in diesem kosmischen Fenster nur meine eigene Spiegelung gesehen.

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WIE Ausgabe 5:
Unsere Ausgabe zum Thema: Was bedeutet es, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr?


Wie können wir in der modernen materialistischen Welt leben und uns gleichzeitig mit Herz und Seele dem spirituellen Weg widmen? Artikel und Interviews mit Ken Wilber, Eckhart Tolle, S.H. Penor Rinpoche, Elizabeth Lesser, Joseph Goldstein, Pater McNamara, Scheich Tosun Bayrak



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