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Von dem, was ist, zu dem,
was sein sollte


Ein Interview mit Michael Lerner
von Andrew Cohen
 

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Interview


ANDREW COHEN:
In dieser Ausgabe von Was ist Erleuchtung? erklärte Duane Elgin, Sozialwissenschaftler und evolutionärer Aktivist, in einem Interview: „Was wir zur Zeit tatsächlich erleben ist ein Zusammenwirken verschiedener Entwicklungen, die sehr mächtig sindKlimawandel, Aussterben der Arten, Zunahme der Armut, Bevölkerungswachstum. Alle diese Faktoren könnten sich unabhängig voneinander entwickeln, aber das Einzigartige an unserer Zeit ist, dass die Erde zu einem geschlossenen System geworden ist. Man kann nicht mehr flüchten. Alle diese Kräfte beginnen aufeinander einzuwirken und sich gegenseitig zu verstärken. Unsere Situation lässt sich mit Gummibändern vergleichen, die man dehnt und dehnt und dehnt, bis sie die Grenze ihrer Elastizität erreicht haben, was dem Zusammenbruch des Systems gleichkommen würde. ... Etwas Überwältigendes wird an diesem Punkt geschehen. Wir können uns jetzt noch davon abwenden, aber in den nächsten zwanzig Jahren wird die Krise des Systems zu einer unabwendbaren Realität werden, mit der wir uns auseinander setzen müssen.” Elgin, Sie und viele andere Aktivisten, die immer wieder vehement auf diese Krise, in der wir uns befinden, hinweisen, erklären unmissverständlich, dass nicht eine technische Innovation, sondern nur eine spirituelle Transformationein Quantensprung in der Sichtweise, der ausschließlich auf spiritueller Einsicht basiertdie Kraft haben wird, Herz und Verstand der Menschheit grundlegend zu verändern, damit dieses Russische Roulette, ein fatales Spiel, das wir hier auf Erden und mit allem Leben spielen, aufhört. Sie beschreiben in Ihrem letzten Buch
Spirit Matters, dass die individuelle und kollektive Entfremdung von uns selbst, von unserer eigenen Spiritualität, die eigentliche Ursache für Narzissmus, Kurzsichtigkeit und zügellosen Materialismus ist, die uns an den Rand der Selbstzerstörung bringen. Könnten Sie uns bitte erklären, warum es unser Mangel an spiritueller Selbsterkenntnis ist, individuell und kollektiv gesehen, der allem, was nicht in Ordnung ist, zu Grunde liegt, sowohl unserer Beziehung zu uns selbst, als auch unserer Beziehung zum Leben im Allgemeinen ?

MICHAEL LERNER:
Ich würde folgendermaßen beginnen: Zur grundlegenden Realität des Universums gehört, dass wir alle miteinander verbunden und Teil der Einheit allen Seins sind. Die Entfremdung, die wir erleben, ist in aller erster Linie eine Entfremdung von uns selbst und davon, wer wir sind. Sie ist das Ergebnis unserer Unfähigkeit zu verstehen, dass wir mit allen anderen Menschen und schließlich mit allen Wesen verbunden sind. Diese Unfähigkeit manifestiert sich tausendfach in der heutigen Zeit, aber sie ist die Wurzel des Übels, weil jede spezifische Form der Entfremdung auf unsere Distanz oder unser mangelndes Bewusstsein unserer grundlegenden Verbundenheit mit allem Sein zurückzuführen ist.

Wenn wir uns diesbezüglich etwas herausgreifen wollen, können wir uns beispielsweise die ökologische Krise anschauen: Wir meinen, dass wir den Müll irgendwo auf der Erde abladen können, ohne dass er Auswirkungen auf uns haben wird. Oder aberum eine raffiniertere Version dieser dummen Einstellung zu benutzenwir sind beruhigt, weil wir den Müll ja nicht ausgerechnet in unserem Teil des Planeten abladen. Wir laden ihn in der Dritten Welt ab und verkennen dabei, dass wir Teil eines Weltsystems sind, eines planetarischen Systems und eines universellen Systems. Diese Haltung ist symbolisch für die Verrücktheit, die auf der Unkenntnis über die Verbundenheit allen Seins basiertdas Gift kommt zu uns zurück. Es kommt über die Nahrung zu uns zurück. Es kommt über die Luft zu uns zurück. Es kommt zu uns zurück durch das Zusammensein mit anderen Menschen, die krank geworden sind aufgrund der Verschmutzung und Umweltzerstörung, die wir selbst produziert haben. Wir sind uns dessen jedoch nicht bewusst oder unfähig, es wahrzunehmen.

Es ist so, als ob wir uns sagen würden: „Ach, das ist doch nur mein Zeh. Er ist weit weg. Ich betrachte ihn nicht wirklich als Teil von mir. Ich bin hier oben in meinem Kopf bzw. im oberen Teil meines Körpers.” Wenn das jemand zu dir sagen würde, würdest du antworten: „Nein, nein. Das ist mein Zeh. Er ist mir sehr wichtig, auch wenn er mir nicht direkt vor Augen in meinem unmittelbaren Bewusstsein ist. Wenn du ihm aber weh tust, wird es natürlich auch mir weh tun.” Wir sind Teil dieses universellen Körpers des Universums, und dennoch haben wir unsere Wahrnehmung von einigen Nervenzellen abgetrennt, so dass wir nicht sofort auf die Stimuli reagieren, die von anderen Stellen kommen. Aber irgendwann kommt das Gift auf sehr schmerzhafte und zerstörerische Weise zu uns zurück. Unserer Verleugnung der Verbundenheit und der Interdependenz aller Menschen, und damit letztendlich unserer Verbundenheit mit allem Sein, liegt eine ungeheure Irrationalität zu Grunde. Das ist die ökologische Ebene, auf der wir uns entfremdet haben, weil wir die Verbundenheit aller Menschen nicht anerkennen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene geschieht das Gleiche, nur in einer etwas anderen Form. Würden wir unsere grundlegende Verbundenheit wahrnehmen, würden wir erkennen, dass unser eigenes Wohl oder die Entwicklung unserer Seele und unseres Bewusstseins völlig von der Entwicklung jedes anderen Menschen auf dieser Erde abhängig sind. Das heißt, wir sind tatsächlich miteinander verbunden, und die Vorstellung, dass wir Individuen sind, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen, von Grund auf falsch ist. Wenn man dieses aber nicht erkennt, denkt man: „Oh, ich kann meinen eigenen Weg gehen. Ich schaffe es allein, und es ist unwichtig, was mit den Menschen um mich herum geschieht.” Diese Entfremdung von anderen Menschen schafft die vielen sozialen Probleme, die wir zur Zeit erleben. Die Menschen glauben, dass sie allein dastehen, wobei sie doch in Wirklichkeit tief verbunden sind mit jedem einzelnen Menschen, nicht nur auf der physischen Ebene, die ich vorhin angesprochen habe, als es um die Umwelt ging, sondern auch auf emotionaler und spiritueller Ebene: auf der Ebene unseres Bedürfnises nach zwischenmenschlichen Beziehungen. Unsere Fähigkeit, uns mit anderen Menschen zu verbindenjede einzelne Interaktion, die wir erlebenentsteht durch unser Bewusstsein, dass menschliche Beziehungen eine Gesamtheit bilden. Aber in einer Welt, in der zwischenmenschliche Beziehungen auf einem Modell basieren, nach dem jeder für sich selbst lebt, hat die Distanziertheit zwischen den Menschen dramatische Ausmaße angenommen und die Chance, liebevolle Verbindungen einzugehen, enorm abgenommen.




Wenn das Wissen um die Verbundenheit verloren gegangen ist, nehmen Menschen ein Verhalten an, das ich mit dem missverstandenen Verhalten einer Krebszelle vergleichen möchte. Die Krebszelle, eine Zelle, die nur ihr eigenes Interesse verfolgt und sich nicht um die umliegenden Zellen schert, fängt an, immer mehr zu konsumieren. In diesem Sinne ist es kein Wunder, dass Krebs eine typische Krankheit unserer Zeit ist. Für die Gesellschaft ist es ein dramatischer Hinweis dafür, dass irgendetwas in der Welt schief läuft, wenn man zusehen muss, wie sich diese Form der Krankheit immer mehr ausbreitet. Und was da schief läuft, ist, dass ein winziger Teil im Universumnämlich wiranfängt, außer Kontrolle zu geraten. Wir sehen nicht, dass wir in Beziehung mit allen anderen Lebewesen stehen, und konsumieren alles um uns herum in einer unglaublich destruktiven Weise. Und zwar auf ökologischer Ebene, auf sozialer Ebene und auf persönlicher Ebene.

AC:
Das Einzigartige an Ihrer These ist die ungewöhnliche Kombination aus einer radikalen und kompromisslosen Überzeugung und dem Humanismus mit seinem tiefen Menschenverständnis, wobei beides in einer leidenschaftlichen und begeisterten Spiritualität wurzelt. Viele von denen, die sich heutzutage sehr dem spirituellem Erwachen hingeben, schrecken vor der engagierten und leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Welt zurück, die Sie aber als absolut entscheidend herausstellen, damit die zunehmend bedrohte Umwelt, in der wir leben, wirklich grundlegend verändert werden kann. Warum meinen Sie, dass ein verantwortungsbewusstes Engagement in der Welt in einem wahrhaft spirituell gelebten Leben das Wichtigste ist?

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WIE Ausgabe 6:
Unsere Ausgabe zum Thema: Kann Erleuchtung die Welt retten?


Immer mehr Menschen sind heutzutage der Ansicht, dass jede Lösung, die eine umfassende Antwort auf die Krise unserer Welt sein soll, in ihrem Kern eine spirituelle Komponente bergen muss. Aber auf welche Weise kann denn Erleuchtung die Welt retten? Artikel und Interviews mit: Roshi Bernie Glassmann, Rabbi Michael Lerner, Ma Jaya Sati Bhagavati, Vimala Thakar und anderen …



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