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Von dem, was ist, zu dem,
was sein sollte


Ein Interview mit Michael Lerner
von Andrew Cohen
 

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ML: Weil, wie ich bereits ausgeführt habe, das Wissen um unsere Verbundenheit mit allen Menschen zur grundlegenden Wahrheit eines spirituellen Bewusstseins gehört. Es ist nicht möglich, lebendig zu sein, spirituell lebendig zu sein, und sich keine Gedanken zu machen. Tatsächlich haben die meisten spirituellen Traditionen diesen Anspruch, Mitgefühl und Verantwortung für das Wohl anderer Menschen zu entwickeln. Was ich hier nun sagen will, ist, dass dieses Bewusstsein manchmal nicht in der Praxis, in unserem eigentlichen Leben, angewendet wird. Es ist ein Bewusstsein, das uns sagen lässt: „Oh, ja. Ich habe Mitgefühl für andere Menschen”, aber das führt nicht unbedingt dazu, dass wir ihnen helfen. Und ich würde behaupten, dass dieser WiderspruchMitgefühl empfinden, ohne jedoch dem anderen dabei zu helfen, sein Leid zu verringernnicht das Ergebnis eines erleuchteten Bewusstseins ist, sondern eher der Ausdruck eines Gefühls der Hilflosigkeit, wenn es darum geht, die Welt zu heilen und zu transformieren.

Ich gehöre einer speziellen spirituellen Tradition an, die aus dem Judentum stammt. Und diese Tradition leistet einen Beitrag zum spirituellen Bewusstsein des Universums. Sie beinhaltet die Erkenntnis, dass die grundlegende spirituelle Kraft im Universum eine Kraft der Heilung und der Transformation ist. Es ist eine Kraft, die das, was ist, zu dem, was sein sollte, transformieren kann. Das heißt, das Universum ist, moralisch gesehen, nicht wertneutral. Die spirituelle Kraft des Universums ist keine Kraft, die moralisch neutral ist. Sie ist eine Kraft, die die Welt zu Barmherzigkeit, zu Großzügigkeit, zu Mitgefühl und zur Linderung unnötigen Leidens drängt. Der Gott der Bibel ist ein Gott, der sagt, dass die Welt auf Liebe beruht, dass sie sich auf Verantwortung gründetliebe deinen Nächsten, den Nachbarn, liebe den Fremden , dass die Welt sich in diese Richtung entwickeln kann, und dass es möglich ist. Aber nicht durch irgendeine Transzendenz von Allem-Was-Ist, sondern durch die Tatsache, dass die wahre spirituelle Realität der Welt von Güte und Liebe durchzogen ist. Und wenn man ein erwachter Mensch ist oder auf dem Weg dorthin, dann besteht die Prüfung darin, Zeuge für diese Möglichkeit zu werden und zusammen mit Gott die Heilung und Transformation der Welt einzuleiten. Mit der Aussage, dass der Mensch nach dem Bildnis Gottes erschaffen wurde, ist genau das Folgende gemeint: Wir sollen Partner werden und uns darum kümmern, mehr Güte und Liebe in der Welt zu verbreiten und erkennen, dass die Welt transformiert werden kann.

Ich will damit sagen, dass die spirituellen Traditionen, die nicht diese Auffassung vertreten, die davon ausgehen, dass es ausreicht, die Welt in losgelöstem Mitgefühl zu betrachten, sich oft auf einem Defätismus gründen. Ich glaube, dass dieser Defätismus im Grunde die Verzweiflung über die Möglichkeit der Möglichkeit ausdrückt. An Gott zu glauben bedeutet von meinem Standpunkt aus, an die Möglichkeit der Möglichkeit zu glauben. Gott ist die Kraft, die die Transformation von dem, was ist, hin zu dem, was sein sollte, möglich macht. Wenn also ein spiritueller Mensch von der Möglichkeit der Transformation überzeugt ist, dann liegt der Beweis nicht nur lediglich darin, ein Buch darüber zu schreiben; es geht darum, sich so zu verhalten, als ob die Welt tatsächlich auf Liebe basiert, als ob sie auf Mitgefühl basiert, als ob sie auf diesem aktiven Wissen über die Einheit allen Seins basiert. Und das führt uns dann zum Handeln, zu dem Versuch, die Welt zu heilen und zu transformieren.

AC:
Sie sagten, dass die jüdische Tradition auf der Tatsache basiert, dass in der spirituellen Offenbarung die spirituelle Energie des Universums als eine Art evolutionärer Bewegung erkannt wird , „von dem, was ist, hin zu dem, was sein sollte”, wie Sie es ausdrücken. Aber ist das, was in Ihrer Tradition erkannt wird, die absolute Wahrheit oder die wahre Abbildung der Realität, so wie sie ist? Ich persönlich bin ganz Ihrer Meinung, aber viele Menschen würden die Ansicht, dass es in der Welt als solcher eine inhärente Bewegung spiritueller und evolutionärer Energie gibt, diewie Sie sagtenBarmherzigkeit ausdrücken will, sehr in Frage stellen.

ML:
Die spirituelle Realität der Welt kann auf unterschiedliche Weise erfahren werden. Die Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Berichten vom Berg herunter. Ich selbst kann nur über die Erfahrungen berichten, die ich und meine Leute gemacht haben. Ich kann nicht zu jemandem sagen: „Dein Bericht ist nicht gerechtfertigt.” Ich möchte jedoch aus meiner Sicht erklären, warum andere Menschen diese Erfahrungen nicht teilen. Sehen Sie, die Welt so zu erfahren, wie ich es beschreibe, lässt sich nur schwer begreifen. Wenn Sie einmal die Erfahrung gemacht haben, dass die Welt potenziell veränderbar ist, müssen Sie sich mit einer Welt auseinander setzen, die aus Eliten der Macht und des Geldes besteht. Diese Eliten bewahren ihre Macht und ihr Geld zum Teil dadurch, dass sie alle anderen davon überzeugen, dass die Dinge nur so sein können, wie sie eben sind, und dass eine grundsätzliche Transformation nicht möglich ist. Ganz im Gegensatz zu anderen spirituellen Überzeugungen ist das Wissen um die transformative Natur der Welt mit furchtbarer Angst verbundenweil jede gesellschaftliche Institution, bis hin zu den eigenen Eltern, jeden davon überzeugen will, dass die Welt nicht sehr verändert werden kann, und dass jeder die Aufgabe hat, sich an diese spezielle Realität anzupassen und darin erfolgreich zu sein. Unter diesen Bedingungen ist es also kein Wunder, wenn jemand, der auf einem spirituellen Weg ist, sich noch nicht mit diesem besonderen Aspekt der Spiritualität auseinander gesetzt hat.

AC:
Sie sagen also, dass die Offenbarung der inhärenten Güte der spirituellen Energie, die diese Welt bewegt und sie letztendlich auch ausmacht, ihrer Natur nach revolutionär ist. Das ist eine revolutionäre Erkenntnis, die immer als Bedrohung für jede Einstellung oder festgefügte Haltung wirkt, die eine vollständige Entfaltung dieser Erkenntnis behindert.

ML:
Genau. Denn deren völlige Entfaltung würde zu einem Zusammenprall mit fast allen bestehenden religiösen Systemen führen, dem Judentum eingeschlossen. Sie würde sich auch nicht mit anderen sozialen Strukturen der Gesellschaft vertragen. Ich meine dabei nicht nur die Wirtschaft. Beispielsweise werden an Universitäten sehr oft Theorien gelehrt, die den Leuten beibringen, die Welt so zu betrachten, dass nichts Fundamentales an ihr verändert werden kann, dass die Welt einfach festgefahren ist. Alle empirisch arbeitenden Sozialwissenschaften und ein großer Teil der Humanwissenschaften basieren auf einem Bewusstsein der Machtlosigkeit, dem Bewusstsein, dass nichts wirklich geheilt oder transformiert werden kann. In den Humanwissenschaften wird sogar oft die folgende Haltung vertreten: „Wenn man wirklich weit entwickelt ist, dann weiß man um das Böse in der Welt und wie unmöglich es ist, irgendetwas grundlegend zu verändern. Wenn man etwas anderes glaubt, dann ist man nur ein außer Atem geratener Teenager, der noch zu jung ist, der noch kein reifer Erwachsener ist und der die Tragweite des Bösen in der Welt noch nicht vollständig erfasst hat!”

AC:
Wie hoffnungslos die Dinge doch sind.

ML:
Richtig. Diese Ideologie ist also sehr, sehr tief verwurzelt.

AC:
Sie sprechen von einem tiefen Zynismus in den Herzen und Köpfen vieler Amerikaner in der heutigen krisengeschüttelten Zeit. Würden Sie uns bitte erklären, welches die Gründe für diesen Zynismus sind, für diesen postmodernen Fluch, der sich wie ein Schatten über die Herzen der Menschen gelegt hat und damit verhindert, dass sie sich dem Ruf des wahren Selbst öffnen und das Ego und die Selbstsucht transzendieren?

ML:
Dieser Zynismus manifestiert sich in einem, wie ich es nenne, pathogenen Glauben. In meinem Buch Spirit Matters beschreibe ich diesen pathogenen Glauben, der beinhaltet, dass im Grunde kein anderer Mensch unser spirituelles Verständnis mit uns teilt und dass wir folglich allein dastehen, wenn wir in unserem Alltag versuchen, die Ansicht zu vertreten, dass die Welt auf einer spirituellen Realität des Universums basiert. Also ist es egal, wie viele Abermillionen von Menschen sich einem spirituellen Verständnis öffnen - und Was ist Erleuchtung? oder Tikkun lesen , egal wie viele Millionen von Menschen diesen spirituellen Hunger haben, fast alle teilen diese Angst, dass sie die Einzigen sind, die wirklich daran glauben, die sich wirklich eine Welt wünschen, die auf Liebe und Verständnis aufbaut, auf Achtung und Bewunderung. Aufgrund dieses unerschütterlichen Glaubens verhalten wir uns alle so, als ob wir außer „der realen Welt”das heißt der Welt des Geldverdienens, des täglichen Lebens, wenn wir mal gerade nicht meditieren oder beten oder sonst eine religiöse oder spirituelle Praxis ausübenkeine Alternative hätten. Wir glauben, dass diese Art von Spiritualität in der realen Welt keine tatsächliche Anwendung finden kann und dass wir sogar ausgelacht oder gar verschmäht würden, wenn wir unser spirituelles Verständnis dem Rest der Welt mitteilen. Unsere ganze Glaubwürdigkeit, die wir mühsam aufgebaut haben, um Profis zu werden, um im Geschäftsleben erfolgreich zu sein und eine gute Arbeit zu habenall das würde zunichte werden, wenn wir unsere wirkliche Überzeugung offenlegten, dass die Welt aufgrund unserer höheren spirituellen Erkenntnis transformiert und geheilt werden kann.

So ist der Glaube. Aber warum sitzt er so tief? Nun, er sitzt deshalb so tief, weil es immer wieder vorkommtvorausgesetzt dieser Glaube wird von den meisten Menschen geteilt , dass man sich als Individuum in der Gesellschaft umschaut und sich fragt, wo die eigenen Verbündeten denn eigentlich sind. Man entdeckt jedoch, dass alle anderen sich nach ihren pathogenen Glaubensmustern verhalten, als ob sie nur an ihren Eigennutz dächten und das Meiste an Geld und Macht herausholen wollten. Somit entsteht letztendlich eine Situation, in der jeder von uns der andere für alle anderen wird. Wir sind diejenigen, die uns gegenseitig die Realität aufzwingen.

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WIE Ausgabe 6:
Unsere Ausgabe zum Thema: Kann Erleuchtung die Welt retten?


Immer mehr Menschen sind heutzutage der Ansicht, dass jede Lösung, die eine umfassende Antwort auf die Krise unserer Welt sein soll, in ihrem Kern eine spirituelle Komponente bergen muss. Aber auf welche Weise kann denn Erleuchtung die Welt retten? Artikel und Interviews mit: Roshi Bernie Glassmann, Rabbi Michael Lerner, Ma Jaya Sati Bhagavati, Vimala Thakar und anderen …



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