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ML: Nun, dazu gibt es zweierlei zu sagen. Auf einer Ebene bin ich nicht in der Position, über alle möglichen Wege, wie man Gott dienen und wie man Gottes Barmherzigkeit in die Welt bringen kann, Bescheid zu wissen. Es erscheint mir also durchaus möglich, dass die vollkommene spirituelle Entfaltung der Welt sowohl Menschen wie mich braucht, als auch Menschen, die Sie gerade beschrieben haben. Aber auf der anderen Ebene verstehe ich nicht Ist man so weit gekommen, steht man vor dem nächsten Punkt: Um mit anderen zu arbeiten, muss man bereit sein, mit Menschen zu arbeiten, die zum Teil noch nicht diesen Grad an Bewusstheit erreicht haben, deren Bewusstsein noch nicht so weit entwickelt ist wie beispielsweise das eigene. Ich möchte hier betonen, dass ich mich keineswegs als einen Menschen der selbst auf der höchsten Stufe dieser Bewusstseinsebene steht, sehe. Aber wovon ich überzeugt bin, woran ich glaube, ist, dass wir erkennen müssen, dass wir uns gegenseitig brauchen, um diese Welt zu transformieren, um sie heilen, um sie vor der ökologischen Zerstörung, mit der wir jetzt konfrontiert sind, zu retten, um uns vor der Zerstörung des menschlichen Experiments oder der menschlichen Erfahrung, auf die wir in unterschiedlicher Weise mit hoher Geschwindigkeit zusteuern, zu schützen. Uns gegenseitig zu brauchen bedeutet, dass wir eine gesellschaftliche Transformation zusammen mit Abermillionen von Menschen einleiten müssen, die selbst verdorben sind AC: Ein Teil dieses Mitgefühls liegt wohl auch in dieser kompromisslosen Dringlichkeit. ML: Absolut. AC: In Ihrer Botschaft gibt es einen interessanten Widerspruch. Einen Widerspruch zwischen Ihrem revolutionären Aufruf, der sich in einer begeisterten Unwilligkeit äußert, Kompromisse mit dem Status quo einzugehen, und gleichzeitig Ihren Appell, immer mitfühlend mit uns selbst und anderen zu sein. Sie betonen einerseits die Notwendigkeit, mitfühlend zu sein, andererseits rufen Sie: „Hey, Leute, wacht auf, es gibt keine Zeit zu verlieren.” Und mit Aufwachen meinen Sie hier und jetzt. Ich sehe also eine ziemliche Spannung zwischen diesen beiden Haltungen: „Seid mitfühlend und sanft mit euch selbst” und zur gleichen Zeit „Wacht auf und zwar sofort!”; ML: Stimmt genau. Ich finde, Sie haben es sehr schön formuliert. Es gibt ein Spannungsverhältnis. Im spirituellen Leben geht es um das Gleichgewicht, darum, das richtige Gleichgewicht zwischen diesen beiden Spannungen zu finden AC: Ja, aber ist dieses „Gleichgewicht”, von dem Sie sprechen, nicht eigentlich eine völlige nicht-statische Position ML: Ja, ganz richtig. AC: Sie beschreiben eine Position bzw. einen Ort von ungeheurer evolutionärer Spannung. ML: Ja, die spirituelle Evolution des Universums bewegt sich auf diese Art und Weise. AC: In einer älteren Ausgabe von Was ist Erleuchtung? hat Ken Wilber einen Artikel für uns geschrieben mit der Überschrift: „Eine Spiritualität, die transformiert”. Er beschreibt dort den Unterschied zwischen, wie er es nennt, „übersetzender” und „transformierender” Spiritualität. Er definiert eine übersetzende Spiritualität als eine, die das Ego oder das getrennte Selbst befriedigt und ihm einen außerordentlich wichtigen und tieferen Sinn gibt im Hinblick auf Leben, Zugehörigkeit und Sicherheit, in einem ML: Zunächst einmal empfinde ich diese beiden nicht als besonders konträr. Das heißt, obwohl ich Ken Wilbers Unterscheidung sehr schön fand, beobachte ich oft, dass beide Formen in ein und derselben Person zu finden sind. Menschen haben oft beide Elemente in sich. In Hinblick auf die übersetzende Spiritualität glaube ich, dass die Überwindung des Schmerzes und der Irreführung in der Welt einerseits bedeutet, den Schmerz, der vom Ego produziert wird, zu heilen. Andererseits bedeutet es auch, einen Teil des Schmerzes zu heilen, der Ego hervorbringt. Übersetzende Spiritualität kann auf beiden Ebenen arbeiten. Sie kann Menschen dabei helfen, etwas von ihrem Ego zu überwinden, und sie kann Menschen dabei helfen, Mitgefühl zu entwickeln für die Bereiche, in denen ihr Ego unter Täuschung leidet. Das kann eine wichtige Qualität sein, die die Menschen an den Punkt bringt, dass sie sich öffnen und erkennen, dass einige Veränderungen in der Welt doch möglich sind. Man kann die Menschen nicht dazu bringen, aktiv an sozialer Transformation zu arbeiten, wenn sie selbst von ihrem eigenen Schmerz so überwältigt sind, dass sie nur ihn wahrnehmen. Ein übersetzendes spirituelles Bewusstsein und eine spirituelle Praxis können dabei durchaus helfen. Wenn es also auch einige Elemente hat, die zur Anpassung an das Ego führen, kann es aber auch den schlimmsten Schmerz ein wenig lindern. Diese übersetzende Spiritualität ermöglicht das Entstehen von Reformbewegungen. Eine solche Reformbewegung kann zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr nützlich sein. Eine Reformbewegung kann beispielsweise die Wale retten oder die Redwoods in Nord-Kalifornien schützen. Sie ist eine gute Sache, aber sie hat ihre Grenzen. Denn wahre revolutionäre Bewegungen, das heißt Bewegungen, die den Planeten tatsächlich vor einer ökologischen Katastrophe bewahren können, erfordern etwas anderes. Sie erfordern einen neuen Ansatz, einen neuen Ansatz in der Liebe und der Achtsamkeit. Und sie erfordern eine neue Definition von Produktivität, Effizienz und Rationalität, nach denen Institutionen und soziale Einrichtungen arbeiten sollten. Diese sollten also nicht einfach nur nach Gewinnmaximierung oder Machtzuwachs trachten, sondern eher nach der Maximierung der Qualität von Liebe und Achtsamkeit, die in Menschen angelegt ist. Die Menschen sollten ethisch, spirituell und ökologisch feinfühliger werden; sie sollten die Welt nicht unter dem Aspekt der Nützlichkeit betrachten. Sie sollten der Herrlichkeit der Schöpfung mit Ehrfurcht, Staunen und uneingeschränkter Bewunderung begegnen. Dieses Bewusstsein, diese Fähigkeit, einen neuen Ansatz zu entwickeln, kann nicht durch die übersetzende Spiritualität erreicht werden, da diese zu oft eine sehr begrenzte Sichtweise des Eigennutzes unterstützt. Deshalb brauchen wirklich revolutionäre Bewegungen eine transformierende Spiritualität oder eine, wie ich sie nenne, „emanzipatorische” Spiritualität. Die Fähigkeit, das Ego so weit zu transzendieren, dass man sich als Teil der Gesamtheit sieht, und die Welt in diesem Bewusstsein zu betrachten, sind entscheidend, wenn wir die Welt transformieren, wenn wir sie sowohl vor ökologischer Zerstörung als auch vor spirituellem Abstieg retten wollen. Diesen neuen Ansatz zu finden, sich grundsätzlich als Teil des Ganzen zu sehen, ist Inhalt der transformierenden Spiritualität. Das ist eine Form der Spiritualität, die meiner Meinung nach von vielen spirituellen Traditionen im Prinzip unterstützt wird; deshalb glaube ich, dass eine grundsätzliche Transformation der Welt durch spirituelle Transformation erreicht werden kann.
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