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Von dem, was ist, zu dem,
was sein sollte


Ein Interview mit Michael Lerner
von Andrew Cohen
 

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ML: Nun, dazu gibt es zweierlei zu sagen. Auf einer Ebene bin ich nicht in der Position, über alle möglichen Wege, wie man Gott dienen und wie man Gottes Barmherzigkeit in die Welt bringen kann, Bescheid zu wissen. Es erscheint mir also durchaus möglich, dass die vollkommene spirituelle Entfaltung der Welt sowohl Menschen wie mich braucht, als auch Menschen, die Sie gerade beschrieben haben. Aber auf der anderen Ebene verstehe ich nichtvon meinem begrenzten Blickwinkel aus gesehen , wie jemand eine vollständige Manifestation der universellen Barmherzigkeit und der Liebe sein kann, ohne sich dabei vom Leid und Schmerz der Menschen tief betroffen zu fühlen und diese Situation sofort ändern zu wollen. Ich weiß, dass die Antwort von einigen Menschen aus den Traditionen, von denen Sie sprechen, anders lauten würde: „Ja, so können wir das Leid verringern, durch diese Art von spiritueller Praxis.” Ich würde entgegnen: „So weit ich das beurteilen kann, hat sie in den letzten paar tausend Jahren in den Gemeinschaften, wo diese Haltung von ihren spirituellen Führern eingenommen wird, eigentlich nicht so gut funktioniert.” Beispielsweise hat der Leidensdruck in der Welt der Hindus nicht sehr dramatisch abgenommen. Diese Leidensgeschichten, von denen ich aus jener Ecke der Welt höre, scheinen durch die dort praktizierte Spiritualität nicht gerade weniger geworden zu sein. Ich bin deshalb für eine andere Form der gelebten Spiritualität, für eine, die etwa darauf achtet, dass es keine Kasten von Unberührbaren gibt. Oder eine, die anders mit Frauen umgeht, unter anderem in dem Punkt, dass Witwen nicht dazu gebracht werden, sich auf den Scheiterhaufen zu werfen, auf dem ihr Ehemann bei seiner Beerdigung verbrannt wird. Im dortigen Kulturkreis gibt eine Anzahl Dinge, bei denen die herrschende spirituelle Tradition das Leiden der Menschen nicht nennenwert erleichtert hat. Die Sensitivität für diese Themen hat sich nicht aus den spirituellen Traditionen, von denen Sie sprechen, entwickelt. Sie sagen jetzt vielleicht: „Nun, das ist kein wirkliches Leiden. Das einzig wirkliche Leiden entsteht aus der Anhaftung.” Meiner Meinung nach ist das nur eine andere Art und Weise zu sagen: „Mir ist das Leid bestimmter Menschen im Grunde egal.” Und diese Gleichgültigkeit gehört für mich einer niederen Bewusstseinsebene aneinem Bewusstsein, das nicht wirklich mit der Totalität allen Seins verbunden ist. Aus meiner Sicht kann ich viele Menschen beobachten, die vorgeben, spirituelle Meister zu sein, deren Bewusstsein aber in Wirklichkeit zu einem gewissen Maß der Hilflosigkeit verfallen ist. Ich glaube durchaus, dass sie mitfühlende Menschen sind, aber sie glauben nicht mehr an die Möglichkeit, das Leid in der Welt auf allen Ebenen abzuschaffen, außer auf der, über die sie direkte Kontrolle ausüben könneneine völlig andere Einstellung als die, die nötig wäre, um den Rest der Welt zu verändern. Den Rest der Welt zu verändern würde nämlich bedeuten, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Und wenn man mit anderen Menschen zusammenarbeitet, kann man sie nicht kontrollieren. Eher hat man die Chance, wenigstens den eigenen Geist zu disziplinieren. Wegen dieser Verzweiflung über die Schwierigkeit, mit anderen Menschen an der Veränderung der Welt zu arbeiten, wird eine spirituelle Haltung eingenommen, die besagt: „Okay, geh, so weit du kannst, allein.” Dabei wird meiner Meinung nach die Einheit allen Seins und die Verbundenheit der gesamten Menschheit missverstanden; eigentlich geht es um ein spirituelles Bewusstsein, das noch nicht weit genug entwickelt ist. Ich glaube, es bedarf einer anderen Ebene der Evolution, auf der man an den Punkt kommt, an dem man erkennt, dass die Welt tatsächlich in Leid versinkt. Sie braucht Heilung, und die Heilung erfordert die Zusammenarbeit mit anderen.

Ist man so weit gekommen, steht man vor dem nächsten Punkt: Um mit anderen zu arbeiten, muss man bereit sein, mit Menschen zu arbeiten, die zum Teil noch nicht diesen Grad an Bewusstheit erreicht haben, deren Bewusstsein noch nicht so weit entwickelt ist wie beispielsweise das eigene. Ich möchte hier betonen, dass ich mich keineswegs als einen Menschen der selbst auf der höchsten Stufe dieser Bewusstseinsebene steht, sehe. Aber wovon ich überzeugt bin, woran ich glaube, ist, dass wir erkennen müssen, dass wir uns gegenseitig brauchen, um diese Welt zu transformieren, um sie heilen, um sie vor der ökologischen Zerstörung, mit der wir jetzt konfrontiert sind, zu retten, um uns vor der Zerstörung des menschlichen Experiments oder der menschlichen Erfahrung, auf die wir in unterschiedlicher Weise mit hoher Geschwindigkeit zusteuern, zu schützen. Uns gegenseitig zu brauchen bedeutet, dass wir eine gesellschaftliche Transformation zusammen mit Abermillionen von Menschen einleiten müssen, die selbst verdorben sindpsychologisch, spirituell, emotional, im Grunde auf jeder denkbaren Ebene. So wie ich es sehe, gibt es nichts anderes auf diesem Planeten. Das ist alles. Es gibt keinen, der nicht irgendwie spirituell verdorben ist, und das schließt die Menschen mit ein, die sich manchmal als vollkommen verwirklichte Menschen ausgeben. Worin liegt das Verdorbene bei ihnen? Dass sie die Hoffnung aufgegeben und sich so weit isoliert haben, dass für sie das höchste Ziel darin liegt, ihr eigenes Bewusstsein zu transformieren, und dann meinen, sie könnten dem Schmerz und Leid vieler anderer Menschen den Rücken kehren. Das ist eine Form der Gewissenlosigkeit, die meiner Meinung nach genauso gewissenlos ist wie jede andere Form der Gewissenlosigkeit. Es gibt nur uns als gewissenlose Menschen auf diesem Planeten, und wir als gewissenlose Menschen werden die Transformation, um diese Welt vor der Zerstörung zu retten, einleiten müssen. Folglich muss die entsprechende Einstellung eine sein, die viel mehr Mitgefühl aufbringt für unser eigenes Versagen, dass wir nicht völlig am Punkt der Erleuchtung sind, und für das Versagen aller anderen, dass sie nicht völlig am Punkt der Erleuchtung sind. Die Bewegung, die diese Welt verändern wird, wird aus voreingenommenen, unerleuchteten Menschen bestehen, die sich durch mehr Mitgefühl zur Erleuchtung hin entwickeln können. Wir können aber nicht darauf warten, bis sie alle dort sind, bevor wir anfangen, zu handeln, damit wir wenigstens den schlimmsten Wahnsinn, der derzeitig abläuft, aufhalten.

AC: Ein Teil dieses Mitgefühls liegt wohl auch in dieser kompromisslosen Dringlichkeit.

ML:
Absolut.

AC:
In Ihrer Botschaft gibt es einen interessanten Widerspruch. Einen Widerspruch zwischen Ihrem revolutionären Aufruf, der sich in einer begeisterten Unwilligkeit äußert, Kompromisse mit dem Status quo einzugehen, und gleichzeitig Ihren Appell, immer mitfühlend mit uns selbst und anderen zu sein. Sie betonen einerseits die Notwendigkeit, mitfühlend zu sein, andererseits rufen Sie: „Hey, Leute, wacht auf, es gibt keine Zeit zu verlieren.” Und mit Aufwachen meinen Sie hier und jetzt. Ich sehe also eine ziemliche Spannung zwischen diesen beiden Haltungen: „Seid mitfühlend und sanft mit euch selbst” und zur gleichen Zeit „Wacht auf und zwar sofort!”;

ML:
Stimmt genau. Ich finde, Sie haben es sehr schön formuliert. Es gibt ein Spannungsverhältnis. Im spirituellen Leben geht es um das Gleichgewicht, darum, das richtige Gleichgewicht zwischen diesen beiden Spannungen zu findeneinerseits zwischen dem Ausruf der spirituellen Stimme des Universums, die hinausschreit: „Die Welt kann geheilt und transformiert werden, und du musst Teil davon sein. Du musst eine Manifestation der Güte und der Liebe des Universums sein” und andererseits der Stimme, die sagt: „Sei mitfühlend und erkenne die Begrenzungen, die du hast, und urteile nicht, sei nicht verletzend, sei nicht hart, wenn du merkst, dass du nicht vollkommen transzendieren kannst. Akzeptiere die Begrenzungen.” Ja, in der Tat, es gibt zwei verschiedene Spannungen.

AC:
Ja, aber ist dieses „Gleichgewicht”, von dem Sie sprechen, nicht eigentlich eine völlige nicht-statische Positionein mysteriöser Ort, an dem beide Extreme miteinander verschmelzen?

ML:
Ja, ganz richtig.

AC:
Sie beschreiben eine Position bzw. einen Ort von ungeheurer evolutionärer Spannung.

ML:
Ja, die spirituelle Evolution des Universums bewegt sich auf diese Art und Weise.

AC:
In einer älteren Ausgabe von Was ist Erleuchtung? hat Ken Wilber einen Artikel für uns geschrieben mit der Überschrift: „Eine Spiritualität, die transformiert”. Er beschreibt dort den Unterschied zwischen, wie er es nennt, „übersetzender” und „transformierender” Spiritualität. Er definiert eine übersetzende Spiritualität als eine, die das Ego oder das getrennte Selbst befriedigt und ihm einen außerordentlich wichtigen und tieferen Sinn gibt im Hinblick auf Leben, Zugehörigkeit und Sicherheit, in einemaus der Sicht des Egoshöchst unsicheren Universum. Transformierende Spiritualität definiert er als eine Spiritualität, die das Ego nicht zufrieden stellt, sondern regelrecht zerschmettert. Erstere Form nennt er horizontale Spiritualität, die letztere vertikale Spiritualität. Was ich von Ihnen gerne wissen möchte ist, was die Rolle der übersetzenden Spiritualität ist, im Zusammenhang mit dem Erwachen der Menschheit, um die Verantwortung für die Rettung der Welt und allen Lebens zu übernehmen? Und welche Rolle spielt die transformierende Spiritualität beim Erwachen der Menschheit, um die Verantwortung für die Rettung der Völker und allen Lebens zu übernehmen?

ML:
Zunächst einmal empfinde ich diese beiden nicht als besonders konträr. Das heißt, obwohl ich Ken Wilbers Unterscheidung sehr schön fand, beobachte ich oft, dass beide Formen in ein und derselben Person zu finden sind. Menschen haben oft beide Elemente in sich. In Hinblick auf die übersetzende Spiritualität glaube ich, dass die Überwindung des Schmerzes und der Irreführung in der Welt einerseits bedeutet, den Schmerz, der vom Ego produziert wird, zu heilen. Andererseits bedeutet es auch, einen Teil des Schmerzes zu heilen, der Ego hervorbringt. Übersetzende Spiritualität kann auf beiden Ebenen arbeiten. Sie kann Menschen dabei helfen, etwas von ihrem Ego zu überwinden, und sie kann Menschen dabei helfen, Mitgefühl zu entwickeln für die Bereiche, in denen ihr Ego unter Täuschung leidet. Das kann eine wichtige Qualität sein, die die Menschen an den Punkt bringt, dass sie sich öffnen und erkennen, dass einige Veränderungen in der Welt doch möglich sind. Man kann die Menschen nicht dazu bringen, aktiv an sozialer Transformation zu arbeiten, wenn sie selbst von ihrem eigenen Schmerz so überwältigt sind, dass sie nur ihn wahrnehmen. Ein übersetzendes spirituelles Bewusstsein und eine spirituelle Praxis können dabei durchaus helfen. Wenn es also auch einige Elemente hat, die zur Anpassung an das Ego führen, kann es aber auch den schlimmsten Schmerz ein wenig lindern.

Diese übersetzende Spiritualität ermöglicht das Entstehen von Reformbewegungen. Eine solche Reformbewegung kann zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr nützlich sein. Eine Reformbewegung kann beispielsweise die Wale retten oder die Redwoods in Nord-Kalifornien schützen. Sie ist eine gute Sache, aber sie hat ihre Grenzen. Denn wahre revolutionäre Bewegungen, das heißt Bewegungen, die den Planeten tatsächlich vor einer ökologischen Katastrophe bewahren können, erfordern etwas anderes. Sie erfordern einen neuen Ansatz, einen neuen Ansatz in der Liebe und der Achtsamkeit. Und sie erfordern eine neue Definition von Produktivität, Effizienz und Rationalität, nach denen Institutionen und soziale Einrichtungen arbeiten sollten. Diese sollten also nicht einfach nur nach Gewinnmaximierung oder Machtzuwachs trachten, sondern eher nach der Maximierung der Qualität von Liebe und Achtsamkeit, die in Menschen angelegt ist. Die Menschen sollten ethisch, spirituell und ökologisch feinfühliger werden; sie sollten die Welt nicht unter dem Aspekt der Nützlichkeit betrachten. Sie sollten der Herrlichkeit der Schöpfung mit Ehrfurcht, Staunen und uneingeschränkter Bewunderung begegnen. Dieses Bewusstsein, diese Fähigkeit, einen neuen Ansatz zu entwickeln, kann nicht durch die übersetzende Spiritualität erreicht werden, da diese zu oft eine sehr begrenzte Sichtweise des Eigennutzes unterstützt. Deshalb brauchen wirklich revolutionäre Bewegungen eine transformierende Spiritualität oder eine, wie ich sie nenne, „emanzipatorische” Spiritualität. Die Fähigkeit, das Ego so weit zu transzendieren, dass man sich als Teil der Gesamtheit sieht, und die Welt in diesem Bewusstsein zu betrachten, sind entscheidend, wenn wir die Welt transformieren, wenn wir sie sowohl vor ökologischer Zerstörung als auch vor spirituellem Abstieg retten wollen. Diesen neuen Ansatz zu finden, sich grundsätzlich als Teil des Ganzen zu sehen, ist Inhalt der transformierenden Spiritualität. Das ist eine Form der Spiritualität, die meiner Meinung nach von vielen spirituellen Traditionen im Prinzip unterstützt wird; deshalb glaube ich, dass eine grundsätzliche Transformation der Welt durch spirituelle Transformation erreicht werden kann.

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WIE Ausgabe 6:
Unsere Ausgabe zum Thema: Kann Erleuchtung die Welt retten?


Immer mehr Menschen sind heutzutage der Ansicht, dass jede Lösung, die eine umfassende Antwort auf die Krise unserer Welt sein soll, in ihrem Kern eine spirituelle Komponente bergen muss. Aber auf welche Weise kann denn Erleuchtung die Welt retten? Artikel und Interviews mit: Roshi Bernie Glassmann, Rabbi Michael Lerner, Ma Jaya Sati Bhagavati, Vimala Thakar und anderen …



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