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Die endlos aufwärts führende Suche


Die praktische und spirituelle Weisheit der Spiral Dynamics

Ein Interview mit Dr. Don Beck
von Jessica Roemischer
 

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GRÜN

WIE: Das GRÜNE Meme ist die letzte Stufe der First-Tier-Ebene. Könnten Sie aufzeigen, wie das GRÜNE Meme sich aus ORANGE entwickelt hat und welche Rolle es in der menschlichen Entwicklung auf der Spirale spielt?

DB: Auf seinem Höhepunkt ist GRÜN auf Gemeinschaft, Gleichheit und Konsens bedacht. Ohne ORANGE hätten wir kein GRÜN, denn in ORANGE wurde das Innenleben des Menschen übergangen und ignoriert. Unsere Wissenschaft hat uns empfindungs-, herz- und seelenlos werden lassen und uns nur die äußerlichen, oberflächlichen Erscheinungsformen des Erfolgs eingebracht. Was ein „gutes Leben” ist, wurde mit materialistischen Maßstäben gemessen. Wir stellen fest, dass wir uns von uns selbst und von den anderen entfremdet haben. So hat sich GRÜN, dieser noch recht junge Meme-Code, vor etwa 150 Jahren aus dem Zeitalter der Industrie, der Technologie, dem Wohlstand und der Aufklärung heraus entwickelt, um zu verkünden, dass in all diesen Unterfangen der Mensch selbst vernachlässigt worden ist. Der Fokus verschiebt sich vom Streben nach persönlichen Errungenschaften auf gruppen- und gemeinschaftsorientierte Zielefür GRÜN sind wir alle eine menschliche Familie.

GRÜN beginnt damit, dass wir zunächst Frieden mit uns selbst schließen. Dann blicken wir über den Tellerrand auf die Unstimmigkeiten und Konflikte der Gesellschaft, um auch dort Frieden zu stiften, indem wir uns den ökonomischen Lücken und Unterschieden, die ORANGE, aber auch BLAU und ROT kreiert haben, zuwenden und für Frieden und Brüderlichkeit sorgen, so dass wir alles miteinander teilen können. Geschlechterrollen werden entschärft, Rassenschranken aufgehoben, Aktionspläne gegen die Diskriminierung von Minderheiten entwickelt und ausgeführt und soziale Klassenunterschiede verwischt. Die Spiritualität kehrt als eine „Einheit” jenseits von Konfession und Sektierertum zurück.

WIE: Und da GRÜN die letzte Memestufe der First-Tier-Ebene ist, findet auf ihr wohl auch unsere Vorbereitung auf den Übergang zu den „Seinsstufen” der Second-Tier-Ebene der Spirale statt.

DB: Ja, denn was GRÜN, in einem sehr positiven Sinn, geleistet hat, ist eine Art Läuterung der Spirale, indem es diese Vielzahl der verschiedenen Lebenserfahrungen als gleichwertig erklärt. Es schwächt die Kontrolle von BLAU und ORANGE und gesteht auch jenen, die in PURPUR und ROT heimisch sind, ihren Platz an der Sonne und ihre Sendezeit in den Nachrichten zu. Es geht ihm darum, Gleichheit, Ebenbürtigkeit und Sensitivität zu etablieren und das aus einem sehr guten Grund: denn ohne GRÜN könnten wir nicht zu GELB und zur Second-Tier-Ebene fortschreiten.

BIN ICH GRÜN? ALSO, BIN ICH EIN GUTES BEISPIEL für jemanden, der umweltbewusst, egalitär, sensibel, spirituell, aufgeschlossen und kulturell hellwach ist? Darauf können Sie wetten! Hat GRÜN zu sein in mir eine Leidenschaft für spirituelle Transformation (GELB/TÜRKIS) geweckt? Ja. Hat mein GRÜN-Sein spirituelle Transformation auch ernsthaft behindert? Ganz gewiss! Es hat alles mit meinen sehr GRÜNEN Eltern angefangenkultivierte, intellektuelle, linke Typen. Beide mit Doktortitel. Beide Lehrer. Sie ließen sich scheiden, als ich sechs Jahre alt war. Zu dieser Zeit war eine Scheidung noch seltenich kam aus der einzigen „zerbrochenen Familie” im Viertel. Tatsächlich waren auch beide Großelternebenfalls geschiedenihrer Zeit weit voraus. Ein Foto meines Vaters auf einer Anti-Vietnam-Demonstration erschien auf dem Titelblatt der New York Times im Jahr 1970. Mein erstes Marihuana rauchte ich zusammen mit ihmer baute es an! Meine Mutter beklagte sich immer bitter sowohl über die Republikaner (BLAU/ORANGE) als auch über meinen Vater. Sie arbeitete mit kleinen Kindern, von denen viele benachteiligt waren. Sie war ihr unermüdlicher Anwalt und beschimpfte die Schulen, die sie als Versager abgestempelt hatten.

In meiner Familie gab es ein Frönen in narzisstischem Verhalten (ROT) mehr als genug und nicht viel Disziplin (BLAU). Manchmal habe ich mir sehnsüchtig vorgestellt, bei Nachbarn aufzuwachsenvor allem bei einer besonders eng verbundenen Familie, regelmäßigen Kirchgängern (definitiv BLAU). Ich sehnte mich nach etwas Struktur und Rollenvorbildern, fand die Vorstellung aber dann doch sehr schnell wieder erdrückend. Nach einigem Nachdenken entschied ich mich für die Familie, in der ich lebte. Letztlich fühlte ich irgendwie, dass mir meine Familie trotz allem Mangel an Zusammenhalt undwie ich mal zu sagen wageCharakter doch einen Weg der offenen Möglichkeiten bot. Und das stimmte auch. Mein spiritueller Weg fing früh an, unterstützt von der ausgeprägten Wertschätzung meiner Eltern für kulturelle, humanitäre und philosophische Angelegenheiten. Ich wuchs auf mit der Lektüre des Theologen Martin Buber, der existentialistischen Philosophen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie den Romanen von D. H. Lawrence und James Joyce. Und jetzt, in meinen 40ern, auf dem Weg zu möglicher spiritueller Transformation (Second-Tier-Ebene)mit tiefer Dankbarkeit für die frühen Inspirationen, die ich von ihnen erhieltfange ich an zu realisieren, dass GRÜN aufzuwachsen seine Schattenseite haben kann und dass mein spiritueller Weg mit den Trümmern dieses Vermächtnisses übersät ist: mit Narzissmus, arrogantem Individualismus und Widerstand gegen Hierarchien und Autorität.

Aber um zu meiner Familie zurück zu kehrenwenn ich jetzt darüber nachdenke, hat dieses ganze GRÜN-Sein tatsächlich mit meiner Großmutter angefangen. An kalten, regnerischen Tagen pflegte sie zu sagen: „Jessica, das ist Nixon-Wetterekelhaft und verdorben!”



DAS „GEMEINE GRÜNE MEME”

WIE: Dr. Beck, mein memetischer „Schwerpunkt” ist mit großer Wahrscheinlichkeit GRÜN. Und damit stehe ich nicht alleine. Das GRÜNE Meme ist sowohl das derzeit fortschrittlichste Meme der westlichen Kultur als auch für viele, so wie für mich, das vorherrschende konzeptionelle und psychologische Paradigma. Wie ich Sie verstanden habe, gibt es von allen Memes, einschließlich GRÜN, eine positive und eine negative Ausprägung. Mich würde interessieren, auf welche Weise das GRÜNE Meme gegenwärtig problematische Lebensbedingungen erzeugt, auf die wir adäquat reagieren müssen, wenn wir uns die Spirale hinauf entwickeln wollen.

DB: Wie ich schon sagte, ist GRÜN ein wesentlicher Schritt zu GELB und zur Second-Tier-Ebene, aber es ist äußerst kostspieliges nimmt eher, als einen Beitrag zu leisten.

WIE: Warum sagen Sie, dass GRÜN kostspielig ist?

DB: Weil es kostspielig ist, für alle zu sorgen, ohne einen Beitrag von ihnen zu verlangen, außer dem, anwesend zu sein, um die Hand aufzuhalten. Die meisten gutgemeinten Programme des Sozialstaates sind missglückt, und jene, die es mit dem Sozialismus als ihrer Version von GRÜN versucht haben, stellen fest, dass dieser auch nicht die Lösung ist.

WIE: Und was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, GRÜN „nimmt eher, als einen Beitrag zu leisten?”

DB: Es nutzt die Ressourcen, die ORANGE etabliert hat, aber weil es ORANGE nicht mag, hält es sich aus dem Wachstum heraus. Wachstum und Konsum sind schlecht. Es will die Ressourcen, die bereits verfügbar sind, nutzen und sie so umverteilen, dass jeder aufholen kann. GRÜN ist ein wunderbares System, aber ironischerweise nimmt es an, dass sich jeder der gleichen Wohlstandsebene erfreut, die es selbst erreicht hat.

WIE: Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: mein hoher Lebensstandard erlaubt mir sowohl äußerst selbstzufrieden als auch sehr egalitär zu seinund das gleichzeitig!

DB: Richtig. Nur diejenigen, die in ORANGE erfolgreich warendie dicke Bankkonten besitzen, deren Überleben weitgehend gesichert ist und die sich nicht nur gerade eben über Wasser halten müssenwerden beginnen, GRÜN zu denken. Aber wenn GRÜN mit seinen Attacken gegen die BLAUEN und ORANGEN Meme-Ebenen loslegtgegen die Nonnen mit ihren Linealen und die hohen Tiere in den Managementetagenverhält es sich leider wie jemand, der mit einer Leiter aufs Dach klettert und dann die Leiter umwirft, auf der er dorthin gekommen ist.

WIE: Welche Auswirkungen haben die negativen Ausdrucksformen von GRÜN?

DB: Unglücklicherweise zerstört die negative Version von GRÜN die Fähigkeit der sozialen und ökonomischen Systeme von ORANGE und BLAU, mit den Lücken, die GRÜN selbst erkannt hat, wirklich umzugehen. Es zerstört die ökonomischen Strukturen von ORANGE und die autoritären Systeme von BLAU, die notwendig sind, um ROT in Schach zu halten, wie wir nur allzu deutlich am Beispiel Zimbabwes erkennen können. Auf diese Weise wird es kontraproduktiv. Es verschlimmert die Lage. Es befreit ROT aus der Verantwortung, in BLAU/ORANGE Disziplin und Zielbewusstheit zu erlernen, denn es liebt die Urvölker, neigt jedoch, da es sie als „edle Wilde ”sieht, dazu, eine größere Komplexität in diese hineinzulesen als tatsächlich vorhanden ist. Und weil es die autoritären, läuternden Systeme von BLAU und ORANGE zerstört, strömen die ROTEN, undisziplinierten, egozentrischen, impulsiven Verhaltensweisen in die GRÜNE Zone hinein, sowohl in jedem Einzelnen als auch in der Gesellschaft. Diese ungesunde Vermischung von ROT und GRÜN, in der ein starker egozentrischer Narzissmus mit dogmatischen Predigten über Humanismus und Gleichheit gepaart ist, bereitet den Nährboden für das, was Ken Wilber und ich das „Gemeine Grüne Meme” nennen oder auch „Boomeritis”, denn die Baby-Boom-Generation war die erste, die en masse in das GRÜNE Meme eingetreten ist.

WIE: Ken Wilbers Buch Boomeritis zeigte mir jedenfalls, dass ich selbst in der Tat mit diesem postmodernen „Virus” infiziert war!

DB: Nun, die ganze Idee von dem „Gemeinen Grünen Meme” ist eine rhetorische Strategie. Ken und ich fragten uns: Wie können wir GRÜN in Bewegung halten? Denn unserer Ansicht nach gleicht es größtenteils einem trüben, abgestandenen Tümpel. Also sagten wir uns, lass uns das Gemeine Grüne Meme erfinden. Wir wollen GRÜN ein wenig beschämen, ihm einen Spiegel vorhalten, um ihm zu zeigen, was es da tut, in der Hoffnung, dass es das Gemeine Grüne Meme von dem legitimen gesunden GRÜN wird unterscheiden können. Wir wollen genügend Leute mit der Falschheit, der Künstlichkeit und der egoistischen Natur ihrer eigenen Glaubenssysteme rund um die sogenannte „political correctness” konfrontieren, um anschließend die frohe Botschaft zu verkünden, dass es etwas gibt, das darüber hinausgeht. Es ist eine drastische Maßnahme, eine rhetorische Strategie, um ein Symbol zu kreieren, welches den Menschen hoffentlich begreiflich machen kann, dass ihr Tun gerade das zerstört, was sie eigentlich erreichen wollen.

WIE: Welches sind die spirituellen und psychologischen Implikationen des Gemeinen Grünen Memes?

DB: GRÜN beginnt mit der Suche nach dem Selbst. „Ich möchte mich selbst kennenlernen. Ich möchte mich dem inneren Kind in mir stellen. Ich möchte Frieden schließen und Ruhe und Gelassenheit finden.” Also nehme ich an einem Sensibilisierungsseminar teil, wo ich ein Feedback bekomme. Ich gehe tief nach innen, um all meine Lebenserfahrungen zu analysieren und mich von Schuld zu befreien. GRÜN hasst Schuldgefühle. Und es will mit der Wut über das, was ihm als Opfer zugefügt wurde, umgehen. Aber GRÜN ist ein relativistisches System. Und GRÜN ist reichlich naiv, indem es denkt, „Alle Menschen sind gut. Die Gesellschaft macht sie böse. Es gibt keine schlechten Menschen! Das Böse, die Sünde existiert eigentlich nicht, das sind alles nur Mythen. Jeder wird uns lieben.” Nun, der 11. September hat wach gerüttelt, und zum ersten Mal konnte GRÜN das hässliche Gesicht von ROT/BLAU wahrnehmen. Seitdem interessieren sich wesentlich mehr Menschen für unsere Arbeit.

MEINE MUTTER WAR FÜR EINE NICHT UNBEDEUTENDE ANZAHL von transzendenten Momenten in meinem Leben verantwortlich, meist im Zusammenhang mit Musik und Tanz. Sie nahm mich oft mit ins New Yorker Lincoln Center for the Performing Arts, um die russische Tänzerin Natalia Makarova zu sehen. Makarovas Interpretationen der größten Ballett-Werke waren so sublim, so transzendentsie brachten einen zum Weinen. Am Schluss einer besonders hervorragenden Aufführung von Romeo und Julia erhob sich das gesamte Publikumvielleicht 4000 Leuteeinstimmig in einer einzigen gemeinsamen Demonstration der Ehrfurcht. Es war wirklich ein spirituelles Erlebnis. Meine Mutter wandte sich mir zu und sagte:„ Jess, du bist Zeugin des fantastischsten Tanzes, den es je gegeben hat und vielleicht je geben wird.”

Aber das Vermächtnis meiner unstrukturierten GRÜNEN Erziehung ist widersprüchlich: hohe ästhetische und spirituelle Sensibilität zusammen mit einem narzisstischen Bedürfnis nach Sicherheit und emotionaler Zuwendung. Es ist die Art von Zustand, in dem du ständig im Kampf mit dir selber bist und nicht recht weißt, warum. Mit vierzehn oder fünfzehn wurde die nagende Sehnsucht, die eine ganze Zeit lang meine Erfahrung prägte, von etwas anderem im Außen magisch angezogen: Männern. Konnte eine Beziehung die letztliche Erfüllung bringen? Auf jeden Fall hoffte ich das, und ich ließ es definitiv auf einen Versuch ankommennun, eigentlich auf viele Versuche.

Kurz nach meinem dreißigsten Geburtstag begegnete ich meinem ersten spirituellen Lehrer, einem koreanischen buddhistischen Mönch. Eines Nachmittags sagte er zu mir: „Jessica, alles an dir ist wunderbar, außer den Männern, die du dir aussuchst.” Nach einer langen Zeit mit vielen Beziehungen konnte ich nicht anders als die Wahrheit in der zweiten Hälfte seines Satzes anzuerkennen, und die erste Hälfte gefiel mir echt. Als mächtiger Yogi verfügte er über seltene Heilkräfte und intuitive Fähigkeiten (PURPUR). „Ich bin die beste Krankenversicherung, die du haben kannst”, versicherte er mir. „Ich kann dich von allem heilen.” Ausgerechnet Sicherheitgenau das wollte ich! Außerdem konnte ich auch lernen, zu meditieren und spirituell zu sein. Die perfekte Kombination. Eines frühen Morgens, hoch oben in den koreanischen Bergen während einer Meditationsübung, die er mich lehrte, fielen plötzlich alle meine Gedanken von mir ab und was blieb, war die absolute Einheit von allem. Die Zeit verging, und er schlug vor, ich sollte nach Korea ziehen, ein Langzeit-Training in seinem Kloster anfangen und... Nonne werden (BLAU). Eine Nonne? Die Erfahrungen von Einheit hatten mir die wahre Natur der Dinge enthüllt. Korea war faszinierend und farbenprächtig. Die seltenen Fähigkeiten und Kräfte dieses Lehrers fesselten mich. Aber eine Nonne zu werden war ein ziemlicher Sprung. Ich bekam kalte Füße. War es meine unstrukturierte liberale Erziehung (GRÜN) mit ihren egozentrischen Impulsen (ROT), die mich halb ersticken ließ bei der Aussicht auf diese lebenslange Verpflichtung (BLAU), auch wenn sie spirituell war? Ich konnte es nicht sagen, aber nach intensiver Selbsterforschung beschloss ich an einem schicksalhaften Tag in Seoul, woanders nach einem Weg in die Second-Tier-Ebene zu suchen.


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