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Die endlos aufwärts führende Suche


Die praktische und spirituelle Weisheit der Spiral Dynamics

Ein Interview mit Dr. Don Beck
von Jessica Roemischer
 

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LEBENSBEDINGUNGEN

WIE: Sie sagten vorhin, dass sich neue Intelligenzenneue Meme-Ebenenin Reaktion auf unsere Lebensbedingungen bilden. Niemand kann leugnen, dass die Lebensumstände, denen wir uns jetzt als globale menschliche Gemeinschaft gegenüber sehen, schwieriger und gefährlicher sind als je zuvor in unserer Geschichte. Könnten Sie über diese Lebensbedingungen sprechen und über die Rolle, die sie in unserem nächsten evolutionären Schritt spielen?

DB: Wir haben in unserer Zeit anscheinend die dem Leben zugrunde liegenden Codes und Prinzipien entdecktob zum Guten oder zum Schlechten, sei dahingestellt. Wir sind mit unglaublichen Wahlmöglichkeiten konfrontiertvon der Gestaltung der natürlichen Umgebung über die Genmanipulation bis zur vielfältigen Nutzung der Wissenschaft zur Veränderung der menschlichen Erfahrung. Ich glaube, dass niemandem die Tragweite all dessen wirklich klar ist. Jetzt, da wir in dieser Position sind, handeln wir wie Götter. Wir können die Zukunft verändern, und das ist eine Fähigkeit, die wir als Spezies nie zuvor hatten. Wir sehen uns, wie gesagt, nicht durch unser Versagen, sondern durch unseren Erfolg mit äußerst gefährlichen Bedingungen konfrontiert.

Und überdies ist die Macht in Form von Atomwaffen, welche in dem komplexeren ORANGEN Meme entwickelt wurden, das den stabilisierenden Einfluss des vorhergehenden BLAUEN Memes in sich trägt, nun unter der Kontrolle eines ROTEN Memes, welches diesen BLAUEN Einfluss nicht hatweder Disziplin und Verantwortlichkeit, noch einen Sinn für die Möglichkeit gegenseitiger Zerstörung, das in ORANGE zusammen mit dieser besonderen technologischen Entwicklung in Erscheinung trat. ROT denkt, was Macht angeht, sehr kurzfristig, und das ist ein verdammt großes Problem. Das ist doch eines der Hauptrisiken, denen wir als Spezies derzeit gegenüber stehen, nicht wahr?

WIE: Zu diesem Druck kommt noch die Tatsache hinzu, dass sich das Leben mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit verändert. Das Zitat des Erfinders und Futuristen Ray Kurzweil, das ich Ihnen gleich vorlesen werde, spiegelt diesen enormen Wandel wider, den wir als Menschen herbeiführen und dem wir uns gleichzeitig auch anzupassen versuchen:
Noch vor einigen Jahrhunderten glaubten die Menschen nicht daran, dass die Welt sich überhaupt verändert. Ihre Großeltern lebten das gleiche Leben wie sie selbst, und von ihren Enkeln nahmen sie dasselbe an, eine Erwartung, die weitgehend auch erfüllt wurde.... Was noch nicht ganz verstanden wird ist, dass sich die Gangart der Veränderung beschleunigt, und dass die vergangenen 20 Jahre keine brauchbare Richtschnur für die kommenden 20 Jahre mehr bieten. Alle zehn Jahre verdoppeln wir die Anzahl der Paradigmenwechsel, die Fortschrittsrate. Dieser Fortschrittszuwachs entspricht dem, den wir während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts gemacht habenwir sind erheblich schneller geworden. An der heutigen Veränderungsgeschwindigkeit gemessen, entspräche das zwanzigste Jahrhundert nur 25 Jahren der heutigen Veränderung. In den kommenden 25 Jahren werden wir viermal so viel Fortschritt erleben wie im gesamten zwanzigsten Jahrhundert. Und wir werden 20.000 Jahre des Fortschritts im einundzwanzigsten Jahrhundert erleben, wasverglichen mit dem zwanzigsten Jahrhundertbeinahe das Tausendfache an technischen Veränderungen bedeutet.


DB: Oh, das ist ein eindrucksvolles Zitat. Doch ihm liegt die Annahme zugrunde, dass unsere biologisch-genetischen Systeme die Komplexität von Codes in sich tragen, die ein derartiges Ausmaß an Veränderung in so kurzer Zeit aushalten können. Wissenschaftler, die unser Immunsystem erforschen, melden jedoch bereits Zweifel an, ob wir überhaupt die Fähigkeit besitzen, mit der Komplexität, die von uns gefordert wird, allein schon rein physisch, umzugehen. Im obigen Zitat wird also ein Organismus vorausgesetzt, der in der Lage ist, sich an dieses Ausmaß von Veränderungen anzupassen. Ich weiß nicht, ob dies der Fall ist. Ich weiß, dass wir heute unglaublichen Veränderungen ausgesetzt sind, denn Millionen von Menschen gehen, wie ich es sehe, simultan durch ganz verschiedene Schichten und Ebenen der Spirale hindurch. Unsere Spezies rückt nicht geschlossen auf einer horizontalen Linie vor, vielmehr stellt sich heraus, dass es zu multiplen Veränderungen auf allen Ebenen der Spirale, oben wie unten, kommt. Viele bewegen sich derzeit in Zonen hinein, die wir bereits vor dreihundert Jahren verlassen haben.

Hinzu kommen noch weitere Aspekte, wie etwa der Einfluss des Mikrochips. Ferner entdecken wir nun, da wir dank molekularbiologischer Forschungen immer mehr über uns erfahren, das sogenannte Geheimnis der Genetik. Wir können klonen; wir können Gene aufspaltenaber was geschieht, wenn wir die Sache verpfuschen? Was, wenn wir biogenetische Agenzien oder Bakterien frei setzen, die alles auf Kohlenstoff gegründete Leben angreifen? Wenn wir beginnen, mit den geheimsten Codes in unserer Biologie herumzuspielen, kann niemand voraussehen, was der Flügelschlag des Schmetterlings* in der Chaos-Theorie schlussendlich bewirken wird. Deswegen stehen wir so unter Druck, was auch bedeutet, dass wir vermehrt nach neuen organisatorischen Formen Ausschau halten solltennach Gemeinschaften von Menschenda keine einzelne Person in der Lage sein wird, sich all dieser Dinge zu erinnern.

WIE: Die Entwicklungsbiologin Elisabet Sahtouris hat gesagt, dass „Stress der einzige Verursacher der Evolution ist.” Gibt es eine Beziehung zwischen dem zunehmenden Stressniveau, dem wir unter unseren gegenwärtigen Lebensbedingungen ausgesetzt sind und der Möglichkeit, dass sich ein signifikanter Teil von uns die Spirale hinauf entwickeln wird?

DB: Nun, die Evolution macht sich in der Tat Krisen und Ereignisse, die uns wachrütteln, zunutze. Aber dies allein garantiert noch nicht, dass es zu einer Aufwärtsentwicklung kommen wird. Wenn für die Leute buchstäblich die Hunnen vor den Toren stehen oder wenn aufgrund von Rationalisierungen oder einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihre Arbeitsstelle gefährdet ist, wird die Energie und die Fähigkeit, komplex zu denken, tatsächlich untergraben, und eine frühere oder niedrigere Priorität gewinnt plötzlich wieder die Oberhand.

Zu den Krisen muss also ergänzend eine gewisse Stabilität in den grundlegenden memetischen Systemen kommen. Wir müssen fähig sein, neue konzeptionelle Systeme zu kreieren, denn es kann zur Regression einer ganzen Gesellschaft führen, wenn sie einfach nur Problemen ausgesetzt ist. Genau das ist in Zimbabwe, einem einstmals sehr wohlhabenden Land, geschehen. Heute sind dort Millionen buchstäblich vom Hungertod bedroht. Deswegen ist Stress als solcher nicht der Schlüssel. Der Nobelpreisträger Ilya Prigogine würde sagen, wenn frühere Systeme anfangen sich aufzulösen, dann gelangen wir in einen Bereich, in dem es entweder zu einem Aufschwung zu einem komplexeren System kommt, oder aber zu einem Abstieg zu einem weniger komplexenes entscheidet sich in diesem kritischen Bereich, in welche Richtung das Ganze kippt. Obwohl stressreiche Krisen sicherlich nötig sind, um aus einem memetischen Paradigma auszubrechen, sind sie für sich allein aber noch keine Garantie, dass wir jene Art der Entwicklung durchmachen, die notwendig ist. Bisher ist uns dies immer noch gelungen.


die MEMES: weltanschauungen und realitäten

BEIGES MEME
Ein natürliches Milieu, in dem der Mensch auf seine Instinkte angewiesen ist, um zu überleben


PURPURNES MEME
Ein magischer, von Geistern und magischen Symbolen nur so wimmelnder Ort

ROTES MEME
Ein Dschungel, in dem die Stärksten, Geschicktesten und Listigsten überleben

BLAUES MEME
Eine geordnete Existenz unter der Kontrolle einer ultimativen Wahrheit

ORANGES MEME
Ein Marktplatz voller Möglichkeiten und Gelegenheiten

GRÜNES MEME
Eine menschliche Heimat, in der wir die Erfahrungen des Lebens teilen

GELBES MEME
Ein chaotischer Organismus, der sich aufgrund von Unterscheidungen und Veränderung weiter entwickelt

TÜRKISES MEME
Ein elegant balanciertes System ineinandergreifender Kräfte


Ein Spiral-Zauberer bei der Arbeit

IN DEN JAHREN ZWISCHEN 1981 und 1999 bin ich etwa 63 mal nach Südafrika gefahren, um die südafrikanische „Initiative Strategische Entwicklung,” wie sie zuerst genannt wurde, in Gang zu setzen. Während dieser Zeit bestand meine Rolle hauptsächlich darin, die Definitionen zu erneuern, mit denen die verschiedenen Sektoren der Gesellschaft einander stereotypisierten, indem ich die üblichen rassisch-ethnischen Kategorien durch ein Verständnis der Wertesysteme oder memetischen Unterschiede, die in diesem globalen Mikrokosmos lebendig waren, ersetzte. Die Komplexität der Situation Südafrikas war vereinfacht worden auf das, wasgemäß den Richtlinien der Rassensittlich-moralisch richtig oder falsch war, doch das war ein gravierender Fehler. Viel Sympathie gab es für den „Kampf” der Schwarzen und das zu Recht. Aber das loszuwerden, was sie nicht mehr wolltendie Apartheidwar nicht dasselbe, wie das zu bekommen, was sie haben wollteneine gerechte, wohlhabende Gesellschaft. Letzten Endes würde ein schwarzer, doktrinärer, nationalistischer Einparteienstaat (wie heute in Zimbabwe) nicht besser sein, als eine Afrikaner-Version [die weißen Südafrikaner mit Afrikaans als Muttersprache] desselben.

Statt also das„ Afrikanervolk” und sein ziemlich rigides, exklusives Glaubenssystem, was Rassen anbetrifft, anzugreifen, forderte ich sie einfach heraus, die Technologie und Landwirtschaft in Afrika zu entwickelnals ihre höchste Berufung. Wie Franklin Sonn, der südafrikanische Botschafter in den Vereinigten Staaten sagte, „trug meine Arbeit dazu bei, die Weißen darüber zu unterrichten, dass es ein Leben jenseits der Apartheid gibt, ja, sogar ein Leben im Überfluss.” Um diese Botschaft zu verbreiten, trat ich bei Funk und Fernsehen, in akademischen Institutionen und öffentlichen Sitzungen im ganzen Land auf. Im April 1989 erschien eine Serie von sechs Artikeln, die ich verfasst hatte, in sämtlichen südafrikanischen Zeitungen. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die politischen Führer der weißen Afrikan(d)er in Pretoria davon zu überzeugen, Nelson Mandela freizulassen und den Friedensprozess in Gang zu setzen.

Aber ich zahlte einen hohen Preis und wurde für meine Arbeit in Südafrika heftig kritisiert. Clare Graves hatte mich gewarnt, ich müsse mit einer persönlichen Attacke seitens des GRÜNEN, egalitären Systems rechnen, schon allein, weil ich überhaupt in Südafrika war, aber vor allem, weil ich „mich an das weiße, rassistische Apartheid-Regime verkaufte”. Ich vertrat eine andere Lösung, als GRÜN sie forderte. Da laut GRÜN der einzige Grund für die Kluft in der Entwicklung zwischen Europäern und Afrikanern in einem offenkundigen, himmelschreienden Rassismus lag, wollten sie eine sofortige Umverteilung der Macht. Der ungesunde Ausdruck des GRÜNEN Egalitarismus zeigt sich in der Unterminierung der BLAUEN und ORANGEN politischen und sozio-ökonomischen Architektur, da sie allein die vermeintliche Ursache menschlichen Leids ist. Doch jene „Kampfbeflissenen” hatten kaum eine Vorstellung von der verbrannten Erde, die sie hinterlassen hätten, wenn ihre Taktik voll aufgegangen wäre, die aus dem Zurückziehen von Anlagekapital, Sanktionen und Isolation durch den Westen bestand. Tatsächlich sind Sanktionen immer ein zweischneidiges Schwert. Jobs gingen für immer verloren. Die medizinischen Einrichtungen wurden strikt lahm gelegt. Ein Großteil der unentbehrlichen Infrastruktur zerfiel. Viele gute Leute mit hohem Bildungsniveau haben das Land verlassen und leider, leider grassiert im Buschland die AIDS-Epidemie. Ich denke, es gab einen sehr viel besseren Weg, die gesamte Gesellschaft auf gesunde Weise zu verändern, und viele, die auf Sanktionen in Südafrika gesetzt hatten, erzählten mir, dass sie mittlerweile einsähen, welch großer, dauerhafter Schaden dem Land zugefügt worden war.

Ich glaube, wenn Südafrika noch einmal von vorne beginnen könnte, würde es einige Dinge anders machen. Und dennoch, die Tatsache, dass sich die Gesellschaft ohne Bürgerkrieg entwickelte, ist einfach bemerkenswert. Aber für mich war die Apartheid nicht das eigentliche Problem. Sie war ein Symptom für die Unfähigkeit, die europäischen und afrikanischen Denkweisen miteinander zu verbinden und daraus einen neuen südafrikanischen Stoff zusammenzunähen. Ich ging nach Südafrika, weil ich glaubte, dass eine völlig andere, aber gerechte und demokratische Lebensweise nur darauf wartete, entdeckt und von neuen, komplexeren Ebenen des Denkens gehandhabt zu werden, welche aus den Lebensbedingungen, mit denen alle gemeinsam konfrontiert waren, hervorgehen würden. Wenn die sozialen Mosaiksteine erfolgreich zum Wohle des Ganzen zusammenarbeiten könnten, so meine Überzeugung, dann könnte Südafrika der ganzen Welt den Weg zu echter Integration weisen. Ich spürte, wenn ich in der Lage wäre, das Wesen des tiefen Konflikts zu ergründen, könnte ich vielleicht im Hintergrund arbeiten, indem ich sie befähigte, selbst ihre eigenen großen Trennlinien zu überbrücken. So viele südafrikanische Helden waren beteiligt. Ich war nur ein Bahnbrecher, ein Kartograph und ein Mutmacher. Die Zulus nannten mich „Amizimuthi”, das heißt, „Mann mit starker Medizin”.


*Der „Schmetterlingseffekt” illustriert die Essenz der Chaostheorie. Es ist die Vorstellung, dass das Flattern eines Schmetterlingsflügels eine Störung erzeugt, welche, verstärkt durch die chaotische Bewegung der Erdatmosphäre, schlussendlich die Großwetterlage ändert, was bedeutet, dass es unmöglich ist, Langzeitprognosen zu erstellen.

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