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Ein Philosoph der Veränderung


Ein Interview mit Yasuhiko Kimura
von Carter Phipps
 

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Einleitung



Yasuhiko
Kimura
„Ein Philosoph zu sein,” schrieb einst Henry David Thoreau, „bedeutet nicht einfach nur, feinsinnige Gedanken zu entwickeln, ja, nicht einmal, eine Schule zu gründen … es bedeutet, einige der Probleme des Lebens zu lösen, nicht theoretisch, sondern praktisch.” Heutzutage, wo philosophische Betrachtungenvon den Philosophen selbst ganz zu schweigenauf der großen Bühne der Zivilisation schon lange nur noch eine Nebenrolle spielen, mögen uns derlei Gedankengänge ein wenig kurios anmuten. Scheint doch die Philosophie in unserer mit Lichtgeschwindigkeit agierenden, vom Internet gesteuerten, postindustriellen, vom Zeitdruck regierten globalisierten Welt bezüglich Veränderung ein wenig auf der Kriechspur festzustecken, wo sie für gewöhnlich von der Wissenschaft, der Psychologie, der Technologie, und sogarwie manch einer hinzufügen würdeder Spiritualität überholt wird. Stellen wir uns nur einmal für einen Augenblick den Menschentyp vor, der uns bei dem Wort Philosoph in den Sinn kommt … So, das war's, Ende der Beweisführung.

Atmen Sie jetzt tief durch, um einen klaren Kopf zu bekommen, denn die Philosophie kommt aus der Mottenkiste hervor, schüttelt die Spinnweben des zwanzigsten Jahrhunderts ab und ist auf dem besten Weg, wieder „in” zu sein. Ja, das stimmt, willkommen bei der Revolution, oder zumindest bei der neuen Evolution, dieser alten Wissenschaftdie sich uns nun in den integralen Philosophen/ Visionären des einundzwanzigsten Jahrhunderts präsentiert. Nach der Moderne mit ihrer intellektuellen Spezialisierung und der von philosophischer Unschlüssigkeit geprägten Postmoderne ist jetzt eine neue Gattung aufstrebender Denker bereit, ihre Runde zu einem Verständnis der misslichen Lage unserer Welt anzugehen. Was diese eklektischen Weisheitsliebenden des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit ihren verschiedenartigen Disziplinen und Vorgeschichten so einzigartig macht, ist ihre Überzeugung, dass ein tiefgründigeres und umfassenderes Wissen über die Wesensnatur des Lebens und wie sich menschliche Evolution entfaltet, wichtig ist, etwas bewirken und uns, richtig angewendet, in eine neue Welt führen kann, eine Welt, diewie neulich in einem Buch zu lesen waretwas mehr von Plato und gleichermaßen weniger durch Prozak [einem in den USA weitverbreiteten Antidepressivum] geprägt ist.

Yasuhiko Kimura, japanisch-amerikanischer Autor von Think Kosmically Act Globally, ist einer dieser neuen integralen Philosophen, und sein Werk weist viele Merkmale dieses gerade in Erscheinung tretenden Paradigmas auf. Er ist der Wissenschaft leidenschaftlich verbunden, aber auch tief in der spirituellen Dimension des Lebens verwurzelt, hat er doch viele Jahre als Zen-Priester in seiner Heimat Japan verbracht. Obwohl kein spiritueller Lehrer im traditionellen Sinne lehrt er doch und widmet sich einem breiten Spektrum von Bildungsaktivitäten, um transformatorisches Gedankengut in den Hauptstrom unserer Kultur einzubringen. Kimura kann selbst auf mehrere Forschungsgebiete zurückgreifen, ist aber auch offen dafür, die Ideen anderer zu integrieren. Ziel seines Schaffens, wie auch das vieler seiner Zeitgenossen, ist es vor allem, die Wirkmuster der Evolution in der menschlichen Spezies vorauszuahnen und sowohl die individuelle als auch unsere kollektive Transformation entlang der evolutionären Stufenleiter zu unterstützen.

Natürlich ist es praktisch unmöglich, von der integralen Philosophie zu sprechen, ohne anerkennend darauf hinzuweisen, welche bedeutende Grundsteinlegung Ken Wilber mit seinem umfassenden, unschätzbaren Werk geleistet hat. Doch die steigende Flut von Ideen, welche die neuen Visionen vorantreibtIntegration, Holismus, Evolution, Chaos, Komplexität, Spiritualität, Wahlfreiheit, Entstehung, Veränderung und natürlich Transformationscheint die Arbeiten Einzelner noch zu überflügeln. Auch Kimura verdankt anderen Wegbereitern viel, dennoch ist er klar darauf bedacht, eigene Spuren in diesem neu entstehenden Bereich zu hinterlassen. Dabei greift er teilweise auf recht unorthodoxe Ideen zurück. In Japaneinem der am stärksten an der Gemeinschaft orientierten Kulturkreise der Weltgeboren, hat sich Kimura während seiner neunzehn Jahre in Amerika vor allem damit befasst, die Traditionen einiger der größten amerikanischen Verfechter des Individualismus fortzuführendie der transzendentalen Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts, wie Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson und Walt Whitman.

Wenngleich eine evolutionäre Linie vom Walden Pond des neunzehnten Jahrhunderts [wo Thoreau einst lebte] über das Japan des zwanzigsten Jahrhunderts bis zum Kalifornien des einundzwanzigsten Jahrhunderts, wo Kimura jetzt lebt, wenig einleuchtend erscheint, so lässt sich das doch größtenteils auf den Einfluss eines ungewöhnlichen Buches zurückführen, das Kimura Anfang der neunziger Jahre gelesen und das seinen weiteren Lebensweg entscheidend verändert hat. Es hat den Titel: Walter Russel: Vielfalt im Einklang und erzählt die bemerkenswerte Lebensgeschichte des Walter Russel, eines Künstlers, Philosophen, Aktivisten und Mystikers des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Spiritualität, Ethik und radikale Ansichten über die Wissenschaft zutiefst im Einklang mit Kimuras eigener Erfahrung standen. Durch Russel erfuhr Kimura erstmals vom Wirken einer Organisation namens The Twilight Club. Der Twilight Club setzte sich ursprünglich, das heißt, im späten neunzehnten Jahrhundert, aus einer Reihe herausragender Persönlichkeiten zusammen, unter ihnen Emerson, Whitman, Oliver Wendell Holmes und Andrew Carnegie. Diese großen Männer hatten in der Gesellschaft ihres „goldenen Zeitalters” einen moralischen Verfall ausgemacht und sich daraufhin zusammengetan, um Wege für den Erhalt des spirituellen und ethischen Lebens einer Nation auszukundschaften, die sich an der rauen sozialen Wirklichkeit der Industriewirtschaft wund scheuerte. Viele zivilgesellschaftliche Gruppierungen, wie der Lion's Club, der Kiwanis Club, die Rotarier, die Pfadfinder, die Carnegie Libraries, und sogar Better Business Bureau, hatten ihren Ursprung im Twilight Clubinspiriert durch die unerschütterliche Überzeugung seiner Mitglieder, dass das Schicksal einer Nation, ja, eigentlich unsere gesamte moderne Zivilisation, direkt vom sittlichen und letztlich spirituellen Charakter eines jeden Einzelnen abhängt. Über ein Jahrhundert später nimmt Kimura den Kommandostab wieder auf, um jene zusammenzuführen, die sein eigenes Bestreben unterstützen könnten, die Missstände einer Gesellschaft zu bekämpfen, die sich jetzt am harten Zaumzeug nicht der Moderne, sondern einer postmodernen spirituellen Maladie wundreibt. Und hierin liegt, wie er vermutet, die Ursache einer die gesamte Kultur betreffenden „Verschwörung zur Mittelmäßigkeit”, welche den Antrieb zur Verwirklichung des höheren menschlichen Potenzials in unserer zu einem globalen Dorf gewordenen Welt unterminiert.

Heute leitet Kimura die Universität der Wissenschaft und Philosophieeine ursprünglich von Walter Russel gegründete Organisationund ist zudem Geschäftsführer der modernen Version des Twilight Club. Durch verschiedene Medien, wie Konferenzen, Bildungskurse, Schriften und die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift The Cosmic Light arbeitet Kimura an vielen Fronten, um an der Gestaltung eines neuen kulturellen Ethos mitzuwirken. In diesem Ethos, so das Ziel, sollen die höheren Transformationsmöglichkeiten des Menschen kulturell etabliert und als unabdingbar für unser Verständnis des Lebens erachtet werden, gerade so, wie einst radikale, psychologische Ideen längst zu einem wesentlichen, festen Bestandteil unseres Selbstverständnisses geworden sind. In diesem Bemühen sind Kimura und seine philosophischen Mitstreiter mit mehr Kenntnissen über die menschliche Evolution und Transformation ausgerüstet als je zuvor in der Menschheitsgeschichte zusammengestellt worden sind, und sie fügen dieser Ehrfurcht gebietenden Aufgabe die neuen Facetten der Dringlichkeit und des Optimismus hinzu.

Der große evolutionäre Denker Alfred North Whitehead sagte einmal, dass die gesamte westliche Philosophie im Wesentlichen als eine Fußnote zu Plato angesehen werden kann. Doch weder Plato noch irgendein anderer Philosoph in der Geschichte musste sich mit der ungeheuren Größe und Komplexität von Problemen herumschlagen, mit denen unsere heutige Gesellschaft konfrontiert ist. Neue Zeiten erfordern neues Denken, wie es so schön heißt, und es gibt wenig Zweifel darüber, dass unsere Welt dringend einige Menschen mit klarem Blick und Weitsicht braucht, die fähig sind, die Komplexität zu durchschauen und eine höhere Ordnung inmitten des Chaos zu erkennen. Vielleicht ist für diese neuen Visionäre, deren philosophische Vorfahren einst Könige berieten, der große Augenblick gekommen, wo auch sie im Rampenlicht der Geschichte glänzen können. Doch bis es dazu kommt, muss sich zweifellos noch sehr viel ändern. Und es war eben diese Frage nach unserer Veränderung, die Frage, wie menschliche Wesen sich selbst individuell und kollektiv transformieren, die mich veranlasste, Kimura im vergangenen Juni für ein Interview ausfindig zu machen. Von seinem südkalifornischen Büro aus teilte er mir mit japanisch-weichem Akzent mit, was er in seinen Jahren als Priester, Lehrer, Wissenschaftler und Philosoph über die spirituelle Transformation und die Herausforderung zur Veränderung in Erfahrung gebracht hat.

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