NUR WENIGE MENSCHEN, die nicht spirituelle Revolutionäre wie Jesus oder Buddha waren, haben unsere Beziehung zum Göttlichen so sehr beeinflusst wie Charles Darwin. Auch war er unserem Bild von einem Revolutionär recht unähnlich bescheiden und demütig wie er war, mit viel Familiensinn und zunächst noch frommer Christ. Traditionell-konservativ war auch seine erste empirische Untersuchung: die zoologische Klassifizierung von Rankenfüßern. Nichtsdestotrotz war seine Formulierung der Mechanismen, mittels welcher Evolution vor sich geht zufällige Mutationen und natürliche
Selektion auf dem langen Weg in die Moderne schon an sich ein gewaltiger Schritt. Darwins Theorie trieb die Veränderung der
westlichen Sichtweise voran, die von Kopernikus' Entdeckung, dass die Erde um die Sonne kreist, angestoßen wurde. Veränderungen
in Organismen treten zufällig auf, so Darwin, und solche Veränderungen haben einen Einfluss darauf, wie gut sich ein spezieller
Organismus an seine Umwelt anpassen kann. Besser angepasste Organismen haben die Tendenz zu überleben, Nachkommen zu
erzeugen und dadurch zu der natürlichen Selektion zu gehören, die Generationen um Generationen überlebt. Es war erstaunlich einfach: Es gab keinen Gott, weder einen göttlichen Plan noch eine göttliche Führung, nur eine Serie von Zufallsmutationen in einer Welt, wo jeder jeden frisst.
Darwins Theorie führte beinah zur Zerstörung des traditionellen christlichen Begriffs vom Menschen im Spannungsfeld von Tier- und Gottsein, jenes Wesens, das buchstäblich nach Gottes Ebenbild
geformt wurde. Lange bevor wir wussten, dass wir 98,5 Prozent
unseres genetischen Materials mit den Schimpansen teilen, zeigte Darwin auf, dass wir im Spiegel nicht Gottes Antlitz erblicken, sondern unseren irdischen Verwandten, den Affen. Der Glaube der westlichen Kultur an eine von Gott gegebene Seele und einen im Menschen fest verankerten Sinn für Moral war erschüttert: Was bedeutete es, dass wir von derart niederen Ahnen durch einen solch heimtückisch kalten Vorgang ins Sein gerufen werden? Wie die Edinburgh Review seinerzeit warnend verlauten ließ, "liegt darin ein Gedankengut, das die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert, indem es das Geheiligte von Gewissen und religiösem Empfinden zerstört." Für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? wollten wir nun fast 150 Jahre, nachdem Darwin Die Entstehung der Arten
veröffentlicht hatte, wissen, was mit der evolutionären Revolution geschehen ist, welche die moralischen Grundfeste der Gesellschaft zu zerstören drohte und was wir über Gottes und unsere eigene Zukunft aus den letzten Entwicklungen evolutionären Denkens
lernen können.
Darwins Theorie hat wirklich eine Revolution im Denken bewirkt. Wir haben 100 Jahre gebraucht, bis wir uns von dem Schock über unsere niedrige Herkunft erholt hatten und Wissenschaftler sich mit den ernsten Auswirkungen der Darwinschen Evolution
für unser Verständnis der menschlichen Natur auseinanderzusetzen begannen. Zu der Zeit hatte in hohem Maße durch Darwins
Beitrag das Vertrauen der westlichen Kultur in die Wissenschaften ebenso sehr zugenommen, wie der Glaube an ein höheres Wesen, das unser Schicksal lenkt, im Schwinden begriffen war. Nietzsches Behauptung, dass Gott tot ist, hätte es ohne die schlagkräftige
Unterstützung der Darwinschen Theorie wohl an Überzeugungskraft gefehlt. Der orthodoxe Darwinsche Standpunkt spricht von einer Evolution ohne Richtung und ganz gewiss ohne Zweck (was doch einer göttlichen Führung zu nahe käme). Und so war tatsächlich Darwins Sichtweise.
Dennoch hat sich die Theorie, die Darwin zum Agnostiker machte, als Quelle außerordentlicher Inspiration erwiesen in
einer Weise, die Darwin selbst überrascht hätte. Wenn man mit ein paar treuen Darwinisten über Evolution redet, trifft man oft auf Begeisterung und Ehrfurcht angesichts des schier außerordentlich glorreichen Vorgangs, wie es sonst nur Heiligem vorbehalten ist. Was hätte Darwin wohl vom Werk des Jesuiten-Paters und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin gedacht? Teilhard argumentierte, dass die Anerkennung der Evolution des Lebens durch das menschliche Bewusstsein seit Auftritt unserer Fähigkeit zur Selbstreflexion "das herausragendste jemals geschichtlich aufgezeichnete Ereignis" war. Für Teilhard, dessen Werke in der Mitte des 20. Jahrhunderts erschienen, bedeutete das nicht das Ende alles Heiligen im menschlichen Leben. Weit gefehlt! Für ihn führte vielmehr die Anerkennung dessen, was im Kosmos mit dem Leben geschieht die Erweiterung unserer kollektiven Sichtweise zu der außerordentlichen Möglichkeit für die Menschheit, bewusst an der Evolution mitzuwirken. "Der Mensch ist nicht das Zentrum des Universums, wie wir einst auf naive Weise glaubten", schrieb er in Der Mensch im Kosmos, "sondern etwas viel Feineres, der aufsteigende Stern der großen biologischen Synthese ... Die ganze Evolution ... wird sich tief in uns ihrer selbst bewusst ... Wir können nicht nur das Geheimnis ihrer Bewegungen in ihren geringfügigsten Handlungen lesen, sondern wir halten sie auch
in grundlegendem Maße in unseren Händen, in unserer Verantwortlichkeit gegenüber ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft." Unser Zugriff auf die Evolution bringt bewusste Intelligenz in einen bisher schmerzlich langsamen Vorgang der Transformation von Materie und Leben und markiert den Punkt, wo sich Materie und Geist zu einer neuen Schöpfung hin bewegen, die von uns verkörpert wird.
Etwas Faszinierendes scheint zu geschehen, wenn Menschen über den Vorgang der Evolution nachzudenken beginnen etwas, das Ehrfurcht vor der Vielfalt weckt und der Einheit des Lebens
Anerkennung zollt. Sogar Darwin nutzte in Über die Entstehung der Arten seine eigene gottlose Logik für die Vision einer größeren Einheit der Menschheit, die ans Spirituelle grenzt: "Wie der Mensch in der Zivilisation fortschreitet", schrieb er, "und kleine Stämme sich zu größeren Gemeinschaften vereinigen, gebietet schon die simple Vernunft jedem Einzelnen, seine sozialen Instinkte und Sympathien auf alle Mitglieder seiner Nation auszuweiten, obwohl sie ihm unbekannt sind. Wenn dieser Punkt einmal erreicht ist, gibt es nur noch eine künstliche Barriere, die ihn davon abhält, seine Sympathien auf alle Menschen aller Nationen und Rassen auszuweiten." In den eineinhalb Jahrhunderten, seit Darwin seine Theorie erstmalig veröffentlichte, hat die Wissenschaft außerordentliches neues Wissen über die Explosion des Kosmos aus dem Urknall gesammelt, den grundlegenden Code der DNA entziffert, der in immer neuen Kombinationen Leben entfaltet und hervorbringt, und die Basisstrukturen von Sprache, Kultur und menschlichem Denken entdeckt. Zunehmend gibt es in fast jeder Ecke des Universums immer mehr Expansion, Bewegung, unbestreitbare Vielfalt, größere Komplexität, immer besser ausgebildete Kommunikation, Technologien, Zivilisation. Etwas entwickelt sich
evolviert und jene Evolution gibt Darwins Erkenntnis, dass alle Spezies miteinander verwandt sind, einen neuen Sinn. Als die
Mechanismen und Prozesse der Evolution die biologischen, psychologischen und kulturellen ans Licht kamen, fanden sich immer mehr Wissenschaftler an der Grenze der Empirie wieder, am äußersten Ende, wo etwas auftrat, das durch ihre eigene Intelligenz verursacht worden war, wovon sie und die ganze Menschheit Teil und wofür wir alle verantwortlich sind. Was ist mit der Evolution nach Darwin passiert? wollten wir wissen. Was haben die
evolutionären Empiriker über die ständig auftauchenden evolutionären Muster des Lebens gelernt, die sie direkt bis an die Grenze zwischen Wissenschaft und Spiritualität oder Moralphilosophie führen? Wohin bringt uns unser derzeitiges Wissen über Evolution als Individuum und als Spezies? Um Hilfen für die Erkundung
dieses neuen Terrains zu bekommen, das jetzt "Evolutionäre Psychologie" genannt wird, haben wir zwei eingeschworene Empiriker interviewt, die von Teilhard de Chardins evolutionärer Vision beeindruckt waren, mit ihren Daten mutig Abstand vom Detail
genommen und ihren Blick auf die kosmischen Dimensionen der unaufhaltsam vorwärts drängenden Kraft der Schöpfung gelenkt haben. Daraus ziehen sie kritische Lehren für die zukünftige menschliche Evolution: Robert Wright, der Autor von Nonzero: The Logic of Human Destiny, und Dr. Mihaly Csikszentmihalyi, der Autor von Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben.



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