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WIE: Weshalb vertrauen Sie auf Komplexität als ein Medium zur Entwicklung? MC: Weil ich Mozart liebe und Villards Zeichnungen von Chartre, weil ich erfahren will, was die Wissenschaftler über unsere Welt herausfinden, und weil ich fließendes heißes und kaltes Wasser mag. Vielleicht liege ich ja falsch, aber, aus welchem Grund auch immer, scheint mir dies, angesichts aller Erfahrungen und ihrer Alternativen, die aufregendere Vorgehensweise zu sein, interessanter und befriedigender WIE: Welche Dinge behindern die Evolution? MC: Nun, ich denke, den Weltreligionen ist es ganz gut gelungen, das aufzuzeigen. Ob wir die fünf Gebote des Buddhismus oder die sieben Todsünden im Christentum betrachten, sie haben den Nagel insofern ziemlich genau auf den Kopf getroffen, als sie von der Gier WIE: In The Evolving Self setzen Sie den Begriff „die Schleier der Maya” in einen zeitgenössischen Kontext und bezeichnen diese „Schleier” als ein Hindernis für unsere individuelle Evolution, weil sie unseren Realitätssinn verzerren. Könnten Sie bitte darüber mehr sagen? MC: Nun, wir alle haben die Tendenz, unsere Erfahrung, das heißt, die oberflächliche Erfahrung, die unserem Bewusstsein gegenwärtig ist, grundsätzlich als die letzte Wahrheit anzusehen. Und das aus gutem Grund. Ich meine, wir können nun mal nicht jede unserer Erfahrungen untersuchen und uns fragen: „Ist dies richtig oder falsch? Ist es gut oder schlecht?” Aber wir müssen eine gewisse Fähigkeit haben, uns zu distanzieren, zum Beispiel von unseren Bedürfnissen. Wenn man jedes Mal, wenn man hungrig wäre, essen müsste oder immer, wenn man sexuell stimuliert wäre, den Geschlechtsakt vollziehen wollte oder wenn man immer, wenn jemand etwas befiehlt, ohne nachzudenken mit „Jawohl!” antwortete, dann würde man doch ein äußerst eingeschränktes Leben führen. Angenommen du bist ein Nazi und erhältst den Befehl, Juden in ein Lager zu bringen oder dergleichen, dann tust du dies, weil es dir befohlen wurde Im Hinduismus gibt es den Begriff Karma, der es wert ist, in zeitgenössische Denkkategorien übertragen zu werden, denn es ist wahr, dass alles, was man tut, in gewisser Weise Auswirkungen auf alles andere hat. Wir sind Teil eines Systems, und unsere jeweiligen Handlungen sind nicht in sich abgeschlossen, sie wirken sich vielmehr auf Gegenwart und Zukunft aus. Sie haben einen Einfluss. Wenn man also erkannt hat, dass man zum einen Teil eines Systems ist und zum anderen all diese Instruktionen verkörpert, dann realisiert man auch, dass man die Verantwortung hat, entweder diese Instruktionen zu billigen und zu unterstützen oder aber aus ihnen auszubrechen. Doch dazu muss man die Schleier der Maya beiseite schieben. WIE: Sie benutzen in Ihrem Werk auch den Begriff „Transzendenz”. Was meinen Sie damit? MC: Das knüpft eigentlich an Ihre vorhergehende Frage an. Meiner Ansicht nach bezeichnet Transzendenz im Grunde die Fähigkeit, jene Schleier beiseite zu schieben und zu sagen: „Also gut, dies sind die Bedingungen, unter denen ich agiere, das sind meine genetischen Anlagen und jenes sind meine kulturellen Instruktionen und Programme. Was werde ich nun also tun?” Wenn jemand dann aufsteht und sagt: „Ja, alles drängt mich in diese Richtung, dennoch versuche ich, die Wirkung meiner Handlungen auf das gesamte System, in dem ich lebe, abzuschätzen Auf des Messers Schneide WIE: Sie scheinen in dem, was Sie schreiben, anzudeuten, dass wir sowohl kollektiv als auch individuell einen evolutionären Schritt tun müssen. Könnten Sie zu diesem Schritt etwas sagen? MC: Ja. Also, ich kann ihn nicht ganz, sondern nur teilweise sehen, ich weiss nicht genau, was kommen wird. Ich mag nicht, wenn man sich von oben herab äußert, wie zum Beispiel: „Jeder soll dies tun” oder: „Jeder soll das tun”. Ich finde, jeder sollte für sich darüber nachdenken, was wir als einzelne tun können, was unsere Pflicht und Verantwortung gegenüber unserer Gemeinschaft, unserer Familie oder einfach nur uns selbst gegenüber ist WIE: Könnten Sie etwas näher erläutern, was es bedeutet, sich auf des Messers Schneide zu befinden? MC: Um noch einmal auf den Begriff Karma zurückzukommen, er bedeutet, dass deine Taten auf alles Auswirkungen haben. Du kannst auf eine Weise handeln, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Evolution nach mehr Komplexität strebt WIE: All die Aspekte, die Sie ansprachen, wie die Übernahme von Verantwortung füreinander, für unsere Arbeit, für die Erde, sind sehr lebensbejahend. Heißt dies, dass die Evolution ein Ziel verfolgt? MC: Soweit ich weiß, verfolgt die Evolution kein Ziel im menschlichen Sinne. Aber weil wir Menschen sind, können wir ihr einen Sinn geben. Wir sind jetzt verantwortlich für die Evolution, für das Leben. Es ist nicht länger ein geistloses Universum, das heißt, es ist ein geistloses Universum, welches jedoch vermittels der Komplexität einen Geist erzeugt hat, der jetzt entscheiden muss, wohin wir gehen wollen. So gesehen hat sie jetzt ein Ziel WIE: Zwei führende spirituelle Denker der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, Sri Aurobindo, der indische spirituelle Meister, Philosoph und Poet, und Teilhard de Chardin, der französische Jesuit und Paläontologe, sprachen aus einer spirituellen Perspektive über das Ziel der Evolution. Aurobindo sah jenes Ziel der Evolution als göttlich und bereits in der Materie wie auch im menschlichen Bewusstsein „eingeschlossen”. Durch die Evolution wird Gott nach und nach realisiert beziehungsweise manifestiert. Er schrieb:
Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur, so sagt man, den Menschen erarbeitet hat. Der Mensch mag selbst wohl ein denkendes, lebendiges Laboratorium sein, in dem und mit dessen bewusster Mitwirkung sie [die Natur]
den Über-Menschen, den Gott erarbeiten will. Oder sollten wir nicht eher sagen, Gott manifestieren will? Denn wenn die Evolution die
fortschreitende Manifestierung
Wenn es wahr ist, dass der Geist in der Materie bereits eingeschlossen ist und die sichtbare Natur im Geheimen Gott ist, dann bedeutet es für den Menschen auf Erden das erhabenste und legitimste Ziel, das Göttliche in sich selbst zu manifestieren und Gott im Innern und nach außen hin zu verwirklichen. MC: Ja. Ja, ich denke, das ist im Wesentlichen sehr gut gesagt. Was mir auch gefällt ist, dass er fast alles in eine Art Frageform zu kleiden scheint. Und es stimmt, es gibt keinen Grund, die Dinge nicht auf diese Weise zu betrachten. Wahrscheinlich ist diese Art, die Dinge zu sehen, die beste. Meine persönliche Verantwortung finde ich an der äußersten Grenze meines eigenen gegenwärtigen Verständnisses. Und ich kann postulieren, dass es darüber hinaus noch sehr viel mehr gibt. Aber was das aller Wahrscheinlichkeit nach ist, offenbart sich mir nicht. Deshalb sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, dies zu postulieren. Wäre es an mir, dies zu tun, dann würde ich ein religiöser Seher, ein Guru oder so etwas in der Art werden. Aber das bin ich nun einmal nicht, und deshalb tue ich es nicht, auch wenn ich denke, dass es vermutlich wahr ist.
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