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Aus der Redaktion

 




Allem Anschein nach erlebt die westliche Welt gegenwärtig einen beispiellosen Anstieg des Interesses an Spiritualität. In den letzten dreißig Jahren haben Millionen von Amerikanern auf der Suche nach tieferer Weisheit, außergewöhnlichen Erfahrungen und einem sinnvolleren Leben den Schritt über die Religionen der Sonntagsschulen ihrer Jugend und die materialistischen Versprechungen des amerikanischen Traums hinausgewagt. Diese Suche hat viele Formen angenommen. Von den LSD-inspirierten Ausflügen der Beatles in transzendentale Meditation zu Carlos Castañedas magisch-mystischer Lehrzeit mit Don Juan; von Richard Alperts triumphaler Rückkehr aus dem Osten als neu getauftem Ram Dass zu den sich ständig verändernden Identitäten Da Free Johns; von der orgiastischen, ockergewandeten Gefolgschaft Bhagwan Shree Rajneeshs zur alle Konzepte zerstörenden "transformatorischen Technik" des "est"; von den vielen Inkarnationen Shirley McLaines zu den gechannelten Botschaften von den Plejaden; von Zen-Buddhismus zu tibetischem Buddhismus zu westlichem Buddhismus; von Schöpfungs-Spiritualität zu Juden für Jesus; von der Autobiographie eines Yogis zu den Prophezeiungen der Celestine hat der mächtige Einfluß unseres heutigen facettenreichen Strebens nach Spiritualität ein unauslöschliches Zeichen in unserer kulturellen Landschaft hinterlassen.

Tatsächlich ist es schwierig, einen Zweig unserer populären Kultur zu finden, der von der heranbrausenden Welle spiritueller Leidenschaft nicht zumindest berührt worden wäre. Spirituelle Buchläden überall, sogar der Buchladen an der Ecke führt nun ein wachsendes Sortiment spiritueller Bücher, Kassetten, Videos und Zeitschriften, die dem Käufer Veränderung, Erleuchtung oder wenigstens Verbesserung für sein Leben versprechen. Woche für Woche, in immer mehr Städten auf der ganzen Welt, sind die Zeitungen voller Ankündigungen von Lesungen und Buchsignierungen gefeierter sprititueller Lehrer. Diese Lehrer, Prediger, Schamanen und Gurus aller Traditionen und aus allen Himmelsrichtungen werden von eifrigen, nach Weisheit dürstenden Aspiranten förmlich überrannt. Jeder scheint jemanden zu kennen, der sich in einer Gruppe für persönliches Wachstum, einer Selbsthilfe- oder einer spirituellen Gruppe engagiert. Sogar einige der bekanntesten Prominenten aus Wirtschaft und Unterhaltung - Manager, Banker, Film- und Musikstars - haben keine Scheu, ihre Dankbarkeit und ihre Zugehörigkeit zu so unterschiedlichen spirituellen Autoritäten wie Deepak Chopra oder dem Dalai Lama - Personen, die noch vor wenigen Jahren als übermäßig esoterisch oder kulturell marginal gegolten hätten - öffentlich zu bekennen. Sogar die gegenwärtigen Bewohner des Weißen Hauses haben bekanntermaßen den Rat eines der bekanntesten Vertreter des New Age gesucht. Und in dem einst so abgeschlossenen Zirkel westlicher Universitäten haben zuvor fragwürdige mystische Ideen den Weg in den Diskurs von Disziplinen gefunden, die von Physik über Ökologie bis hin zu Psychologie reichen.

Wenn man all dies als Zeichen betrachten darf, haben die modernen Suchenden guten Grund zu glauben, daß sie Teil einer Bewegung sind, die dazu bestimmt ist, eine mächtige und dauerhafte Veränderung in ihrem persönlichen Leben und vielleicht sogar für den gesamten Planeten zu bewirken. Könnte es sein, daß Amerika - wo Persönlichkeiten aus so vielen Bereichen unserer populären Kultur an etwas beteiligt sind, das allem Anschein nach nichts Geringeres als eine spirituelle Renaissance ist - vielleicht endlich seine wirkliche, offenkundige Bestimmung als Überbringer der Botschaft spiritueller Freiheit entdeckt hat, für eine Welt, die verzweifelt nach Erleuchtung sucht? Haben die Vereinigten Staaten, seit fast einhundert Jahren die militärisch, industriell und ökonomisch führende Nation der freien Welt, endlich ihre wahrhaftigste und nobelste Berufung gefunden?

Ohne jeden Zweifel: Etwas Bedeutendes und noch nicht Dagewesenes geschieht. Vielleicht nie zuvor haben so viele Menschen kulturelle und ideologische Grenzen überschritten, um ihr spirituelles Potential zu erforschen. Dank der in der Vergangenheit unvorstellbaren Möglichkeiten von Computertechnologie und elektronischen Medien haben wir heute nicht nur unbegrenzten Zugang zu einer umfassenden Auswahl zeitgenössischer Lehrer und Praktiken, sondern auch zur gesammelten Weisheit unserer Vorfahren. Und daß dieses fruchtbare Milieu es einer so großen Zahl von Menschen ermöglicht, sich für einen spirituelleren Lebensweg zu interessieren, ist eindeutig positiv zu werten. Wer könnte in einer Welt, die über der Gier nach Besitz und dem Verlangen nach Macht verrückt geworden ist, behaupten, daß der Wunsch, größeres Mitgefühl und Bewußtsein zu entwickeln, etwas anderes ist als positiv?

Und doch, trotz des gewaltigen Eindrucks, den dieses Wiederaufleben von Spiritualität eindeutig auf das Leben vieler, vieler Menschen macht, trotz all des gesellschaftsverändernden Potentials, das ihm innezuwohnen scheint, fragen wir uns, ob die radikalen Implikationen eines wahrhaftigen spirituellen Erwachens in der Aufregung der überschwenglichen Vereinnahmung alles Spirituellen wirklich bedacht werden. Zu allen Zeiten haben jene, die ernsthaft spirituelle Höhen erklimmen wollten, sich zu nichts weniger als der völligen Auslöschung jener persönlichen Identität verpflichtet, auf der sie ihr Leben gründeten. Und in Amerika, in einem Land, in dem gute Nachahmung oft mehr geschätzt wird als das Original, in dem Image über Gehalt steht und die Fähigkeit von Politikern, Eindruck zu machen, die Öffentlichkeit stärker interessiert als das, was sie zu sagen haben, sollte uns die Tatsache, daß die Suche nach Transzendenz plötzlich das Interesse eines Massenpublikums findet, wirklich zu denken geben und innehalten lassen. Könnte es sein, daß wir - moderne westliche Menschen - tatsächlich so interessiert sind an den letztendlich revolutionären Auswirkungen spiritueller Übungen und Erfahrungen, wie eine wachsende Anzahl von uns zu denken scheint?

Angesichts spiritueller Bestseller wie Hühnersuppe für die Seele und Die fünf Tibeter, die aus den Regalen der Buchhandlungen quellen; angesichts spiritueller Workshops aller Art, die Veränderungen und Resultate innerhalb von zwei Tagen versprechen, und Licht- und Klangmaschinen, die uns angeblich in höhere Stadien des Bewußtseins "meditieren", sieht es so aus, als warteten verschiedene wichtige Fragen auf Antwort. Wieviel von dem, was heutzutage als Weg zur Veränderung angepriesen wird, hat tatsächlich etwas mit wahrhafter Erleuchtung zu tun? Könnte es sein, daß eine radikale spirituelle Errungenschaft im Zeitalter elektronischer Massenkommunikation weniger hohe Anforderungen an uns stellt als zu Zeiten Shankaras, Buddhas oder Jesus Christus? Und sollte es, wie so viele glauben, wirklich wahr sein, daß unsere kollektive Entwicklung uns an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend in einzigartiger Weise darauf vorbereitet hat, einen spirituellen Quantensprung zu machen?

Was geht hier vor? In unserem Bemühen nachzuforschen, haben wir mit einigen der angesehensten spirituellen Denker und Kulturkritiker unserer Zeit gesprochen. Was sie zu sagen hatten, fanden wir faszinierend, herausfordernd und vor allem inspirierend. Schnallen Sie sich an- denn diese Ausgabe verspricht, eine einzigartige Reise zu werden!

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WIE Ausgabe 1:
Unsere Ausgabe zum Thema: Das moderne spirituelle Dilemma


Werden die großen östlichen Weisheitslehren verwässert, um sie unserem westlichen Konsum-Denken anzupassen? Dieses Heft beinhaltet einen Artikel von Ken Wilber und Interviews mit Georg Feuerstein, Talk-Radio Gastgeberin Dr.Laura Schlessinger, Deepak Chopra und dem Sozialkritiker, Poeten und Mitarbeiter des National Public Radio (NPR), Andrei Codrescu.
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