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Aus der Redaktion


Die Inside Story
 


Redaktionelles

"Nach mehr als 50 Interviews ist uns immer noch ganz schwindlig im Kopf von der Vision der zukünftigen Welt, die sich uns eröffnet hat..."

Die Redaktion von WIE hatte immer eine tiefe Wertschätzung für die großen Religionstraditionen gehegt. In unseren fortgesetzten Bemühungen, auf die postmoderne spirituelle Kulturwelche die Suche nach Wahrheit um jeden Preis zu einem Selbstverwirklichungsprogramm zu reduzieren versuchtein kritisches Auge zu werfen, verließen wir uns oft auf die unter Mühen erworbenen Weisheiten der Weltreligionen, um Inspiration, Verständnis oder einfach nur Unterstützung zu erhalten. Das Ergebnis war, dass unsere Seiten über die Jahre hinweg ein willkommenes und viel gelobtes Forum für die erleuchtenden Worte vieler hoch geehrter traditioneller Lehrer der Gegenwart darstellten. Wir müssen zugeben, dass wir mehr als nur ein bischen überrascht waren über die Welle der entrüsteten Reaktionen, die wir von einigen unserer mehr traditionellen spirituellen Freunde erhielten, als im Winter 2002 unsere Ausgabe über Evolution und Erleuchtung in die Zeitungskioske kam. In jener Ausgabe machen Andrew Cohen und Ken Wilber nämlich im Einleitungskapitel "Der Guru und der Pandit" einen Vorschlag, der, wie sich herausstellte, für viele Traditionalisten einfach eine Gotteslästerung ist. Sie deuten an, dass möglicherweise sogar Erleuchtungdas zeitlose Ziel der spirituellen Sucheim Laufe der Zeit eine evolutionäre Entwicklung durchläuft.

Jetzt, wo im 21. Jahrhundert die Dynamik der Evolution im Westen fast überall erkennbar istbei Organismen bis zu Organisationen, von Quarks bis zu Galaxienerschien uns der Gedanke, dass sich das hohe Ziel spiritueller Verwirklichung genauso wie das ganze restliche Universum weiter entwickeln könnte, Begründung genug dafür, diese Idee weiter zu verfolgen. Obwohl viele unserer Leser die Diskussion ebenso erhellend fanden wie wir, wurde uns doch mit der zunehmenden Flut von Briefen und E-Mails bald klar, dass das Thema unserer Untersuchung in den Augen mancher eindeutig darauf hinweist, dass wir auf dem Holzweg sind. "Den Glauben zu hegen, dass wir etwas entdeckt oder gefunden haben, das nie zuvor in der menschlichen Geschichte passiert ist, könnte... gefährlich sein", warnte ein Brief. "Gott ist derselbe, gestern, heute und morgen", mahnte ein anderer. Ein Freund, ein westlicher Lama, schrieb mir sogar einen persönlichen Brief, um seinem Ärger über die Tatsache Ausdruck zu geben, dass wir mit unseren Überlegungen zur Evolution von Erleuchtung mit den traditionellen Ideen des Buddhismus "kurzen Prozess" gemacht hätten. Was uns aber vollends stutzig machte, war die Flut von Briefen, die wir von einer ganzen spirituellen Gemeinschaft bekamenalle lebenslange Freunde von uns. Sie hatten sich zusammengetan, um gegen unsere Andeutung, dass jemals etwas Neues am spirituellen Horizont erscheinen könnte, schriftlich zu protestieren. Die Essenz ihrer vielfach in scharfem Ton gehaltenen Botschaft war: "Bringt die Diskussion dahin zurück, wohin sie gehört: mitten in den Bereich der menschlichen Möglichkeit, die immer existiert hat, die jetzt existiert und die immer existieren wird... Es gibt nichts Neues unter der Sonne."

Vielleicht hätten wir das kommen sehen sollen. Es ist letztlich kein Geheimnis, dass das Alte dem Neuen widersteht; dass die Tradition, in ihrer Verpflichtung, unsere Verbindung zu dem zu erhalten, was vorher da gewesen ist, sich notwendigerweise in gewissem Maße vor den Kräften der Veränderung schützen muss, die ihre Integrität bedrohen. Am meisten überraschte es uns aber, dass die vehementesten Einwände gegen unsere Untersuchung nicht aus den verstaubten Büros der Orthodoxen kamen, sondern von Gruppen und Individuen, die sich an der vordersten Front der Evolution sehenvon Innovatoren, von Pionieren, von der Avant-Garde. Wir dachten, wenn es überhaupt jemanden geben sollte, der von Seiten der traditionellen Richtungen etwas Neuem Platz einräumen würde, dass sie es sicherlich sein würden.

Das führt uns zu der Ausgabe, die Sie in den Händen halten. Wenn Sie in den vergangenen Jahren den Futuristen etwas Aufmerksamkeit geschenkt haben, dann haben Sie wahrscheinlich, so wie wir, viel über die überwältigende Ungewißheit erfahren, mit der wir alle in vielerlei Hinsicht in diesem neuen Jahrtausend konfrontiert sind. Ob es uns nun gefällt oder nicht, kulturelle und geopolitische Vorhersagen warnen uns vor einer Zeit, in der überwältigende katalytische und möglicherweise kataklystische Kräfte aufeinander stoßen und unsere Kultur und unser Leben in kaum vorstellbarer Weise verändern werden. In dieser "schönen neuen Welt", so erfahren wir, wird Veränderung das Thema seinund unsere Fähigkeit, mit der Veränderung Schritt zu halten, sie anzunehmen und sie sogar voranzutreiben, wird unser individuelles und kollektives Schicksal bestimmen. Und das ist der Haken an der Sache. Denn im Angesicht der Explosivkraft der Situationdie mit jedem Tag weniger nach bloßer Science Fiction aussiehthat die Starrheit, wie wir sie sogar bei den progressivsten Traditionalisten angetroffen haben, eine für uns allem Anschein nach entscheidende Frage aufgeworfen: Haben unsere religiösen Traditionen das Zeug, sich mit der explosiven Veränderungsrate, die die Zukunft für uns bereit hält, mitzubewegen? Gibt es in dem riesigen Weisheitsschatz unserer Welt genügend Flexibilität, um einem Zeitalter von Übergang und Transformation zu begegnen, wie es die Welt noch nie zuvor erlebt hat? Und wenn nicht, was wird ihren Platz einnehmen, um eine moralische, ethische und spirituelle Richtung vorzugeben, die die Menschheit durch die größten Veränderungen führt, die es je gegeben hat? Brauchen wir eine neue Spiritualität? Vielleicht sogar eine neue Religion, die zu den neuen und sich dauernd verändernden Lebensbedingungen unserer Zeit besser passtund die zu größerer Anpassung fähig ist? Und wenn ja, wie würde sie aussehen? Welche Strukturen wird der ewige, nach immer höherer Ordnung strebende Impuls gebären, wenn er erst einmal von den Mythen und Einstellungen eines vergangenen Zeitalters befreit ist?

Im Hinblick auf die vorherige Erfahrung sind wir uns der Tatsache bewusst, dass wir mit solchen Fragen riskieren, die Kapazität unseres Briefkastens von Neuem weit zu überfordern. In dieser Ausgabe nun, die sich ganz der Untersuchung dieser lebenswichtigen Fragen widmet, decken wir daher lang und breit das ganze Terrain ab, um mit Sicherheit niemanden zu "kurz abzufertigen". Was auf gut Deutsch heißt: wir haben mit fast allen gesprochenvon Traditionalisten bis zu Futuristen, von Zen-Meistern bis zu Wissenschaftlern, von Professoren bis zu Propheten, von selbsternannten Organisationsberatern bis zu selbsternannten Avataren und Heilsbringern. Nach mehr als 50 Interviews ist uns immer noch ganz schwindlig im Kopf von der Vision der zukünftigen Welt, die sich uns eröffnet hat, einer Welt voller Versprechungen und gleichzeitig voller Gefahren. Und welchen Anteil auch immer die traditionelle Richtung daran haben wird, es ist eine Welt, die von uns allen den Mut und die Bereitschaft fordert, hinter uns zu lassen, was nicht funktioniert, damit die lebendige Kreativität des Geistes uns helfen kann, auf der vor uns liegenden stürmischen See unseren Kurs zu finden.

Craig Hamilton


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