Wie wurde "Guru" zu einem Schimpfwort? "Auf einer Party zu
erwähnen, man habe einen Guru, ist so, als würde man sagen: "Ich
bin heroinabhängig", schreibt Mariana Caplan in Do You Need
a Guru: Understanding the Student-Teacher-Relationship
in an
Era of False Prophets (London: Thorsons, 2002) Und das
ist
kein Witz. Denken Sie einmal darüber nach. Was kommt
Ihnen in
den Sinn, wenn Sie das Wort "Guru" hören? Steigen verschwommene
Bilder aus den "Goldenen 60er-Jahren" auf Liebesperlen, lange Haare und all das? Von Menschenmassen in
schrägen Klamotten, die sich zusammen rhythmisch hin- und
herwiegen, während sie vor dem Konterfei eines lächelnden
bärtigen Mannes in langen Gewändern Hare Krishna
singen? Vielleicht sagen Sie mit halbem Lächeln: "Bin dabei
gewesen, hab da mitgemacht" fest entschlossen, so
etwas nie wieder zu tun. Oder Sie denken an Ihre
Meditationslehrerin und würdigen, wie viel Hilfe Ihnen zuteil
wurde. Aber sie ist doch kein Guru oder? Möglich, dass
Sie sich vage an einen charismatischen Inder mit
Rolls-Royce-Armada irgendwo in der Wüste erinnern. Vielleicht
kommen Ihnen auch unheilvollere Gedanken in den Sinn, und Sie
denken zurück an mit Zyankali versetzte Brause und andere
Auswüchse von Sekten-Wahn. Seltsam wir haben keine
Probleme mit Business-Gurus, mit Trainer-Gurus oder mit
Finanz-Gurus, aber wenn es um spirituelle Gurus Guru-Gurus geht, dann fühlen wir uns
plötzlich nicht wohl in unserer Haut.
Ja wirklich, ist es nicht interessant, dass kaum eine Frage in
der heutigen spirituellen Welt so befrachtet ist wie diese: Was
ist die Rolle der spirituellen Autorität bei unserer Suche nach
Weisheit und Ganzheit? Bedenkt man, wie häufig wir von den
Autoritäten in unserem Leben enttäuscht worden sind, dann ist es
völlig verständlich, dass wir sehr misstrauisch sind. Das 20.
Jahrhundert war eine Epoche der Desillusionierung unser Glaube an die Integrität aller Autoritäten, von den
Eltern bis zur Polizei, von religiösen bis zu weltlichen
Führern, wurde immer wieder zerstört. Nichtsdestotrotz ist es
eine Tatsache, dass die Schüler-Lehrer-Beziehung in den
verschiedensten Kulturen (einschließlich dem antiken
Griechenland, der Wiege der westlichen Zivilisation) seit
Jahrtausenden buchstäblich das meist geschätzte und
erfolgreichste Vehikel für eine grundlegende und dauerhafte
Transformation gewesen ist. Historikern zufolge suchte selbst
Christus die Lehrer seiner Zeit auf und ebenso Buddha ehe er den "Mittleren Weg" entdeckte, welcher die
Spiritualität des alten Indien revolutionieren sollte. Selten
findet man damals wie heute Heilige oder
Weise, welche die letztendliche Wahrheit nicht durch eine wie
auch immer geartete Form von Beziehung zu einem Lehrer erkannt
haben. Und auch wir haben in unserem Alltagsleben keinerlei
Schwierigkeiten zu realisieren, dass die effektivste Methode
etwas zu lernen auf welchem Gebiet auch immer für gewöhnlich die direkte Lehrer-Schüler-Beziehung ist. Auch
heutzutage ist das wirkungsvollste Medium für persönliches
Wachstum und Veränderung die Beziehung zu einem
Psychotherapeuten oder vielleicht zu einem vertrauten Partner.
In unserem spirituellen Leben jedoch befinden wir uns so Caplan in einem "großen Dilemma". Denn obwohl die
Lehrer-Schüler-Beziehung historisch gesehen immer der
Hauptkontext war, in dem der Mensch grundlegende, echte
Transformationen erlebte, haben uns doch sehr viele Gurus und
spirituelle Lehrer herb enttäuscht. Und wir sind zu einem
Zeitpunkt im Stich gelassen worden, wo die Menschheit
spiritueller Führung dringend bedurft hätte. Die
Zukunft, die uns ins Gesicht starrt eine Welt der
Gentechnologie, Massenvernichtungswaffen und
Umweltzerstörung schreit laut nach einer neuen
spirituellen Vision, nach einer Transformation des menschlichen
Bewusstseins, die dem globalen Chaos und der Komplexität
gewachsen ist, welche durch unsere technologische
Vorstellungskraft freigesetzt wurde. Führt also ein Weg an
diesem Dilemma mit den spirituellen Autoritäten vorbei ein Weg, die Lehrer-Schüler- oder, kann ich es zu sagen wagen,
Guru-Schüler-Beziehung wieder zu beleben der sowohl
die verständliche Skepsis als auch unser Bedürfnis nach wahrer
und vertrauenswürdiger Hilfe bei tatsächlicher Transformation
berücksichtigt? Anders gesagt: Gibt es eine Möglichkeit, diesen
so bedeutenden Lernkontext zu überarbeiten, sodass er nicht
einfach ein Teil unserer Vergangenheit ist, sondern dazu dient,
eine neue Zukunft zu erschaffen?
Nun, offensichtlich würde ich dies nicht schreiben, wenn ich
nicht glaubte, dass es einen Weg aus diesem Dilemma tatsächlich
gibt. So wie Caplan habe auch ich selbst einen Guru, weshalb
mein Interesse an diesem Thema auch nicht nur rein theoretisch
ist. In ihrem neuen Buch bietet Caplan einen aktualisierten
Zugang zu diesem heiklen Thema an, einen, der den Staub von des
Gurus Kleidern abschüttelt, der ganzen Beziehung eine dringend
benötigte Veränderung verpasst und ihr in unserem psychologisch
cleveren, selbstbestimmten Leben Bedeutung verleiht. Zu Zeiten,
wo die Frage, ob man einen spirituellen Lehrer haben sollte,
überhaupt keine Frage ist weil die Antwort lautet:
"Auf gar keinen Fall" rollt Caplan das
gesamte Thema wieder auf, wobei sie eine brandaktuelle
spirituelle Sichtweise auf diese altehrwürdige Tradition
vermittelt. Doch seien wir uns darüber im Klaren ob
geliftet oder nicht die Beziehung zu einem
spirituellen Lehrer ist sicherlich nicht jedermanns Sache.
Do You Need A Guru? bietet praktische Hilfe für jene,
die versuchen, Sinn und Zweck der Beziehung zu einem Lehrer zu
verstehen und die erfahren wollen, was dazugehört, damit diese
auch heutzutage funktioniert. Caplan, Psychotherapeutin und
Schülerin des spirituellen Lehrers Lee Lozowick, entwickelt ein
neues Modell für eine verbindliche Beziehung zur spirituellen
Autorität sie nennt es "bewusste
Schülerschaft" indem sie tief in die Skandale der
Vergangenheit hineinblickt und jene Qualitäten umreißt, die
sowohl Lehrer als auch Schüler mitbringen müssen, wenn
sie erfolgreich sein wollen. Sie untersucht auch die "heißen
Themen" wie Gehorsam, Verrat und skandalöses Guruverhalten.
Indem sie die damit verbundenen Fallstricke und Versprechen nie
außer Acht lässt, bietet sie einen wachen, zeitgemäßen Blick auf
diese Beziehung, die seit Jahrtausenden die Feuerprobe
menschlicher Transformation gewesen ist.
Doch die Frage "Braucht man einen Guru?" ist nicht nur
praktischer Natur. Schauen wir genauer hin, so finden wir uns
einigen der hartnäckigsten Plattitüden der Postmoderne
gegenüber jenen heiklen Glaubenssätzen darüber, wer
wir sind, was menschlich machbar ist und wie wir miteinander
umgehen sollen. Ich meine, selbst die relativ simple Frage:
Wieso sollte man heutzutage eine verbindliche Beziehung zu
einem spirituellen Lehrer eingehen? kann bereits
für ziemlich hitzige Stimmung sorgen. Direkt unter der scheinbar
ruhigen Oberfläche verstecken sich oft einige feste Annahmen.
Denn in Wirklichkeit bedeutet die Frage "Wieso sollte man einen
Lehrer haben wollen?" für gewöhnlich so viel wie: "Ach geh, sind
wir nicht längst viel zu aufgeklärt und gebildet, um uns in eine
derartige Abhängigkeit zu begeben?" Oder, um es einmal weniger
höflich auszudrücken: "Geht es bei dieser ganzen Guru-Frage
nicht eigentlich darum, sich vor der eigenen Verantwortung zu
drücken und nach der perfekten Mami oder dem perfekten Papi
Ausschau zu halten?" Und das verzwickte an der Sache ist, dass
beides stimmt wir sind zu aufgeklärt, um die
Rolle des Abhängigen in einer autoritären Beziehung anzunehmen,
und nur allzu oft ist der Wunsch nach einem Lehrer tatsächlich
mit all unseren anderen Motivationen vermischt, welche mehr mit
Bequemlichkeit und Trost zu tun haben als mit echter
Transformation.
Ja, wir sind zu egalitär und psychologisch zu smart geworden, um
dieselbe Art Beziehung zu einem Lehrer zu haben, die man in
Indien oder Tibet antrifft. "Hinterfrage Autoritäten" und
"Erfahre dich selbst" waren die Zwillingsslogans der Sechziger,
Slogans, die mittlerweile in die Atmosphäre des postmodernen
Lebens eingegangen sind. Die Sechziger griffen die traditionelle
Autorität an Anti-Kriegsproteste, Bürgerrechtskämpfe,
der Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter sie
knackten die Hierarchien, welche die starren Positionen von
Herrschaft und Abhängigkeit, die seit dem Mittelalter bestanden,
geschaffen hatten. Wir hinterfragten und stellten dabei fest,
dass unsere
Autoritäten den Erwartungen nicht gerecht wurden.
Deshalb
ernannten wir gemäß einem glorreichen Ideal
von Gleichheit und Freiheit für alle uns
selbst zu ultimativen Autoritäten. Zum vermutlich ersten
Mal in der Geschichte der Menschheit hatte eine gesamte
Generation die Möglichkeit, aus den Begrenzungen von Tradition
und Erwartung herauszutreten und neue Handlungsstränge für
unsere Lebensgeschichten zu erschaffen. Anstatt bei den
Autoritäten nach Antworten zu suchen, wurde die Frage gestellt:
"Wie machen wir uns frei, unser eigenes Leben zu leben?" Und so
wurde die psychologische Untersuchung die Erforschung
unserer eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Motivationen unser Leitfaden zur Erfüllung in diesen sehr
persönlichen Erzählungen. Die Psychologie gab uns die
erforderlichen Kenntnisse, uns zu autorisieren, unser Leben
selbst zu schreiben, indem wir in uns selbst nach Führung
suchten.



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