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Einleitung
Immer wenn ich über Schwulen-Befreiung und buddhistische Befreiung nachdachte, sah ich – in Technicolor – laute, überladene Bilder, evokative Poesie, unerhörte kreative Eskapaden . . . Allen Ginsberg, John Giorno, die Beatniks – Abenteurer, die den Bogen von der Bowery über San Francisco zu den Ganges-Ufern und den Wipfeln des Hochlandes von Darjeeling spannten und uns vieldeutige Metaphern ungehemmter männlicher Liebe und östlichen spirituellen Strebens übermittelten. Diese außergewöhnlichen Männer trugen diese Metaphern an die Öffentlichkeit, holten sie aus dem Intimbereich der Schlafzimmer und aus der Stille der Meditationshalle. Über eine Million Menschen wählten die Telefonnummer, unter der Giornos leidenschaftliche und oft provokative Poesie zu hören war. An konservativen Orten wie Pittsburgh in Pennsylvania rezitierte Allen Ginsberg in den 70er Jahren Verse über Nirvana, Satori [Erleuchtungserfahrungen] und männliche sexuelle Ekstase, derweil sein Liebhaber im Hintergrund das Harmonium dröhnen ließ, und entfachte im Geiste unzähliger junger Poeten, zu denen ich mich auch zähle, den Funken zur spirituellen Suche. Ich sah Walt Whitman und die Transzendentalisten vor meinem inneren Auge. Ich sah eine Bewegung, die einem endlosen Crescendo göttlicher Erscheinungen glich, einer ekstatischen Feier des Göttlichen im menschlichen Körper, eine Bewegung, die mit großer Energie vorangetrieben wird, von Zurückweisung der Konventionen und dem Durchbrechen von Begrenzungen genährt – auf der Suche, auf der Suche nach etwas Jenseitigem, Ekstatischem, Erhabenem, das zugleich immanent und transzendent ist. Große Kostümierung, voller Pomp – mit diesen Bildern im Kopf wurde mir klar, dass ich eigentlich recht wenig über die so genannte „Schwulen-Befreiung” wusste. Was sind ihre Prinzipien? Ihr wesentliches Ziel? Und warum scheinen sich so viele schwule Männer dem Buddhismus zuzuwenden, einem Weg, der von einem Mönch im Zölibat gegründet wurde. Denn bei der Schwulen-Bewegung geht es doch wohl um eine Bestätigung der eigenen Sexualität, um die bewusste Identifikation mit der eigenen Andersartigkeit, um die Identitätsfindung als Mann, während Buddha hingegen lehrte, die Feuer der Begierde zu löschen. Wenn zeitgenössische schwule Buddhisten darüber schreiben, dass ihre Identität und sexuelle Vorliebe für ihren spirituellen Weg von grundlegender Bedeutung ist, was bedeutet das dann für den Buddhismus, der lange von Homosexuellen und Feministen als eine weitere homophobe, wenngleich auch vielleicht ein wenig erleuchtetere, patriarchalische Religion kritisiert wurde? José Cabezóns Name war mir in den letzten Jahren während meiner Nachforschungen für WIE immer wieder begegnet. Ein angesehener Gelehrter, der mir oft als jemand genannt wurde, der meine Fragen über buddhistische Doktrin und Schriften beantworten könne. Cabezón hat sechs Bücher über buddhistische Lehren sowie über Religion, Sexualität und Geschlechtszugehörigkeit geschrieben, übersetzt und bearbeitet, darunter auch eine historische Analyse der Homosexualität in buddhistischen Kulturen. Er hat auch mehrfach am interreligiösen Dialog über Religion und Geschlechterfragen teilgenommen, und als einer von wenigen westlichen Mönchen hat er in dem berühmten Sera Je-Kloster von Bylakuppe in Indien, der „Princeton-Universität“ der Gelugpa-Klöster, studiert. Ich fragte mich, was Cabezón wohl zu sagen hätte. Er ist ein wortreicher Verfechter der Schwulen-Rechte und war auch buddhistischer Mönch mit Disziplin. Er kennt die klassischen buddhistischen Texte und hat viele der großen modernen tibetischen Lehrer getroffen. Gleichzeitig hat er die Geschichte der Schwulen studiert und befasst sich mit den dringlichen sozialen Fragen, die durch die zeitgenössische homosexuelle Kultur aufkamen. Ist unsere Identifizierung mit unserer sexuellen Orientierung ein Schlüsselelement unserer spirituellen Suche? Ist die Befreiung unserer sexuellen Identität Bestandteil unserer spirituellen Befreiung? Welche Beziehung gibt es zwischen Schwulsein und Erleuchtung?
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