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Einleitung
Ich entschuldigte mich bei Detective Mills dafür, dass ich so skeptisch war. Schon in der Woche zuvor hatte ich den außerordentlich sanften Turner besucht und mit ihm einen schönen Tag in der Innenstadt von Norfolk verbracht. Der Versuch, seine außergewöhnlichen Behauptungen trotzdem noch zu überprüfen, verursachte mir vage Schuldgefühle. „Bei mir müssen Sie sich nicht entschuldigen“, sagte Mills. „Ich bin Polizist. Ich überprüfe alles. Wenn ich Sie wäre, würde ich der Sache auch gründlich nachgehen.“ Ich gab zu, dass es mir schwer fiel, mir Turners Ein-Finger-Technik vorzustellen. „Haben Sie schon mal gesehen, wie jemand bei einer Messerstecherei verletzt wird? Man kann kaum sehen, was da passiert – irgendetwas in der Art, als wenn zwei Leute tanzen“, erklärte Mills. „Das Messer macht alles. Das sieht nicht nach viel aus – aber es kann einen ziemlichen Schaden anrichten.“ „Oh!“ sagte ich. Und konnte mir immer noch schwer vorstellen, dass Turner bei seinen Gegnern so einen unsichtbaren Schaden anrichtete, besonders seit er mir selbst gesagt hatte, dass seine Opfer keine Schmerzen spüren, keine Verletzungen erleiden und in seinem Herzen nie etwas anderes als Liebe hervorrufen. „Nun ja“, fuhr Mills fort, „er hat tatsächlich ein ungewöhnliches Können. Ungewöhnlich – aber nicht unmöglich. Man sagt dazu ‚ein Geist wie Wasser‘, und wenn man von all dem gerade zum ersten Mal hört, dann ist das erst der Anfang einer faszinierenden Reise.“ Als ich über den Tag nachdachte, den ich mit Kitabu Turner verbracht hatte, erkannte ich, dass dies wirklich nur ein Anfang gewesen war und dass Turner – nicht nur seine unglaublichen Taten, sondern der Mann selbst – aus irgendeinem geheimnisvollen Grund auch nach unserem Treffen in gewisser Weise genauso rätselhaft blieb wie zuvor. Als ich nach Virginia flog, hatte ich fast erwartet, am Flughafen von einer überlebensgroßen Mischung aus Kung Fus Kwai Chang Caine und Superman begrüßt zu werden. Wenn alles, was ich über ihn gelesen hatte, wahr war, dann würde ich mit Kitabu Turner jemanden treffen, der wohl der Vorstellung von einem wirklichen Superhelden am nächsten kam… Vernon Kitabu Turner wurde 1948 in Portsmouth geboren, und als er mich vom Norfolk Airport zu meinem Hotel fuhr, riefen mir seine Beschreibungen der Wohngegenden und Umgebungsmerkmale, die vor meinem Fenster vorbeizogen, die Belastungen und die unwürdigen Zustände in einer Zeit der Rassentrennung ins Gedächtnis, als Turner noch ein Junge war – „Während einer Zeit“, so erinnerte er mich später, „als die Schwarzen keine einklagbaren Rechte hatten und unser Leben nichts wert war.“ Unter diesen Umständen hatte er mit neun Jahren geschworen, „der Beschützer der Schwachen zu werden“ und sich der Kunst der Selbstverteidigung gewidmet – „mit nicht weniger Hingabe als der eines japanischen Samurai“. Das war ein ziemlich großartiger Entschluss für einen schwächlichen Bücherwurm, der wegen seines oft seltsam langen Schweigens und eines sonderbaren Gefühls der Losgelöstheit von seinem Körper bei seiner Familie und bei Freunden immer als „komisch" gegolten hatte. Dem inzwischen verstorbenen Meister Neal, der in der Nachbarschaft ein Dojo (eine Kampfkunstschule) unterhielt, wurde Turner zum ersten Mal vorgestellt, als er zwölf Jahre alt war und ein bisschen was von einem Wunderkind hatte. Neal erkannte die Fähigkeiten des Jungen, aber Turner entschied sich dafür, nicht bei ihm zu lernen und stattdessen nur eine zwar nahe, aber keine Lehrer-Schüler-Beziehung zu dem bekannten Lehrer einzugehen. Derweil übte er auf sich allein gestellt und lernte aus alten japanischen Handbüchern der Kampfkunst, die er in der öffentlichen Bücherei entdeckt hatte. (Aus einem dieser Texte erfuhr er zum ersten Mal etwas über Bushido, den Weg des Kriegers.) Im Alter von siebzehn Jahren, nachdem er fast zwei Jahre wegen Tuberkulose im Krankenhaus zugebracht hatte, verließ Turner Virginia und ging nach New York City. Nur mit der Telefonnummer einer Freundin seiner Mutter bewaffnet, begann er dort ein neues Leben in einem Teil Brooklyns, der von Banden heimgesucht wurde. Ein paar Wochen nach seiner Ankunft, so erzählte er mir, hatte er schon begonnen, sein Kindheitsversprechen einzulösen, und sich in den Straßen der fremden Stadt einen Namen gemacht durch seine Kühnheit und seine Bereitschaft, sich gegen all die aufzulehnen, die „Gewalt oder andere Formen der Dummheit praktizierten“. Während seiner Zeit in New York beendete Turner High School und College, arbeitete als Schriftsteller und Herausgeber und trug mit seinen literarischen und dramaturgischen Fähigkeiten zur gerade aufkommenden Black Arts Bewegung bei. Außerdem hatte er verschiedene ungewöhnliche und anscheinend zufällige Begegnungen mit durchreisenden spirituellen Lehrern aus dem Nahen und Fernen Osten. Die wichtigste und einflussreichste Begegnung war sein schicksalhaftes Zusammentreffen mit dem Zen-Meister Nomura Roshi im Jahr 1967. In seinem Buch Das Schwert der Seele: Weg und Geist des Kriegers schreibt Turner: „Familienprobleme verursachten einen emotionalen Konflikt, der mir keinen Frieden ließ. Dann, nachdem ich eines Tages um Führung oder Hilfe betete, wurde ich vom Geist, der in mir war, in das 25 Meilen entfernte Greenwich Village geführt. Im Washington Square Park traf ich einen mit einem Kimono bekleideten Mann, der mit gefalteten Händen auf einer Bank saß. Die Luft um ihn herum war mit Frieden erfüllt. In seiner Gegenwart fühlte ich Glückseligkeit.“ Seiner eigenen Schätzung nach hat Turner seit seinem dritten Lebensjahr meditiert und sich immer von anderen isoliert gefühlt. Nie war er sich über seinen Platz in der Welt sicher, weil sein tief spirituelles Wesen nach innen gerichtet war. In der Gegenwart Nomura Roshis, der am Tag zuvor gerade aus Japan angekommen war, erhielt Turner eine Bestätigung seiner eigenen Erfahrungen und erkannte Nomura Roshi sofort als seinen Lehrer an. „Nachdem ich vom Meister in den Weg des Zazen (Meditation) eingeführt worden war“, so schreibt Turner, „übte ich weiterhin Kampfkunst und Shikan-taza (formlose Meditation), als gäbe es keine Beziehung zwischen beiden. Stellen Sie sich vor wie überrascht ich eines Tages war, als ich da saß und meditierte und die Schranken in einem strahlenden Licht wegschmolzen und ich plötzlich das Geheimnis der Selbstverteidigung von innen heraus verstand. Es war nichts Geheimnisvolles. Als ich von meinem Sitz aufstand, fühlte ich mich, als wenn mir alles klar wäre.“ Eigentlich ohne jedes formelle Training der Kampfkunst war der jugendliche Turner offenbar „in einem strahlenden Licht“ zum Meister geworden. Das Ende der Geschichte kannte ich schon. Turner hatte die darauf folgenden Monate damit verbracht, sich nach Meistern der Kampfkunst umzusehen, die dazu bereit waren, seine Erkenntnis einer Prüfung zu unterziehen – und er hatte jede Herausforderung bestanden. Als er dann nach Virginia zurückkehrte, arrangierte sein alter Freund, Meister Neal, eine „Kampfprüfung“ über den Board of United Dojo Organizations (BUDO), „ein Rat, der von den hochrangigsten Sensei (Lehrern) und Meistern in Hampton Roads gebilligt wurde“. Dort maß er sich mit „erfahrenen Schwarzgurten, einmal mit sechs Schwarzgurten gleichzeitig.“ Am Schluss dieser Feuerprobe trat der Rat zusammen. „Dank der Freundlichkeit der Meister und der Führung meines Inneren Meisters machte ich den Sprung von ungraduiert zum Schwarzgurt des vierten Grades in Wa-Jitsu (Kunst der Harmonie) und Aikijutsu, und mir wurde vom Rat die Ronin-Auszeichnung verliehen (Ronin = herrenloser Krieger).“ Bald danach hatte Turner die entscheidendste Begegnung seines Lebens. Er traf seinen geliebten indischen Guru Sant Keshavadas, der ihn als spirituellen Lehrer mit eigener Autorität anerkannte. Er gab Turners Mission, „die afro-amerikanische Seele zu heilen“, seinen Segen. Als wir zusammen auf dem Weg in die Innenstadt waren, erinnerte ich mich wieder an die Bilder des Superhelden, die Turners Schriften in mir hatten entstehen lassen, und ich war einfach neugierig, wie sehr der göttlich inspirierte Krieger, der sich durch sein Buch einen Weg in meine Vorstellung gebahnt hatte, dem Menschen aus Fleisch und Blut ähneln würde, mit dem ich den Nachmittag verbringen wollte. Immer ungeduldiger sah ich dem Beginn des Interviews entgegen. Der „Reisende in mir“ war zur Ruhe gekommen und jetzt ganz auf die schwierigen Fragen konzentriert, deretwegen ich hierher gekommen war. Welches war das „Geheimnis“, das der Mann mit der sanften Stimme neben mir verstanden hatte? War es Erleuchtung? Und wenn ja, welches war dann die Beziehung zu einer so vollendeten Meisterung des Selbst, dass er innerhalb von Tagen, nachdem er sie erreicht hatte, dazu bereit war, sie einer solch mörderischen Reihe von Prüfungen zu unterziehen? Während sich unser gemeinsames Gespräch über die nächsten paar Stunden entwickelte, traf ich immer wieder auf viele Dimensionen, sowohl der Meisterschaft des Selbst als auch der Erleuchtung, in diesem bemerkenswerten Menschen, der sich in der Welt der Kampfkünste mit derselben Leichtigkeit bewegt wie in der Welt eines Zen-Roshi.
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