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Postmoderne, Moral und die Evolution einer Vater-Tochter-Beziehung


von Jessica Roemischer
 

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EINE NOCH UNAUSGEREIFTE REISE
In einer meiner frühesten Erinnerungen stehe ich in meinem Kinderbettchen im Schlafzimmer unseres schönen Tudor-Hauses etwas nördlich von New York, von wo aus ich den breiten Hudson-River und die Auffahrt überblicken konnte. Es war später Nachmittag, und das vertraute Knirschen von Reifen auf Asphalt und Kies löste die freudige Reaktion auf eine erfüllte Hoffnung aus: mein Vater war zu Hause. Lebendige Freude durchflutete meinen Körper, als ich an meinem Bettchen rüttelte, im Rhythmus der Musik aus dem Radio im Flur: „Double your pleasure, double your fun, double your flavor, Double-mint Gum.“ Es war 1961.

Die wenigen idyllischen Jahre, die auf meine Geburt folgten, waren häufig Gegenstand der Erinnerungen meiner Mutter: „Dein Vater hat dich wirklich geliebt und dir in diesen frühen Jahren alles gegeben. Du warst seine Erstgeborene.“ Es war das Einzige an ihm, woran sie sich frei von Bitterkeit erinnerte. Und es stimmt, es waren jene frühen Jahre mit ihm, die in meiner Erinnerung ohne Enttäuschung verblieben sind. Ich habe immer gespürt, dass mein Vater und ich uns nahe standen, verbunden auf einer tiefen menschlichen Ebene, einer a priori-Dimension, die unterschwellig immer da war – der einfachen und unabänderlichen Tatsache, dass ich seine Tochter und er mein Vater war und dass wir, wie sich später herausstellen sollte, vieles gemeinsam hatten. Nichtsdestotrotz wurde er, als jene frühen Jahre in die Mitte der sechziger Jahre übergingen, ungreifbarer, und das Gefühl von Freude, Fülle und Ganzheit, welches ich als Kleinkind verspürt hatte, wich einem nagenden Hunger und einer quälenden Unsicherheit: Ich konnte ihn nicht greifen, nicht halten, mich nicht auf ihn verlassen.

Ich war gerade sechs geworden, als meine Mutter eines Nachmittags weinend in die Küche hinunter kam. Als ich sie fragte, wieso sie weinte, sagte sie: „Ich habe Bauchschmerzen.“ Ich verstand das nicht – sie weinte sonst nie. Aber kurz nach dieser verwirrenden Episode nahm sie meinen Bruder und mich zur Seite und erklärte uns, dass mein Vater von nun an woanders leben würde, dass er aber jede Woche oder alle vierzehn Tage zu Besuch käme. Und das tat er – und schlief auf dem Wohnzimmersofa, einem preisgekrönten, modernen dänischen Möbelstück, von dem wir alle wussten, dass es trotz seines Wertes unbequem war. Wir erfuhren erst Jahre später, dass er uns verlassen hatte, um mit der jungen Frau, die unser Kindermädchen gewesen war, eine neue Familie zu gründen.

1969. Am Tag vor meinem zehnten Geburtstag schaute ich mir in einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher an, wie Neil Armstrong und „Buzz“ Aldrin als erste Menschen Boden außerhalb unseres Planeten Erde betraten. Lebhafter blieb mir allerdings von diesem Sommer in Erinnerung, dass ich allein auf dem offenen Feld stand, das als Parkplatz des Sommerferienlagers für Mädchen diente, an welchem ich in den Hügeln der Berkshires in West-Massachusetts teilnahm. Nach und nach trafen Eltern zum Elterntag ein, um ihre Töchter abzuholen und den weiteren Nachmittag mit ihnen zu
verbringen. Ich wartete und wartete, aber mein Vater kam immer noch nicht. Minuten und Stunden vergingen, ich blieb zum Schluss übrig, in Begleitung von einer der Betreuerinnen, schaute verloren den letzten Mädchen und ihren Familien nach, die eben meiner Sicht entschwanden. Schlussendlich fuhr mein Vater vor, aber da war es später Nachmittag, und die meisten Aktivitäten des Elterntages waren bereits vorüber. Trotz alledem war ich froh, ihn zu sehen … und traurig.

„Oh mein Gott, Jess, ich glaube, das ist dein Vater!“ rief meine Mutter eines Morgens aus. Es war etwas später im selben Jahr. Kein Zweifel – da war er: auf der Titelseite der New York Times. Bärtig und mit Pferdeschwanz hatte man ihn bei einer Antikriegsdemonstration in Washington D.C. fotografiert. Er trug einen Sarg, der laut Bildunterschrift mit den Namen jener Amerikaner gefüllt war, die in Vietnam getötet worden waren. Zu der Zeit wurde mir klar, dass mein Vater nicht wie die meisten Väter meiner Freunde war. Er war cool. Ich lud Freunde in das Haus ein, das er kürzlich auf dem Lande außerhalb von New York gekauft hatte und nun in Stand setzte. Dort, in ein kleines malerisches Städtchen am Ufer des Champlain-Sees, in eine Gemeinde, die (wenn überhaupt) nur wenige seiner progressiven Werte teilte, pflanzte er seine neue Familie, seinen linkspolitischen Lebensstil und das, was sich als das beste selbst angebaute Marihuana erwies, das er je geraucht hatte. „Es liegt am Dünger. Den habe ich aus Hühnerkot gemacht“, erklärte er stolz.

Er teilte seine Zeit zwischen seiner neuen Familie und den Studienklassen, die er am Brooklyn College unterrichtete, indem er die lange Stecke hin und her pendelte. Manchmal holte er auf seinem Rückweg aufs Land meinen Bruder und mich ab. Immer wenn wir meine Mutter in unserer adretten Vorstadt zurückließen, um die fünf Stunden nach Norden zu seinem verwinkelten alten Haus zu fahren, stand sie untröstlich im Türrahmen – teils wegen der Einsamkeit, die, wie sie wusste, folgen würde, teils wegen der Geringschätzung, die sie für das neue Leben meines Vaters und seine wachsende Familie empfand. „Dein Vater hatte vier weitere Kinder nötig – so wie ein Loch im Kopf“, wurde für mich eine ihrer Lieblingssticheleien, die sie mit vorhersagbarem und bissigem Spott vortrug. Zwar war diese Antwort nicht ganz unpassend, aber das Leben zu Hause mit meiner Mutter war alles in allem oft zum Ersticken. Obwohl mir eine beständige menschliche Verbindung mit meinem Vater oft fehlte, war ich immer erleichtert und glücklich, wenn ich ihn besuchen konnte. Unter diesen Einflüssen – dem allzu dominanten Wesen meiner Mutter und dem unzuverlässigen Verhalten meines Vaters – begann ich meine Einsamkeit zu füllen, indem ich „hip“ und populär wurde: Ich lullte mich in die tief bewegenden Melodien ein, die ich in der Stille des Abends auf unserem Flügel improvisierte, und kurze Zeit darauf ließ ich mich mit Jungen ein.

LEHREN SIE IHRE KINDER GUT
Ungefähr zur selben Zeit, als ich erkannte, dass mein Vater cool war, stelle ich fest, dass er zudem auch ein brillanter Geist war. Er war Philosophieprofessor und hatte eine außergewöhnliche Bandbreite an Wissen – von den Griechen bis zu den aktuellsten philosophischen Strömungen der Gegenwart. Sein Spezialgebiet war die Schule der amerikanischen Pragmatiker wie George Herbert Mead und John Dewey. Seine Doktorarbeit, ganze 1600 Seiten echter Forschung über den wenig bekannten schottischen Philosophen Thomas Davidson, wurde die maßgebliche Abhandlung über das Leben und Werk jenes Mannes und ersetzte alle vorher erschienenen Arbeiten zu Davidsons philosophischem Beitrag. Meine Mutter hatte eine Ausgabe davon im Keller, alle 5 Bände. Wir scherzten darüber, dass die Doktorarbeit meines Vaters das entscheidende Argument dafür gewesen sein musste, dass Doktorarbeiten schließlich auf einen Umfang von maximal 300 Seiten begrenzt wurden.

Später wurde mein Vater zur Quelle der Inspiration für meinen Geist, für den Teil meiner selbst, der sich den Ideen verschrieben hatte, den Teil, der nicht gänzlich von meinem Herzen getrennt, aber auch nicht hundertprozentig damit verbunden war. „Jess, ehe du deinen Abschluss in Princeton machst, solltest du die unschätzbare Erfahrung machen, Platons Apologie in Altgriechisch zu lesen“, riet mir mein Vater eines Tages, als wir zu seinem Haus am Champlain-See hinauf fuhren. Schließlich schrieb ich mich für Altgriechisch ein, war aber enttäuscht von dem Professor, der bei diesem Thema weit weniger inspirierend war als mein eigener Vater.

In den Zeiten, die er und ich miteinander verbrachten, als ich vom Teenager zum Twen heranwuchs, sprachen wir eigentlich ausnahmslos über Philosophie, über die historische Entwicklung von Ideen und Vorstellungen, über die Evolution des westlichen Denkens. Mit ihm gemeinsam durchstreifte ich das weite Gebiet der großen philosophischen Traditionen der westlichen Welt und landete bei Sokrates, dem heiligen Augustinus, Descartes, Kant, Hegel, Heidegger und Dewey. Das Spezialgebiet meines Vaters war eigentlich die praktische Anwendung jener Ideen, insbesondere auf dem Gebiet der Erziehung. Er lehrte Lehrer das Lehren. Für ihn war Lehren wichtig, denn es war in der realen Welt verankert – auf der Ebene menschlichen Lernens, menschlicher Transformation und vor allem menschlicher Beziehungen.

Ich fühlte mich von seiner überschäumenden Liebe zum Leben genährt und von seinen Einsichten in die menschliche Natur und seiner Wertschätzung für sie. Sie umfasste die ganze Bandbreite von Rasse und Kultur und berührte das Leben der jungen Schüler der innerstädtischen Referendare, die er unterrichtete. Er tat, was er nur konnte, um diesen zukünftigen Lehrern zu helfen, die urwüchsige Energie und das Potenzial der Schüler ihrer Klassen zu erkennen und dabei gleichzeitig zu enthüllen, wie dies von so vielem, was in dem standardisierten Erziehungsprozess vor sich ging, zunichte gemacht wurde. Einmal zeigte ein Referendar einer überwiegend von Schwarzen besuchten Schule im Bedford-Stuyvesant-Bezirk von Brooklyn meinem Vater den Testbogen eines besonders schwierigen Fünftklässlers. In jedes Kästchen dieses sinnlosen mechanischen Prüfungsbogens hatte der Junge in großen, klaren Buchstaben sorgfältig „Fuck you“ eingetragen. In den Augen meines Vaters leuchtete es auf, als er das sah, und er sagte zu dem jungen Lehrer: „Dieses Kind ist vom System noch nicht erdrückt worden! Da ist noch etwas, mit dem du arbeiten kannst!“ Ich bewunderte seine Wertschätzung zutiefst.

Gleichzeitig erschien mir mein Vater wie ein wandelnder Widerspruch, angetrieben von einem genialen Intellekt und authentischer Menschenliebe, aber auch von seinen eigenen Zwängen – Zwängen, die sehr zu den neuen Freiheiten dieser Zeit passten, ja, die geradezu von diesen bestärkt wurden. Wie ich Jahre später entdecken sollte, war er auf bedeutsame Weise ein Beispiel der Kultur, die während der 60er Jahre in Erscheinung trat. Denn trotz der fortschrittlichen Ideologien jener, die an dieser Ära teilnahmen und sie definierten, war das Privatleben so vieler Menschen dieser Zeit von jenen moralischen Prinzipien befreit worden, die zuvor unzählige Generationen im Griff hatten.

So war es auch mit meinem Vater. Seiner ungewöhnlichen Leidenschaft für das Leben, seinem großzügigen Geist und seinem ungeheuren Intellekt stand entgegen, dass er in seinem persönlichen Leben keine Verantwortung übernahm, und dies kreierte eine existenzielle Spaltung in mir. Mein Verstand und mein Herz teilten sich, um damit klar zu kommen. Als ich durch die widersprüchlichen Erfahrungen hindurchging, nährte sich mein Intellekt von der Inspiration und dem Wissen, das mein Vater auf mich übertrug, während mein Herz versuchte, sich mit dem permanenten Hunger nach seiner Anerkennung und Liebe abzufinden. Tatsächlich blieb er unzuverlässig und unkonzentriert und kam auch weiterhin zu spät. Es war ganz simpel: Wie viele seiner Generation befreite die gelockerte Moral, die der neu entstehenden Kultur Auftrieb gab, auch ihn – und eine ganze Gesellschaft – von den traditionellen sozialen Regeln und Rollen. Aber gleichzeitig raubte sie jene Qualitäten, die das eigentliche Gewebe der zwischenmenschlichen Beziehungen ausmachen – Vertrauen, Verpflichtung, Authentizität. Und während sich mein eigenes Leben im Laufe der folgenden Jahre weiter entfaltete, sollte ich aus erster Hand erfahren, dass das Fehlen moralischer Beschränkungen in seinem Kielwasser sowohl Freiheit als auch das Erbe des Narzissmus hinterlässt.



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"Moral Beisst: Auf der Suche nach der Ethik der Postmoderne"



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