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Das kosmische Gewissen


von Andrew Cohen
 






Andrew Cohen

WIE SIEHT DER MORALISCHE KONTEXT FÜR DIE ERFAHRUNG DES MENSCHEN am Beginn des 21. Jahrhunderts aus? Vor allem für die privilegierte, gebildete Minderheit, für jene an der vordersten Front – also für uns: Wie sieht der moralische Kontext für unsere Beziehung zum Leben aus? Tatsache ist, dass es für die meisten von uns keinen gibt. Und das ist das eigentliche Problem. Allerdings ist es nicht unser Fehler. Wir alle sind das Produkt unserer Zeit und unserer Position in der Menschheitsgeschichte. Unser Zeitalter ist das des Individuums – eine Ära, in der die wichtigsten Lebensentscheidungen in der Regel von unseren persönlichen Wünschen und Belangen bestimmt werden. Jetzt, da uns nahezu unendlich viele Möglichkeiten offen stehen, da viele von uns die Vorstellung, es könne höhere Wahrheiten geben, anzweifeln und eine Aversion gegen jegliches Pflichtgefühl haben, verwundert es nicht, dass wir moralisch völlig im Dunkeln tappen. Wir sind so egozentrisch geworden, dass wir buchstäblich den Kontakt mit der moralischen Dimension der menschlichen Erfahrung verloren haben. Und der einzige Weg, wie sich uns ein neuer, authentischer moralischer Kontext erschließen wird, ist, dass unsere Fixierung auf unsere persönlichen Wünsche in den Hintergrund tritt. Aus diesem Grund ist die spirituelle Erfahrung so wichtig.

Nur wenn wir gewillt sind, unsere persönlichen Wünsche loszulassen – so sagen uns die traditionellen Erleuchtungslehren – werden wir das erhabene, prachtvolle, Ehrfurcht gebietende Mysterium des Seins, welches Leben und Tod transzendiert, direkt erfahren können. Die lebendige Offenbarung des erleuchteten Bewusstseins ist deshalb so außergewöhnlich und so befreiend, weil sich darin unsere Wahrnehmung – losgelöst von den Fesseln der persönlichen Sphäre – bis ins schier Unendliche ausdehnt. In dieser grenzenlosen Umarmung von allem Seienden offenbart sich ganz spontan eine Liebe, Leidenschaft und Sorge für alles Seiende. Wir erkennen dann, dass jene Liebe und Fürsorge in keiner Weise getrennt ist von dem Bewusstsein an sich und wahrhaftig unsere eigene tiefste Liebe und Sorge ist. Es gibt nichts, was uns von der inhärenten Güte des schöpferischen Prinzips oder der Quelle des Lebens besser überzeugen kann, als die direkte Entdeckung dieser leidenschaftlichen Liebe und Fürsorge, die ganz natürlich auftaucht, wenn das Bewusstsein von den endlosen Wünschen, Ängsten und Belangen des persönlichen Ego befreit wurde. Jene liebevolle Fürsorge, die wir entdecken, ist nicht nur eine immanente Eigenschaft dessen, wer oder was wir sind, sondern auch das, was wir werden, wenn wir uns wahrhaftig über das Ego hinaus entwickeln. Das Aufregendste an diesem evolutionären Übergang ist das dabei in Erscheinung tretende unmittelbare Gewahrsein eines lebendigen moralischen Kontexts, der in der Struktur der Schöpfung bereits als Grundbestandteil existiert.

Dieser kosmische moralische Kontext offenbart sich durch das sich entfaltende Bewusstsein des erwachenden Menschen. Tatsächlich enthüllt sich die höhere moralische Dimension des Lebens nur dann, wenn es dem erwachenden Menschen gelingt, nicht nur über die Wünsche des persönlichen Selbst hinaus zu blicken, sondern über jedwede Vorstellung einer Selbst-Identität – individuell und kollektiv – , die weniger als grenzenlos ist. Ein neuer, erleuchteter moralischer Rahmen für die menschliche Lebenserfahrung – dessen wir als Spezies so verzweifelt bedürfen – wird nur dann sichtbar werden, wenn ein größerer Teil jener privilegierten Minderheit, der ohnehin schon alles gegeben wurde, bereit ist, ihre Anhaftung an das Glück loszulassen, um so innerlich Platz zu schaffen für das Geschenk, welches das Bewusstsein uns überreichen möchte.

Ironischerweise befinden wir uns in einer ausweglosen Situation. Noch nie waren so viele von uns in der Lage zu verstehen, wie dringend das Universum unsere Evolution über das Ego hinaus, unsere Erleuchtung, benötigt. Aber da wir gleichzeitig alle Kinder der Ära des Individuums sind, ist die Anhaftung an das persönliche Ego oder Selbst-Empfinden so stark wie nie zuvor in der Geschichte. Tatsächlich ist das der Grund, weshalb heute selbst in den höchstentwickelten spirituellen Kreisen der Egotod – diese stete Forderung der größten Meister aller Zeiten – als ein veraltetes Relikt aus unserer weniger erleuchteten Vergangenheit abgetan wird. Was werden wir also tun? Der nächste Schritt hängt wirklich von jedem Einzelnen ab.

Es ist dringend notwendig, dass wir uns der Definition eines neuen moralischen Kontextes widmen, welcher in unserer Vision so weit gefasst ist, dass er die multidimensionale Natur der menschlichen Situation am Beginn des 21. Jahrhunderts in all ihrer Komplexität umschließt. Und einige wagemutige Wegbereiter sind in diesem Bestreben bereits gut vorangekommen. Doch das Entscheidende bei diesem Projekt ist – da wird wohl kaum jemand widersprechen – dass jeder Einzelne von uns tatsächlich willens ist, den Preis für die Selbst-Transzendenz zu zahlen, denn dadurch werden immer mehr von uns fähig, die Konturen und Parameter dieser neuen moralischen Basis aus dem Herzen des Bewusstseins selbst direkt intuitiv zu empfangen.

Andrew Cohen, Gründer und Chefredakteur von What Is Enlightenment?, ist seit 1986 spiritueller Lehrer sowie Autor zahlreicher Bücher, darunter Erleuchtet leben und Himmel und Erde umarmen. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte www.andrewcohen.org



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"Moral Beisst: Auf der Suche nach der Ethik der Postmoderne"



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