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HAT GOTT SICH VON UNS ABGEWANDT? Allein gelassen, jetzt, da wir hoch gegriffen und die Geheimnisse der Schöpfung erfasst haben – den genetischen Code geknackt, das Atom gespalten, neue Intelligenz- und Lebensformen erfunden und nervenähnliche Netzwerke gewoben haben, die uns rund um den Globus miteinander verbinden? Das frage ich mich ernstlich. Wir überschreiten fortwährend die Schranken zum Wunderbaren und die Grenzen des Möglichen. Haben Sie von dem Gelähmten gehört, dessen Gehirn direkt mit einem Computer verbunden wurde, sodass er nun mittels seiner Gedanken den Cursor bewegen kann? Das ist ein Wunder. Doch andererseits war vieles, was wir heute für selbstverständlich erachten – wie das Fliegen, die bewegten Bilder, die über den Äther in unsere Wohnzimmer kommen oder ins Leben zurück geholte Herzinfarkt-Opfer – einst Wunder, die ausschließlich Gott vorbehalten waren. Das ist das Aufregende und Unheimliche an uns Menschen: Wir wollen immer noch über das äußerste Limit hinaus – wir wagen zu wissen, wir versuchen das Schicksal – und testen alle Grenzen aus, die uns auferlegt wurden. Aber können wir auch zu weit gehen? Kürzlich las ich in einem Artikel den nüchternen Hinweis, dass sich Wohlhabende schon bald eigene Kinder genetisch konstruieren können. Der Autor hinterfragte dies nicht einmal, er machte sich lediglich Gedanken über dessen möglichen Effekt auf das Bildungssystem! Das hat mich wirklich ins Grübeln gebracht: Was wird geschehen, wenn wir letztlich mit zwei verschiedenen menschlichen Spezies da stehen –einer durch Genmanipulation und Nanotechnologie verbesserten und einer, die zunehmend unmodern oder gar entbehrlich wird? Und das ist längst noch nicht die erschreckendste aller Zukunftsvisionen, die uns bevorstehen könnten. Ein Freund schockierte mich neulich mit der Aussage, dass wir möglicherweise schon sehr bald moralische Entscheidungen werden treffen müssen, die im vergangenen Jahrhundert noch als ungeheuerliche Verbrechen betrachtet worden wären. Was wäre, wenn wir erkennen müssten, dass die Erde uns nicht alle ernähren kann und wir zu entscheiden hätten, wer sie verlassen muss? Niemand spricht über derartige Dinge, sagte er. Niemand stellt sich den wirklichen moralischen Fragen, die auf uns zu kommen. Und hat er nicht Recht? Es gibt so viele Dinge in unserer sich rapide verändernden und außer Kontrolle geratenen Welt, die mir Sorge bereiten – Dinge, von denen ich nicht weiß, wie ich mit ihnen umgehen soll, und die schwerwiegende moralische Fragen aufwerfen. Selbst bei den scheinbar geringfügigen, tagtäglichen Konfrontationen mit der Tatsache, dass wir alle global vernetzt sind, bin ich mir nicht sicher, dass ich mir der Auswirkungen meiner Handlungen stets bewusst bin. Nehme ich mir die halbe Minute Zeit, um eine E-Mail-Petition gegen die Steinigung einer Frau in Afghanistan zu beantworten? Halte ich lange genug inne, um mir klar zu machen, was es eigentlich bedeutet, dass die soeben gekauften Betttücher mit dem Etikett „Made in Pakistan“ so unglaublich billig waren? Ich frage mich oft schuldbewusst: Macht es wirklich einen Unterschied, ob ich mich um derlei Dinge kümmere – oder gehe ich damit nur den tiefer liegenden moralischen Implikationen eines Lebens als privilegierte Westlerin in einer globalisierten Welt aus dem Weg? Ich sehe, wie einfach es ist, die vorbeiziehende Bilderflut nur zu überfliegen, im Internet von einem Ding zum anderen zu klicken – und das Bizarre, das Ergreifende und das Grauenvolle erschaffen eine glatte, fast undurchdringliche Fassade. Heute ist der sensationelle Vergewaltigungsprozess gegen einen prominenten Sportler die Topstory des Tages, morgen der irakische Vergeltungsschlag gegen die US-Truppen und übermorgen J. Los Trennung von ihrem aktuellen Lover. Alles ist gleichwertig – gleich wichtig oder unwichtig –, was zählt hängt davon ab, was du willst. Etwas Unangenehmes oder Problematisches erscheint auf dem Bildschirm – ein Knopfdruck und weg ist es. Warum sollte ich nicht einfach bei eBay shoppen? Auf diese Weise werde ich zum Zentrum von allem – indem ich auswähle, was bedeutsam ist und was nicht. Nur zu leicht verschleißt die menschliche Entscheidungsfähigkeit die Grundlage allen moralischen Handelns, weil wir sie permanent als Mechanismus unserer Wunscherfüllung nutzen. Was geschieht mit uns, wenn alles Sinn und Bedeutung Gebende – unsere Prinzipien, unsere Aufgabe hier in der Welt, unsere Beziehungen – lediglich zu einer weiteren Reihe von Entscheidungen wird, die wir treffen? Auf diese Weise wird alles Wahre und Richtige nach und nach auf unsere eigenen persönlichen Vorlieben reduziert – ein Spiegelsaal, in dem alles auf uns zurückgeworfen wird und nur für uns existiert. Aber das ist eine Lüge, eine seltsam einlullende, narzisstisch betäubende Lüge. Und wie sehr ich mich auch in dieser selbst erschaffenen Welt verlieren mag, es bleibt immer ein nagendes Gefühl, das auch durch Shopping oder das nächste neue Erlebnis nie ganz unterdrückt werden kann – es ist dieses Wissen darum, dass unsere Art zu leben nicht richtig ist, dass sich dringend etwas ändern muss, und zwar schnell. Denn unter oder hinter diesen spiegelnden Oberflächen geschieht etwas wirklich Ungeheuerliches: Wir erreichen einen kritischen Entscheidungspunkt. Es sieht nämlich so aus, dass die Menschheit eine Chance von lediglich 50% hat, dieses gerade begonnene Jahrhundert zu überstehen, so Sir Martin Rees, Leiter der Königlichen Sternwarte Greenwich und einer der angesehensten Wissenschaftler Englands, in seinem neuesten Buch Unsere letzte Stunde. Viele der neuen Technologien, mit denen Wissenschaftler derzeit experimentieren, haben nicht nur ein außergewöhnliches Potenzial, das menschliche Leben zu verbessern, sie könnten ebenso Verwüstungen in nie da gewesenem Ausmaß verursachen. Rees findet, aufgrund unserer Macht seien wir oftmals viel zu hochmütig und ethisch nicht vorbereitet, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Uns fehlt der ethische Rahmen, um neue Formen eines immer destruktiver werdenden Terrorismus zu verhindern, die Umweltzerstörung zu stoppen oder der Hybris einer wissenschaftlichen Kultur Einhalt zu gebieten, die gewillt ist, mit dem Leben an sich ein ungeheuer riskantes Spiel zu treiben. Wir sind in eine Sackgasse geraten. Unsere moralischen Leitlinien, an denen wir uns orientieren, wenn wir Richtig von Falsch unterscheiden wollen, sind erbärmlich inadäquat für eine Welt, die technologisch immer ausgereifter wird und global von steigender gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet ist. Die Auswirkungen dieser technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen waren völlig unvorhersehbar und beispiellos – sie konfrontieren uns mit den unterschiedlichsten Lebensumständen und miteinander im Widerstreit liegenden Weltanschauungen rund um den Globus. Währenddessen, und von uns nahezu unbemerkt, haben wir einen Punkt erreicht, wo die Morallehren der großen Weltreligionen, welche die Menschheit Jahrhunderte lang führten, uns nicht mehr helfen können, diese schwierigen globalen Verwicklungen zu lösen. Die meisten Menschen erkennen zudem, dass ein blindes Vertrauen in das Versprechen der Moderne, Wissenschaft und Technik würden schon alles richten, die moralischen Probleme, denen wir uns gegenüber sehen, nicht wirklich aus dem Weg räumen wird. Die Erkenntnis sollte also nicht überraschen, dass die große Mehrheit der spirituell gesinnten Menschen dieser postmodernen Ära keine Ethik zur Hand hat, die uns angesichts einer immer temporeicheren, konfliktgebeutelten Welt richtiges Tun lehrt. Wie sollten wir auch? Die Menschheit war nie zuvor an diesem Punkt, wo sie die Macht hatte, das Schicksal des Lebens an sich zu bestimmen. Der Kontext, in dem wir Entscheidungen treffen, ist wesentlich größer und komplexer geworden. Er verlangt, dass wir eine neue Beurteilungsweise entwickeln, nach der wir bestimmen, was richtig und falsch ist – eine, die uns über die Sicherheit der Tradition, über die Verheißungen der Moderne, ja, selbst über die mühsam erworbenen Freiheiten unserer postmodernen Kultur hinaus trägt. AUS DER VERGANGENHEIT HERAUSWACHSEN Was bedeutet dies für die Moral? Heutzutage scheint allein schon das Wort altmodisch ein Relikt aus rigiden und verklemmten Zeiten. Wahrscheinlich ist Moral für die meisten von uns noch immer konnotiert mit ‚Nonnen, die uns mit Linealen auf die Finger schlagen‘ – und all den ‚Du sollst dies‘ und ‚Du sollst das nicht‘ in unserem Leben, insbesondere unserem Sexualleben, von denen wir uns mühsam freigekämpft haben. Unsere ersten Ethikunterweisungen erhielten wir vermutlich, als wir eine Liste von Regeln, wie die Zehn Gebote, auswendig lernten und verinnerlichten. Das kann gewiss einige recht unangenehme Erinnerungen heraufbeschwören – an Ecken, in denen man zur Strafe stehen musste, an Priester und Beichten und all die Mittel und Wege, durch welche die Erwachsenenwelt versuchte, uns zu angepassten Bürgern zu erziehen, als wir noch klein waren. Das eigentliche Ziel war dabei, uns an etwas auszurichten, das größer war als unsere kindlichen Triebe. Uns wurde beigebracht, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden, um uns zu befähigen, als Teil unserer Familie und Gemeinschaft mit anderen Menschen zusammenzuleben. Aber wir sind der Moral unserer Kindheit entwachsen. So wie jeder von uns erwachsen geworden und über die schützenden Grenzen von Familie und Schulhof in eine gefährlichere und weniger klar umrissene Welt hinausgegangen ist, sind für uns alle die Morallehren vom Vorjahr mindestens zwei Nummern zu klein geworden. Heutzutage sind uns die zehn Gebote, die grundlegend neu waren, als Moses damals jene beiden Steintafeln vom Berg Sinai herunter brachte, als Richtlinien für den menschlichen Umgang so vertraut wie das Gesicht unserer Mutter. Wer würde über solche Grundprinzipien, wie die Eltern zu achten, ehrlich zu sein, sich um den Nächsten zu kümmern und weder zu stehlen noch zu töten, ernstlich diskutieren wollen? Der Moralkodex der Weltreligionen bot einen Entwurfsplan, nach dem die Entwicklung von Familie und Gemeinschaftsleben gelenkt werden konnte, er gliederte und formulierte die Voraussetzungen zur Bildung friedlicher, homogener Enklaven. Im Laufe der Zeit bildete er die Basis für die juristische und soziale Infrastruktur der modernen Nation, denn die gemeinschaftliche Moral ermöglichte eine über die Religionszugehörigkeit des Einzelnen hinausgehende, nationale Identität. Aber wir haben uns weiter entwickelt. Vielfalt ist eine faktische Gegebenheit. Eine Nation muss längst vielen unterschiedlichen Identitätsgruppen eine Heimat bieten. Wir sind über den für alle gültigen Einheitsmoralkodex hinausgewachsen. Unser Befreiungsversuch, der in den 60ern begann und eine neue, postmoderne Zeit einleitete, hat uns über den zugeknöpften Ethos der traditionellen Moral hinausgeführt. Dieser Wechsel in die Postmoderne rüttelte uns aus dem Traum auf, die Idealvorstellung sei, eine homogene Kultur zu erschaffen und sich ihr anzupassen. Die neue Sicht wertschätzte die Tatsache, dass unsere Welt pluralistisch ist – voller Menschen, die anders denken und handeln als wir. Und jetzt, da die Grenzen von Gemeinschaften und Ländern sich in einem größeren und komplexeren globalen Ganzen auflösen, brauchen wir neue Kriterien und Wege, um Richtig und Falsch zu bestimmen. Diese müssen die Tatsache berücksichtigen, dass wir in einer chaotischen Welt der Gegensätze leben, die von der Vernichtung durch unsere eigene Hand bedroht ist. DER WANDEL DER MORALISCHEN GRUNDLAGE Wie war es vor der Bürgerrechtsbewegung, vor den Demonstrationen gegen
den Vietnam-Krieg, vor der Frauen- und Schwulenbewegung und bevor es Tier- und
Umweltschutzaktivisten gab? Vielleicht erinnern Sie sich noch, oder Sie sind
während dieser Übergangsphase aufgewachsen, so wie ich? Vielleicht
haben Sie sich auch nur gefragt, ob die Einblicke, die Sie im bizarren Licht
alter Schwarz-Weiß-Filmwiederholungen im Fernsehen erhaschen konnten,
möglicherweise einen Bezug zur Wirklichkeit haben? Wie auch immer, es gehört
jedenfalls nicht viel dazu, festzustellen, dass die erste Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts eine andere Welt war. Zur Erinnerung: Wussten Sie, dass im Fernsehen
nur verheiratete Paare in einem Doppelbett schlafend gezeigt werden konnten?
Oder dass eine „Geschiedene“ eine Frau von zweifelhaftem Ruf war?
Noch bis vor kurzem hielt man Homosexualität für eine Krankheit und
eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung. Schwarze saßen in den USA
im hinteren Teil des Busses, und Chinesen hatten Wäschereien, in denen
noch per Hand gewaschen wurde. So waren die Dinge eben, ohne böse Absicht.
Eines Mannes Haus war seine Burg. Männer trugen Hüte und Frauen Handschuhe,
Hüftgürtel und Strümpfe mit Strumpfhaltern. Der Versuch, ein
Kondom zu kaufen oder zu verkaufen, konnte mit Gefängnis bestraft werden.
Und wollte eine Frau einen Kredit aufnehmen, so brauchte sie dafür die
Erlaubnis ihres Ehemannes. Jedermann wusste, dass die Wissenschaft Wundermittel
produzierte, die Krebs und Erkältungen heilen würden, und dass sie
Wege entwickelte, die Welt durch Schädlingsbekämpfung und Verbesserung
der Bodenqualität vom Hunger zu befreien. „Besser Leben durch Chemie“
war der Slogan von DuPont, der Firma, die DDT herstellte. Es schien so offensichtlich,
dass das Leben Tag für Tag besser wurde. Die Wissenschaft hatte sogar die
Muttermilch übertroffen, indem sie Rezepturen für Säuglinge erfand!
Wer seinen Teil leistete, hart arbeitete und eine Familie gründete, um
dadurch das verheißene „rechtschaffene Leben“ zu erlangen,
der war ein guter und moralischer Mensch.
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