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Ein Blick in die Zukunft


Ein Interview mit John Petersen
 




WIE: John, Ihre Denkfabrik, das Arlington Institute, wurde gegründet, um die kulturellen Trends zu beobachten, die gerade auftauchen und die einen tiefgreifenden Einfluss auf die Zukunft unserer Zivilisation haben werden. Welche neueren Entwicklungen haben Sie beobachtet?

JOHN PETERSEN: In den letzten paar Monaten haben sich mehrere Dinge verändert, was Auswirkungen auf grundsätzliche Gesichtspunkte des menschlichen Lebens und der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion haben wird. Es gibt eine solche Veränderung jeweils in der Biotechnologie, in der Technologie, im Energiebereich und in der Geopolitik. Und es ist bedeutsam, dass all diese Ereignisse innerhalb einer so kurzen Zeitspanne aufgetreten sind. Zuerst zur Biotechnologie. Da tauchen eine ganze Reihe von Dingen auf, von denen das bedeutendste das Klonen ist, die Fähigkeit, menschliche Wesen zu erzeugen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit besitzen wir die Fähigkeit, Menschen zu erzeugen und zu duplizieren, nicht nur pflanzliches oder tierisches Leben, sondern menschliches. Und wir sind kaum in der Lage auch nur ansatzweise zu verstehen, welche Bedeutung und Auswirkung das aus soziologischer Sicht hat.
Auch auf dem Feld der Technologie ereignet sich Bedeutendes. In den letzten paar Wochen gab es einen Durchbruch dabei, heraus zu finden, wie man einem Affen beibringen kann, einen Computer nur durch Gedanken zu beherrschen. Der Affe denkt „nach oben“ und der Cursor geht nach oben, er denkt „nach rechts“ und der Cursor geht nach rechts. Diese ganze Vorstellung, dass man mit der Technik eines Computers lediglich mit Hilfe der eigenen Gedanken in Verbindung treten könnte, hat in der Folge tiefgreifende Auswirkungen. Wenn man zum Beispiel diese neue Möglichkeit verbindet mit der Fähigkeit, Sprachen automatisch zu übersetzen – was wir in ungefähr vier oder fünf Jahren können werden – was dann? Plötzlich können wir technische Fertigkeiten so miteinander kombinieren, dass eine Person dadurch in die Lage versetzt wird, Computer mit ihren Gedanken zu beherrschen, und dass sie das über alle Sprachgrenzen hinweg tun kann.
Und dann im Energiebereich: Da wurden kürzlich ganz neue Möglichkeiten der Energiegewinnung entdeckt. Das passiert nur einmal im Leben oder einmal im Jahrhundert. Zum Beispiel wurde kürzlich eine Möglichkeit entdeckt, Elektrizität zu erzeugen
und nutzbar zu machen, indem man einfach Wasser auf eine Metallplatte leitet. Das könnte der Anfang der Fähigkeit sein, kleine
Geräte, wie Palm-Pilots oder Taschenrechner, durch Wasserbatterien mit Energie, oder vielleicht eines Tages ein nationales Energienetz aus einer sauberen, erneuerbaren Quelle mit Elektrizität zu versorgen. Und wenn man das zusammenfügt mit der jüngsten Mitteilung, dass eine Forschungsgruppe herausgefunden hat, wie man die Kosten der Photozellen für Solarenergie um den Faktor zwanzig verringern kann, dann besitzen wir plötzlich die Möglichkeit, überall rund um die Welt Elektrizität zu erzeugen, und das wesentlich billiger als auf all die kapitalintensiven, zentralisierten Arten, mit denen wir im Augenblick Elektrizität produzieren.

WIE: Über welchen Zeitrahmen reden wir bei dieser Veränderung in der Energieproduktion?

JP: Ich glaube zwei oder drei Jahre.

WIE: Sie haben auch die Geopolitik erwähnt?

JP: Ja. An der geopolitischen Front gibt es die Situation im Irak und die im Mittleren Osten allgemein. Gerade fällt Saudi-Arabien auseinander. Das geschieht von Innen heraus – und das in einem Ausmaß, dass die Führung des Landes kürzlich versuchte, die Pässe aller ausländischen Arbeitnehmer einzusammeln. Aber das sind gerade die Leute, die die Industrie des Landes am Laufen halten. Im schlimmsten Fall wird vielleicht die Regierung Saudi-Arabiens auseinander brechen, und das könnte zu einer riesigen Störung auf dem Energiemarkt führen und eine globale Depression verursachen.Das ist eine ganz große Sache. Da haben wir also diese großen, bedeutungsvollen Ereignisse, die in unterschiedlichen Ausmaßen in Erscheinung treten und zur selben Zeit zusammentreffen. Und die ethische Bedeutung all dessen verstehen wir nicht. Eigentlich hangeln wir uns irgendwie über einen Abgrund, und dabei benutzen wir die Moral und die Wertvorstellungen der Vergangenheit bei dem Versuch, diese Ereignisse und die neuen technischen Möglichkeiten der Zukunft zu verstehen, und dabei ist das so anders als alles, was wir bis dahin gesehen haben. Und zwischen all dem die Balance zu halten, ist das Beste, was die verschiedenen menschlichen Gemeinwesen tun können. Sie haben das aber nicht im Blick, sie leiten keine Überbrückungsmaßnahmen ein, die helfen würden, damit zurecht zu kommen. Da wird doch zum Beispiel durch die Probleme im Irak und Saudi-Arabien die reale Möglichkeit eines lang andauernden „kleinen“ Krieges zwischen dem Islam und dem Westen geschaffen – wenn wir nicht richtig damit umgehen. Das ist ja nun ein ernstes Thema. Und um das auf effektive Art zu antizipieren und damit umzugehen, müsste man sich nicht nur mit den Symptomen befassen und den Problemen, wie Terrorismus und so weiter, die jeden Tag auftauchen, sondern man muss sich auch mit den Themen beschäftigen, die all dem zu Grunde liegen. Und, bei allem Respekt, ich kenne keinen in unserer Regierung, der weiß, wie er mit diesen fundamentalen Dingen umgehen soll. Aber gerade das ist hier gefordert – eine Art aufgeklärte Sichtweise, die auf die grundlegenden Probleme in umfassender und systematischer Weise reagiert und die zukünftige Entwicklung nicht außer Acht lässt: eine Sichtweise, die proaktiv ist und nicht nur reaktiv, wie bei unseren herkömmlichen Handlungsweisen.

WIE: Sehen Sie diese aufgeklärtere Sichtweise bei irgendeinem der Präsidentschaftskandidaten der USA – diese Art systemischen Denkens? Sehen Sie da Potenziale?

JP: Ja, schon. Momentan kann man das noch nicht sehen, weil sie alle versuchen, die Vorwahlen zu gewinnen. Aber ich glaube, wir werden es zuerst bei Howard Dean und ein oder zwei anderen Kandidaten sehen, wenn es aufs Frühjahr und die Wahl zugeht.

John L. Petersen ist Gründer und Leiter des Arlington Institute, eines Forschungsinstitutes in Washington D.C. Er ist der Autor des Buches Out of the Blue: How to Anticipate Big Future Surprises.



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