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Enlightenment Unplugged:


Mehr als eine Buchbesprechung
von Walter Truett Anderson's The Next Enlightenment: Integrating East and West in a New Vision of Human Evolution
von Carter Phipps
 

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WAS HART GESOTTENE WISSENSCHAFTLER so gar nicht vertragen ist, wenn spirituelle Menschen anfangen, über die Seele zu reden. Versetzen Sie sich doch einmal in ihre Lage: Was ist die Seele? Wo ist sie? Zeigen Sie mir die Daten. Seele widerspricht aller Empirie. Geben Sie der Seele etwas Raum und schon wird irgendjemand Ihre Seele retten wollen. Und es geht nicht nur um die Seele, sondern auch um alle diese esoterisch-religiösen Begriffe, die auf etwas nicht Physikalisches, Immaterielles, Unsagbares, Transzendentes verweisen – Sie wissen schon, Worte wie Gott, Leere, das Absolute, das Jenseitige, das Zeitlose, Erleuchtung… Erleuchtung? Moment mal, nicht so schnell! Erleuchtung, die traditionell als das höchste Ziel des spirituellen Lebens gesehen wird, erfährt in der Kultur der Gegenwart eine Veränderung, und die Burschen in den Laborkitteln beginnen sich für dieses mystische Ideal zu interessieren. Ja richtig: Legen Sie Jetzt – Die Kraft der Gegenwart zur Seite, hören Sie auf, Ihren Atem zu beobachten, lassen Sie die downward- dog Position sein, und geben Sie acht. Es gibt eine neue kulturelle Bewegung, eine neue philosophisch-spirituelle Richtung, eine kraftvolle und verführerische Mischung aus moderner Wissenschaft, postmoderner Philosophie und asiatischem Mystizismus. Und sie erregt bereits die Aufmerksamkeit einer Intelligentia, die zwar neugierig auf Spirituelles ist, aber schon lange misstrauisch gegenüber jeglichem neuen Paradigma, das sich nicht auf eine rationale, wissenschaftliche und empirische Weltsicht gründet. Macht Platz, ihr Prophezeiungen von Celestine, hier kommt eine neue spirituelle Anti-Theologie, die sogar Intellektuelle lieben können. Wir könnten sie eine „entzauberte Erleuchtung“ nennen – abgekoppelt von religiösen, spirituellen und moralischen Wurzeln und neu verpackt für eine weltliche, individualistische Kultur. Mit ein bisschen Unterstützung durch Biologie und Gehirnforschung und etwas evolutionärer Inspiration entledigen sich Heerscharen neuer Theoretiker des überflüssigen Gepäcks von Ritual, Glaube, Frömmigkeit, Moral, sogar Gott – und versuchen, zum Kern der individuellen Erleuchtungserfahrung vorzustoßen.

Was läuft hier wirklich? Sind wir Zeugen der Geburt einer neuen Ära spiritueller Entwicklung, und entdecken wir endlich eine Vision von Erleuchtung, die wahrlich dem Leben der globalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts entspricht? Oder verfehlen diese neuen Erleuchtungslieferanten völlig das Ziel, indem sie das Mysterium des Bewusstseins der beschränkten Perspektive des Mikroskops unterwerfen, Gott entfernen, und sich einer materialistischen Kultur bedienen, die spirituelle Nahrung gratis frei Haus zugestellt haben will.

Im vergangenen Sommer, als ein Vorabdruck von The Next Enlightenment: Integrating East and West in a New Vision of Human Evolution von Walter Truett Anderson bei uns in der Redaktion auftauchte, wurde uns klar, dass das Konzept der Erleuchtung tatsächlich auf neues Terrain vorzudringen beginnt und dass die Frage, die den Umschlag unserer Zeitschrift ziert, in einem viel breiteren Bereich unserer Kultur gestellt wird als je zuvor. In der Redaktion von WIE erregte das Buch Aufsehen. Vor uns lag eine weite, rationale und umfassend neue spirituelle Vision, die die Traditionen weit hinter sich ließ – eine faszinierende Erleuchtungsphilosophie, die Einsichten aus der Psychologie, der kosmologischen Evolution und der kognitiven Wissenschaft beinhaltete. Vieles davon haben wir seit langem in unserer Zeitschrift thematisiert. Hier war ein Buch, das auf den ersten Blick traditionelle Religion und einen Gutteil der zeitgenössischen Spiritualität zu verwerfen schien, gleichzeitig aber auch die mystische Tradition des spirituellen Lebens in sich trug. In einer Welt voller Erleuchtungsparadigmen, die entweder in den Beschränkungen der alten Traditionen festgefahren waren oder in der Selbsthilfe-Spiritualität des Ich-bin-ok, du-bist-ok, Sei-im-Hier-und-Jetzt vor sich hin schmachteten, war Andersons Buch ein Schritt vorwärts, und sein Werk schien uns repräsentativ für diese aufstrebende philosophische Bewegung in der Kultur. Überdies stellte es eine entscheidende Frage: Könnten diese neuen Theoretiker eine wirklich brauchbare spirituelle Vision für unsere globalisierte Welt bieten? Und – noch wichtiger – könnten sie es, ohne zu weit in den Bann des zeitgenössischen intellektuellen Ethos zu geraten, der wenig Verständnis oder Wertschätzung für die Wege des Geistes hat?

MODERNE ERLEUCHTUNG

Allein die Tatsache, dass ein Buch von Walter Truett Anderson die Frage nach der Erleuchtung stellt, besagt schon etwas Wichtiges. Anderson – ein langjähriger Chronist der philosophischen Trends der kulturellen Avantgarde – genießt den Ruf eines Journalisten mit einer einzigartigen Empfindsamkeit für die Gezeiten des modernen Lebens. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist eindrucksvoll in ihrer Eklektik und auch eindrucksvoll an sich. In den letzten Jahrzehnten verfolgte er die Spur der Entwicklung menschlichen Denkens in Büchern wie The Upstart Spring, eine Schilderung der Saga des Esalen-Instituts, über Evolution Isn’t What It Used To Be, eine umfassende Reise durch die neuen Welten der Evolutionswissenschaft, zu Reality Isn’t What It Used To Be, eine Einführung in postmodernes Denken. Er hat Doktorate in Politikwissenschaft und Sozialpsychologie und war nicht nur Beobachter des kalifornischen Human Potential-Goldrausches, sondern selbst ein Goldgräber, der seine eigenen Encounter-Gruppen in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern leitete.

Anderson beginnt The Next Enlightenment, sein zehntes Buch, mit der Beschreibung eines, wie er es nennt, „Erleuchtungsprojektes“, das sich jetzt eben in unserer Kultur bemerkbar macht, und führt den Leser durch die grundlegenden Elemente dieses neuen Projekts. Diese Unternehmung nimmt soeben Gestalt an, und wird sich auf eine breite Palette wissenschaftlicher und spiritueller Erkenntnisse aus Ost und West stützen müssen. Sie wird auf den Errungenschaften europäischen Denkens einiger vergangener Jahrhunderte aufzubauen und eine Anzahl neuer Entwicklungen in Wissenschaft und Psychologie zu integrieren haben, die Anderson entscheidend für das Verständnis des gegenwärtigen Erleuchtungskonzepts hält. Es leuchtet ein, dass er seinem Buch schon zu Anfang einen weiten Umfang setzt, das seiner eilenden Feder durch Kosmologie, Geschichte, Psychologie, Biologie, Existenzialismus, die Human Potential-Bewegung, religiöse Tradition und zurück zur Erleuchtung folgt. Andersons Erleuchtungsprojekt wird „eine hinreichend breite Perspektive benötigen, um sowohl die Kernaussagen der asiatischen Erleuchtungstraditionen als auch das rational-wissenschaftliche Erbe der europäischen Aufklärung zu umfangen“. Die asiatischen Erleuchtungstraditionen werden zwar ausreichend behandelt, seine tiefere Loyalität gehört jedoch deutlich der europäischen Aufklärung. Anderson ist ein echtes Kind des wissenschaftlichen Zeitalters und fühlt sich den religiösen Traditionen unserer Vergangenheit philosophisch nur wenig verpflichtet. Er schreibt: „Auf diesen Seiten möchte ich eine Sichtweise von Erleuchtung erforschen, die im Licht der Wissenschaft steht und in den rationalen Traditionen westlichen Denkens wurzelt.“

Das erregendste Ergebnis dieses neuen Lichts der Wissenschaft ist, dass Anderson den kosmologischen Wurf unseres evolutionären Erbes in sein Erleuchtungsprojekt einbezieht. Er meint tatsächlich, dass die Termini „Erleuchtungsprojekt“ und „Evolutionsprojekt“ austauschbar sind. Zu Beginn schreibt er: „Erleuchtung ist ein evolutionäres Projekt. Eines, das dem Verständnis von Evolution lange vorausgegangen ist.“ Es kann nicht genug betont werden, wie es ist, die nächste Erleuchtung in einen evolutionären Kontext zu stellen, einen Kontext, der in erster Linie auf die Entwicklung der Spezies fokussiert und nicht auf die des Individuums. Angesichts der Krisensituation der heutigen Welt brauchen wir dringend eine umfassende Kulturdiskussion menschlicher Entwicklung und menschlichen Potenzials, die unsere Aufmerksamkeit über die narzisstischen Normen unserer Gesellschaft hinaus führt – die sowohl westlich der hinduistischen Ashrams als auch östlich von Kalifornien relevant ist. Solch ein Kontext wird durch eine Verbindung der spirituellen Fragen der Erleuchtung mit den pragmatischen Fragen der kollektiven evolutionären Zukunft hergestellt. Es ist ermutigend zu sehen, wie Anderson das Thema aufgreift und es virtuos entwickelt.

Allerdings hat Andersons erfrischend wissenschaftsfreundlicher Standpunkt und seine Betonung des westlichen Rationalismus auch eine beunruhigende Seite, insbesondere sobald es klar wird, dass er viel mehr unternimmt als nur dem zeitgenössischen spirituellen Smörgasbord eine Dosis Wissenschaft und Rationalität hinzuzufügen. Wenn man zwischen den Zeilen liest, taucht in The Next Enlightenment ein weiterer Text auf, ein zweites Thema, das ungefähr so lautet:

Der für die Entwicklung unserer Spezies entscheidende evolutionäre Durchbruch, die Erleuchtung, wurde vereinnahmt und wird durch eine böse Macht – genannt Religion – in einem Gefängnis aus Dogma und Aberglauben in Geiselhaft gehalten. In dieser Erzählung sieht sich Anderson als ein Befreier. Die rationalen Fachrichtungen der Wissenschaft, der postmodernen Philosophie und Psychologie sind seine Waffen. So wie einst Voltaire und Diderot die orthodoxe katholische Priesterschaft bekämpften, ist Anderson entschlossen, die höheren Bereiche der menschlichen Entwicklung von ihrer Assoziation mit den Dogmen unseres religiösen Erbes zu befreien. Dieses Szenario hat einen gewissen Wahrheitsgehalt, aber – wie ein übereifriger Soldat – giert Anderson so sehr darauf, den Bösewicht zu metzeln, dass im Zuge der Befreiung auch die Geisel Schaden nimmt. Er erlöst zwar die Erleuchtung aus den veralteten religiösen Strukturen der Vergangenheit, unterwirft sie jedoch einer neuen, wenn auch weniger offensichtlichen Tyrannei – einem postmodernen, sekulären Ethos, in dem wissenschaftlicher Materialismus und entfesselter Individualismus uneingeschränkt herrschen.

Dieses Szenario wird in The Next Enlightenment wieder und wieder durchgespielt. Anderson will die Erleuchtung von ihrem religiösen Podest herunterholen und ihr elitäres Image als eine geheimnisumwitterte „religiöse Erfahrung“ beseitigen, „die nur von wenigen innerhalb gewisser überlieferter Traditionen erreicht werden kann“. Für Anderson ist Religion ein deutlich unerfreuliches Konzept, und er verwendet beträchtliche Zeit darauf, die vielen Mängel menschlicher Weisheitstraditionen aufzuzeigen. Selbst der Ausdruck „Religion“, so schreibt er, erinnert sofort an „so viel Hierarchie, so viel Mythologie – an Relikte toter Kulturen, an so viele zweifelhafte Dogmen und so viele übellaunige alte Männer, die schwer beladen sind mit Gesetzestafeln und Verboten: „Du sollst nicht...!“.

Wie Sie wissen, unternimmt es die Redaktion dieser Zeitschrift nur selten, die Bedeutung alter Traditionen für die Moderne zu verteidigen. In vieler Hinsicht schätze ich Andersons Risikobereitschaft, sich zu exponieren und laut zu sagen, was nur wenige zuzugeben gewillt sind – dass die spirituellen Traditionen weit hinter der spirituellen Entwicklungskurve der heutigen globalen pluralistischen Gesellschaft zurückbleiben. Aber er pokert zu hoch. Seine Kritik wirkt übereifrig und – noch entscheidender – erspart es ihm, die größte Herausforderung seines Erleuchtungsprojekts anzunehmen: Wie vermittelt man Erleuchtung in einem sekulären Zeitalter, ohne ihre transzendente Dimension zu kompromittieren, die heilige Dimension, die die Religion trotz all ihrer offensichtlichen Fehler zu bewahren bemüht war? Wie entzaubert man Erleuchtung, ohne sie zu entheiligen? Anderson hat, wie viele andere Philosophen, Wissenschaftler und Akademiker, die dazu beitragen, die Gestalt dieses neuen Erleuchtungsparadigmas zu definieren, durchaus recht, dass sich die Erleuchtung entwickeln muss, und zwar schnell, wenn sie den Ansprüchen der Welt des 21. Jahrhunderts genügen will. Wie aber bringen wir die prämoderne Auffassung von Erleuchtung in dieser Wirklichkeit auf aktuellen Stand – für eine Gesellschaft, die sich im postmodernen Zeitalter verschanzt hat, jedoch ohne das heilige Kind mit dem religiösen Badewasser auszuschütten? Für uns Westler, die mittels des Zeitalters der Vernunft ihrer spirituellen Sensibilität entwöhnt wurden, ist das keine leichte Frage. Letztlich wird die Antwort von unserem eigenen Verständnis von Erleuchtung abhängen.



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"Moral Beisst: Auf der Suche nach der Ethik der Postmoderne"



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