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Heute steht die moslemische Welt vor dem schwierigsten Abschnitt ihrer Geschichte. Sie ist eine Kultur am Scheideweg und scheinbar außerstande, ihren Platz in der Gemeinschaft der Nationen zu finden. Die kolossale Tragödie, die die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 traf, hat die islamische Welt wieder einmal ins Zentrum der Weltöffentlichkeit gerückt, und es gibt entschieden gewichtige Gründe dafür, dass es eine der dringlichsten Notwendigkeiten unserer Zeit ist, eine Strategie für einen Wandel in der moslemischen Welt zu finden. Obwohl es ein Irrtum wäre, die moslemische Welt als Monolithen zu bezeichnen, ist es doch richtig, aufzuzeigen, dass heute kein einziges moslemisches Land weder dem Maßstab einer modernen politischen und sozialen Regierungsform, noch dem der Religionsfreiheit, des wirtschaftlichen Fortschritts, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, und auch nicht dem des kulturellen Aufblühens und der menschlichen Würde gerecht wird. Moslems leben weiterhin unter Diktatoren, Autokraten, Königen und autoritären Herrschern–ihre Lebensbedingungen sind stark von Unterdrückung geprägt. Da das moslemische Sozialgefüge die Fähigkeit verloren hat, der restlichen Welt ins Auge zu sehen, in welcher die Sorge um die Menschenrechte, um eine multikulturelle Gesellschaft und Toleranz eine große Rolle spielt, kennt es seinerseits kaum anderes als sektiererische Streitigkeiten, Stammeskriege und die Unterdrückung von Frauen und Minderheiten. Den 1,2 Milliarden Menschen in fünfzig islamischen Ländern–das ist beinahe ein Viertel der Weltbevölkerung–steht eine düstere und ungewisse Zukunft bevor. Wer für gewöhnlich die Schuld für deren Missgeschick bei den kolonialen Unterdrückern sucht, sollte sich nur an das Gemetzel der Moslems untereinander erinnern: Zeugnis dafür sind die Gewalttaten unter den Moslems, die dann zur Abspaltung Bangladeshs von Pakistan führten, einem Land, welches um des Islam willen ins Leben gerufen wurde; weitere Zeugnisse dafür sind auch der ein Jahrzehnt andauernde Iran-Irak-Krieg und die schändliche Vernachlässigung der palästinensischen Flüchtlinge durch die arabische Weltgemeinschaft, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Geschichtlich gesehen nahm der Islam andere Kulturen in sich auf, schloss sie ein und wurde zur Ausdrucksmöglichkeit für sie. Die frühe islamische Kultur erwirkte aus ihrem reichhaltigen und mannigfaltigen geistigen–d.h. römischen, griechischen, indischen und persischen– Kulturgut heraus eine einzigartige kulturelle Synthese in allen Wissens-bereichen. Vom 8. bis zum 13. Jahrhundert wurden mehr religiöse, philosophische, medizinische, astronomische, historische und geogra-phische Arbeiten auf Arabisch verfasst als in irgendeiner anderen Sprache. Und der eigentliche religiöse Kodex–der Koran und die Überlieferung des Propheten–war ein sehr liberales, in die Zukunft weisendes ethisches Regelwerk. Bei einer kritischen Betrachtung des Islam würde ich das Schwergewicht daher nicht auf den religiösen Kodex legen. Es erscheint mir viel wichtiger, die Kultur des Lernens wieder zu beleben, die Kultur der Toleranz wieder zu beleben, die Kultur des Liberalismus wieder zu beleben, welche über Jahrhunderte hinweg im Innersten der islamischen Kultur von Bestand geblieben ist. Es stellt sich die Frage: Welches sind die Umstände, die diese Kultur auf ein dunkles Zeitalter zurückgeworfen haben und die heute für die ganze moslemische Welt als kulturelle Sackgasse zu sehen sind? Der Prophet des Islam gestattete es, dass in seiner eigenen Stadt auch Juden und Christen lebten. Das war in Medina, wo er den späteren Teil seines Lebens verbrachte, nachdem er gezwungen war, aus Mekka auszuwandern. Unterdrückte er sie? Zwang er sie, Moslems zu werden? Tötete er sie? Keineswegs. Das ist der ideale Zustand. Daher müssen wir herausfinden, weshalb diese Verknöcherung in der Gedankenwelt und den Verhaltensweisen der Moslems stattfand und dazu führte, dass sie jetzt ihr Erbe verleugnen oder gänzlich ignorieren–zum eigenen Schaden und zum Schaden der ganzen Welt. In den letzten Jahrhunderten hat sich die islamische Kultur nach innen entwickelt, anstatt sich weiter nach außen zu entwickeln. Alles "Andersartige" wurde abgelehnt. Sie wurde fremdenfeindlich, nicht im rassischen, sondern im erkenntnistheoretischen Sinne. Sie hat auf globaler, kultureller und gemeinschaftlicher Ebene eine nach innen blickende Haltung. Und dies erzeugt eine Engstirnigkeit, die gleichbedeutend ist mit Fundamentalismus, nämlich dem Ablehnen von Toleranz und dem Nichtgeltenlassen einer anderen Meinung. Das ist meines Erachtens ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Ideale, unterschiedlicher Ideologien und unterschiedlicher Religionen; und es ist ein großes Hindernis, wenn es jetzt um die Teilhabe der islamischen Welt am globalen Transformationsprozess geht. Ich halte die gegenwärtige islamische Weltsicht deshalb für eine kulturelle Sackgasse. Ich glaube, wir brauchen einen kraftvollen Impuls, der als Schlüssel dienen kann, um den auf dem moslemischem Geist und der moslemischen Kultur liegenden Bann zu brechen. Die Gestaltung einer demokratisch regierten moslemischen Welt muss sich aus einer neuen moslemischen Anerkennung ihrer eigenen Rechte und Verantwortlichkeiten in einer globalisierten Welt ergeben. Damit eine solche Geisteshaltung zum Vorschein kommen kann, müssen die Moslems die Größe kritischer Selbstanalyse haben. Demokratische Freiheit kommt nicht wie aus der Pistole geschossen und erwächst auch nicht einer Blindheit gegenüber der eigenen Identität oder Tradition. Gemäß der Lehre des Propheten ist die Erkenntnis des Allmächtigen von der Erkenntnis der moslemischen Tradition des Liberalismus und der Toleranz nicht zu trennen. Die Zukunft der moslemischen Identität im 21. Jahrhundert, und darüber hinaus, liegt in dieser lebenswichtigen Erkenntnis–nicht in der Konfrontation. Dr. Munawar Anees, pakistanisch-amerikanischer Schriftsteller und Sozialkritiker, ist Gründer und Herausgeber des International Journal of Islamic and Arabic Studies und der Periodica Islamica sowie Autor zahlreicher Bücher, Artikel und Rezensionen. Er ist Sonderberater der John Templeton-Stiftung und gehört zu einer ausgewählten Gruppe von 40 internationalen Gelehrten der UNESCO. Im Februar 2002 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert.
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