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1 | 2 Plötzlich standen die Leute nackt voreinander da: Wir sahen uns an und machten eine großartige Entdeckung: Wir waren wunderschön! Nackt und hilflos und verletzlich wie eine Schlange nach dem Häuten, aber tausendmal menschlicher als dieser blanke Albtraum, der zuvor wie ein Wachsoldat dagestanden hatte. Wir waren lebendig, wir waren das Leben. Wir nahmen uns bei den Händen und tanzten barfuß zwischen den Trümmern. Wir waren gereinigt, befreit! Die alten Rüstungen wollten wir nie wieder anlegen. Ken Kesey, Garage Sale Stell dir vor, du stehst auf einem Hügel und blickst über ein weites Amphitheater. Es ist Sonnenuntergang. Unter dir sammeln sich die Stämme aus nah und fern. Viele Tausende finden ihren Weg in dieses Heiligtum, schlagen die Trommeln und verbrennen Räucherwerk. Es ist Zeit für das Ritual der Wiederkehr. Familiäre Bande durchweben dich und die anderen. Du löst dein Haar und läufst los, um der immer größer werdenden Schar zu begegnen. Die Hohepriester an den Altären stimmen uralte Lieder an, und alle beginnen, sich nach Mustern zu bewegen, die du nie gesehen hast, die dir aber doch vertraut erscheinen. Es ist ein Tanz, an dessen Ursprung sich keiner erinnert, so alt wie der Stamm selbst. Und der Instinkt führt dich in eine synchrone Bewegung mit den anderen, in ein spontanes Zusammensein. Die Musik dringt wie in Zeitlupe in dich ein, und du fließt mit in einem Pulsieren, das zugleich dein eigenes und doch nicht deines ist. Nein, es ist nicht 15.000 v. Chr. am Abend der Sommersonnenwende. Und auch nicht die Orgienszene von Zion aus Matrix Reloaded, am Abend vor der letzten Schlacht mit den Maschinen. Du bist im Amerika des 20. Jahrhunderts: in einer Dead-Show. Der Religionshistoriker Mircea Eliade bezeichnete Schamanen als "Techniker der Ekstase", und genau das waren sie in höchstem Maße, San Franciscos Grateful Dead. Sie hielten Instrumente in den Händen, doch sie bespielten die Masse, sie zauberten Menschenmengen in ein High, das ich nur spirituell nennen kann. Von Anbeginn schon kam auf mysteriöse Weise etwas einfach durch–durch jeden Einzelnen– und entfaltete ein Eigenleben. Sogar die Deadheads meiner eigenen Generation, die den Zug der Sechzigerjahre um Längen verpasst hatten, machten dieselbe Erfahrung. Ich sah meine erste Show–halt dich fest– 1992, als ich in der High School war. Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen: Ich musste an irgendetwas glauben. Die Deads waren außergewöhnlich, sie spielten wie die Titanen oder Götter jenseits der Grenzen des Weltlichen und Alltäglichen. Sie waren wie Magier: Man konnte nicht herausfinden, wie sie das, was sie taten, eigentlich machten, aber es funktionierte, und man wollte an dem Geheimnis teilhaben. Als Schamanen oder Magier kreierten sie eine Atmosphäre des Staunens. Ihre Musik war ein Tor zu einem vollkommen anderen Geist, einem Geist mit weniger Begrenzungen, mit viel Raum und unfassbarem Einfallsreichtum. Auf einer Grateful Dead-Show warst du nicht mehr derjenige, der du zu sein glaubtest. Stattdessen war da ein begeistertes Wesen, kaum wiederzuerkennen. Du konntest deine Augen schließen und folgen, wohin es dich führte, und wenn du sie wieder öffnetest–was für eine Überraschung: Irgendjemand war immer da, direkt neben dir, der Kontakt mit dir aufnahm. Du dachtest, du wärst ganz allein da drin, mit einer ganz privaten Erfahrung gesegnet, doch die Deads zeigten dir, dass es anders war. Wenn der Himmel eine Tanzparty wäre, dann müsste er so aussehen. Ich habe in meinem ganzen Leben aus Menschen noch nie so viel Freude herauskommen sehen. Da wolltest du einfach nur auf andere zugehen. Freude, mittendrin und zwischen allem, die keiner für sich besitzen konnte, aber die für jeden da war– sie war da, um sie zu ergreifen, herumzuwirbeln und ihr atemlos hinterher zu jagen. "Ich werde nie begreifen, was von unserem Publikum Besitz ergreift", schreibt Schlagzeuger Mickey Hart in Drumming at the Edge of Magic, "aber ich spüre den Effekt. Du kannst von der Bühne aus spüren, wie es passiert–Gruppenbewusstsein, gemeinsamer Einstieg, wie immer du es nennen willst–wenn sie sich einklinken, spürst du es. Du kannst spüren, wie die Energie aus ihnen herausbricht." Wir haben es alle gefühlt, etwas, das wir nirgendwo anders gefühlt haben. Was aber war Es? Was war das Geheimnis dieser magischen Identität, an der wir alle Teil hatten, dieses aufregenden, fast unerträglichen Kontrollverlusts? Für gewöhnlich ist der Gedanke, die Kontrolle zu verlieren, erschreckend. Aber die Deads machten es einem leicht, ins Zentrum zu springen, weit offen und verletzlich. Sobald sie spielten, flog unsere Aufmerksamkeit von uns selbst weg. Da war eine ganze Welt, der man begegnen konnte. Die meisten von uns sind es gewohnt, sich als grundlegend unabhängige Geschöpfe zu begreifen, Geschöpfe mit einer unabhängigen Psyche, sodass schon die bloße Erwähnung von "kollektivem Bewusstsein" oder "Gruppengeist" Grund genug ist, schnell das Thema zu wechseln. Aber mit den Deads wurden diese Fragen interessant. Wer bin ich wirklich?, musstest du dich dann fragen, wenn dein Weltbild in tausend Stücke zersprang und die gewohnten Hüllen der Angst und Isolierung dir von den Schultern fielen. Wovor habe ich so viel Angst? Die Deads hatten sicherlich genau dieselben Fragen. Sie waren ganz normale Boomer, wenn sie auch etwas am Rande der Gesellschaft standen: rebellische Kids, die auf Beat, Blues und Jazz standen, die sich über den Rand einer Ära hinauslehnten. Das heißt, solange, bis sie aufhörten, in Bars zu spielen, und damit begannen, auf den Acid Tests zu spielen. Eigentlich nahmen die Grateful Dead schon LSD, bevor Ken Kesey und die Merry Pranksters die erste ihrer berüchtigten Acid Test-Parties im August 1965 organisierten. Aber es war zu der Zeit, als sie die Hausband der Pranksters waren, als sie wie Jungvögel begannen, ihr Nest zu verlassen, ihre Flügel zu strecken und in die unergründete Stratosphäre abzuheben. Tom Wolfe schreibt in The Electric Kool-Aid Test, dass sie nicht die Einzigen waren, die in die Lüfte abhoben: Plötzlich war Acid überall, eine verrückt gewordene Welt, die elektrische Orgel vibrierte in jedem Bauch, die Kids tanzten nicht den Rock, nicht den Frug, nicht den–wie heißt das noch mal?– den Swim, sondern, heilige Mutter Gottes, sie tanzten Ekstase, sie sprangen, quirlten wie Derwische umher, warfen ihre Hände über die Köpfe, als seien sie die auserwählten Diener des Heiligen Vaters–ja! ... Jedermanns Augen erstrahlen wie Glühbirnen ... Sicherungen brennen durch, Gehirne schreien, Köpfe explodieren, Nachbarn rufen die Bullen, 200, 300, 400 Leute von da draußen werden hineingezogen ... hineingezogen in eine Menge, die sich so nah und die so high war, wie keine andere Menschenmasse jemals zuvor. Es waren in der Tat diese prototypischen "Erwarte das Unerwartete"-Hippiepartys, auf denen alle Besucher kostenlos in eine Woge blinden Vertrauens getaucht wurden, was den Deads die Freiheit gab, ohne jede Erwartungshaltung zu spielen. Statt an den üblichen individuellen Soli vor Hintergrundbegleitung festzuhalten, so wie die meisten Rockbands der damaligen Zeit, nahmen sie sich die Lehren John Coltranes und des Free Jazz zu Herzen, indem sie alle gemeinsam improvisierten, alle zur gleichen Zeit. Um das zu tun, mussten sie sich gegenseitig mit großer Aufmerksamkeit zuhören, und jeder Einzelne antwortete spontan auf die Bewegung des Ganzen. Und während sie so improvisierten–ohne zu wissen, wohin sie gingen, aber mit der Absicht, gemeinsam dorthin zu gehen–stießen sie auf die fantastische Erfahrung einer kreativen Intelligenz, die viel größer war als jeder Einzelne von ihnen, eine Intelligenz, welche die Gruppe einhüllte. Wenn es so richtig abging, erinnerte sich der Leadgitarrist Jerry Garcia, "überraschte mich die Musik mit ihrem eigenen Fluss." Wenn es richtig abging, flogen sie gemeinsam als ein Ganzes. "Diese Zusammenkünfte haben ein Eigenleben", meint Bassist Phil Lesh, "wie die Zellen in unserem Körper. Das scheint die Transformation zu sein, die in den Menschen stattfindet: zu lernen, Zellen zu sein, genauso wie Individuen–nicht nur Zellen in der Gesellschaft, sondern Zellen in einem lebendigen Organismus." Dieser kollektive Geist kannte keine Grenzen und erzeugte eine tiefe Zusammengehörigkeit, nicht nur zwischen den Bandmitgliedern, sondern auch bei den Zuhörern. "Die Zuhörer sind genauso Band, wie die Band Zuhörer ist", sagte der Schlagzeuger Bill Kreutzmann. "Es gibt keinen Unterschied. Die Zuhörer sollten bezahlt werden–sie tragen genau so viel bei." Noch überraschender ist die Tatsache, dass die Musiker ohne die, die ihnen zuhörten, diesen Raum gar nicht betreten konnten. Jerry gestand, dass er "ohne Zuhörer nie den Kick großer Musik erfahren habe ... Wir existieren durch ihre Gnade." Es ist schwer vorstellbar, dass die bewusste Aufmerksamkeit der Zuhörer einen derart großen Einfluss auf die Fähigkeiten des Künstlers hat. Aber vielleicht sollte man die Deads auch gar nicht so sehr als Künstler sehen, sondern vielmehr als Schlüsselfiguren in einem wahrlich synergetischen Ereignis. Jerry beschrieb es 1972 in einem Interview mit dem Rolling Stone folgendermaßen: Um wirklich high zu sein, musst du dich selbst vergessen. Und sich selbst zu vergessen heißt, alles andere zu sehen. Wenn du alles andere siehst, wirst du zu einem verstehenden Molekül in der Evolution, ein bewusstes Werkzeug des Universums. Und ich glaube, jeder Mensch sollte ein bewusstes Werkzeug des Universums sein. Wenn du die alten Ordnungen und Formen einreißt und sie zerbrochen und zerstört hinter dir lässt, tut sich dir plötzlich ein neuer Raum auf, mit einer neuen Form und einer neuen Ordnung, die mehr dem entspricht, wie es wirklich ist, die mehr im Fluss ist. Und in diesem Raum hatten wir uns einfach gefunden. Wir haben uns gar nicht dafür entschieden, und wir haben es uns auch nicht ausgedacht. Überhaupt nicht. Es ist eine Sache, die wir mit wissenschaftlicher Methodik beobachten konnten. Wir haben beobachtet, was passiert. Obwohl LSD die Mutter war, die diese Erfahrung der Vereinigung gebar, bekam die eigentliche Erfahrung durch die Musik der Deads ein eigenes Leben. Ich selbst war bei vielen ihrer Shows, bevor ich überhaupt das erste Mal Drogen genommen hatte und kam trotzdem jedes Mal verwandelt zurück. "Musik ist eine Sache, in die Optimismus eingebaut ist", sagte Jerry. "Du kannst so weit in die Musik hinein gehen, dass du Millionen von Leben ausfüllen kannst." Die meisten Menschen kommen niemals, oder nur ganz selten in ihrem Leben, in einen solchen "Zustand des Fließens"–einen Zustand, der wie religiöse und spirituelle Traditionen in der ganzen Welt erklären, die ekstatische Reflexion einer höheren Bewusstseinsebene ist und das unbekannte, grenzenlose Potenzial verkörpert, das in uns allen schlummert. Deshalb ist es so unglaublich, dass Grateful Dead dreißig Jahre lang Menschen mit solchen Erfahrungen versorgte–bis zu Garcias viel zu frühem Tod 1995. Vielleicht gelingt ihnen dies auch heute, jetzt, wo sie zum ersten Mal wieder gemeinsam unterwegs sind. Und sie sind nicht allein. Denn Hunderte so genannter Jam-Bands sind da draußen, geformt nach dem Vorbild der Deads. Es sind Bands, deren Hingabe an die kollektive Improvisation nur noch der Hingabe ihrer eigenen Fans auf Deadhead-Niveau gleichkommt. "Für viele Leute sind Jam Band-Konzerte heute das Äquivalent für Kirche", sagt Grateful Dead-Schüler John Dwork, "... oder zumindest ist es das, wonach sie suchen. Das ist es, was wir in unserem Leben brauchen: Gemeinschaft, ekstatischen Tanz, seelenvolles Mitsingen, Kommunion mit etwas Heiligem oder Außergewöhnlichem, ein heroisches Abenteuer, einen Ort, an den wir unser Herz hängen können." Aus genau diesen Gründen war ich bei dreißig Dead-Shows in drei Jahren–die Deads waren meine Helden, indem sie absolut standhaft blieben, gegen die hereinbrechende Oberflächlichkeit und den Materialismus, die mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohten. Ich wollte, dass die Mythen der 60er Jahre Wirklichkeit sind–dieser Idealismus, dieses Gefühl eines höheren Sinns. Ich wollte an etwas glauben, und in den Deads hatte ich es gefunden. Dazu passte es, dass der bekannte Mythologe Joseph Campbell dort auch etwas fand. Trotz seiner extremen Abneigung gegen jede populäre Kultur (er hat nur zwei Filme in seinem Leben gesehen, hat niemals eine Zeitung gelesen und war Jahrzehnte lang auf keinem Popkonzert), sah er sich die Grateful Dead an und fühlte sich in "unmittelbarem Einklang" mit ihnen. "Ich habe nicht gewusst, dass es so etwas gibt", sagte er, "25.000 Leute, die im Herzen miteinander verbunden sind", in einem wahrhaft zeitgenössischen, mythischen Ritual. Es war, so empfand er, "das Gegenmittel zur Atombombe". Was Campbell entdeckte, war genau das, was die Deadheads immer bewegt hat: ein durch Musik getragener archetypischer Geist der Intimität und des rituellen Festes. In Wahrheit hat schon die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch Musik jeglicher Art einen solchen Geist hervorgebracht. Viele indianische und schamanische Zeremonien basieren auf genau dieser Fähigkeit von Klang und Rhythmus, Individuen gemeinsam in außergewöhnliche Bewusstseinszustände zu versetzen. Musiker klassischer indischer Musik stellen mithilfe improvisierter Musikstücke bewusst Kontakt zu ihren Zuhörern her und begeben sich weit hinaus, um dem Geist des Ganzen zu begegnen und ihn zu erheben. Selbst das einfachste Lied kann auf unerklärliche Weise Menschen zusammenbringen. So geschah es im Dezember 1914, als deutsche und alliierte Soldaten an der Front in Frankreich ihre Waffen niederlegten und ihre Schützengräben verließen, um sich kurz als Freunde zu treffen. Diese "Weihnachts-Waffenruhen", als die sie bekannt wurden, begannen in vielen Fällen mit bekannten Weihnachtsliedern, die über die dazwischenliegende Distanz hinweg in den verschiedenen Sprachen der Truppen gesungen wurden.
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