Your email address is kept confidential, and will never be published, sold or given away without your explicit consent.

Thank you for joining our mailing list!

Close
















43.500 Kilometer bis zur Buddhaschaft


Die Tendai Mönche vom Berg Hiei führen den Ultramarathon auf eine ganz neue Ebene
von Pete Bampton
 

1 | 2



Der Weg eines Marathon Mönchs ist endlos.

Tendai Spruch

KILOMETER 32. An dieser Markierung ziehe ich nicht mit der gleichen heiteren Euphorie vorbei wie an den anderen. Noch weitere zehn Kilometer? Oh Gott, ich weiß nicht, ob ich das schaffe! Es kommt mir unerträglich und noch ewig lang vor. Ich habe ein Problem. Meine neuen hightech Laufschuhe, made in Britain, passen mir, wie sich jetzt herausstellt, nicht richtig. "Welcher Teufel hat mich bloß geritten, englische Schuhe zu kaufen?", frage ich mich. Derweil überholt mich ein Landsmann, der Union-Jack-Shorts und ein Paar Nikes trägt. Mein linker großer Zeh wird von einer Falte im Oberleder gequetscht. Es fühlt sich an, als würde er stark bluten. Der pochende Schmerz wird immer schlimmer, während ich den harten Asphalt einer Rampe hinaufstampfe, die wie ein Berg vor mir aufragt ... Um mich abzulenken, betrachte ich die Umgebung. Bedrohlich wirkende Hochhäuser, verbarrikadierte Schaufenster, ein Himmel in den Farben von nassem Zucker und Zement. Ich bin jetzt in der Bronx. Die rufende Menge, die mich angefeuert hatte, als ich heldenhaft Manhattans First Avenue hinauflief, hat sich merklich gelichtet–und ebenso das Feld der Läufer. Wir werden jetzt nicht mehr gegenseitig vom Windschatten und vom Kampfgeist der anderen unterstützt. Jeder ist nun auf sich allein gestellt und muss sich durch "die Wand" hindurchkämpfen und wird dabei mit dem vereinten Widerstand von Körper und Verstand konfrontiert. Eine Wolke aus einsamer Verzweiflung senkt sich auf mich herab, während ich das Geräusch meiner schweren Füße höre, das von tristen Backsteinhäusern zurückgeworfen wird. Es beginnt zu regnen. Die ersten Tropfen sind noch angenehm erfrischend, wie Manna, das vom Himmel fällt, doch schnell wird daraus ein sintflutartiger Wolkenbruch von biblischen Ausmaßen. Nur wenig später bin ich bis auf die Knochen durchnässt. Meine schmerzenden Füße patschen durch Sturzbäche. Die Zuschauer, die den Straßenrand säumten, flüchten sich in Haus-eingänge oder drängen sich unter Schirmen zusammen. Keine lächelnden Kinder mehr, die uns ihre Hände entgegen strecken oder uns Bananen anbieten. Und keine Kilometermarkierung weit und breit.

Keine Kilometermarkierung ... Wo zum Teufel ist Kilometer 33? Ich muss doch eigentlich schon daran vorbeigezogen sein? Ich breche innerlich zusammen, und mein Verstand sucht etwas, um sich festzuhalten: Das ist die Hölle. Du bist verrückt! Du hasst das. Warum, warum, warum nur tust du dir so etwas an? Ich erreiche die nächste Wasserstation, und als ich langsamer werde, um in dem niederprasselnden Regen nach einer Flasche zu greifen, komme ich beinahe ganz zum Stillstand. Mein Verstand und mein Körper setzen alles daran, mich zum Aufhören zu überreden: Du bist verletzt; es ist gefährlich, weiterzumachen. Du kannst es nächstes Jahr wieder versuchen ... Plötzlich wird mir klar, dass ich buchstäblich tot im Wasser landen werde, wenn ich mich nicht von diesen Stimmen losreiße. Ich hebe meinen Kopf und richte meine inneren Antennen über den grauen Schmutzfleck der Harlemer Skyline hinweg: Da hinten im Central Park ist die Ziellinie. Eine Energiewelle steigt aus dem Nichts auf, und ich sehe die nächste Kilometermarkierung direkt vor mir: 33. Ich patsche mit zielstrebiger Freude daran vorbei und gehe über den Schmerz in meinen Zehen hinaus. Der Regen lässt allmählich nach, und ich lege noch einen Zahn zu. Ich werde meine Zeit vom letzten Mal unterbieten, denke ich bei mir. Und in der Tat, etwa vierzig Minuten später passiere ich voller Euphorie die Ziellinie. Ich bin ganze fünfzehn Minuten schneller!

Die harte Prüfung dieses Marathonlaufs erwies sich einmal mehr als ein anschauliches Beispiel für die Tatsache, dass das Überschreiten selbst gesetzter Beschränkungen für Körper und Verstand uns bis dahin ungeahnte Potenziale erschließen kann. Das war zweifellos eine ermutigende Inspiration für jeden ambitionierten spirituellen Krieger. So weit hatte ich es bisher gebracht. Als ich von einer Sekte von Tendai Buddhisten in Japan, bekannt als die "Marathon Mönche des Berges Hiei", erfuhr, fand ich allerdings heraus, dass diese es doch um Einiges weiter gebracht hatten. Deren erhabenes Ziel war nichts Geringeres, als durch die reinigende Praxis zahlreicher Marathons in diesem Leben die Buddhaschaft zu erlangen! Ich war, gelinde gesagt, fasziniert. Und als ich meine Nachforschungen weiter verfolgte, entdeckte ich etwas unglaublich Bemerkenswertes, ein Phänomen, welches den Begriff "Ultramarathon" auf eine gänzlich neue Ebene hebt.

Der "Tausendtägige Bergmarathon", wie er in John Stevens' Buch The Marathon Monks of Mount Hiei und in Christopher Haydens gleichnamigem Dokumentarfilm beschrieben wird, wurde im neunten Jahrhundert von So-o, dem Großen Patriarchen des Tendai Buddhismus, ins Leben gerufen. So-o hatte, nachdem er die Legende von "Priester Große Schuhe", einem angesehenen Wandermönch in China, gehört hatte, einen Traum, der ihn anwies, in die Fußspuren dieses legendären Mönchs zu treten. Alle Pilgerorte am Berg Hiei sind heilig, sagte die Stimme. Besuche sie oft. Und das tat er–sehr oft. Doch in den elf Jahrhunderten nach So-os erstem Aufbruch zum Berg Hiei haben sich nur wenige bemüht, seinem Beispiel zu folgen. Kaum einer unter den Tendai Mönchen wagt es, sich dieser gewaltigen Herausforderung zu stellen. Genau gesagt hat es seit 1885 lediglich sechsundvierzig Marathon Mönche gegeben. Der Große Marathon ist anerkanntermaßen die extremste aller strengen Praxen. Wenn Sie wissen möchten, warum, dann begleiten Sie mich auf eine Reise ...

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie wachen um Mitternacht auf. Es ist tiefer Winter und bitterkalt. Sie nehmen in der eisigen Buddhahalle an einer einstündigen Zeremonie teil, schlürfen anschließend ein wenig Misosuppe und essen ein paar Reisbällchen. Dann ziehen Sie sich eine weiße Robe über–dasselbe Kleidungsstück, das Sie auch auf Ihrem eigenen Begräbnis tragen würden. Sie binden sich die "Kordel des Todes" um die Taille und befestigen ein Messer in seiner Scheide daran. Wozu dienen die Kordel und das Messer? Die Tradition schreibt vor, dass Sie für den Fall, dass Sie den vorgeschriebenen Marathon-Zyklus nicht vollenden, Selbstmord durch Erhängen oder durch Hara Kiri begehen müssen! Sie packen Kerzen, Essensgaben und einen Rosenkranz ein, denn Sie werden unterwegs auf Ihrem 30-Kilometer-Marathon um den Berg Hiei 250-mal für ein Gebet anhalten (einige Male an ungekennzeichneten Gräbern, um die Mönche zu ehren, die durch Selbstmord gestorben sind). Sie ziehen sich Ihre handgearbeiteten Strohsandalen an die bloßen Füße und nehmen, da diese beim Tragen oder im Regen kaputtgehen könnten, noch einige Ersatzpaare mit, (manchmal verschleißt man auf einer einzigen Reise fünf Paar). Dann nehmen Sie Ihre Papierlaterne und gehen zielgerichtet hinaus in die eiskalte Nacht auf die schneebedeckten Pfade des Berges Hiei.

Ihr Laufstil ist der von vor mehr als tausend Jahren und liegt irgendwo zwischen Laufen und Gehen. "Die Augen etwa 100 Fuß voraus fixiert, bewegt man sich in einem gleichmäßigen Rhythmus, der Kopf bleibt dabei auf einer Höhe, die Schultern sind entspannt, der Rücken gerade und die Nase in einer Linie mit dem Bauchnabel." Sie bringen durch das innere Summen eines Mantras, welches sie fortwährend wiederholen, Lauftempo und Atmung in Einklang. Mit zunehmender Erfahrung wird Ihr Laufen fließend, und Sie werden bergauf wie bergab dieselbe Geschwindigkeit beibehalten.

Dies ist also der erste von einhundert aufeinander folgenden sehr frühen Morgen, an denen Sie Ihren Marathon beginnen, den Sie zwischen 7:30 und 9:30 am Morgen beenden. Sie finden, das klingt strapaziös? Nun, Sie fangen gerade erst an. Das ist nur die Aufwärmphase! Nachdem Sie Ihre hundert Tage hinter sich haben, sind Sie qualifiziert, sich für das eigentliche Ereignis zu bewerben–den vollständigen Tausend-Tage-Marathon von Hiei. Falls Sie angenommen werden, verpflichten Sie sich zu einem sieben Jahre dauernden Retreat, bestehend aus neunhundert weiteren Marathons! Die ersten dreihundert werden in einem Zeitraum von drei Jahren unternommen, jeweils einhundert Tage hintereinander irgendwann zwischen März und Mitte Oktober. Ab dem vierten Jahr haben Sie sich das Privileg verdient, Socken zu tragen und einen Gehstock mit sich zu führen. Mit diesem zusätzlichen Luxus geht jedoch auch eine beträchtliche Steigerung der Anforderungen einher–Sie werden nun jährlich zweihundert aufeinander folgende Marathons absolvieren!

Würde man den Tausend-Tage-Bergmarathon mit einem nur 42 Kilometer langen New-York-City-Marathon vergleichen, dann erreichten Sie mit Beendigung des siebenhundertsten Marathons (nach fünf Jahren) Kilometermarkierung 28. Und wenn Sie dann Manhattans First Avenue in Richtung Bronx hinaufliefen, stünden Sie im Begriff, auf jene unvorhersagbare Zone des Übergangs zu treffen, die viele Marathonläufer respektvoll "die Mauer" nennen. Das ist im regulären Marathon der Augenblick, in dem Sie mit dem Teufel ringen, wo Körper und Verstand mit ihrer Kraft am Ende sind und darauf bestehen, dass Sie aufhören! Manchmal würden Sie sich fühlen, als müssten Sie sterben, aber die einzige Zuflucht wäre, dass Sie um jeden Preis weitermachen. Im Tausend-Tage-Marathon jedoch ist "die Mauer" buchstäblich die Konfrontation mit dem Tod, genannt Doiri. Sie hören auf zu laufen, allerdings nicht, um eine schöne Tasse Tee zu trinken oder sich hinzusetzen. Sie gehen vielmehr in ein neuntägiges Retreat, das aus siebeneinhalb Tagen ohne Nahrung, Wasser oder Schlaf besteht (es wurde von ursprünglich zehn Tagen gekürzt, denn es gab vor Ihnen ein paar Mönche zu viel, die während des letzten Tages starben). Sie sitzen in der vollständigen Lotusposition und singen Tag und Nacht Mantras. Wenn Sie diese unerträgliche Prüfung überleben, deren Sinn es ist, Sie an die äußerste Grenze Ihrer Sterblichkeit zu bringen und Sie in eine strahlende Vision des Absoluten einzutauchen, dann haben Sie den Titel des Togyoman Ajari, des "Heiligen Meisters der Strengen Praxis", erworben.

Hunger wird die geringste Ihrer Qualen sein. Am fünften Tag werden Sie so stark dehydriert sein, dass Sie Blut schmecken. Wenigstens ist es Ihnen erlaubt, sich den Mund mit Wasser auszuspülen, wenn Sie es auch nicht trinken dürfen. Zwei ergebene Novizen werden dafür Sorge tragen, dass Sie wach und aufrecht bleiben. Die einzige Unterbrechung von der sitzenden Haltung während dieser Tortur wird um 2 Uhr nachts der Pilgergang zur heiligen Quelle sein. Dort werden Sie Wasser schöpfen, welches Sie Fudo Myo-o, dem unerschütterlichen König allen Lichts, opfern werden, einer Gottheit, deren Ehrfurcht einflößende Energie Sie zu verkörpern suchen. Dieser Gang wird Sie in der ersten Nacht ungefähr fünfzehn Minuten kosten. In der letzten Nacht werden Sie dafür gut anderthalb Stunden benötigen, wobei Sie sich, unterstützt von zwei Novizen, im Schneckentempo über den Steinboden bewegen werden. Nach Aussagen von Marathon Mönchen, die Ihnen vorausgegangen sind, werden Sie sich nun in einem außergewöhnlich verfeinerten, kristallklaren Bewusstseinszustand befinden. Sie werden fühlen, wie Sie den Nebel durch die Poren Ihrer Haut absorbieren, Sie werden hören, wie Asche von den Räucherstäbchen fällt, Sie werden Mahlzeiten riechen, die in weit entfernten Wohnungen zubereitet werden, und Sie werden wahrscheinlich ein Viertel Ihres Körpergewichts verlieren.



[ zur nächsten Seite ] 1 | 2




artikel drucken

email an die redaktion

artikel versenden

inserieren

nachdrucken
abonnieren abonnieren geschenk abo


home | aktuell | archiv | bestellen | über wie
herausgeber | kontakt | links | site map
Unsere neue Ausgabe “Come Together! Die Kraft der kollektiven Intelligenz” stellt ein Phänomen vor, das viele als den nächsten Schritt in der menschlichen Evolution ansehen, und stellt die Frage: Könnte kollektive Intelligenz die Grundlage für die nächste soziale und spirituelle Revolution sein? Mit Ken Wilber, Duane Elgin, Howard Bloom, Michael Murphy und vielen anderen."



full table of contents

buy this issue

Neues bei WIE
Letzte Neuigkeiten und Aktuelles!

E-Mail-Adresse hier angeben.