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Von der Kanzel Der Grundantrieb des Universums


Human potential pioneer Michael Murphy
sounds off on the new evolutionary worldview

Ein Interview mit Michael Murphy
 




WIE: Zu der Zeit, als sich die traditionellen Religionen entwickelten, wusste niemand etwas von der Evolution, weil sie noch nicht entdeckt worden war. Aus diesem Grund fehlte all den transformierenden spirituellen Praktiken, die aus jenen Traditionen erwuchsen, natürlich eine evolutionäre Weltsicht. Aber die Zeiten haben sich geändert. Welche Bedeutung hat unser wachsendes Verständnis von der Evolution für die heutige spirituelle Praxis? Führt die evolutionäre Perspektive auch zu einer Veränderung des spirituellen Weges?

MICHAEL MURPHY: Absolut–weil jetzt das sich entwickelnde Universum der Kontext für die spirituelle Praxis ist. Ich denke, jeder, der heutzutage auch nur im Geringsten nachdenkt, wird irgendwann erkennen müssen: "Ja, die Evolution ist eine Tatsache." Ein gebildeter Mensch muss das zugeben, denn die Evolution wird uns fortwährend enthüllt. Praktisch jeden Tag wird auf irgendeinem Gebiet eine neue Entdeckung gemacht. Die Geschichte der Evolution vereint alle anderen Geschichten zu einem Ganzen. Sie ist der große Mythos unserer Zeit, falls man sie einen Mythos nennen will. Wenn Sie also ein aufmerksamer Mensch sind und diese Tatsache anerkennen, dann müssen Sie daraus schließen, dass die Evolution der Kontext für jegliche menschliche Aktivität ist, also auch für langfristige Transformationspraktiken aller Art. Spirituelle Praxis bedeutet heutzutage, sich mit dem Grundantrieb des Universums in Einklang zu bringen– also: sich zu entwickeln, sich fortwährend weiter zu entwickeln.

Wenn jegliche transformative Praxis–die Kontemplation, die buddhistische oder die schamanistische Praxis oder was auch immer, eingeschlossen–wirklich in einer sich weiter entwickelnden Welt verankert ist, dann müssen wir herausfinden, was das bedeutet. Wir müssen immer mehr darüber in Erfahrung bringen und uns der Tatsache bewusst werden, dass der evolutionäre Fort-schritt auch in unserem Dasein stattfindet. Die spirituelle Praxis entwickelt sich, die Vision entwickelt sich und die Erkenntnis ebenfalls. Selbst die Erleuchtung entwickelt sich, ganz gleich, was man darunter versteht. Die Erfahrung des Bewusstseins ändert sich auf alle möglichen unerwarteten Weisen. Nehmen wir zum Beispiel das Golfspiel. Wie kommt es, dass heutzutage tausende Menschen diese Mini-Satori-Erfahrungen haben, wenn sie Golf spielen? Das ist an sich schon faszinierend. Leute, die nie etwas von einem Satori, ja, nicht einmal von Zen gehört haben und keinerlei spirituelle Ambitionen verfolgen, haben da draußen plötzlich spirituelle Erlebnisse. Ich glaube, das Golfspiel ist eine Mysterienschule für Republikaner.

Wir könnten einen ganzen Katalog erstellen, auf welche Art und Weise die evolutionäre Sicht der Transformation dient, aber auf jeden Fall tut sie eines: Sie sprengt alte Denkmuster. Da ist der Drang des Neuen, aber zugleich auch der Niedergang des Alten. Man betrachte nur die Probleme der Kirchen. Wenn wir die schrecklichen Formen des islamischen, christlichen und jüdischen Fundamentalismus ansehen, dann werden wir Augenzeugen des Untergangs dieser alten Religionen, während gleichzeitig dieses Neue geboren wird. Immer mehr Menschen werden unzufrieden. Der Schlange wächst eine neue Haut, aber die alte ist bereits abgenutzt und kurz davor, sich abzulösen. Es ist, wie Yeats in seinem Gedicht "Die Wiederkunft" sagt: Welch rohes, wildes Tier, dessen Stunde schließlich gekommen ist, schlurft gen Bethlehem, um geboren zu werden? Es ist diese neue Weltsicht, welche allmählich hervortritt, dieses rohe, wilde Tier. Aber sie ist noch unfertig. Und Leute, wir alle müssen mitmachen und unseren Beitrag dazu leisten. Denn entweder wir tun das, oder wir lassen es und versinken in einer weiteren erdgeschichtlichen Katastrophe. Das Ganze ist nämlich nicht vorbestimmt, es hängt von uns ab. Und tief im Innern wissen wir das–wir wissen, dass alles von uns abhängt. Nun, wir können auf verschiedenste Weisen daran arbeiten. Wir müssen nicht alle Philosophen sein. Aber das zentrale Herzstück ist die transformative Praxis selbst, bei der es darum geht, was wir tatsächlich tun. Denn im Endeffekt müssen wir es leben. Und wir müssen es leben wollen.

Michael Murphy ist Mitbegründer des Esalen Instituts und Autor von Die Kunst, den Ball zu schlagen.



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Unsere neue Ausgabe “Come Together! Die Kraft der kollektiven Intelligenz” stellt ein Phänomen vor, das viele als den nächsten Schritt in der menschlichen Evolution ansehen, und stellt die Frage: Könnte kollektive Intelligenz die Grundlage für die nächste soziale und spirituelle Revolution sein? Mit Ken Wilber, Duane Elgin, Howard Bloom, Michael Murphy und vielen anderen."



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