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DACHTEN SIE NICHT AUCH, Sie hätten über die Nazizeit schon alles gesehen, was es zu sehen gibt? Genau deshalb ist Margarethe von Trottas Film Rosenstraße, der im Herbst letzten Jahres in Deutschland in die Kinos kam, so sehenswert. Eingebettet in eine zeitgenössische Rahmenhandlung erzählt von Trotta die Geschichte der kleinen Ruth, die auf einer wahren Begebenheit im Berlin des Jahres 1943 beruht. Auf der Suche nach ihrer jüdischen Mutter, die gerade verhaftet worden ist, erfährt sie, dass in der Rosenstraße im ehemaligen jüdischen Wohlfahrtsamt die jüdischen Angehörigen aus „Mischehen“ interniert werden. Goebbels will für Hitlers Geburtstag die letzten Juden aus Berlin deportiert haben. In der Rosenstraße warten sie nun auf ihren unabwendbar scheinenden Transport nach Auschwitz. Nach und nach finden sich vor dem verschlossenen und bewachten Tor immer mehr Frauen ein, in der Suche nach Ihren jüdischen Männern. Lena, eine preußische Adelige, ist eine von ihnen. Sie nimmt sich, während sie gemeinsam warten, der kleinen Ruth an. Innerhalb weniger Tage eskaliert die Situation. Die Frauen beginnen, erst vereinzelt und dann im Chor, zu rufen: „Gebt uns unsere Männer zurück!” Was zuerst auch nur einige dutzende Frauen waren, beginnt sich über die Tage zu einer regelrechten Demonstration von mehreren hundert Menschen auszuweiten. Die herbeigerufene SS feuert Warnschüsse in die Luft. Maschinengewehre werden in Stellung gebracht. Doch dann geschieht nichts. Nach einer Woche öffnen sich die Tore und die jüdischen Ehemänner kommen frei. Doch Ruths Mutter ist nicht dabei ... Es ist die simple menschliche Reaktion dieser Frauen, die diesen Film so eindrucksvoll macht. Diese Frauen wollen nicht hinnehmen, dass sie ihre jüdischen Männer verlieren. Inmitten eines Deutschlands, das gerade auf die erschreckendste Art und Weise dabei ist, die Juden in ganz Europa zu vernichten, gehen hunderte deutsche Frauen auf die Straße, um ihre Männer zu retten. Warum hat uns niemand, weder in der Schule noch in den Medien, von diesen Ereignissen erzählt? Nathan Stoltzfus, der mit seinem Buch „Widerstand des Herzens” (erschienen 2002 bei DTV) den Protest aus der Vergessenheit gerissen hat, sagte in einem Gespräch mit WIE : „Ich glaube, es wurde ignoriert, weil es so erstaunlich war. Ich glaube, wenn sie erschossen worden wären, dann hätte man sie nicht vergessen.” Diese Frauen stellen ja wirklich unser Geschichtsbild in Frage. Da gab es auf der einen Seite die heroischen Widerstandskämpfer, die sich entschieden hatten, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, und auf der überwiegenden anderen Seite waren die Menschen, die das Regime entweder aktiv unterstützten oder versuchten, sich damit zu arrangieren. War damals doch mehr Widerstand möglich, als wir uns eingestehen? Nathan Stoltzfus: „Die anderen Deutschen hatten wahrscheinlich Ihren Widerstandsmuskel nicht so entwickelt, wie diese Frauen von 1933 bis 1943. Schritt für Schritt haben sie trotz der Propaganda und des Drucks des Regimes die Fähigkeit entwickelt, nein zu sagen. Sich um jemanden zu kümmern, den die Gestapo in jedem Augenblick abholen könnte, ist ein Riesendruck. Der Unterschied zu den anderen Deutschen war, dass diese Frauen 1933 damit begannen und sich das erarbeitet haben. Für die anderen Deutschen war das meist eher ein schlüpfriger Abhang, wo sich aus einem kleinen Kompromiss der nächste ergeben hat. Niemand wusste, wo man die Grenze ziehen sollte, falls man überhaupt eine Grenze ziehen wollte. Diese Frauen hatten die Grenze von vornherein gezogen, und sie haben diese Grenze aufrechterhalten.” Niemand kann diesen Film sehen, ohne sich selbst die Frage zu stellen, ob man in einem Land , in dem eine ganze Bevölkerungsgruppe in einem Maße entmenschlicht wurde, dass man sie nur noch als Ungeziefer sah, selbst die Kraft und die Integrität gehabt hätte, zu seinem Lebenspartner zu stehen. Hätte man die Menschlichkeit und Integrität aufgebracht, auch ohne mit einem Juden verheiratet zu sein, ihn oder sie vor allem als Menschen zu sehen? Die Frauen der Rosenstraße waren die Einzigen, die gegen die radikale Entmenschlichung in Nazideutschland auf die Straße gingen. Mehr als 90% der Juden, die in Deutschland überlebten, überlebten, weil sie mit einem nicht-jüdischen Partner verheiratet waren. Das allein ist Grund genug, diesen Film zu sehen.(DVD, Freigabe Juni 2004, Concorde Home Entertainment, EUR 14,95)
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