Your email address is kept confidential, and will never be published, sold or given away without your explicit consent.

Thank you for joining our mailing list!

Close
















Ist Gott ein Pazifist?


Frieden, Gewaltlosigkeit und Pazifismus nach dem 11. September
von Carter Phipps
 

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6





Carter Phipps

"Fängt man erst einmal an, Gewalt anzuwenden, dann gibt es kein zurück mehr", sagte der junge Friedensdemonstrant zu mir. Seine Augen strahlten vor Überzeugung. "Bush ist entschlossen, uns in einen Krieg mit dem Irak zu verwickeln, und wir müssen dem Einhalt gebieten."

"Ich bin auch nicht scharf darauf, in den Krieg zu ziehen", erwiderte ich, konnte aber, während ich die Worte aussprach, Unsicherheit in meiner Stimme hören. "Ich bin nur einfach nicht davon überzeugt, dass Frieden die Antwort ist."

Vielleicht war dies ein Fehler, dachte ich bei mir. An einem schönen Oktobertag war ich bei einer Fahrt durch die Green Mountains von Vermont auf dieses Grüppchen von Antikriegsdemonstranten gestoßen, das sich auf dem Marktplatz eines kleinen Ortes versammelt hatte. Als ich anhielt, um dort zu Mittag zu essen, geriet ich mit den Friedensprotestlern in eine Diskussion über das Gesprächsthema des Tages: den Irak. Seit jenem 11. September waren dreizehn Monate vergangen, und da alle Anzeichen auf eine baldige Invasion hindeuteten, kam es überall im Land zu spontanen Protestkundgebungen.

"Frieden ist die einzige Antwort", entgegnete der Mann und schaute mich etwas skeptisch an. Ich vermute, er konnte spüren, dass meine Unsicherheit in Bezug auf dieses Thema echt war, und vielleicht dachte er, er könnte mich auf den rechten Weg zurückführen. "Wenn wir Gewalt anwenden, wie sollen wir da besser sein als jeder X-beliebige? Gewalt führt immer nur zu mehr Gewalt. Wir müssen einen anderen Weg finden. Frieden ist die einzige Antwort", wiederholte er.

Es brachte mich etwas aus der Fassung, auf der Gegenseite der Demonstranten zu stehen. Schließlich hätte vor ein paar Jahren noch ich es sein können, der diese Worte aussprach. Ich hatte die Friedensbewegung viele Jahre lang leidenschaftlich unterstützt. Tatsächlich war einer meiner frühen Helden J. Krishnamurti, der große spirituelle Lehrer des 20. Jahrhunderts, gewesen–ein engagierter Pazifist selbst noch während des 2. Weltkrieges, der ja ein moralisch unzweideutiger Krieg war, falls es so etwas überhaupt je gegeben hat. Aber das war damals, und dies ist jetzt.

Zum ersten Mal bemerkte ich das Schild, das einer der Demonstranten vor sich hertrug. Mit Leuchtstift stand da auf weiße Pappe gekritzelt der Satz: Gott ist auf der Seite des Friedens. "Glaubst du wirklich, dass Gott auf der Seite des Friedens steht?" fragte ich. "Nun, ich will mal so sagen", meinte er grinsend, "ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht aufseiten des Krieges steht."

Auf dem Weg zurück zum Auto dachte ich über die wachsende Friedensprotestwelle nach. Die Demonstranten hatten sicherlich Recht damit, dass unser Präsident ziemlich erpicht auf einen Krieg war. Als sich die Aufmerksamkeit der Regierung langsam, aber sicher, von den Bergen Afghanistans auf die Wüsten des Irak verlagerte, geriet nun Saddam Hussein ins Fadenkreuz. Und die westliche Welt musste mit der Tatsache klar kommen, dass, zum ersten Mal in einer Generation, die Zukunft gefährlicher aussah als die Vergangenheit. Die Ruine des World Trade Centers wurde gerade zu einer Gedenkstätte umgestaltet, der Anthrax-Mörder war immer noch auf freiem Fuß und im Radio zollte Bruce Springsteens "The Rising" den Feuerwehrmännern des 11. September musikalisch Tribut, welche den Mut und die Stärke besessen hatten, "die Treppen hinauf ins Feuer hinein" zu gehen. Angst und Unsicherheit lagen immer noch in der Luft, derweil sich die Mehrzahl des amerikanischen Volkes auf die neuen, farbkodierten "Bedrohungsgrade" einstellte, welche die Wahrscheinlichkeit unmittelbar bevorstehender Terrorangriffe anzeigten, und eine Zeit lang gab es ein heftiges Bombardement an Warnungen, von denen sich einige als beängstigend, andere als eher bizarr erwiesen. Ich erinnere mich, dass mir, als ich am Morgen am See des kleinen Ortes entlang joggte, seltsame Bilder von Tauchern der Al-Quaida in den Sinn kamen, die aus dem See heraufstiegen und–wie in US-Justizminister John Ashcrofts jüngsten Vermutungen–bereit waren, massive Chemiewaffenangriffe auf die Farmhäuser der Region zu starten.

Als der anfänglich einigende Schock des 11. Septembers allmählich aus der amerikanischen Politik verschwand, entstanden an den Bruchstellen zwei verschiedene Visionen von der amerikanischen Rolle in der Welt. Die eine Sichtweise wurde von der eher konservativen, beziehungsweise neokonservativen Fraktion vertreten–der Mehrheit, wenn man den Umfragen Glauben schenkt–, die es nach und nach akzeptierte, wenn Amerika im Weltgeschehen eine intervenierende Rolle einnähme. Sie glaubten an den Gebrauch militärischer Gewalt und waren bereit und willens, sich ins Minenfeld der Nahostpolitik zu stürzen, um die Welt von einem gefährlichen Diktator zu befreien. Im Namen demokratischer Werte, so wurde argumentiert, müssten wir gewillt sein, der Tyrannei das Rückgrat zu brechen–in einem Teil der Welt, der schon häufig als Nährboden für Terrorismus gedient hatte. Auf dieser Seite des Spektrums standen viele traditionelle religiöse Gemeinschaften–die breite Menge der Christen, Evangelisten, amerikanische Baptisten, konservative Juden und so weiter. Und die logische Schlussfolgerung aus der Situation, ob nun von den Pat Robertsons dieser Welt direkt geäußert oder durch Bushs Doktrin der "Achse des Bösen" einsuggeriert, lautete, dass Gott in dieser speziellen Konfrontation aufseiten Amerikas stünde–Gott unterstützte den Frieden und die Demokratie und würde nichts lieber haben, als den amerikanischen Adler in diesem zwar bedauerlichen, aber grundlegend guten Krieg um die global destabilisierende Gegebenheit der Schurkenstaaten und des internationalen Terrorismus triumphieren zu sehen.

Auf der anderen Seite stand der liberalere Querschnitt des Landes, darunter ein Teil der demokratischen Partei, der sich dem Gedanken an einen Krieg eisern widersetzte und die Regierung rundheraus öffentlich anprangerte. Diese Fraktion umfasste die liberaleren, ökumenischen Mitglieder der etablierten religiösen Gemeinschaften, und ihnen schlossen sich eine Reihe weiterer spiritueller oder pseudospiritueller Bewegungen an, darunter die amerikanischen Buddhisten, die Selbsthilfegruppen, die New Age Bewegung, die christliche Neugeist-Bewegung et cetera. Sie vertraten eine entschieden pazifistische Haltung und kritisierten jegliches Kriegsgerede. Und die klare Schlussfolgerung war zwangsläufig, dass Gott, der Geist oder zumindest das moralische und spirituelle Recht tatsächlich auf ihrer Seite stünde–auf der Seite von Pluralismus und Toleranz, von Frieden und Wiedervereinigung, auf der Seite, die nicht einfach töten würde für einen dubiosen amerikanischen Plan, die Welt einseitig nach eigenem Gutdünken zu ordnen. "Gott steht auf der Seite des Friedens", war auf dem Schild des Mannes in Vermont zu lesen.

Gott steht auf der Seite des Friedens. Dieser Satz kreiste unaufhörlich in meinen Gedanken, als ich an jenem warmen Herbsttag durch die goldene Hügellandschaft fuhr. Ist Gott wirklich auf der Seite des Friedens? Das war doch fast schon eine Binsenweisheit. Gott und Frieden gehörten nach Meinung vieler durch und durch zusammen. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass Gott sich auf die Seite des Krieges stellt. Außerdem–ist Frieden nicht eine wesentliche Botschaft der Lehren nahezu aller Religionen?

Für mich war Frieden immer ein Wort gewesen, das starke Assoziationen auslöste. Weit mehr als nur eine gute Idee, war es mir eine Orientierungshilfe für mein Leben, eine Art mythisches Ideal gewesen, das aus der Zukunft mit der Aussicht auf eine bessere Welt lockte, eine neue und tolerantere Weise, auf diesem kleinen Planeten zu leben. Frieden–das war eine spirituelle, philosophische, moralische und politische Erklärung–alles in Einem–und ich hatte mich einen Großteil meines Lebens darum bemüht, dieser Überzeugung nach meinem besten Vermögen Stimme zu verleihen. Und damit stand ich nicht allein da. Frieden und Gewaltlosigkeit waren Ideale, welche die moralischen Vorstellungen einer ganzen Generation prägten, die auf der Suche nach einer tieferen Menschlichkeit war in einer Welt, in der Kriegswaffen zum ersten Mal in der Geschichte wohl das Ende des Lebens, wie wir es bisher gekannt hatten, bedeuteten. Doch als ich an jenem Herbstnachmittag dem Sprechchor der Antikriegsdemonstranten zuhörte und die verschiedenen Friedensbewegungen sah, die–in Sorge über die Hybris Amerikas–in aller Welt wie Pilze aus dem Boden schossen, da musste ich feststellen, dass jene besondere Magie–zumindest für mich–verloren gegangen war. Die moralische Stärke der Friedensbewegung, die meine Seele berühren und meine idealistische Leidenschaft beflügeln konnte, schien in weiter Ferne. Eine Parade ehemaliger Aktivisten der Vietnam-Ära trat in den Medien auf, um der Welt zu verkünden, dass die Bewegung dieses Mal immer weiter anwachsen und das Land überschwemmen würde. Der Aktivist Ron Kovic, dessen Leben in Oliver Stones Film Born on the Fourth of July von Tom Cruise porträtiert wurde, sprach in CNN und sagte, dass diese Friedensbewegung an einem "außerordentlichen Scheideweg" stünde, einem "Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte" bildete, den Beginn einer gewaltlosen Revolution. Und ich fragte mich: Ist das wirklich wahr?

Natürlich sympathisierte ich mit den Bedenken der Friedensbewegung. Frieden an sich war ja keine schlechte Idee–lediglich eine inadäquate. Ob es uns gefällt oder nicht, wir leben nun einmal in einer Welt voller Konflikte–nicht nur der Waffen, sondern auch der Ideologien und Weltanschauungen. Und wie viele Amerikaner, machte ich mir Gedanken darüber, wie wir wohl auf diese Druckpunkte, welche die fragile Kohäsion unserer globalen Gesellschaft bedrohten, reagieren würden. Wir lebten doch in einer Welt, in der, trotz des relativen Friedens und Wohlstands im Westen, Chaos und Barbarei gleich um die Ecke lagen. Der Horror ethnischer Säuberung wurde praktisch ein immer wiederkehrendes Thema in den Nachrichten; in Burundi steckten Kinder Leichenteile auf ihre Gewehre; Pakistan betrieb im Nahen Osten das Einkaufzentrum für Massenvernichtungswaffen; Öl und Wasser wurden immer knapper; ökologische Katastrophen brauten sich am Horizont zusammen; neue Krankheiten bedrohten uns und die Sympathisanten der Al-Quaida schmiedeten Pläne, eine pakistanische Regierung zu stürzen oder zumindest zu destabilisieren, die im Besitz von Atomwaffen ist. Vor diesem Hintergrund schien die Vorstellung, dass all unsere Probleme friedlich und gewaltlos gelöst werden könnten, ein echter Vertrauensvorschuss. Aber für viele spirituell gesinnte Menschen, die sich um den Zustand der Welt sorgen, sind die Ideale von Frieden und Gewaltlosigkeit einfach unanfechtbar. Sie sind mit einer Art heiliger Antihaftbeschichtung versehen, an der jede kritische Analyse ihres pragmatischen Wertes abperlt. Wieso?, fragte ich mich. Ist Gott ein Pazifist? Sind höhere menschliche Bestrebungen immer auf Frieden hin ausgerichtet?

Seit dem Herbsttag, an dem ich auf dem Marktplatz in Vermont stand, sind fast zwei Jahre vergangen. Inzwischen haben diese Themen immer größere Bedeutung erlangt. Und an diesem entscheidenden Moment in der Menschheitsgeschichte–3.500 Jahre, nachdem Moses mit dem simplen Gebot "Du sollst nicht töten" vom Berg herab stieg, 3.000 Jahre, nachdem Krishna Arjuna lehrte, wie man kämpft und "seine üblen Feinde besiegt", 2.500 Jahre, nachdem Sokrates den Schierlingsbecher des Athener Staates trank, nicht gewillt zu kämpfen oder zu fliehen, 2.000 Jahre, nachdem die Römer einen jüdischen Rabbi, der seinen Anhängern auftrug, sie "sollten auch die andere Wange hinhalten", kreuzigten, 900 Jahre, nachdem sich die Christen ihren Weg durch den Nahen Osten plünderten und brandschatzten, um das Land für Gott zurückzugewinnen, 60 Jahre, nachdem ein indischer Anwalt, mit seinem Gewissen als einziger Waffe, das Britische Weltreich in die Knie zwang und nur wenige Jahre, nachdem 3.000 Zivilisten in einem sorgfältig ausgeführten Kriegsakt im Namen des Islam auf amerikanischem Boden ermordet wurden–ist die Frage, ob, wann, wieso und wie man Gewalt anwenden solle, tatsächlich verwirrender, komplexer und wichtiger denn je.



[ zur nächsten Seite ] 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6




artikel drucken

email an die redaktion

artikel versenden

inserieren

nachdrucken
abonnieren abonnieren geschenk abo


home | aktuell | archiv | bestellen | über wie
herausgeber | kontakt | links | site map




full table of contents

buy this issue

Neues bei WIE
Letzte Neuigkeiten und Aktuelles!

E-Mail-Adresse hier angeben.