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Der Guru und der Pandit


Transzendieren & Einbeziehen
Andrew Cohen und Ken Wilber im Dialog
 

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Andrew Cohen: GURU. Evolutionärer Denker und spiritueller Pionier. Nach eigener Beschreibung „Idealist mit revolutionären Neigungen“. Cohen, Gründer des Magazins What Is Enlightenment?, ist spiritueller Lehrer und Autor und auf dem neuen Gebiet der evolutionären Spiritualität als richtungweisende Stimme weithin anerkannt. Während des letzten Jahrzehnts hat Cohen führende Denker aus Ost und West – Mystiker und Materialisten, Philosophen und Psychologen – auf den Seiten von WIE zusammengebracht, um die Bedeutung einer neuen Spiritualität für das neue Jahrtausend zu erforschen. Unter seinen Werken befinden sich Himmel und Erde umarmen und Erleuchtung leben.

Ken Wilber: PANDIT. Ein anerkannter Denker, der in der spirituellen Weisheit durch und durch zuhause ist. Nach eigener Beschreibung „Verteidiger des Dharma, intellektueller Samurai“. Er wird als „der Einstein des Bewusstseins“ gepriesen und gilt heutzutage als einer der angesehensten lebenden Philosophen. Wilbers Werk bietet eine originale und umfassende Synthese der großen psychologischen, philosophischen und spirituellen Traditionen der Welt. Der Autor zahlreicher Bücher, darunter Eine kurze Theorie von Allem und Eros, Logos, Kosmos, ist Gründer des Integral Institute und regelmäßiger Mitwirkender bei WIE.


TRANSZENDIEREN & EINBEZIEHEN
Dialog VII

Wie entsteht signifikante Veränderung? Muss das Alte und Vertraute vollständig zurückgewiesen werden, damit etwas Neues geboren werden kann? In ihrem siebenten Dialog untersuchen Wilber und Cohen was es bedeutet, unser umfassendes menschliches Potenzial zu verwirklichen, und sich gleichzeitig auf die vielschichtige Komplexität des evolutionären Prozesses einzulassen.

Andrew Cohen: Ich komme gerade vom Treffen des Parlaments der Weltreligionen in Barcelona, wo ich eine wirklich wundervolle Erfahrung gemacht habe. Es war für mich persönlich ein transformierendes Ereignis. Ich habe dort viele spirituelle Lehrer, religiöse Führer, soziale Aktivisten und Universitätsprofessoren getroffen – inspirierte, leidenschaftliche, mitfühlende und offenherzige Menschen – alle mit einem völlig verschiedenen Hintergrund. Das Gefühl des guten Willens war ansteckend, und daraus entstand eine sehr erhebende Stimmung. Auf dem Weg zum Flughafen in Boston traf ich eine Frau, die ihre Erfahrungen vom vorherigen Parlamentstreffen in Kapstadt vor sechs Jahren mit den Worten „meine erste Erfahrung des Himmels“ beschrieb. Ich würde zwar nicht ganz so weit gehen, aber die Tatsache, dass so viele verschiedene Menschen aus so vielen unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen und Überzeugungen, und – ich wage es kaum zu sagen – auf unterschiedlichen Ebenen der Entwicklung in einem solchen Geist des Miteinanders und der spirituellen Erforschung zusammenkommen können, ist eine bemerkenswerte Sache. Das erhellendste oder erleuchtendste Gespräch, das ich dort hatte, war das mit Dirk Ficca, dem Parlamentsvorstand. Als wir über das Zusammentreffen sprachen und was er damit bezweckte, machte er unmissverständlich klar, dass sein Hauptanliegen mit diesem Parlament darin besteht, den „Mainstream“ (die Mitte) zu beeinfl ussen. Er teilte dabei die spirituelle/religiöse Welt in drei Kategorien: Fundamentalisten, Mainstream und Progressive. Er sagte, dass die Fundamentalisten, egal aus welcher Tradition sie kommen, niemals ein Interesse hätten, mit anderen zusammenzukommen, noch wären sie an einer Weiterentwicklung interessiert. Er fuhr fort, dass die Progressiven – also Menschen wie wir, die wir eine Minderheit darstellen – beides bereits tun, dass wir aber, relativ betrachtet, in unserer eigenen Welt leben würden. Nur wenn man den Mainstream erreichte, so Dirk, also diejenigen innerhalb der religiösen Traditionen, die weder zu den Fundamentalisten noch zu den Progressiven gehören – nur dann könnten bedeutende Veränderungen in der religiösen Welt stattfi nden. Das hat mich sehr beeindruckt, weil ich mich in meiner eigenen Arbeit, wie du weißt, hauptsächlich darauf konzentriert habe, das Maximum unseres spirituellen Potenzials voranzutreiben. Ich war immer davon überzeugt, dass, wenn man die Entwicklung an vorderster Front vorantreibt, sich dies auf lange Sicht auf das Ganze auswirken würde. Das mag auch so sein, aber genau so klar ist auch, dass, was Dirk deutlich machte, ganz egal, wie viel Fortschritte einige von uns da vorne machen, wenn die mittlere Gruppe sich nicht vorwärts bewegt, wir alle mit dem Schiff untergehen!

Ken Wilber: Ganz genau. Und man kann das auf eine sehr gradlinige Art und Weise betrachten. Wenn man einmal den Kontext von Entwicklung mit in unser Verständnis einbezieht, dann sieht das sehr ermutigend aus und gibt doch gleichzeitig Anlass zu Pessimismus: Siebzig Prozent der Weltbevölkerung befinden sich auf einer ethnozentrischen Entwicklungsstufe oder darunter. Und das bedeutet, mit den Worten von Spiral Dynamics: das blaue Meme: das magische und mythische oder darunter. Dort befinden sich im Wesentlichen die Fundamentalisten und die Traditionalisten. Das ist das eine. Was er mit dem „Mainstream“ meint, scheint dem orangen Meme sehr ähnlich zu sein, der wissenschaftlich rationalen Weltsicht. Es ist ein Merkmal des Mainstream, die magischen und mythischen Dogmen der Fundamentalisten zu nehmen und sie zu modernisieren – sie in einen modernen Rahmen zu stellen. Die modernen Mainstream-Kirchen sind ein Ausdruck dieses Bemühens.

Cohen: Wenn wir also den Mainstream bewegen können – egal wie langsam, Hauptsache er bewegt sich vorwärts – dann findet insgesamt eine sehr bedeutende Weiterentwicklung statt.

Wilber: Ich glaube, Dirk hat völlig recht damit, dass der Mainstream eine ganz zentrale Rolle dabei spielt, wenn es darum geht, dass sich die ethnozentrischen, präkonventionellen und beängstigenden fundamentalistischen Religionen auf die moderne und postmoderne Welt hin bewegen. Die Progressiven sind natürlich pluralistisch oder integral oder auch noch weiter entwickelt, aber das sind zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung. Wenn wir jedoch den Mainstream der Religion nicht erreichen können, dann werden siebzig Prozent der Weltbevölkerung weiterhin ein reales Problem bilden. Aus diesem Grund sind Einrichtungen wie das Parlament der Weltreligionen sehr wichtig. Bestenfalls ist dies jedoch eine pluralistische postmoderne Organisation des grünen Meme. Was also den Prozess des Mainstream betrifft, hat er eine ziemlich akkurate Einschätzung. Aber das ist nicht integral. Es ist in der Tat Mainstream. Integral ist die Spitze der Bewegung, diese zwei oder drei Prozent.

Cohen: Sicher. Dennoch, als ich dort war, fühlte ich, wie diese Kameradschaft und Brüderlichkeit zu einer leidenschaftlichen Begeisterung darüber führte, was möglich ist, auch wenn vieles in einem so schlechten Zustand zu sein scheint - und darauf richtete sich mein Augenmerk. Wie auch immer – alles, was wir tun können, ist wirklich alles zu tun, was wir tun können, und wenn wir das Richtige tun, dann werden wir die ekstatische Herrlichkeit erfahren, die dem gesamten Prozess zugrunde liegt, unabhängig davon, was am Ende dabei herauskommt.

Wilber: Definitiv!

Cohen: Wie ich schon sagte, der größte Teil meiner Aufmerksamkeit richtete sich darauf, die Spitze einer Bewusstseinsentwicklung weiter voranzutreiben, und dabei konzentrierte ich mich hauptsächlich auf diese zwei oder drei Prozent, die du erwähntest (wahrscheinlich sind es bei meiner eigenen Arbeit noch weniger, weniger als ein halbes Prozent!). Mit den Bereichen hingegen, die keinen direkten Bezug zu dieser Spitze hatten, habe ich mich daher kaum befasst. Das ist der Grund dafür, warum das Parlament ein derart transformierendes Ereignis für mich war. Ich entdeckte auf eine neue, tiefere Weise, dass wir alle Teil eines riesigen Entwicklungsprozesses sind, der seinem Wesen nach ein Ganzes ist. Und es ist mir dabei klar geworden, dass jegliches Vermeiden oder jegliche Ablehnung dieser Ganzheit, unsere Fähigkeit klar zu sehen, unvermeidlich und zutiefst beeinträchtigt und dass wir dann auch nicht mehr auf die bestmögliche Art und Weise reagieren können. In deiner Arbeit als ein integraler Philosoph hast du immer betont, dass es bei unserer Entwicklung von einer Ebene zur nächsten notwendig ist, sowohl zu transzendieren, als auch dasjenige mit einzubeziehen, was vorher war. In meiner Arbeit als ein spiritueller Lehrer habe ich eine klare Unterscheidung gemacht zwischen deiner Aussage eines – „transzendiere und umfange“ – und meiner eigenen Version, die besagt, dass wir in unserer Entwicklung von einer Ebene zur nächsthöheren „transzendieren und ausschließen“ müssen, damit wir frei sind, um uns auf einer höheren Ebene neu zu ordnen. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass dies stimmt, aber als Ergebnis meiner kürzlichen Erfahrungen muss ich zugeben, dass meine Sicht sich diesbezüglich verändert und reift. Mir ist klar, dass es möglich ist, ein breites Spektrum von Weltsichten, Meinungen und spirituellen Perspektiven mit einzubeziehen, ohne dabei Kompromisse beim eigenen spirituellen Fortschritt machen zu müssen.

Wilber: Ja, das schließt sich gegenseitig überhaupt nicht aus.

Cohen: Genau, und was „transzendieren und einbeziehen“ bedeutet, wurde für mich auf eine sehr lebendige Weise während des Treffens des Parlaments erfahrbar. Ich traf so wundervolle, großherzige, leidenschaftliche Menschen, die so sehr um die Evolution und Entwicklung unserer Welt und unseres Bewusstseins bemüht sind. Dadurch wurde mir bewusst, dass eine alleinige Konzentration auf die Spitze des menschlichen Potenzials in sich selbst ein unvollständiger Ansatz ist. Ich habe noch nie zuvor so viele unterschiedliche Menschen getroffen, mit denen ich auf eine äußerst menschliche Weise in Beziehung treten konnte, sowohl auf der Ebene des Herzens als auch auf der Ebene des Geistes. Es war für mich eine Erfahrung der Reifung, weil ich, wie ich schon sagte, erkannte, dass dieses Aufeinanderzugehen und Voneinanderlernen möglich war, ohne Abstriche an meiner Position machen zu müssen, und dass wir alle vereint daran mitwirken, das Bewusstsein dieser einen Welt anzuheben.

Wilber: Das ist großartig und hat große Bedeutung. Es ist ein Prozess der Reifung und des Wachsens. Die Fülle entfaltet sich immer weiter.

Cohen: In unserem Bestreben, uns zu immer höheren Ebenen der Entwicklung zu entfalten, gehen wir gleichzeitig durch den fortwährenden Prozess der Aufl ösung und der Reintegration. Dieser Vorgang der Evolution und Transzendenz erfordert unsere permanente Bereitschaft loszulassen oder auszuschließen, und zwar unsere überholten Sicht- und Denkweisen, unsere festgefahrenen philosophischen Vorstellungen: unsere Weltsicht, und unsere Konzepte von uns selbst usw.. In meiner eigenen Arbeit mit Menschen ist dies einer der herausforderndsten Aspekte der Entwicklung, weil es die ultimative Bedrohung des Ego darstellt. Das Einzige, was evolutionäre, das heißt, vertikale Entwicklung wirklich ermöglicht, ist die mutige Bereitschaft, auf der tiefstmöglichen Ebene von der Vorstellung loszulassen, wer wir zu sein glauben.

Wilber: Dies wird immer als ein Tod bezeichnet. Jede Tradition spricht von einem Sterben, und das ist keine Metapher.

Cohen: Das ist die absolut Furchterregende, total aufregende Wahrheit der Evolution auf der Ebene des Bewusstseins – hier und jetzt!



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