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Im Laufe der 88 Jahre seines Lebens gelang es dem großen Sufi-Mystiker und Lehrer Pir Vilayat Inayat Khan, die zeitlose Essenz des Sufismus mit zeitgemäßen Ausdrucksformen von Kultur und Bewusstsein zu vereinen. Als hochrangiger Vertreter einer weltweiten spirituellen Gemeinde tat sich Pir Vilayat besonders dadurch hervor, dass er spirituelles Erwachen in Einheit mit intellektuellem Lernen und Kreativität verstand und eine tiefe Auseinandersetzung mit den neuesten Entwicklungen der Philosophie, Psychologie, Wissenschaft, Kunst und Kultur betrieb. Er beherrschte fünf Sprachen, studierte Philosophie in Oxford und war ein Virtuose auf dem Cello. Sein Sohn und spiritueller Erbe Pir Zia fand dafür die folgenden Worte: "Pir Vilayat verachtete die Versuchung, in Trägheit und Routine zu verfallen. Angetrieben von einer Kette von Entdeckungen – spirituellen Öffnungen, die sich mit der eingehenden Lektüre von Wissenschaften und heiligen Schriften abwechselten – wurde er zum Wegbereiter für die Spiritualität der Zukunft." Pir Vilayat wurde 1916 in London geboren und er sollte zum spirituellen Nachfolger seines Vaters werden, dem hoch geachteten Hazrat Inayat Khan, der den Sufismus in den Westen brachte. Es war Pir Hazrat, der die Praxis des Sufismus auch jenseits von dessen Heimat im Mittleren Osten und Indien etablierte und einer dem zeitgenössischen Kontext entsprechenden Ausdrucksweise seiner Tradition den Boden bereitete. Diese spirituelle Perspektive machte sich später auch sein Sohn Pir Vilayat zu eigen. Als einen "von der Tradition geleiteten Linienhalter" beschreibt ihn Pir Zia. "Mein Großvater Pir Hazrat war nicht Verteidiger einer bestimmten Ideologie, sondern vielmehr die mystische Antwort auf die enormen Herausforderungen und Hoffnungen einer sich rasch verändernden Welt. Seine Botschaft war die der interreligiösen Versöhnung und der spirituellen Erneuerung. Das waren auch die Fußstapfen, in die mein Vater Pir Vilayat trat." Pir Vilayat selbst begann seine Lehrtätigkeit in den 50er Jahren beim "Sufirder in the West" (heute: "Sufi Order International"), den sein Vater gegründet hatte und mit dessen Hilfe schließlich weltweit über einhundert regionale Zentren für das Studium des Sufismus in Amerika, Europa und anderen Ländern entstanden. Vom Jahr 1965 an berief er in Frankreich einen Kongress der Religionen ein, auf dem sich Vertreter unterschiedlicher Traditionen trafen, um die unterschiedlichen Standpunkte kennenzulernen und zu diskutieren. Für diesen Beitrag zu interreligiösem Verständnis erhielt er im Jahr 2004 posthum den Hollister Preis. Im Jahr 1975 gründete Pir Vilayat die "Abode of the Message" (Hort der Botschaft), das neue Hauptzentrum des Internationalen Sufi-Ordens. 1977 folgte das Omega-Institut, das er gemeinsam mit seiner langjährigen Schülerin Elizabeth Lesser ins Leben rief und das sich seitdem zum größten Zentrum für holistisches Lernen in den USA entwickelt hat. Elizabeth Lesser erinnert sich daran, dass Pir Vilayat mit der Gründung von Omega "die alten Schulen und Bibliotheken von Alexandria wiederauferstehen lassen wollte. Er war der Meinung, dass dort das Konzept des Holismus entstanden war, die Idee, dass alles Denken miteinander verbunden ist. Er wollte in der modernen Kultur einen Ort schaffen, an dem alle Religionen und spirituellen Richtungen als zusammengehörig gelehrt werden konnten. Der Name Omega geht auf den französischen Jesuiten und Paläontologen Teilhard de Chardin zurück, einem der Vorbilder Pir Vilayats, und verweist auf den Punkt, an dem alles Denken zusammenfließt." Pir Vilayat war der Begründer einer evolutionären Spiritualität, die auf der Erkenntnis beruht, dass unsere Rolle als Menschen darin besteht, mit ganzem Herzen an dem Prozess teilzunehmen, durch den die Intelligenz des Universums durch uns mit der Zeit erwacht. Seiner Überzeugung nach hat das Wissen und Verständnis, das durch die Erweiterung des Bewusstseins entsteht, das Potenzial, den Verlauf der Evolution selbst zu beeinflussen. Pir Vilayat glaubte, dass wir, die bereits selbst Ausdruck einer entwickelten und komplexen Zivilisation sind, kraft unseres Engagements und unserer dynamischen Kreativität dazu beitragen können, dass die Menschheit irgendwann zu einer neuen und höheren Ordnung der Existenz aufsteigen kann. "Je weiter man vorankommt", sagte er, "desto mehr entfernt sich der Horizont, sodass der geheimnisvolle Schatz, nach dem wir streben, immer weiter in die Ferne rückt. Es mag seltsam scheinen, aber wir sind es, die das Geheimnis erschaffen. Es existiert nicht von alleine. Genau wie die Zukunft – wir erschaffen sie." Der spirituelle Lehrer hatte viel Erfahrung darin, seine Schüler im Studium
ihres eigenen Denkens und ihrer selbst geschaffenen Konstrukte über das
Bewusstsein anzuleiten. Pir Zia beschrieb bildhaft, "wie er die Suchenden
in der Meditation durch die komplexen Bereiche der Wahrnehmung und der
Identität führte, hin zum Gipfel des 'stereoskopischen Bewusstseins'. Dies
sei die Kunst, das Zeitliche mit dem Ewigen zu verbinden, die direkten
Handlungen des täglichen Lebens mit der erhabendsten Erkenntnis göttlichen
Seins zu vereinen. Ihm ging es nicht darum, ein bestimmtes Denksystem zu
verteidigen, sondern durch die transformative Kraft von Gebet und
Meditation eine Anamnese herbeizuführen und die kognitiven Störungen
aufzudecken, die die natürliche Selbstverwirklichung der Seele behindern."
Pir Zia erinnerte sich auch an einen besonders beeindruckenden Augenblick
mit seinem Vater: "Es war vor zwei Jahren auf einem Meditationscamp in den
Schweizer Alpen. Mein Vater hatte die Suchenden durch die fortgeschrittenen
Stufen der Meditation geführt und kam in einem völlig ekstatischen Zustand
aus dem Zelt heraus. Er rief mich, mit ihm zu gehen. Auf halbem Weg blieb
er stehen und sagte mit Tränen erfüllten Augen:
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