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eine liebesgeschichte des 21. jahrhunderts


Teil V: INDIEN SCHLÄGT ZURÜCK
 

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VON: EVAN MCALLISTER

AN: ELLA PARIS

DATUM: Fr, 24. Sept 2004 13:03:42 (PDT)
BETREFF: IM FLIEGER

meine liebe ella,

es ist gerade 1 uhr, und in nur vier stunden sitze ich im flieger nach kalkutta ... und zu DIR! oh gott, warum habe ich nur so lange gewartet?? keine ahnung. aber das ist jetzt egal, weil ich endlich unterwegs bin. und ich bin mir sicher, dass ich indien überleben werde. zum einen habe ich die jakobsleiter auf meiner seite, und abgesehen davon habe ich dich, auch wenn es momentan den anschein hat, als hättest du das vergessen. mein flieger landet morgen abend um 17:15, indische zeit (glaub ich). holst du mich vom flughafen ab?

bis bald ...

alles liebe,

evan

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VON: ELLA PARIS

AN: EVAN MCALLISTER

DATUM: Sa, 25. Sept 2004 00:22:04 (EDT)

BETREFF: IM ZUG

Tut mir leid, dir das jetzt sagen zu müssen, Evan, aber ich werde nicht am Flughafen sein. Ich verlasse heute Morgen noch Kalkutta. Ich erwarte wirklich nicht, dass du das verstehst. Alles ist einfach immer schlimmer und schlimmer geworden, und ich drehe durch. Ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich tue, was ich tue und um es ganz offen zu sagen, geht es mir schon seit Monaten ziemlich dreckig. Vor ein paar Tagen habe ich von einem Meditationslehrer namens Percy Musgrove gehört–er leitet jedes Jahr diese Retreats in Bodhgaya, der kleinen Stadt in Nordindien, von der ich dir erzählt habe, und in der Buddha vor 2500 Jahren erleuchtet wurde. Das Retreat dauert zehn Tage und findet in Stille statt, außer den Gruppen- und Privattreffen mit Musgrove, die vermutlich, so steht es zumindest in der Broschüre, "Lehren über das Erwachen und umfangreiche Anleitungen zur Vipassana Meditation“ beinhalten. (Du kennst das wohl schon, aber es ist die Art Meditation, die Buddha wahrscheinlich praktiziert hat.) Wenn mir das nicht weiterhelfen kann, dann gibt es keine Hoffnung. Vielleicht ist es jetzt schon hoffnungslos. Es ist schwer, daran zu glauben, dass irgend so ein alternder Hippie-Meditationslehrer mir jetzt helfen könnte, aber ich weiß wirklich nicht, was ich sonst tun soll. Pass auf dich auf, Evan, ich hoffe wirklich, dass man dich in Indien gut behandelt. Ella

p.s. Es tut mir leid, dass ich in der letzten Mail so rumgezickt habe. Vier Menschen sind an jenem Tag vor meinen Augen in Mutter Theresas Krankenhaus gestorben, und es wurde einfach alles zu viel für mich.

p.p.s. ein paar Überlebenstipps:

- Nimm dich vor Straßendieben in acht, die Millionen Tricks auf Lager haben, dich auszurauben

- Iss keinen Salat

- Putz deine Zähne nur mit Wasser aus Flaschen

- Nicht in der Bucht von Bengal surfen

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VON: EVAN MCALLISTER

AN: ELLA PARIS

DATUM: Mi, 29. Sept 2004 10:31:09 (PDT)
BETREFF: EIN WEITERES UNSANFTES ERWACHEN

hallo ella,

ich schreibe dir vom amerikanischen konsulat in kalkutta aus und warte darauf, dass mir meine eltern geld schicken. mein geldbeutel wurde mir letzte nacht geklaut–und auch mein paket einweg-waschtücher, was mich total ankotzt. wenigstens haben sie hier eine packung kleenex.

ich bin vor vier tagen in kalkutta angekommen. als ich dich nirgends auf dem flughafen gesehen habe, hab ich mich auf den weg gemacht zu den missionaren der barmherzigkeit, um dich zu finden. aber du warst natürlich nicht da. ich war so erschöpft, dass sie mich die nacht über in einem leeren feldbett schliefen ließen. aber ich konnte nicht einschlafen, weil ich mir sicher war, dass wahrscheinlich vor mir ein sterbender auf dem bett gelegen hat. am nächsten morgen half mir eine der nonnen, ein günstiges hotel um die ecke zu finden und dort war ich seitdem auch. meistens.

ich bin heute morgen noch vor der dämmerung am flussufer neben der howrah-brücke aufgewacht, ungefähr eine halbe meile von meinem hotelzimmer entfernt, und hatte einen mörderischen kater. ich wusste nicht, wer ich war, wo ich war, oder warum ich kein hemd anhatte. ich fühlte mich, als müsse ich mich gleich übergeben, was ich dann auch getan habe, direkt in den heiligen ganges ... dann hab ich ein geräusch gehört und mich umgedreht und diesen indischen kerl gesehen, der ein paar meter weiter weg hockte und auf den strand einen haufen setzte, während er eine dieser fruchtigen kleinen indischen zigaretten rauchte, die du so magst. er starrte mich einfach nur mit diesem völlig ausdruckslosen blick an. ich taumelte ein paar schritte zurück und stolperte über einen stein. mir war immer noch nicht klar, wie ich eigentlich hier gelandet war, aber nach ein paar minuten erinnerte ich mich auf einmal schemenhaft an das, was letzte nacht geschehen war ...

ungefähr um 10 uhr abends saß ich in der hotel lobby und las "der fremde“ von camus, als ein schmuddeliger italienischer kerl mit rabenschwarzem haar und einem pferdeschwanz auf mich zukam und fragte, ob ich nicht lust hätte, einen drauf zu machen. ich hatte ihn vorher schon im hotel gesehen und er schien in ordnung zu sein, also meinte ich "klar.“ nun, wir stiegen also in diese rickscha draußen vor dem hotel und dieser alte kerl von fahrer kutschierte uns über eine meile herum, während er die ganze zeit fluchte, hustete und spuckte und seine nackten füße in der dunkelheit gegen das nasse steinpflaster schlugen. ich hab mich echt sehr unwohl gefühlt und wusste nicht, was ich sagen sollte, als wir endlich anhielten. aber der italiener gab ihm eine handvoll rupien und führte mich in dieses billige hotel, aus dessen keller laute reggae musik drang. wir gingen ein paar stufen hinunter und betraten einen großen, schwach beleuchteten raum, der voll gepackt war mit tanzenden menschen aus dem westen. wir setzten uns an einen tisch in der ecke, und nachdem er uns ein bier bestellt hatte, begann er mir seine geschichte zu erzählen: wie er in kalkutta gelandet war, nachdem er eine göttliche eingebung hatte, missionsarbeit oder sowas ähnliches zu machen. ich erkundigte mich, wie es denn so laufe und er erzählte mir, dass er vor kurzem seine traumfrau getroffen hatte. daraufhin erzählte ich ihm, dass ich hierher gekommen war, um meine traumfrau wiederzusehen, aber dass sie einfach verschwunden war. er sagte, dass gleiche wäre ihm auch passiert und dann fing er an zu weinen. wirklich laut. es war seltsam, aber ich wusste, dass das ein moment der seelischen läuterung war und sagte: "lass es raus, mein freund. ich bin hier und hör dir zu.“ (die ganze zeit über füllte uns dieser bizarr aussehende kleine indische junge mit dem abgewetzten yankees t-shirt und den fehlenden schneidezähnen die gläser nach.) also holte er tief luft und fuhr fort mir zu erzählen, dass er ein paar monate mit diesem mädchen zusammen gewesen und furchtbar verknallt in sie gewesen wäre, doch kürzlich befiel ihn der verdacht, dass sie sich mit einem anderen kerl treffe, einem schweizer. aber sie leugnete es und fragte ihn, wie er überhaupt so etwas von ihr denken könne? immerhin, darauf beharrte sie, arbeite sie mit mutter theresas nonnen zusammen! er erzählte, dass sie verschwunden war, als er am nächsten morgen aufwachte. ich fragte ihn schließlich nach ihrem namen. während er sich die tränen aus dem gesicht wischte, sagte er immer und immer wieder: "ella ... ella ... ella.“

ich hoffe dir gefällt das "meditations-retreat“. deinen "freund“ donatello zu treffen war katastrophal genug, wenn mir der arme kerl nicht so leid getan hätte, hätte ich ihm eine reingehauen. und jetzt sieht es fast so aus, als hättest du noch einen anderen kerl? wie viele opfer willst du noch auf deinem weg hinterlassen, ella paris??

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VON: ELLA PARIS

AN: EVAN MCALLISTER

DATUM: So, 03. Okt 2004 23:34:09 (EDT)
BETREFF: RE: EIN WEITERES UNSANFTES ERWACHEN

Lieber Evan,

"Opfer auf meinem Weg?“ Also bitte, sei nicht so dramatisch. Ich streite ja gar nicht ab, dass da etwas zwischen mir und Donatello war und du kannst dir auch gar nicht vorstellen, wie schuldig ich mich deswegen fühle. Aber ich habe ihn und Kalkutta nicht wegen einem anderen Typ verlassen. Ich habe ihn verlassen, weil er in letzter Zeit immer emotionaler und eifersüchtiger geworden ist, sodass er nicht verstanden hätte, wieso es zwischen uns aus war. Es hatte nichts mit Mikael zu tun, dem schwedischen Helfer von Ärzte Ohne Grenzen. Es ging nur um mich–ich war so deprimiert. Das Beste, was ich machen konnte, war, einfach abzuhauen, bevor ich noch das Leben aller ruiniert hätte. Auch deines, Evan McAllister. Mir war klar, dass ich dich nicht einfach mit in das Chaos hineinziehen konnte, das ich verursacht hatte, auch wenn du deswegen alleine in Kalkutta zurechtkommen musstest. Aber, was ich getan habe, scheint kaum von Bedeutung zu sein–meine schlimmsten Befürchtungen sind eingetroffen und du hast Donatello so oder so getroffen. Es tut mir leid, dass du so verärgert bist. Aber glaub mir, alles wäre nur noch schlimmer, wenn ich geblieben wäre. Ich bin gerade erst in Bodhgaya angekommen und habe deine E-Mail erhalten. Das Retreat fängt gleich an, also muss ich jetzt gehen. Drück mir die Daumen! Ella

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VON: EVAN MCALLISTER

AN: ELLA PARIS

DATUM: Mi, 06. Okt 2004 10:55:17 (PDT)
BETREFF: ZURÜCK ZUR STILLE

hi ella,

es tut mir leid zu hören, wie deprimiert du warst, aber ich bin immer noch verärgert, dass du mich in kalkutta hast stehen lassen (und dass du dich mit all diesen typen getroffen hast, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich mich besser fühle). Ich habe darüber mit jacob am telefon gesprochen und er hilft mir, die dinge klarer zu sehen. wie auch immer, es ist gut zu hören, dass du, nach all den monaten in indien, endlich deine aufmerksamkeit höheren dingen zuwendest.

evan

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VON: ELLA PARIS

AN: EVAN MCALLISTER

DATUM: Fr, 15. Okt 2004 06:09:00 (EDT)
BETREFF: DANKE INDIEN

Lieber Evan,

Ich war die letzten zehn Tage auf dem Retreat, und ich hätte niemals gedacht, wie bewusstseinserweiternd das Ganze sein würde. Allmählich begreife ich, warum du immer zu dem Zen-Zentrum in San Fransisco gegangen bist und verstehe sogar ein paar von deinen spirituellen Ideen, über die du immer so begeistert geredet hast. Ich glaube nicht, dass ich jemals in meinem Leben glücklicher gewesen bin. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich war, bevor ich nach Bodhgaya gekommen bin, ist es, als würde ich eine ganz andere Person sehen, und ich fühle einfach keinen Bezug mehr dazu, wie verloren, einsam und verwirrt ich war. Und all das verdanke ich Percy Musgrove. Er ist einfach ein unglaublicher Mensch. Du musst ihn auch unbedingt kennen lernen! Er hat den Schleier gelüftet und mir erlaubt, die Welt auf eine neue Art und Weise zu sehen. Er erlaubte mir, Schönheit zu sehen. Es war am zweiten Tag, als sich alles für mich änderte. Percy gab allen eine angeleitete Meditation (130 Leute oder so), und ich saß da mit geschlossenen Augen, und nach fünf oder zehn Minuten ging ich völlig im Klang seiner Stimme auf. Ich wurde tiefer und immer tiefer in mein Innerstes geführt und gelangte schließlich zu meinem eigenen Herzen. Dann fühlte ich mich plötzlich wie auf Drogen: Ein überwältigendes Gefühl der Glückseligkeit breitete sich in meinem Körper aus und erfüllte alle Gliedmaßen und mein gesamtes Wesen mit dieser totalen Ekstase, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte. Tränen rannen über meine Wangen und irgendwie wusste ich einfach, dass alles, wovon ich zuvor gedacht hatte, es sei falsch, alles, was total verdreht war an mir und der Welt, nicht länger ein Problem war. Alles war okay. Nein–nicht einfach nur "okay“, das klingt zu lasch. Einfach VOLLKOMMEN. Am gleichen Abend ging ich zu Percy, um mit ihm zu reden, und als ich ihm von meiner Erfahrung berichtete, sagte er: "Wunderbar, Ella! Mach weiter so, meine Liebe!“ Genauso war es. In den darauf folgenden acht Tagen übten wir Vipassana Meditation. Ich entdeckte, dass ich stundenlang sitzen und meditieren konnte, ohne mich zu bewegen, ohne gegen mich ankämpfen zu müssen oder das Bedürfnis, aufstehen zu wollen. Ich habe keine Ahnung, wieso ich dazu in der Lage war, es war sogar beinahe, als hätte ich die Kontrolle abgegeben. Ich folgte nur meinem Ein- und Ausatmen, ein und aus, ein und aus. Und unweigerlich kam dieses Gefühl von vollkommenem Frieden und von Güte über mich. Es erfüllte mein Herz mit Liebe, immer und immer wieder. Ich habe mich entschlossen, auch zu dem nächsten Zehn Tage Retreat zu gehen. Wie könnte ich mich jetzt noch anders entscheiden? Und außerdem meint Percy, dass es "eine Tragödie wäre, wenn ich nicht käme“. Morgen geht es los, also wird das vorerst die letzte Mail sein, die ich dir schreibe. Aber schreib du auf alle Fälle wieder, ich hoffe, dass es dir gut geht. Und falls du Donatello begegnest, sag ihm bitte nicht, wo ich bin.

Mit Liebe,

Ella



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