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Die kompromisslose spirituelle Leidenschaft & Positivität von Carlos Santana


Ein Interview mit Carlos Santana
von Craig Hamilton und Jessica Roemischer
 

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Interview

TEIL I Der Prediger

Santana über Absichten, Motive und Sinn

Carlos Santana trotzt dem Zynismus. Eine halbe Million Menschen sahen 1969 die elektrisierende Performance beim Woodstock-Festival, die ihn über Nacht zum Star machte. Seither hat seine Musik Millionen von Menschen, über Generationen hinweg, berührt. Dennoch erkennen vielleicht nur wenige, dass Santana die utopischen Ideale der 60er Jahre hochhält und ihnen sein Leben ganz verschrieben hat: den Traum von Gleichheit, Einheit und Liebe, den so viele von uns inzwischen als naiv und nahezu unerfüllbar fallen gelassen haben. Und vermutlich werden noch weniger Menschen wissen, dass dieser Traum von seiner tief empfundenen Spiritualität inspiriert ist, die Rasse, Kultur und Religion überwindet. "Zu leben heißt zu träumen", sagte er im Jahr 2000 bei den Grammy Awards. Und weil er seine leidenschaftliche Hingabe an den Traum von der menschlichen Harmonie fortsetzt, ist Santana ein globaler Botschafter für Optimismus, für das, was möglich ist, und für die Liebe. Das Ziel seiner Musik – und sein Lebenszweck – geht weit über pure Unterhaltung hinaus. "Es geht nicht nur darum, Menschen glücklich zu machen oder sie zum Tanzen zu bringen", erklärt er. "Es geht vielmehr darum, Dinge zu verändern – damit wir eine klarere Vorstellung von unserem Leben und uns selbst bekommen und es nicht mehr so viel Disharmonie in der Welt gibt."

WHAT IS ENLIGHTENMENT:Im Laufe deiner Karriere haben sich deine Glaubenssätze verändert und weiter entwickelt, und doch ist Spiritualität das Fundament deines Lebens geblieben. Du hast gesagt, dass "jeder göttliche Qualitäten besitzt, um heilen und transformieren zu können ... Wenn du erst zu glauben anfängst, folgt der Rest von alleine." Worin besteht heute die Essenz deines Glaubens?

CARLOS SANTANA:Deine Absichten im Leben, deine Motive und der Sinn, den du deinem Dasein gibst, sind eigentlich das, was dich ausmacht. Es spielt keine Rolle, ob du Santana, Schmidt oder Mayer bist, oder ob du Mexikaner, Hebräer, Katholik oder Buddhist bist. Ich glaube nicht, dass Gott und die Engel auf so etwas achten. Sie sehen nur deine Absicht, deine Motive und deinen Lebenszweck. Sobald sich diese herauskristallisiert und an Schärfe gewonnen haben und auf etwas eingestimmt sind, beginnen sich die Dinge für dich zu eröffnen – höchste Synchronizität und Segnungen, Gelegenheiten und Möglichkeiten. Jeder ist dazu ausersehen, an Reichtum und Fortschritt teilzuhaben, und die Schlüssel, welche die Menschen finden müssen, sind ihre Absichten, ihre Motive und der Lebenssinn, denn das ist es, was du wirklich, wirklich bist. Es überrascht mich, dass sie diese drei Dinge nicht in der Schule unterrichten. Das ist der Treibstoff, den du brauchst, um zum nächsten Bestimmungsort zu gelangen, und nicht das ganze andere Zeug. Das andere Zeug ist nur Staub. Was ich jedoch immer mehr begreife, ist, dass diese drei Dinge – Absichten, Motive und Sinn – wirklich bestimmen, wer du bist.

WIE: Du wurdest katholisch erzogen, dann, an einem bestimmten Punkt, hast du begonnen, dich für östliche Religion zu interessieren, bist aber wieder zum Christentum zurückgekehrt. Spielt heute das Christentum oder irgendeine andere traditionelle Religion noch eine Rolle in deinem Leben?

CARLOS: Nun, das ist Indoktrinierung, und nichts anderes. Es ist, als ob man eine Kuh mit Schuld, Scham, Verurteilung, Verdammnis und Furcht brandmarkt – das ist es, was Religion für mich bedeutet hat. Ich habe oft Schwierigkeiten mit der Presse und dem Fernsehen, weil ich mich diesen drei Dingen nicht unterwerfe: Politikern, Zuhältern und dem Papst. Ich glaube, dass alle drei geschaffen wurden, um dir Angst zu verkaufen. Doch wenn wir uns auf eine neue Welt zu bewegen wollen, dann müssen wir mit Freude arbeiten – dem Gegenteil von Schuld, Scham, Verurteilung, Verdammnis und Furcht. Da ist nichts Spirituelles dran, wenn man den Leuten sagt: "Du musst wie ein Christus sein. Du musst dein eigenes Kreuz tragen." Was zum Teufel soll das bedeuten? Willst du mir sagen, dass wir nur auf diese Welt kommen, um zu leiden? Was für eine Art pervertierter Gott würde so etwas tun? Nichtsdestotrotz ist genau das die Grundlage vieler Religionen. Und die Leute schlucken es, glauben es, und dann hat man eine ganze Menge Leute, die ernsthaft glauben, immer in der Opferrolle bleiben zu müssen.

In meinem Leben will ich kein Opfer sein, ich möchte auch keine tragische Figur sein. Ich möchte Triumph – spirituellen Triumph – mit Demut und Gnade, Schönheit, Eleganz und Exzellenz. Weißt du, ich habe von Duke Ellington viel über Klasse gelernt und von Nat King Cole, Gandhi, Martin Luther King jr. und John Coltrane über Demut. So habe ich meine ganze Religion zu Nicht-Religion kristallisiert – zu Spiritualität. Religion ist letztlich dazu gemacht, zu spalten und zu trennen; Spiritualität bringt Einheit, Vergebung und Mitgefühl.

WIE: Kannst du näher ausführen, wie Spiritualität, in der Art und Weise, wie du sie beschreibst, unsere grundlegende Sicht des Lebens verändert oder beeinflusst?

CARLOS: In dem Moment, wo du dein eigenes Gefühl für Klarheit gefunden hast, erkennst du, dass wir Menschen uns durch Spiritualität der Tatsache bewusst werden können, dass wir die Wahl haben, dass wir nicht in unserem Karma feststecken. Die meisten Leute geben auf und denken: "Mein Sternzeichen meint dies, mein Karma sagt jenes, und meine Eltern waren nicht gut, deshalb handle ich auch nicht gut." Die Leute ziehen sich also zurück, aber nur, weil sie nicht erkennen, dass man mit jedem Atemzug eine Wahl hat. Was immer du denkst, sagst oder tust, es setzt etwas in Bewegung.

Spiritualität ist für mich wie Wasser, Religionen hingegen sind wie Pepsi-Cola, Coca-Cola, Wein, Bier oder was auch immer. Aber Spiritualität ist das, was dich im Kampf wirklich retten wird. Champagner wird einem da nicht großartig helfen. So sehe ich die Dinge. Für mich ist das sehr klar. Ich glaube, je mehr wir diese Information unter den Menschen weitergeben, diese spirituelle Information, desto mehr werden sie in der Lage sein, zu wählen und die Macht, die darin liegt, zu erkennen. Das ist es, was die Menschen am meisten bestärkt. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich nicht der Einzige bin, der zu dieser neuen Dimension erwacht.

WIE: Es sieht so aus, dass für dich die freie Wahl und der freie Wille die eigentlichen Eckpfeiler des spirituellen Lebens sind. Kannst du mehr darüber sagen?

CARLOS: Wenn wir sterben, du oder ich, dann werden wir von Dämonen und Engeln stehenden Beifall dafür bekommen, dass wir Dinge getan haben, die sie nicht tun können, weil wir nämlich einen freien Willen haben. Engel und Dämonen können keine Golden Gate Brücke erschaffen. Wir werden aus einer Frau geboren und sind sehr zart und schwach, aber wir haben Träume. Menschen erzählen uns vielleicht: "Das kann nicht funktionieren. Es wird zu viel Geld kosten; man wird eine ganze Armee von Leuten benötigen; es wird sehr lange dauern; es wird schwierig werden – Beton, Zement und Stahl." Aber sie ist da, die Golden Gate Brücke! Und es war nicht Jesus, der sie gemacht hat. Schließlich hat er zu uns gesagt: "Ihr werdet Dinge tun, die ich nicht tun kann." Das ist spirituell.

Aber die meisten Leute sind nicht in der Lage, ihrem Wert gerecht zu werden. Wir sind nicht darauf programmiert zu denken: "Gott gab mir einen Wert." Die meisten Menschen winden sich oder unterbrechen dich, wenn du ihnen ein Kompliment machst, weil sie denken: "Ich bin es nicht wert" oder "Das wird mir zu Kopf steigen". Mensch, lass es rein; sei gnädig und sage einfach: "Danke. Es freut mich, dass es dir gefallen hat." Denn wenn wir zur Fülle der Welt erwachen, deren Grundlage aus spirituellen Prinzipien besteht, dann können wir sehen, was Jesus wollte, oder Buddha, Krishna, Allah, Rama, Jehova – was sie wirklich von uns wollten.

WIE: Wo findest du die größte spirituelle Quelle für deine Inspiration?

CARLOS: Meine Basis sind meine Absichten, meine Motive und mein Sinn, und die Gesellschaft, mit der ich verkehre. Mein Telefon läutet, und es meldet sich Herr Desmond Tutu oder Herr Harry Belafonte. Ich finde es in Ordnung, mich dafür zu rühmen, weil das genau die Leute sind, von denen ich gerne angerufen werde – und von Leuten wie Miles Davis oder Wayne Shorter. Wenn ich niemals eine Auszeichnung bekäme, wäre das für mich auch in Ordnung, weil die Gesellschaft, in der ich mich befinde, sehr inspirierend und stimulierend ist. Ich liebe es, in Gesellschaft von dynamischen Menschen zu sein, Leuten, die nicht mit einem Etikett herumlaufen. Du kannst einem Mandela oder einem Desmond Tutu oder einem Harry Belafonte niemals ein Etikett anheften. Du kannst diese Leute nicht kaufen, und wenn sie sich aufmachen, etwas zu tun, kannst du sie nicht bestechen. Das ist die Art Leute, mit denen ich auf der Bühne stehen will.

WIE: Von den 60er Jahren sagtest du, dass du "jene Tage vermisst, das Feuer und den Hunger, den die Leute hatten und das drängende Gefühl, dass die Dinge sich ändern müssten". Wie erlebst du diese Dringlichkeit jetzt, an der Schwelle eines neuen Jahrtausends, das von einer beispiellosen globalen Krise belastet ist?

CARLOS: Ich bringe die praktische Spiritualität mit dem Rebellen von der Straße zusammen, weil ich noch immer die Prinzipien der 60er Jahre lebe. Ich bin immer noch ein Hippie. Wir waren Regenbogen-Krieger, reinkarnierte amerikanische Indianer, die eine andere Dimension der Existenz wollten. Das mag sich idealistisch anhören, aber bei mir funktioniert es. Es funktioniert bei mir besser als die Überlebensrealität vieler Leute. Für mich bedeutet spirituell zu sein nicht, bescheiden und lammfromm zu sein. Ich halte nicht die andere Wange hin. Ich halte gar nichts von Gewalt, aber viel davon, zu handeln. Und ich vermute, dass das auch der Grund ist, warum meine Frau, Deborah, und ich so viel mit Kindern zu tun haben, denn wenn man die Kinder verändert, kann man die Welt verändern. Die älteren Leute sind schon sehr festgelegt, aber wir haben leidenschaftlich das starke Gefühl, dass etwas Wunderbares möglich ist, wenn man neue Daten und Informationen veröffentlicht.

Ich glaube, wir müssen Dunlop, Nike, Starbucks und all den größten Tabak- und Ölfirmen, all diesen Leuten sagen: Ihr könnt in dieser Welt etwas wirklich Neues und Anderes bewirken. Ihr könnt etwas von Herzen tun, das vielen Menschen auf diesem Planeten zugute kommt, und werdet immer noch Profit erwirtschaften. Das ist spirituell. Und wenn ihr das nicht tut, dann gefährdet ihr im Grunde die Existenz dieses Planeten. Ich glaube, dass Tyrannen – wie Thomas Jefferson einmal sagte – Gott gegenüber ungehorsam sind, und wir können nicht immerfort zulassen, dass sie diesen Planeten, die Menschen und den Ozean zerstören. Folglich würde ich natürlich die Machthaber auf dieser Welt austauschen, weil ihre Zeit vorüber ist. Ich glaube, es wäre wichtig, eine neue Reihe von Leuten vor uns zu haben, die in der Lage sind, das Bewusstsein zu ändern – nicht immer die gleiche gruselige alte Garde.

WIE: Ein Zitat von dir lautet, dass du mit deiner Musik "die Moleküle mit dem Licht verbinden willst". Kannst du erklären, was du damit meinst?

CARLOS: Wenn du etwas Unglaubliches hörst, das dich dazu bewegt zu tanzen, gleichzeitig zu weinen und zu tanzen, dann verändern sich deine Moleküle. Für den normalen Menschen ändern sich die Moleküle zum ersten Mal beim ersten Zungenkuss, oder wenn du Verstecken spielst und jemandes Hand berührst, da passiert etwas mit deinem Körper. Aber wie bringt man spirituelle Prinzipien in die praktische Alltagsrealität, die die Menschen auch verdauen können? Nun, es ist jedenfalls nicht unmöglich.

Deshalb freue ich mich, abschließend sagen zu können, dass wir nicht allein sind; es gibt eine Menge Leute, bei denen das auf Resonanz stößt und die dasselbe wollen. Ich glaube, die Tür ist offen; wir wollen es jetzt. Wir wollen spirituelle Revolution, eine Revolution des Bewusstseins. Das ist es, wovon die Beatles, Marvin Gaye, John Lennon und John Coltrane gesprochen haben. Wir wollen alle dasselbe, und es kann erreicht werden! Es ist nicht unmöglich. Und mehr als alles Andere lade ich dich ein, deine Absichten, deine Motive, deinen Sinn herauszukristallisieren, denn wenn du das nicht tust, wirst du für das, was du nicht getan hast, immer jemand anderem die Schuld geben.

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