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1 | 2 Evan & Ella: Eine Liebesgeschichte des 21. Jahrhunderts ist außerordentlich geheimnisvoll und zugleich respektlos. Es ist die beste Serie im Genre Sachliteratur, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, vor allem wegen der faszinierenden und zauberhaft seltsamen Charaktere, die einem Roman entsprungen scheinen. Die fünfte Folge: "Indien schlägt zurück“, zog mit der Kette von Missgeschicken, die zum emotionalen Disaster führten, zweifellos viele neue Fans an. Während Evan tatenlos, gelähmt von seinen Neurosen, in seinem Hotelzimmer in Kalkutta saß und Hilfe bei seinem Psychotherapeuten in Kalifornien suchte, litt Ella unter dem Missbrauch durch ihren Meditationslehrer bei einem Retreat in der nordindischen Stadt Bodhgaya. Die Geschichte endete auf dem Punkt höchster Spannung: Wird Evan ihr zu Hilfe eilen? Oder befolgt er den Rat seines Therapeuten, sie für immer zu verlassen? Solch eine Spannung kann mich morgens aus dem Bett treiben. –T.J. Marx The Adelaide Gazette VON: EVAN MCALLISTER AN: ELLA PARIS DATUM: SA, 30. OKT 2004 11:53:16 (IST) BETREFF: AUF WIEDERSEHEN liebe ella, ich kann nicht nach bodhgaya kommen, um mit dir zusammen zu sein. es ist nicht so, dass ich mich nicht schrecklich fühle wegen dem, was dir in bodhgaya passiert ist, und wenn ich die möglichkeit hätte, würde ich diesem verdammten meditationslehrer so in den hintern treten, dass er in die stratosphäre fliegt. aber ich kann nicht teil deines karmischen stroms werden–nicht jetzt, denn wir können als individuelle seelen nur wachsen, wenn wir unsere miteinander verbundenen karmischen ketten auflösen und neue wege gehen–allein. glücklicherweise gibt es in meinem geist keinen zweifel, wohin mich dieser weg führen wird–direkt zu GOTT. letzte woche habe ich in kalkutta das wunderbarste, unglaublichste, lebensveränderndste buch der welt gelesen. ich kann es kaum glauben, dass ich vorher nichts davon gewusst habe. es heißt "autobiografie eines yogi“ von paramahansa yogananda. yogananda war schüler in der alten mystischen tradition des unsterblichen mahavatar (oder "mega-inkarnation gottes“) genannt babaji, der ein fast 2.000 jahre alter meister des "kriya yoga“ ist und in der form eines jugendlichen erscheint. falls du noch nie davon gehört hast, der kriya yoga besteht vor allem aus hoch entwickelten atemtechniken, die es dir ermöglichen, göttliches bewusstsein zu erfahren. es ist eine so kraftvolle praxis, dass man sie nur unter der strengen führung eines kriya-meisters ausüben sollte. yogananda warnt sogar davor, dass "der körper des normalen menschen wie eine fünfzigwattlampe ist, welche die milliarden watt von energie, die durch die kriya-praxis wachgerufen werden, nicht aufnehmen kann“. ziemlich cool, oder? und stell dir vor, in der nacht, in der ich das buch fertig gelesen habe, da hatte ich diesen traum. ich kam gerade wieder an land, nachdem ich auf dieser mordswelle gesurft war und lag am strand in der warmen sonne kaliforniens. dann, wie aus dem nichts, goss jemand einen eimer voll eiskalter zitronenlimonade über mir aus! ich dachte mir: "was soll denn das?“ und als ich mich aufsetzte, war da ein dunkelhaariger 16-jähriger junge, der mich verschmitzt angrinste. "warum zum teufel hast du denn das getan?!“ schrie ich ihn an. er sah mir direkt in die augen und sagte sanft, aber bestimmt: "evan, mein kind, du wirst nach rishikesh gehen, der heiligen stadt am fuße des himalaja. dort wirst du auf deinen wahren guru warten, einen lebenden meister des kriya yoga-weges.“ und da realisierte ich, dass babaji mir auf der astralebene erschienen war. also hier bin ich nun–in rishikesh, an den ufern des heiligen ganges, wohin in den späten sechzigern die beatles zum retreat mit dem maharishi kamen. Und ich schwöre, dass ich hier nicht eher wieder weg gehe, bis ich meinen meister gefunden habe. ok, dieses internetcafé ist nicht gerade billig, deshalb muss ich jetzt schluss machen. liebes, es tut mir wirklich leid, dass du dich so schlecht fühlst, aber vielleicht ist es zeit für dich, mit einem klaren blick in den spiegel zu schauen und dich zu fragen, was du eigentlich tust. du wirst doch nicht deinen traum aufgeben, ärztin zu werden, und dein ganzes leben in indien vergeuden, oder? du solltest zurück nach brooklyn gehen, wo die dinge nicht ganz so intensiv auf dich einstürmen. es wird wahrscheinlich das beste sein, wenn wir unseren kontakt ganz abbrechen. unsere karmischen linien sind verschlungen genug, um uns beide für endlose äonen im sumpf von samsara festzuhalten, wenn wir uns nicht davon befreien, solange wir noch die chance haben. evan _________ VON: ELLA PARIS AN: EVAN MCALLISTER DATUM: SA, 30. OKT 2004 11:55:42 (IST) BETREFF: RE: AUF WIEDERSEHEN Lieber Evan, Ich verstehe das. Viel Glück bei deiner Suche nach "GOTT“. Ich hoffe, du erreichst dein Ziel. Ella _________ VON: ELLA PARIS AN: EVAN MCALLISTER DATUM: SA, 25. DEZ 2004 09:32:42 (IST) BETREFF: BITTE LESEN Evan, Ich weiß, bei unserem letzten "Kontakt“ vor zwei Monaten sagtest du, wir sollten uns nicht mehr schreiben. Aber beim Anschauen meiner E-Mails fühlte ich den Wunsch dir zu schreiben. Bist du in Rishikesh, oder hast du schon einen Guru gefunden? Ob du's glaubst oder nicht, ich bin immer noch in Bodhgaya, dem schmutzigsten Ort der Erde. Mit seiner besonderen Atmosphäre und mitten im korruptesten Staat von ganz Indien, mit Banditen und Bettlern und ohne ein funktionierendes Abwassersystem und sauberes Wasser. Aber im Moment ist das mein Zuhause. Und überhaupt, der Buddha wurde hier unterm Bodhibaum erleuchtet, also kann es nicht nur schlecht sein. Ich war so verwirrt in der letzten Zeit, ich glaub, ich erhole mich immer noch davon und versuche zu verarbeiten, wie unglaublich depressiv ich war. Oder bin. Nach neun Monaten in Indien ist es aber auch kein Wunder, dass ich so aus dem Gleichgewicht gekommen bin. Die gute Nachricht ist, dass ich vor ein paar Monaten von einer wundervollen Familie aufgenommen wurde. Sie sind ursprünglich aus Tibet, aber sie leben jetzt in Nepal. Jedes Jahr kommen sie nach Bodhgaya und eröffnen einen Teeladen für das tibetische Neujahr. Ich habe so viel Zeit in ihrem Laden mit Teetrinken und Bidisrauchen* verbracht, und natürlich habe ich viel geweint, ich nehme an, sie glaubten, ich sei eine Waise oder so. Auf jeden Fall besteht die Familie aus Tenzin, seiner Frau Ani und ihren zwei Söhnen Jigme und Kelsing, die total süß sind. Am Morgen helfe ich Tenzin, Englisch schreiben zu lernen, und dann bereiten Ani und ich den Laden vor. Das heißt vor allem, die Betten an die Seiten des Zeltes zu räumen und Decken darüber zu legen, damit Leute darauf sitzen können, ein paar Tische hinzustellen und Wasser zu holen. Unglaublich, ich habe es sogar geschafft, etwas Tibetisch zu lernen und Gefallen an diesem tibetischen Buttertee gefunden. Beim ersten Mal ist der Geschmack ziemlich brutal, es ist salzig und die Butter, die sie da reintun, stammt von Yaks. Die ganze Zeit reisen viele Europäer und Amerikaner durch Bodhgaya; sie hängen in einem trendy Café namens Shiva's. Ich begegne dort also einigen interessanten Leuten. Aber die meiste Zeit verbringe ich mit den Tibetern. Sie waren das Einzige, was mich in den letzten Monaten davor bewahrt hat, mich ganz zu verlieren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für einzigartige Menschen sie sind, bis du wirklich Zeit mit ihnen verbringst. Sie sind so schön und unglaublich klug und lustig. Ich bin oft zutiefst berührt, wie einfach und dennoch vollkommen ihre Hingabe an den Buddhismus ist. Es ist, als ob ihr Glaube jeden Aspekt ihres Lebens durchdringt, das ist so ziemlich das totale Gegenteil von mir. Nach dem, was mit Percy Musgrove passiert ist, einem Typen, von dem man glaubte, dass er erleuchtet sei (was auch immer das heißt), ist meine Fähigkeit und Motivation, dem Buddhadharma zu folgen, vollkommen verschwunden. Ich sehne mich danach mein Herz dafür zu öffnen, so wie es die Tibeter tun, aber es ist einfach nicht mehr möglich. Ich will dir mit meinem depressiven Geschwätz nicht auf die Nerven gehen, aber ich hoffe, dir geht's gut, und vielleicht höre ich mal wieder irgendwann von dir. Fröhliche Weihnachten. Ella _________ VON: EVAN MCALLISTER AN: ELLA PARIS DATUM: MI, 05. JAN 2005 18:10:02 (IST) BETREFF: BABAJI hi ella, auch wenn ich mich irgendwie freue, von dir zu hören, solltest du wissen, dass dir zu mailen in direktem konflikt mit meinen yogischen praktiken steht. vor ein paar wochen habe ich das gelöbnis des brahmacharya abgelegt–was zölibat bedeutet. auch wenn es dir extrem erscheint, ich nehme das sehr ernst und ich möchte mich in keine situation begeben, die auch nur die möglichkeit bieten würde, dass sinnliche gedanken aufsteigen. aber weil du es unbedingt wissen wolltest ... nein, ich habe meinen guru noch nicht gefunden. ich warte ja erst seit zwei monaten und mache mir deswegen keine sorgen, denn ich bete seitdem jede nacht darum, dass er zu mir kommt–manchmal stundenlang, ununterbrochen. Im übrigen kann es viele leben dauern, bis du deinen wahren guru findest. und was gibt es denn anderes zu tun in dieser verrückten illusorischen welt von maya und chaos? wie die Guru Gita sagt: "Der Guru ist der Anfang und ist ohne Anfang, / der Guru ist die höchste Gottheit, / nichts ist höher als der Guru, / deshalb, O Guru, sei gegrüßt!“ immer noch ist es toll, in rishikesh zu sein. es ist wirklich kaum zu glauben, dass ich schon so lange hier bin. ehrlich gesagt war ich nie glücklicher. ich fühle mich die ganze zeit, von morgens bis abends, so leicht, friedvoll und gelassen. ich übe jeden tag zwei stunden yogische atemtechniken und meditation und ich habe keinen materiellen besitz, abgesehen von meiner brieftasche, meiner uhr, meinem ipod, einer zahnbürste, einem paar sandalen, einem orangenen lungi*, einem alten pumpkins t-shirt* und ein paar guten büchern. hast du jemals "die upanishaden“ gelesen, ella? das sind die tiefgründigsten und inspirierendsten hinduschriften, die es gibt. unglücklicherweise wurde mein exemplar heute morgen von einem dieser verrückten braunen dämonischen affen gestohlen, als ich frühstückte. ich versuchte, ihn zu fangen, aber er kletterte auf ein dach und schimpfte ärgerlich. schließlich drehte ich mich angewidert um, aber da passierte etwas unglaubliches: als ich zurückging, glaubte ich, einen blick direkt auf babaji zu erhaschen. aber als ich mich schnell umdrehte, um genauer zu schauen, war er nicht mehr da–verschwunden. ich glaube, das war das dritte mal, dass er mich innerhalb von zwei wochen besucht hat!! was soll das bedeuten? also, el ... du bist immer noch in bodhgaya, oder? und so frustriert wie immer. mein gott, du bist so dickköpfig–warum bist du nicht nach hause geflogen? worauf in aller welt wartest du? aber trotzdem, es ist cool, dass du mit tibetern zusammen bist. als ich 8 oder 9 jahre alt war, las mir mein vater aus einem buch mit dem titel "das dritte auge“ vor, geschrieben von diesem tibetischen mystiker, lobsang rampa genannt. er hatte ein loch in seiner stirn, und ein holzsplitter steckte in seinem Gehirn, um das dritte auge zu aktivieren, und das gab ihm sofort alle möglichen abgefahrenen fähigkeiten. ich glaube, mein vater hatte das buch in seinen stürmischen hippie-tagen immer in seiner hosentasche. tibeter sind großartig. aber seit ich den hinduismus entdeckt habe, kann ich überhaupt keine verbindung zum buddhismus mehr spüren. er erscheint so langweilig im vergleich. das ist wahrscheinlich die einzige religion der welt, die nicht an Gott glaubt. kannst du dir das vorstellen? eine religion, die die existenz unserer ewigen unsterblichen seele leugnet? buddhisten glauben an karma, reinkarnation, und sogar an die existenz von "gottheiten“–aber nicht an die existenz von seelen oder dem einzigen Gott: Brahman, den Allesdurchdringenden. da stimmt doch etwas nicht. sicher, sie haben "leerheit“ und "mitgefühl“ und "nicht-selbst“, aber wo ist Gott und Liebe und das strahlende ewige SELBST? also ... noch einmal, es ist zeit adieu zu sagen, meine liebe süße ecco. vielleicht seh ich dich eines tages mal wieder. in dem einen oder anderen leben. evan _________
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