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Letzten Dezember flog ich auf die indonesische Insel Bali, um dort an der ersten Konferenz zur Suche nach globaler Heilung teilzunehmen. Diese Veranstaltung dauerte fünf Tage und wurde von einer Handvoll Organisationen finanziert, die sich der Förderung des globalen Bewusstseins und der gesellschaftlichen Veränderung widmen. Dort, mitten in diesem tropischen Paradies im Südpazifik, lauschten über vierhundert Zuhörer – die Mehrheit von ihnen aus der privilegierten, fortschrittlichen ersten Welt – auf die Stimmen und Visionen derer, die Not und Ungerechtigkeit erlebt und gerade so überlebt hatten. Einige Menschen, die dort sprachen, hatten in den am stärksten von Gewalt zerrissenen Regionen der Welt Leid erfahren: im Nahen Osten, in Kambodscha oder in dem konfliktträchtigen südlichen Innenstadtbezirk von Los Angeles. Andere trugen an dem Vermächtnis der größten Abscheulichkeiten der Geschichte, wie dem Holocaust. Und ihre Darstellungen wurden zusammen mit denen von bekannten Persönlichkeiten gehört, die alle auf ihre eigene Art Katalysatoren für die Entstehung eines globalen Gewissens und Bewusstseins gewesen waren. Unter ihnen sind besonders Erzbischof Desmond Tutu (siehe Seite 16), Apollo-14-Astronaut Edgar Mitchell und die Menschenrechtsaktivistin Lynne Twist zu erwähnen. Im Verlauf dieser fünf Tage hatte ich Gelegenheit, viele zu interviewen, die dort ihre Geschichte erzählten. Und was mich betrifft, fand die kraftvollste, ergreifendste und tatsächlich heilendste Begegnung in einem Gespräch mit dem jüdisch–deutschen Versöhnungsteam Mary Rothschild und Martina Emme statt. Marys Mutter hat das unvorstellbare Grauen von Auschwitz überlebt. Martinas Großvater war ein Nazi, der in der Wehrmacht gedient hatte. Meine eigenen Verwandten – osteuropäische Juden – wurden von den Nazis brutal ermordet, als diese durch die rumänischen Schtetl fegten. Als Mary und Martina mit mir neben dem Swimmingpool ihres Hotels saßen und mit der Erfahrung dieses Holocaust-Vermächtnisses rangen, wurde ich von etwas überflutet, das ich als unbewusste und unaufgelöste Prägung durch die Vergangenheit meiner Vorfahren erkannte. Ich erinnerte mich daran, was mein Vater gesagt hatte, als ich jung war: "Viele von ihnen schafften es nicht einmal bis zum Konzentrationslager." Und obwohl ich gewusst hatte, was mit meinen Verwandten geschehen war, war ihr entsetzlicher Tod doch immer etwas Fernes und Abstraktes gewesen. Diese Realität hatte ich nie wirklich an mich herangelassen – bis zu jenem Morgen auf Bali in der Gegenwart zweier Menschen, die es sich zum Lebensinhalt gemacht hatten, ihrer eigenen Vergangenheit ins Auge zu sehen. Und meiner auch. Durch diese Erfahrung erkannte ich, dass "globale Heilung" im innersten Wesen eines Menschen stattfindet. Menschen machen sich gegenseitig ein großes Geschenk, wenn sie den Mut aufbringen, sich entschlossen sich selbst zu stellen und sich auf ihre Vergangenheit einzulassen. Wie die folgenden Auszüge aus meinem Interview mit Mary und Martina eindrucksvoll vermitteln: Wer in der Bereitschaft, diesem Vermächtnis ins Auge zu sehen, mit anderen zusammenkommt, vermag die Schrecken der menschlichen Verhältnisse auf wundersame Art in eine tiefe grundlegende Verbundenheit umzuwandeln. Diese Verbundenheit kann die Menschen auf "alchemistische Weise verwandeln" – vielleicht sogar die Welt verändern. MARY: Als ich das Tagebuch meiner Mutter (aus Auschwitz) übersetzte, wurde mir klar, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine zurechtkam. Also schloss ich mich einer Gruppe in Los Angeles an, die sich mit dem Holocaust beschäftigte. Aber nach ein paar Jahren bemerkte ich, dass etwas fehlte, das ich nicht in Worte fassen konnte. Auf der Suche danach stieß ich auf eine Organisation, die sich "One by One" (Einer nach dem Anderen) nennt und sich in Berlin für einen Dialog zwischen Deutschen und Juden einsetzt. Ich hatte das Gefühl, dort hingehen zu müssen. Meine Mutter erzählte mir, dass sie nach dem Krieg jedes Mal zu zittern anfing, wenn sie die deutsche Sprache hörte. Als ich zum ersten Mal einen Deutschen "es tut mir so Leid" sagen hörte, fiel die Spannung von mir ab. Ich ließ los. Etwas in mir veränderte sich, und wir konnten einander auf einer sehr tiefen Ebene zuhören. Ich war wirklich fähig, das Leiden der anderen zu teilen, und erkannte, dass sie an den gleichen geschichtlichen Ereignissen trugen – von der anderen Seite aus, aber mit einem Schmerz, der genauso groß war. Als Gruppe besuchten wir ein Konzentrationslager und beteten zusammen am Ort des Krematoriums. Am Ende unseres Besuchs dort waren wir nicht mehr zwei Volksgruppen, die einander mit Misstrauen und Zorn betrachteten, getrennt durch sechs Millionen Tote. Wir waren eine Gemeinschaft. Und es war ein Schock für mich, dass ich mit den Deutschen wegen ihres ererbten Vermächtnisses Mitleid fühlte. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mehr alles alleine trug. In einem der Räume des Lagers dachte ich: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal – du bist bei mir." MARTINA: Ich kann es kaum ertragen, das Tagebuch von Marys Mutter zu lesen, denn es ist unerträglich qualvoll, wenn man es wirklich an sich heranlässt. Ich denke bei mir: "Sie hat es durchlebt, und ich kann nicht einmal ertragen, es zu lesen." Aber es ist notwendig, dass wir zuerst durch dieses finstere Tal gehen, um an dem Ort anzukommen, den Mary beschrieben hat. Und in Deutschland sind nur so wenige Menschen bereit dazu. Ich hatte einen Hammer nötig, um die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Tatsächlich haben sich Freunde und Familienmitglieder von mir abgewandt, weil sie nicht verstehen können, warum ich mich dieser Arbeit widme. Sie sind misstrauisch und fragen mich ständig: "Kannst du dich nicht auf deine Karriere konzentrieren? Kannst du nicht etwas wirklich Wichtiges tun?" Es gibt so viel Misstrauen und Skepsis. MARY: Selbst unter Juden sind nur sehr wenige bereit, sich damit zu befassen. Von der zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden lebt die größte Gruppe in Los Angeles, so wie ich auch – vielleicht 1.500 oder so. Von denen sind vielleicht hundert zu den Treffen der zweiten Generation gekommen. Und von dieser Anzahl wiederum gingen drei – ich eingeschlossen – nach Berlin. Aber ich glaube, dass jeder mit einer Verbindung zum Holocaust einen Sprengsatz in seiner Psyche hat, man muss sich einfach damit beschäftigen, besonders wenn die Eltern in einem Konzentrationslager waren. Vor zwei Jahren war meine Mutter schließlich so weit, dass sie verrückt wurde, obwohl ich sicher bin, dass sie es nicht geworden wäre, wenn sie die Wahl gehabt hätte. Ich glaube, was passierte, war, dass ihre Abwehr im Alter zusammenbrach. Die ganzen Traumata kamen an die Oberfläche, und sie geriet in einen Zustand panischer Angst. Aber die Leute fühlen sich sehr unwohl und werden sehr zornig, wenn sie hören, dass zwar die Lager befreit wurden, die Überlebenden der Lager aber nicht. Das wollen sie nicht hören. Darum kann ich verstehen, dass Menschen Anne Frank lieben, die uns mit einer naiven Wahrnehmung der Welt zurückließ, die sie hatte, als sie sich noch in ihrem Versteck befand. Wenn sie jemand in Bergen-Belsen vor ihrem Tod interviewt hätte, dann hätte sie nicht mehr geglaubt, dass alle Menschen im Herzen gut sind – da bin ich mir sicher. MARTINA: Also, ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort "Vergebung", weil für mich das, was während des Holocaust geschehen ist, einfach nicht vergeben werden kann. Bevor ich mit diesen Zweiergesprächen begann, war ich nie mit Überlebenden oder Kindern von Überlebenden zusammen gewesen, und ich hatte große Angst davor. Aber ein Gefühl der Verantwortung für die Gemeinschaft half mir dabei zu erkennen, dass ich das tun musste. MARY: Ja, es ist unverzeihlich. Simon Wiesenthal sagte: "Vergebt ihnen nicht, denn sie wussten, was sie taten." Und doch: Mit Menschen in einem Raum zu sitzen, die so hart daran arbeiten, mit ihrer Geschichte und dieser kollektiven Verdrängung zurecht zu kommen, dabei still zu sitzen, ihren Erzählungen zuzuhören und das alles in mich aufzunehmen, führte dazu, dass in meinem Inneren etwas geschah. Ich weiß nicht, ob es Vergebung war, aber ich hatte das Gefühl einer tiefen Dankbarkeit. Und ich fühlte mich in diesem Raum so lebendig. Da war etwas so Belebendes und Stärkendes, innerlich wie äußerlich. MARTINA: Die Intensität dieser Bindung ist viel mehr als Freundschaft. Man spürt das menschliche Potenzial der Einheit, der Verbundenheit, der Beziehung und der Überwindung des Gefühls, ein Individuum zu sein. Nun, es gibt auch Leute, die tun dies, weil ihrem Empfinden nach etwas passieren muss und weil sie eine Art Bestätigung brauchen wie: "Ich bin ein guter Deutscher" oder: "Ich bin ein guter Jude". Aber bei dieser Arbeit brauchen wir mehr als ein solches egozentrisches Modell. Es muss ein Motiv für etwas anderes geben, für mehr. MARY: Es geht nicht einmal mehr um den Holocaust. Es geht nicht nur um Juden und Deutsche. Wir helfen dabei, eine sehr tiefe Wunde in der kollektiven Psyche zu heilen, wie Judith Thompson von "One by One" gesagt hat, und ich glaube, diese Arbeit reicht viel tiefer, als uns klar ist. Ich fühle, dass ich geboren wurde, um für die Geschichte Zeugnis abzulegen und diese Geschichte auf alchemistische Weise in etwas zu verwandeln, das helfen kann. Und das beschleunigt sich von selbst, darin liegt eine Quantendimension. Unsere Erfahrungen haben sich so weit weiter entwickelt, dass wir nach Bosnien gingen, wo die Menschen mit ihren eigenen Gräueltaten beschäftigt sind. Das war dort wirklich alles noch ganz frisch. Wir sind fünf Jahre nach dem Krieg zu ihnen gekommen, und es war, als würde ich meiner Mutter fünf Jahre nach dem Holocaust ins Gesicht sehen. Ich sah Menschen, die in ihrem Schmerz versteinert waren, unfähig, ihn auszudrücken, die nicht weinen oder trauern konnten. Die Frauen waren tadellos angezogen. Wir saßen in einem Kreis von vielleicht hundert Menschen – Moslems, Serben, Kroaten. Niemand vergoss eine Träne. Und die Leiter benutzten uns, um ihnen Angst zu machen; denn wenn sie uns ansahen, war es für die Menschen in diesem Kreis, als ob sie ihre Kinder sähen, wie diese in fünfzig Jahren sein würden. Viele Nachfahren von Holocaust-Opfern leiden wie ich an posttraumatischem Stress. Wir sind wütend, wir sind zornig, wir haben geheimnisvolle psychosomatische und lebensbedrohliche Krankheiten. Tatsächlich geht die Forschung davon aus, dass ein extremes Trauma auf zellulärer Ebene an die sechs folgenden Generationen weitergegeben wird. Das bedeutet: Ich habe es noch vor meiner Geburt bekommen. Aber ich habe gesagt, dass der Holocaust die "Gabe ist, die weiterhin gibt", und die Leiter benutzten uns, um den Bosniern folgende Botschaft zu vermitteln: " Genau so etwas werdet ihr zu sehen bekommen, falls ihr nicht jetzt anfangt, euch mit eurem Trauma zu beschäftigen." Es war, als wenn sich zwei Völkermord-Generationen über die Grenze der Zeit hinweg anblicken würden. Und es funktionierte und übertraf unsere kühnsten Erwartungen: Sie begannen, sich den anderen gegenüber zu öffnen und zu reden. MARTINA: Wenn man den Mut hat und anfängt, sich gegenseitig zuzuhören und der Geschichte ins Auge zu sehen, kann ein Wunder geschehen. Es ist schwer in Worte zu fassen. Zwischen zwei Menschen oder einer Gruppe entsteht etwas, das irgendwie größer ist. Vielleicht ist Transformation das richtige Wort. Man verändert sich und ist nicht mehr derselbe Mensch, der man vorher war. (Der jüdische Theologe) Martin Buber hat mir eine Erklärung für das gegeben, was sich bei dieser tiefen Verbindung entfaltet. Er nannte es die "Zwischenwelt". Wenn eine Beziehung intensiver wird, taucht dieses "Dazwischen" als etwas auf, das mehr ist als "Ich" und "Du". Er nannte das immer "Gott", und obwohl ich nicht religiös bin, kann ich dessen Beschaffenheit spüren. Es kann wie eine Katharsis sein. Dann sind die Menschen sehr erschöpft, emotional erschöpft, und gleichzeitig – MARY:– befreit.
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