Your email address is kept confidential, and will never be
published, sold or given away without your explicit consent.
Thank you for joining our mailing list! Close |

|
|||||||||||||
|
1 | 2 KEN WILBER: PANDIT. Ein anerkannter Denker, der in der spirituellen Weisheit durch und durch zu Hause ist. Nach eigener Beschreibung "Verteidiger des Dharma, intellektueller Samurai". Er wird als "der Einstein des Bewusstseins" gepriesen und gilt heutzutage als einer der angesehensten lebenden Philosophen. Wilbers Werk bietet eine originale und umfassende Synthese der großen psychologischen, philosophischen und spirituellen Traditionen der Welt. Der Autor zahlreicher Bücher, darunter Eine kurze Theorie von Allem und Eros, Kosmos, Logos, ist Gründer des Integral Institute und regelmäßiger Mitwirkender bei WIE. ANDREW COHEN: GURU. Evolutionärer Denker und spiritueller Pionier. Nach eigener Beschreibung "Idealist mit revolutionären Neigungen". Cohen, Gründer des Magazins What Is Enlightenment?, ist spiritueller Lehrer und Autor und auf dem neuen Gebiet der evolutionären Spiritualität als richtungsweisende Stimme weithin anerkannt. Während des letzten Jahrzehnts hat Cohen führende Denker aus Ost und West – Mystiker und Materialisten, Philosophen und Psychologen – auf den Seiten von WIE zusammengebracht, um die Bedeutung einer neuen Spiritualität für das neue Jahrtausend zu erforschen. Unter seinen Werken befinden sich Himmel und Erde umarmen und Erleuchtet leben. Dialog IX Wie werden die nächsten Ebenen menschlicher Evolution aussehen? In ihrem neunten Dialog betrachten Wilber und Cohen die Spitze dieser Entwicklung näher, fragen nach der wirklichen Bedeutung einer "integralen" Weltsicht und erforschen noch höhere Potenziale für eine Evolution des Bewusstseins. ANDREW COHEN: Ich habe in letzter Zeit viel über das Wort "integral" nachgedacht, und frage mich, was es wirklich heißt, eine integrale Perspektive einzunehmen. Das ist es natürlich, worum es bei deiner Arbeit geht, und immer mehr Menschen machen sich mit diesem Konzept vertraut. Die Begriffe "integral" und "Second-Tier" werden in unserer postmodernen Kultur von vielen als Schlagworte benutzt, die auf die nächste Entwicklungsstufe verweisen. Daher schlage ich vor, dass wir uns darüber unterhalten, was integral bzw. Second-Tier wirklich bedeutet, besonders im Hinblick auf die spirituelle Dimension des Lebens. Ich verstehe – einfach ausgedrückt – den Begriff "integral" als Hinweis auf eine integrierte und umfassendere Perspektive, und zwar nicht nur auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen, sondern auf den Aufbau des Kosmos insgesamt. Worüber ich jetzt sprechen möchte, ist ein wichtiger Unterschied, der mir aufgefallen ist, und zwar der Unterschied zwischen einem unmittelbaren intuitiven Erfassen eines integrierten Kosmos und einem mehr intellektuellen Verständnis davon. KEN WILBER: Ja. Ich verstehe, was du meinst – der Unterschied zwischen "über etwas reden" und "etwas sein". COHEN: Genau. Man könnte es als den Unterschied zwischen einer Betrachtung des Kosmos von innen nach außen oder von außen nach innen bezeichnen. Hinsichtlich der Unterscheidung, die ich mache, könnte man sagen, dass die Wahrnehmung "von innen nach außen" diejenige wäre, welche auf einer spirituellen Verwirklichung gründet, wohingegen die Betrachtung "von außen nach innen" nicht notwendigerweise eine spirituelle Dimension haben müsste. Ein Grund für mein Interesse an dieser Frage ist die Beobachtung, dass viele Menschen ein gutes kognitives Verständnis von einer integralen bzw. Second-Tier-Perspektive haben, doch wenn es um ihr eigenes spirituelles Leben geht, dann geht diese Perspektive oft verloren. Ihr spiritueller Weg gibt diese höhere unpersönliche und evolutionäre Perspektive, die durch eine kognitive Wahrnehmung des Second-Tier entdeckt wird, nicht wieder und nimmt darauf keinerlei Bezug. Ein großer Teil der Spiritualität kann extrem auf die eigene Person ausgerichtet sein, bis hin zu einer "New Age"-Spiritualität. Kurz gesagt, gibt es eine Menge Leute mit sehr großen Perspektiven bei gleichzeitiger enger spiritueller Orientierung. WILBER: (Lacht.) Nun, da wird etwas verwirrt! COHEN: Es fällt mir schwer zu verstehen, wie jemand kognitiv eine integrale Perspektive des Second-Tier erfassen kann und gleichzeitig einen spirituellen Weg geht, der so gut wie gar nichts damit zu tun hat. Lass uns diese Fragestellung gemeinsam betrachten: Was ist die Spiritualität des Second-Tier? Ich habe das Gefühl – und ich denke, du auch –, dass sich letztendlich bei unserer Entwicklung, speziell bei einer integralen Entwicklung, unsere spirituelle Sicht nahtlos mit unserer Weltsicht zusammenfügt, mit unserer moralischen, ethischen und philosophischen Perspektive. WILBER: Du sprichst ein sehr interessantes Thema an.
Viele Menschen verwenden Entwicklungsmodelle wie Spiral
Dynamics, welches auf der Arbeit von Clare Graves basiert, oder
Robert Kegans System oder das von Jane Loevinger, und dabei gibt
es einiges an Verwirrung darüber, was Second-Tier bzw. integral
ist. Wie auch immer wir es definieren mögen, es bezieht sich
ganz allgemein auf die höchste Ebene westlicher Modelle. Spiral
Dynamics bezeichnet die zwei höchsten Stufen mit "gelb"
und "türkis", und fasst sie unter dem Begriff
"Second-Tier" zusammen.
In Jane Loevingers Stufenabfolge
entspricht das in etwa den Ebenen, die sie mit "autonom"
und "integriert" benennt. Und in Robert Kegans fünf
Bewusstseinsordnungen entspricht die fünfte Stufe in etwa dem
Second-Tier von Spiral Dynamics. Schaut man sich hingegen die Traditionen und die neueste Forschung an, dann gibt es höhere Stufen als gelb und türkis. Diese sind jedoch extrem selten und tauchen daher in den Forschungen der meisten Psychologen auch nicht auf. Dies ist nicht notwendigerweise ein Fehler der Modelle, sie beschreiben lediglich das, was sie finden. Das liegt daran, dass es nur sehr wenige Menschen auf diesen Stufen des Bewusstseins gibt. Betrachten wir zum Vergleich Sri Aurobindos Bewusstseinsstufen – er hat etwa zehn oder elf –; was er mit "höherem Geist" bezeichnen würde, entspricht dem, was Spiral Dynamics mit Second-Tier, gelb oder türkis bezeichnet. Doch oberhalb des höheren Geistes gibt es den erleuchteten Geist, dann den intuitiven Geist, dann den Übergeist, dann den Supergeist und dann satchitananda, die immer gegenwärtige Einheit. Es gibt also mindestens vier Stufen über Second-Tier hinaus. Der zweite Rang wird manchmal mit "integral" bezeichnet, einfach deshalb, weil er integraler ist als First-Tier. Doch diese höheren Stufen sind noch integraler, bis hinauf zu satchitananda, einer Art von Über-Integralität, die alles umfasst.COHEN: Ja, absolute Integration. WILBER: Genau. Man könnte den Begriff Third-Tier für alle Stufen höher als Second-Tier verwenden – erleuchteter Geist, intuitiver Geist, Übergeist und Supergeist zum Beispiel, als konkrete, dauerhafte Entwicklungsstufen. Second-Tier stellt eine Art Basislager für alle höhere Entwicklung dar, das ist wichtig. Wenn man diese Grundlage nicht hat, dann werden die höheren Ebenen, wenn man sie erreicht, nicht von Dauer sein. COHEN: Ja, und daher kommt auch meine Beobachtung, dass viele Menschen, die eine fundierte, integrierte Weltsicht haben – WILBER: Ja, kognitiv. COHEN: Ja, was – relativ gesehen – schon eine ganze Menge ist – WILBER: – doch sie haben damit nicht notwendigerweise ihr persönliches oder transpersonales Leben auf die Reihe bekommen. Das bringt uns zu einem weiteren Punkt, dem der kognitiven Entwicklungslinie – welche meistens notwendig, aber nicht ausreichend für die weitere Entwicklung ist – und die dem Schwerpunkt eines Individuums weit voraus sein kann. Es gibt eine Menge Leute, die integral reden, weil das gerade überall geschieht. Jeder möchte integral sein. Doch wenn jemand, auf kognitiver Ebene betrachtet, integral ist, dann kann er oder sie – ganz ehrlich gesagt – mit dem eigenen Bewusstseinsschwerpunkt immer noch einige Stufen darunter liegen. Das geschieht sehr häufig. Und das schafft Verwirrungen, weil diese Menschen etwas sagen und dann etwas ganz anderes tun. COHEN: Ja. Es ist eine eigenartige, verwirrende Mischung, weil für die meisten Menschen unsere tiefsten emotionalen Überzeugungen unsere spirituellen Überzeugungen zu sein pflegen. Wenn jemand also kognitiv ein Verständnis des Second-Tier entwickelt hat, emotional jedoch mit sentimentalen oder abergläubischen Überzeugungen der unteren Ebenen identifiziert ist – WILBER: – dann ist das ein Problem. COHEN: Dann gibt es eine Dissonanz – einen tiefen Widerspruch zwischen der Second-Tier-Perspektive und den auf Gefühlen basierenden spirituellen Überzeugungen einer unteren Ebene. WILBER: Das ist wirklich ein Anlass zur Sorge. Ich
habe, wie kaum ein anderer,
in meinen Büchern genau darauf
aufmerksam gemacht. Ich sage den Lesern, dass sie, wenn sie
meine Bücher verstehen, kognitiv mindestens zum Second-Tier
gehören. Aber das garantiert so gut wie nichts, weil man, um es
noch einmal zu sagen, ohne weiteres so denken kann,
auch wenn der eigene Bewusstseinsschwerpunkt deutlich darunter
liegt. COHEN: Das kann man gar nicht deutlich genug sagen! WILBER: Wie ich schon sagte, Second-Tier ist dabei nur so etwas wie ein Basislager. Wenn man sich dort orientiert und genügend Bodenhaftung hat, dann kann man auch damit beginnen, das von innen her zu entwickeln und es zur Einsicht der ersten Person zu machen, und nicht nur zu einer Landkarte der dritten Person. "Integral" bedeutet daher für die meisten Menschen zurzeit eine intellektuelle Bewegung in Richtung Second-Tier. Das ist ein guter Anfang, aber nicht mehr. Jetzt geht die eigentliche Arbeit erst los. Die Anzahl derer, die sich dauerhaft zum Second-Tier entwickelt haben, beträgt gerade einmal ein halbes Prozent in den USA! Das ist ein beschwerlicher Weg bergauf. Der Bewusstseinsschwerpunkt in dieser Gesellschaft [USA] liegt immer noch sehr bei dem, was wir mit First-Tier bezeichnen. Wir bemühen uns daher darum, Menschen auf Second-Tier aufmerksam zu machen und sie dann in den Third-Tier zu schubsen. Was beim Second-Tier geschieht, ist, dass die Menschen sich des eigentlichen Integralen bewusst werden. Die Evolution wird sich ihrer selbst bewusst, und das ist ein gewaltiger Schritt. Aus diesem Grund sprechen viele Psychologen von einem "(Quanten-)Sprung" bei der Bewegung des First-Tier zum Second-Tier. Second-Tier wird integral genannt, weil das Bewusstsein sich seiner Integralität bewusst wird. COHEN: Ja. Wenn es selbstbewusst-integral wird, dann ist das von innen nach außen, nicht wahr? Das ist der Anfang. WILBER: Das ist der Anfang, und hier passiert zweierlei. Man kann mit den Begriffen des Second-Tier reden, aber was man dann daraus macht – der eigene Bewusstseinsschwerpunkt – kann sich immer noch an First-Tier orientieren. Das ist derzeit sehr verbreitet. Wenn man jedoch aus Second-Tier heraus redet und auch handelt, dann wartet dort immer noch Third-Tier auf einen. Dort sollte man wirklich hinkommen, weiter zu Third-Tier, und dann wird das Integrale aus einem heraus in die Welt strömen; es wird dann alles ergreifen, und zwar nicht nur als veränderter Bewusstseinszustand, sondern als ständige Eigenschaft. COHEN: Ja. Wenn die integrale Perspektive auf einen erleuchteten Third-Tier-Bewusstseinszustand trifft, dann wird sich unser Verständnis dieses Zustandes und seiner Bedeutung verändern. Die traditionellen Definitionen werden durch neuere integralere Definitionen ersetzt werden, in dem Bemühen, die Gesamtheit der Manifestation zu umfassen. Das ist es, was mein Herz höher schlagen lässt – dass unser Verständnis und unser Ausdruck der Erleuchtung sich in Echtzeit zu entwickeln beginnt, unmittelbar vor unseren Augen. WILBER: Ich denke, genau das beginnt dann.
|
|||||||||||||