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“Ich liebe dieses Land!”, sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede 2004. Niemand lachte oder zog die Augenbrauenhoch. Beyond Petroleum (vormals British Petrol) schaltet ganzseitige Anzeigen mit diversem “Deutschem”, u.a.: Johann Wolfgang von Goethe ... Sauerkraut ... Fräuleinwunder ... Amtsschimmel ... Albert Einstein ... Semper Oper ... Bertold Brecht ... Eiche ... Gretchen ... Gebrüder Grimm ... Siegfried ... Rosa Luxemburg ... Johannes Gutenberg ... Loreley ... Mauerfall ... Otto von Bismarck ... Pellkartoffel ... Gartenzwerg ... Immanuel Kant ... Ostfriesennerz ... Albrecht Dürer .. Brezeln ... Mülltrennung ... Darunter steht: “Wir sind gerne hier.” Nach Jahrzehnten ist Deutsch-Rock auf einmal wieder ziemlich cool. Führende Politiker diskutieren über die Notwendigkeit einer deutschen Leitkultur und deutscher Tugenden. Deutschtümelnde Neonazis sitzen im sächsischen Landtag. Hat das eine mit dem anderen etwas zu tun? Bewegt sich Deutschland in eine Regression–zurück zu Nationalismus, Extremismus, einer immer stärker sich polarisierenden Gesellschaft? Oder ist es auf dem Weg, etwas zu suchen, das ihm verloren gegangen ist, etwas, das es benötigt, um weiter gehen zu können? 60 Jahre nach dem Sieg über das Naziregime und 16 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Fragen danach, wie wir arbeiten, wie wir zusammenleben, wie wir lernen drängender, tiefer und vitaler denn je. Sie berühren die existenziellen und spirituellen Grundlagen unserer Identität als Mensch, als Nation, als Gesellschaft und als verantwortliche Mitspieler in einer zutiefst fragmentierten und gleichzeitig voneinander abhängigen und miteinander verbundenen Welt. Im Moment sieht es so aus, als ob Deutschland den Rückwärtsgang einlegen will. Rückwärts, weil keine der Parteien über einen überzeugenden und tragfähigen Zukunftsentwurf für Deutschland verfügt, der der Komplexität der politischen, ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen wäre. Was ihnen nicht einfach vorzuwerfen ist. Wir leben in Zeiten großer Umwälzungen, denen mit den ideologischen Konzepten, praktischen Modellen und idealistischen Vorstellungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr begegnet werden kann. Und wenn die Lage sich verschärft und die allgemeine Verwirrung zunächst einmal zunimmt, machen sich Demagogen, Vereinfacher, Extremisten und Fundamentalisten ebenfalls wieder auf die Socken. Wir sehen auch sie schon gut unterwegs. Im Einstein-Jahr 2005 bringt jedoch wenig unsere Lage so auf den Punkt wie die Aussage des tiefsinnigen Physikers: “Wir können Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen, das diese Probleme erschaffen hat.” Die Frage ist: Haben wir die Ressourcen, die einen qualitativen Sprung in neues Denken, eine neue Existenzebene ermöglichen? Wenn ja, welche sind es und wie mobilisieren wir sie? Oder was hält uns zurück? Und was heißt Neues Denken–eines, das Ordnung im Chaos, Einfachheit im Komplexen, Zusammenhänge in den Fragmentierungen und die tieferen dynamischen Kräfte, die das Denken, Handeln und die Identität in Individuen und ganzen Kulturen formen, erkennt? Mit einer neuen Perspektive entdecken wir die tieferen Muster der menschlichen Psyche, die Wertesysteme, die dem Verhalten und der Entwicklung auf den verschiedenen Ebenen des Seins und Zusammenseins von Menschen zugrunde liegen. In Spiral Dynamics integral, einem der präzisesten Modelle kultureller Entfaltung, waren diese Wertesysteme und Entwicklungscodes, die unsere “kulturelle DNA” ausmachen, erforscht. Zur besseren Verständigung wurden die einzelnen Ebenen mit Farben benannt. Der Schlüsselgedanke ist: Menschen, Kulturen und Subkulturen, ganze Nationen tanzen auf verschiedenen Ebenen psychosozialer Evolution, setzen unterschiedliche Prioritäten in ihren Wertesystemen, haben verschiedene Werte-Memes als Schwerpunkt. Sie sind alle miteinander verwoben in einem sich entfaltenden globalen Gewebe, einem gewaltigen lebendigen Körper, der sich seiner selbst gerade erst bewusst zu werden beginnt. Und sie emergieren aufeinander folgend, nicht in starrer linearer Form, sondern wie das Leben eben ist: vorauseilend, zurückweichend, Umwege suchend, spielerisch, manchmal rücksichtslos und brutal Lektionen fordernd, mäandernd, tanzend. Aber einer inneren Dynamik und Ordnung folgend, in der nach jeder ausdifferenzierten Stufe eine neue auftaucht mit ständig höherer Komplexität und Quantensprüngen. Inmitten des größten Quantensprungs unserer Geschichte bewegen wir uns offenbar jetzt vom Reich der Notwendigkeit–Beige bis Grün–in ein Reich der wirklichen Möglichkeiten–ab Gelb. (Zur weiteren Information über Spiral Dynamics integral siehe auch www.wie.org/spiral) Zur Kunst, die mentalen, spirituellen, sozialen und kulturellen Herausforderungen unseres Jahrhunderts zu meistern, gehört wesentlich, den natürlichen Fluss dieser Evolution zu erkennen, zu verstehen, was sie blockiert und wo eine krankhafte Entwicklung, ein Zuviel oder Zuwenig, Konflikte, Krisen und Kriege produziert, welche natürliche nächste Stufe ansteht und was sie zu ihrer optimalen Entfaltung braucht. Was heißt das für Deutschland? Zum Beispiel: Jahrzehntelang waren die Deutschen gerne Bayern oder Niedersachsen, Frankfurter oder Berliner. Im Osten waren sie Bürger der DDR. Deutsch zu sein war nicht in. Nationale Gefühle galten als nationalistischer Mief von gestern. Progressiv sein hieß, mindestens Europäer oder Weltbürger zu sein. Doch in diesem Land, das–vielleicht–damit beginnt, sich von seinen Schuldgefühlen für die Zeit des Faschismus zu befreien und Verantwortung dafür an deren Stelle zu setzen, scheint auf einmal etwas zu fehlen. Es fehlt eine Ebene zwischen der geografisch/kulturellen Identität als Münchner und Weltbürger, die in der Tradition dieses Landes wurzelt, ihrem Licht und ihrem Schatten, ihrer Sprache und ihrer Geistesgeschichte. Und es fehlt ein tragfähiger Zukunftsentwurf für dieses Land, ein Modell Deutschland, das einen Rahmen für das Miteinander seiner 80 Millionen Menschen bietet–auch denen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns gekommen sind–, der sowohl fordert als auch fördert, gleichzeitig visionär genug ist, um Kopf und Herz zu begeistern, und doch fest in der Wirklichkeit gegründet ist. Ein Modell Deutschland für die eigene Identität und Entwicklung, weniger für den Rest der Welt.
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