Your email address is kept confidential, and will never be published, sold or given away without your explicit consent.

Thank you for joining our mailing list!

Close
















Geht dieser Quantensprung... zu weit?


Rezension zum Film Bleep
What the Bleep do we (k)now!? Ich weiß, dass ich nichts weiß!
von Tom Huston
 

1 | 2

Filmrezension

EIN UNGEWÖHNLICHER FILM SORGT FÜR AUFSEHEN IN DER KINO-SZENE. Beginnend in Kunstfilm-Kinos entlang der amerikanischen Westküste, verblüffte ein effektvolles Doku-Drama die Zuschauer überall mit seiner kreativen Mischung aus Wissenschaft und Spiritualität, gewann alle Independent Film-Festivalpreise, für die es nominiert war–und untergrub ganz nebenbei die gewohnten Vorstellungen von der Realität. Im November dieses Jahres wird der außergewöhnliche Streifen nun auch in deutschen Kinos gezeigt.

”Von Zeit zu Zeit kommt ein Film heraus, der die Welt



verändern kann, und das ist einer von ihnen,“ bekennt ein Fan auf der Internetseite des Films. Ein anderer schreibt: ”Mitten in der Vorführung fing ich an zu weinen, weil ich das erste Mal in meinem Leben den Beweis dafür hatte, dass es unzählige Menschen gibt, die dasselbe glauben wie ich.“ What the Bleep do we (k)now!?–Ich weiß, dass ich nichts weiß! (oder einfach Bleep) ist ein ambitionierter und kurzweiliger Versuch, kopflastige Themen, wie Quantenphysik, das Wesen Gottes und Neurochemie, in Unterhaltung und leicht verdauliche Ideen zu verwandeln. Das erreicht er mittels einer geschickt abgestimmten Mischung von Interviews, einer spannenden Erzählung, computeranimierten ”Charakteren“ und womöglich mehr visuellen Raum-Zeit-Krümmungs-Effekten, als die meisten Hollywood-Blockbuster vorweisen können.

Oskar-Preisträgerin Marlee Matlin (Gottes vergessene Kinder) spielt in dem Film Amanda, eine professionelle Fotografin, deren liebster Zeitvertreib unglücklicherweise die Dauereinnahme von Antidepressiva zu sein scheint. Bleep erzählt die einfache Geschichte einer persönlichen Transformation–vom Selbsthass zur Selbstannahme–, garniert mit einigen ungewöhnlichen Charakteren, die der Protagonistin im Laufe der Handlung hilfreiche Informationen anbieten. Die Art und Weise aber, wie das erzählerische Element dieser Mischung aus Dokumentation und Fiktion präsentiert wird, ist alles andere als einfach: Zwischen all den vielen Interviewsequenzen und großartigen Computeranimationen der Quanten- und Zellebenen, ist eine Handlung zunächst nur schwer zu erkennen. Tatsächlich wirkt die dramatische Erzählung in der ersten halben Stunde eher überflüssig und erinnert vage an eine Sendung im Nachmittagsfernsehen. Je länger man aber zuschaut, desto mehr macht die Form des vielschichtigen Doku-Dramas Sinn, und Amandas Transformationsreise wird der grundlegende rote Faden, der alles andere miteinander verbindet.

Während sie durch die Innenstadt von Portland in Oregon geht und fotografiert, wobei sie abwechselnd ängstlich und mutlos wirkt, findet sich die taube, aber Lippen lesende Amanda in einer Reihe von seltsamen Situationen wieder, in denen sie auf ungewöhnliche Charaktere trifft. Da taucht zum Beispiel das Basketball spielende Wunderkind Duke Reginald auf, das die Realität verändert und daherkommt, wie eine zwölfjährige Ausgabe des ernsten Propheten Morpheus aus dem Film Matrix, nur etwas lustiger. Er fordert Amanda zu einem Basketballspiel auf seinem ”Feld der unendlichen Möglichkeiten“ heraus, während er ihr gleichzeitig einige unglaubliche physikalische Fakten erklärt, wie etwa, dass materielle Objekte (beispielsweise ihre Hände und der Ball, den sie hält) sich nie wirklich berühren, weil nicht miteinander verbundene Atome sich energetisch abstoßen und keinen physischen Kontakt herstellen. Und überhaupt, was bedeutet schon ”körperlich“? Als das Wunderkind seinen Ball in den Himmel wirft, werden wir mitgenommen in den Weltraum, wo die Szene sich zu Atem beraubenden kosmischen Einblicken öffnet, bevor sie tief in eindrucksvolle computeranimierte Sequenzen der molekularen, atomaren und subatomaren Bereiche abtaucht. An dieser Stelle kommentiert eine geisterhafte Stimme aus dem Off, dass alles, was wir als solide Materie wahrnehmen, in Wirklichkeit fast vollständig aus leerem Raum besteht und letztlich–bis hinunter in die Dimension der Quanten, wo Energieteilchen entstehen und wieder verschwinden–vollkommen substanzlos ist. ”Das Sicherste, was über all diese substanzlose Materie gesagt werden kann“, erklärt uns der Sprecher, ”ist, dass sie eher wie ein Gedanke ist, wie ein verdichtetes Stück Information.“

Kurz nach ihrer seltsamen Begegnung mit dem jungen Duke Reginald trifft Amanda in einer U-Bahn-Station einen mysteriösen Mann. Sie betrachtet gerade eine Präsentation von Dr. Masaru Emoto, dessen Experimente behaupten, die Wirkung von positiven oder negativen Gedanken auf die Bildung schöner oder unansehnlicher Eiskristalle in Wasser zu demonstrieren. ”Es ist erstaunlich, oder?“ sagt er. ”Wenn Gedanken das mit Wasser machen können, stellen Sie sich einmal vor, was unsere Gedanken mit uns machen können.“ Dieser Satz taucht im Verlauf des Films immer wieder in Amandas Gedanken auf, und es stellt sich heraus, dass in ihm der Schlüssel für ihren letztendlichen psychologischen Durchbruch liegt. Tatsächlich ist die Idee, dass wir uns unsere Realität selbst erschaffen, die New Age-Vorstellung, die das Herz von Bleep ausmacht, das grundlegende Konzept, auf dem alle anderen Ideen beruhen.

Bevor Amanda jedoch die geistige Klarheit erreicht, ihre Realität neu zu erschaffen, muss sie sich auf einer chaotischen polnischen Hochzeit behaupten, für die sie als Fotografin engagiert wurde. Hier taucht der Film in die Geheimnisse und Funktionsweisen des menschlichen Verstands ein und erklärt mittels verblüffender visueller Effekte die Aufgabe von Neurotransmittern. Es geht vor allem darum, auf welche Weise wir nach bestimmten Arten von Neurotransmittern ”süchtig“ werden, basierend auf der emotionalen Erfahrung, mit denen sie verbunden sind. ”Wenn du deinen Gefühlszustand nicht kontrollieren kannst, dann bist du abhängig von ihm“, sagt einer der immer wieder eingespielten Interviewpartner, Dr. Joe Dispenza. Während einer unterhaltsamen und sexuell aufgeladenen dreiundzwanzigminütigen Szene mischt sich Amanda unbeholfen unter die Hochzeitsgäste, fotografiert, erinnert sich an ihre eigene unglückliche Hochzeit und erlebt weitere halluzinatorische Visionen von computeranimierten Wundern. Diesmal sieht sie–statt der neonblauen Energien der Quantenebene–bunte, tanzende Gummidrops, menschliche Zellen unter dem Einfluss von unterschiedlichen Neurotransmittern. Amanda beginnt zu erkennen, wie sie in jedem, auch in ihr selbst, wirken: ein Raum voller biochemisch konditionierter Menschen, die ganz in Lust, Hunger, Zorn und Schüchternheit aufgehen, während sie sich der unpersönlichen Wechselwirkung, die sich zwischen ihnen auf der tiefer liegenden Dimension angeregter Chemikalien tatsächlich abspielt, nicht bewusst sind. Trotz ihres cartoonhaften Charakters ist diese Sequenz von Bleep möglicherweise die folgenschwerste und gedanklich provokativste Szene, die den Zuschauer mit Fragen konfrontiert wie: Sind wir wirklich nur biologische Marionetten, kontrolliert von einem Sumpf von Chemikalien? Und wenn ja, wie können wir die Fäden durchschneiden?

Inmitten all dieser Aktivitäten werden immer wieder Ärzte und Wissenschaftler–nicht zu vergessen ein 35.000 Jahre altes Channel-Wesen–eingeblendet, die für den Film interviewt wurden, und wahlweise Kommentare zur Physik oder Metaphysik abgeben, welche den jeweiligen Situationen entsprechen, die Amanda gerade durchlebt. Man kann in der Tat sagen, dass sie den Großteil des Films ausmachen. Durch die Einsichten der insgesamt 14 Persönlichkeiten, fast alle sind Autoren von Büchern mit Titeln wie The Quantum Brain (Das Quanten-Gehirn) oder Conscious Acts of Creation (Bewusstes Handeln der Schöpfung), wird Amanda gleichsam mit einer Fülle von Paradigmen erschütternden Informationen versorgt, indem sie sich auf unerklärliche Art auf die Frequenzen einstellt, auf denen diese Botschaften gesendet werden und deren prägnante intellektuelle Tiefe unbewusst aufnimmt. ”Wir leben in einer Welt, in der alles, was wir sehen, nur die Spitze eines Eisbergs ist–die bekannte Spitze eines ungeheuren quantenmechanischen Eisbergs“, sagt John Hagelin, ein Physiker der Maharishi-Universität. Und Amit Goswami, der früher Physikprofessor an der Universität von Oregon war, fügt hinzu: ”Man muss wirklich begreifen, dass sogar die materielle Welt um uns herum–die Stühle, Tische, Räume, Teppiche und die Kamera–nichts anderes ist, als sich innerhalb von Wahrscheinlichkeiten bewegendes Bewusstsein.“

Das alles führt Amanda letztendlich zu der Erkenntnis, dass sie, um ihr Leben zu ändern, die Art und Weise ändern muss, wie sie darüber denkt. Sie muss ein neues Weltbild annehmen, ein neues Paradigma, in dem Quantenphysik, Biochemie, Geist, Emotionen, Gott und alles dazwischen in einer nahtlosen Matrix von unendlichen Möglichkeiten miteinander verbunden sind, die allein durch die Kraft der Gedanken radikal verändert werden kann.

Wie bereits erwähnt, ist Bleep für einen Independent-Film sehr erfolgreich, und seine Beliebtheit scheint noch weiter zu wachsen. Aber warum strömen die Leute in die Kinos, um ihn zu sehen? Warum finden Jung und Alt eine doch recht eigenartige Dokumentation, welche die Überschneidungen von Wissenschaft und Spiritualität erforscht, so überaus faszinierend? Könnte es schlicht die Tatsache sein, dass es überhaupt einen Film gibt, der die friedliche Koexistenz dieser typischerweise antithetischen Welten schildert?

Bleep wurde binnen dreier Jahre von einem Filmemacher-Trio aus Yelm im Bundesstaat Washington geschrieben, produziert und gedreht. William Arntz, Betsy Chasse und Mark Vicente fanden 2001 in der Überzeugung zueinander, dass der Hollywood-Standard ”Vergewaltigung, Raub und Plünderung“ als Unterhaltung nicht der einzige Weg sein konnte, Kinogängern zu gefallen. Sie wollten einen spirituell erbaulichen und wissenschaftlich bildenden Film machen, der das Mainstream-Publikum anziehen und gleichzeitig eine Vorstellung von einigen Schlüsselkonzepten der Quantenphysik und der Biologie vermitteln würde. ”Die Wissenschaft behauptet bereits seit einiger Zeit, dass der Verstand die Wirklichkeit beeinflusst“, sagte Arntz. ”Dies aber ist der erste Film außerhalb des Fantasy-Genres, der das nicht nur behauptet, sondern Geist/Materie-Interaktion zeigt, und zudem ausgesprochen unterhaltsam ist.“ Der Film ist zweifellos unterhaltend, und nach allem, was man so hört, hat er eine tief greifende Wirkung auf sein Publikum. Doch das, was genau ”die Wissenschaft sagt“, halten viele Rezensenten–mich selbst eingeschlossen–für fragwürdig dargestellt. Und dies scheint beispielhaft zu sein für eine größere Verwirrung in unserer Kultur hinsichtlich der tatsächlichen Verbindungen zwischen Wissenschaft und Spiritualität–eine Verwirrung, die während der letzten beiden Jahrzehnte in der Pop-Spiritualität ziemlich grassierte.

Alle drei Produzenten von Bleep sind Schüler der Ramtha's School of Enlightenment. Falls Sie sich in der New Age-Szene nicht so auskennen: Ramtha ist das oben erwähnte 35.000 Jahre alte Channel-Wesen, das sich in Bleep häufiger äußert. Gechannelt wird es von J.Z. Knight, die früher als Hausfrau und ‚Mama-Taxi' in Tacoma, Washington lebte. Es begann 1978, ein Jahr, nachdem Ramtha an einem Sonntag Nachmittag in ihrer Küche das erste Mal erschienen war.. Seitdem hat Ramtha–der von seinen Schülern als ”Meister-Lehrer“ und ”Hierophant“ beschrieben und, ungeachtet des Geschlechts seines Channel-Mediums, stets als ”Er“ bezeichnet wird–über zwei Jahrzehnte Menschen in solch klassischen Themen gelehrt, wie der wahren Geschichte von Atlantis, dem Wesen der Realität, Gott, früheren Leben und darin, wie man Verantwortung für sein eigenes Schicksal übernimmt. Aber vielleicht mehr als jede andere New Age Autorität, hat Ramtha die heilige Aura der Wissenschaft dazu benutzt, seine spirituellen Lehren zu untermauern–insbesondere, wenn es um die Idee geht, dass wir ”unsere eigene Welt erschaffen“. Das ist der Punkt, in dem Ramtha die Quantenphysik nahtlos mit seiner Art von Metaphysik verschmolzen sieht, und er ist definitiv nicht der Einzige.



[ zur nächsten Seite ] 1 | 2




artikel drucken

email an die redaktion

artikel versenden

inserieren

nachdrucken
abonnieren abonnieren geschenk abo


home | aktuell | archiv | bestellen | über wie
herausgeber | kontakt | links | site map
WIE Ausgabe 18:
Unsere Ausgabe zum Thema Unsterblichkeit


Mit weiteren Artikeln von: Ray Kurzweil, Jakob von Uexküll, Cheri Huber, Ken Wilber & Andrew Cohen, Pierre Teilhard de Chardin



full table of contents

buy this issue

Neues bei WIE
Letzte Neuigkeiten und Aktuelles!

E-Mail-Adresse hier angeben.