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In der prämodernen Ära glaubte man–insbesondere im Osten–, dass sich die Geschichte in regelmäßig wiederkehrenden Zyklen bewegt. Diese Vorstellung ähnelt der, auf einem Karussell zu sein, welches sich dreht und dreht und auf ewig den immergleichen Prozess wiederholt. Für jemanden, der in diesem Kontext “erwachte”, war die Definition von Erlösung offensichtlich: das Karussell eines sich endlos wiederholenden Prozesses zu verlassen, um in dem glückseligen Frieden und der ewigen Freiheit des Nirvana–der formlosen unmanifestierten Ebene jenseits von Zeit und Raum–zu ruhen. Ein Bodhisattva ist ein erleuchteter Mensch, welcher voller Mitgefühl darauf verzichtet, ins Nirvana einzugehen, bis jedes andere fühlende Wesen von dem sich endlos wiederholenden Zyklus der Zeit befreit wurde. Traditionell erklärt der Bodhisattva: “Ich gelobe, alle fühlenden Wesen zu befreien und selber nicht eher ins Nirvana einzutreten, bis alle anderen fühlenden Wesen vor mir eingetreten sind.” Der Bodhisattva ist ein heldenhafter Mensch, weil er um des Heils eines jeden anderen willen bereit ist, auf ewig im Reich des Manifesten, in der Welt von Zeit und Raum, zu verweilen. Doch am Beginn des 21. Jahrhunderts wissen wir, dass die Geschichte nicht in Zyklen vonstatten geht, sondern vielmehr ein linearer Entwicklungsprozess ist, der vor 14 Milliarden Jahren mit der Explosion von Hitze, Licht und Energie begann, die im Laufe der Zeit die Bildung von Materie hervorrief, dann das Leben und schließlich unsere einzigartige menschliche Fähigkeit zu selbstreflektierendem Bewusstsein. Und nur durch unsere hoch entwickelte Fähigkeit zu Bewusstsein erlangt der Impuls, der uns erschuf, wundersamerweise das Mittel, sich selbst zu erkennen. Tatsächlich hat der Prozess, welcher vor so unendlich langer Zeit mit einem Knall begann, gerade begonnen, sich durch uns seiner selbst bewusst zu werden. Aus diesem Grund braucht uns das Universum hier! In diesem Licht betrachtet muss die eigentliche Definition des Bodhisattva-Gelübdes auf den aktuellen Stand gebracht werden, sodass sie mit dieser gerade entstehenden kosmischen Perspektive übereinstimmt. Das Universum braucht erleuchtete Seelen mehr denn je, weil die Zukunft mehr denn je buchstäblich von jenen fühlenden Wesen abhängt, die sich des evolutionären Prozesses als ihrer selbst bewusst werden. Sogar die Idee oder das Konzept der Erleuchtung–oder der Nicht-Dualität–müsste neu definiert werden. Spirituell betrachtet macht es nicht länger Sinn, dass ihr letztendliches Ziel lediglich eine Erlösung vom Lauf der Welt ist. Und es macht nicht einmal Sinn, dass Erleuchtung, wie neuere und umfassendere Definitionen sagen, bedeuten soll, eins zu werden mit der Welt und mit jener formlosen unmanifestierten Dimension, die über sie hinausgeht. Denn das Universum entwickelt sich in der Zeit, und um mit ihm eins zu werden, müssen wir auf der Ebene unseres eigenen Bewusstseins eins werden mit dem Prozess der Evolution an sich. In dieser Angelegenheit haben wir Menschen nun plötzlich mehr denn je das Sagen, und das hat dramatische Auswirkungen. Eine neue Definition von Erleuchtung muss die wachsende Erkenntnis zum Ausdruck bringen, dass unsere bewusste Teilnahme am evolutionären Prozess unabdingbar ist für die kreative Entfaltung des Kosmos–die schockierende Erkenntnis, dass es von jetzt an wirklich auf uns ankommt. In der postmodernen Ära ist der mythische Gott vom Himmel herabgefallen. Und die Sehnsucht nach dem Paradies, nach dem Nirvana oder der endgültigen Erlösung wird ersetzt von einem Aufruf des Selbst an den erwachenden Menschen zu der bedingungslosen Bereitschaft, hier zu sein und das Universum in eine herrliche Zukunft zu führen. Erleuchtung hat immer auf einen Bewusstseinszustand jenseits des Ego hingewiesen. Und wahre moderne Bodhisattvas sind jene fürsorglichen Krieger, die mutig sich selbst vergessen, um fähig zu sein, die enorme Bürde zu tragen, der unendlichen Zukunft für uns alle entgegenzusehen. Wer wagt es, sich um des Universums willen einer Zukunft ohne Ende anzunehmen? Wer hat den Mut, sich vorzustellen, wie es wäre, zu geloben, auf ewig zu leben? Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe. Ich gelobe, auf immer zu leben, immer und immer und immer wieder zurückzukehren. Andrew Cohen, Gründer und Herausgeber von What Is Enlightenment?, ist seit 1986 spiritueller Lehrer und Autor zahlreicher Bücher, darunter Erleuchtet leben und Himmel und Erde umarmen. Weitere Informationen unter andrewcohen.org
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