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In ihrem zweiten Artikel zum Fehlen von Frauen an der Spitze kultureller Veränderung fordert Elizabeth Debold eine evolutionäre Elite, welche die Arbeit der Frauenbefreiung fortführt. "Es ist doch eigenartig", schreibt Naomi Wolf, "dass Frauen, und damit die Mehrheit der menschlichen Spezies, im Laufe so vieler Jahrhunderte ihre Belange nicht ein für alle Mal erfolgreich durchgesetzt haben." Ja, das ist in der Tat eigenartig. Nehmen wir die fehlgeschlagene Gesetzesänderung zur Gleichberechtigung (ERA – Equal Rights Amendment zur US-amerikanischen Verfassung) als ein kleines Beispiel. Dieser Abänderungsvorschlag zur Verfassung stellte eine direkte Garantie dafür dar, dass Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich behandelt werden. Aber die Frauen übten nicht genügend kollektiven politischen Druck aus, um ihre Forderung durchzubringen. Damals, mit Mitte zwanzig, war ich eine aktive Mitstreiterin, als es darum ging, Befürworter für das ERA zusammenzutrommeln. Mit einer weiteren jungen Frau, die eine enge Freundin wurde, ging ich in einer langweilig charakterlosen Vorortsiedlung von West Palm Beach in Florida von Haus zu Haus, um mit Frauen darüber zu sprechen. Nie werde ich die Reaktion einer Frau vergessen, die uns mit vor Entrüstung schriller Stimme und Südstaatenakzent entgegnete: "Ich erziehe meinen Sohn zum Soldaten und meine Tochter zu einer Dame." Diese Frau, deren Namen ich nicht kenne und an deren Gesicht ich mich nicht erinnere, stand mit einer Nachbarin plaudernd in der Auffahrt zu ihrem Wohnhaus, während ihr kleiner Sohn sie auf einem orangenen Plastikdreirad umkreiste. Wir schauten einander kurz an – ich und meine Freundin, diese Frau und ihre Freundin – und fühlten die gegenseitige Bedrohung, die von unseren unterschiedlichen Lebensauffassungen ausging. Für mich war diese Frau eine von den viel zu vielen Frauen, die sich ihrer eigenen Unterdrückung nicht bewusst waren und dadurch unseren kollektiven Fortschritt, unsere Fähigkeit, nach Erfolg in der Welt zu streben, blockierten. In ihren Augen mag es verantwortungslos von mir gewesen sein, dass ich die natürlichen Rollen von Frauen und Männern in Frage stellte – die Sicherheit, die wir aus den traditionellen Formen gewinnen. Das Potenzial einer ein für alle Mal wirksamen Intervention, wie Wolf sie verficht, welche den Status der Frauen tatsächlich auf ganzer Linie verändern könnte, ist von großer Tragweite. Obwohl die Frauenbewegung an und für sich schon eine enorme Transformation in der westlichen Kultur bewirkt hat, scheint es doch weit hergeholt, davon auszugehen, dass sich alle Frauen zusammentun werden, um eine weitere unwiderrufliche Veränderung herbeizuführen. Denn die grundlegenden Spannungen, die Frauen in sich und unter einander haben – wie jene auf der vorstädtischen Auffahrt in Florida, zwischen dem Drang nach Erfolg und der Anziehungskraft von Sicherheit – machen eine solche Veränderung fast unvorstellbar. Jetzt, da wir unsere politischen Anschauungen und Interessen frei wählen können, haben sich Frauen in alle politischen Bereiche hinein ausgebreitet und Anschauungen entwickelt, welche die oft widersprüchlichen Aspekte unseres Lebens – unsere konkurrierenden Sehnsüchte nach Erfolg in der Welt und nach Sicherheit in einer Partnerschaft – mit einer Art Spagat oder mit Gewalt miteinander zu vereinen suchen. Gibt es eine Möglichkeit, Wolfs "Ein für alle Mal"-Veränderung im Status der Frau anzusteuern? Vielleicht ja. Aber sie wird sich nicht durch eine Vereinigung aller Frauen in gemeinsamer Verfolgung dieses Ziels ereignen. Die Idee, dass es jemals eine einstimmige, alle Frauen einschließende Bewegung geben könnte, ist absurd. Bei Männern gibt es keine Einstimmigkeit und bei Frauen auch nicht. Die letzte Phase der Frauenbewegung begann mit einer radikalen Randgruppe – den linkspolitischen Frauen der Bürgerrechts- und Vietnamkriegsära, deren Anstrengungen für eine Bewusstseinserweiterung und Forderung nach Gleichheit von Mann und Frau in Schockwellen durch die Kultur gingen. Veränderung kommt der Evolutionstheorie zufolge niemals vom Zentrum, niemals vom Status quo, sondern ausschließlich aus den Randbereichen. Eine Intervention, die das Ganze zu einem Wechsel bewegen soll, wird folglich wiederum von den radikalen Randbereichen ausgehen müssen. Transformation ist ein elitärer Vorgang: nicht notwendigerweise elitär im Sinne sozialer oder ökonomischer Privilegien (obwohl dies dazu beitragen kann, jemandes Energie für mehr als ein bloßes Überleben freizusetzen), sondern elitär im Sinne der Dringlichkeit und der Perspektive. Damit der weibliche Teil der Menschheit vorankommen kann, damit die Möglichkeit einer Intervention, die ein für alle Mal eine Veränderung schafft, Realität wird, muss eine signifikante Minorität von Frauen die Grenzen überschreiten und eine höhere Perspektive entwickeln, die den häufig widerstreitenden Forderungen unserer chaotischen Welt gerecht wird. Wo sind die Frauen, die gewillt sind, über die Grenzen hinauszugehen? Allein schon zu erkennen, dass eine evolutionäre Elite nötig ist, geht unserer egalitären postmodernen Kultur völlig gegen den Strich. Die Befreiungsbewegungen der Sechzigerjahre – wie der Feminismus und die Bürgerrechtsbewegung – leiteten die Postmoderne ein und waren in der westlichen Kultur Wegbereiter für Werte wie Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Anerkennung einer Pluralität der Sichtweisen. Daher ist die Postmoderne sowohl radikal egalitär als auch individualistisch. Der Begriff der universellen Wahrheit – dass es eine richtige Art zu denken gibt – war überholt, was uns in der Folge frei dafür machte, unsere eigene Wahrheit zu suchen. In unserer postmodernen Welt befreiter Individuen ist das, was sich für mich richtig anfühlt, auch mein Standpunkt in Bezug auf die Wahrheit – und der ist nicht besser oder schlechter als deiner. Natürlich glaubt das niemand wirklich. Vielmehr halten wir alle selbstgerecht an unserer eigenen Wahrheit, "meiner Wahrheit", fest und betrachten von unserem Standpunkt abweichende Sichtweisen mit Misstrauen. In jener Auffahrt in Florida ging ich von der Annahme aus, dass die andere Frau ein falsches Bewusstsein zeigte – hinters Licht geführt von den unterdrückenden Kräften einer Kultur, welche die Frauen als "Heimchen am Herd" halten will. Doch sie hatte kein "falsches" Bewusstsein. Es basierte auf anderen Grundannahmen. Ihre Vorstellung, dass es für Männer und Frauen richtig sei, spezifische und unterschiedliche Rollen zu haben, ist der Kern der modernen Weltsicht, wie sie seit dem späten 17. Jahrhundert in der westlichen Kultur vorherrschte. Ich stand in ihrer Auffahrt, um jene Weltsicht zu verändern – um eine postmoderne Sichtweise einzuführen, welche der Pluralität von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten hohen Wert beimisst. Heute ist die Postmoderne die vorherrschende Sichtweise der kulturell liberalen Bildungsschicht. Aber jetzt ist die Postmoderne die Grenze, die wir überschreiten müssen, wenn wir Frauen uns weiter entwickeln wollen. In einer Welt, in der wir so vielen verschiedenen Perspektiven ausgesetzt sind, ist es schwierig zu erkennen, wo sich diese postmoderne Grenzlinie befindet. Jeder bedeutende kulturelle Schritt des letzten Jahrtausends – von der traditionellen Feudalgesellschaft bis zur modernen Welt des Industriekapitalismus und, seit neuestem, zur egalitären Postmoderne – war von einer Veränderung im Bewusstsein einer relativ kleinen Gruppe von Menschen ausgelöst worden. Vor 40 Jahren wurde durch die Anstrengungen einer sehr kleinen Minderheit von Aktivisten eine größere Bewegung in Gang gesetzt, welche die Kultur von der Moderne in die Postmoderne hineinkatapultierte. Obwohl die daraus resultierenden Veränderungen sich auf jeden Menschen in der westlichen Gesellschaft mehr oder minder auswirkten, gibt es immer noch eine große Anzahl Frauen, die eine kulturelle Sichtweise verkörpern und darstellen, wie sie vor der Postmoderne üblich war. Tatsächlich haben viele sogar noch eine prämoderne religiöse Sicht von der Welt – einer Welt der Geschlechtertrennung, in der die Männer den öffentlichen Wirkungskreis des Erfolgs innehaben, die Frauen hingegen den sicheren häuslichen Bereich. Das behagliche, sichere moderne Heim war jedoch ein Mikrokosmos des feudalen Systems – das ist die Bedeutung des Sprichworts "a man's home is his castle" [eines Mannes Heim ist seine Burg]. So gesehen ist der Entwicklungssprung enorm, den Frauen durch die feministische Bewegung über eine Zeitspanne von wenigen Jahrzehnten gemacht haben: ein Sprung von der semifeudalen Unterwürfigkeit in des Mannes "Burg" hin zur Selbstbestimmung in einer facettenreichen globalisierten postmodernen Welt. Und offen gesagt haben wir nicht alle – nicht einmal die meisten von uns – diesen Sprung vollständig vollzogen, was es umso schwieriger macht, die Startlinie zu finden, von der aus wir voranschreiten müssen. Frauen jeder Couleur bieten derzeit grundverschiedene Vorschläge an, was jetzt als nächster Schritt für uns richtig wäre. Wie erkennen wir, welche die echten richtungsweisenden Stimmen sind? Ich gebe einen Anhaltspunkt: Diejenigen, die argumentieren, dass für eine "Ein für alle Mal"-Intervention kein Bedarf mehr bestehe, bringen mit ziemlicher Sicherheit nichts Neues zum Ausdruck. Ironischerweise kommen solche Stimmen von beiden Seiten des bestehenden politischen Spektrums. Die konservative Schriftstellerin Kay S. Hymowitz behauptet, dass "wir alle jetzt Feministinnen sind," und zitiert dazu eine Umfrage, die zeigt, dass über 90 % der erfassten weiblichen Jugendlichen die Gleichberechtigung für Frauen unterstützen und fast ebenso viele nicht glauben, dass es nötig sei, einen Mann zu haben, um erfolgreich zu sein. Doch es ist zu früh, den Sieg auszurufen, denn Hymowitz stellt unzweideutig fest, dass die organisierte Frauenbewegung namens "Feminismus" tot sei: "Es ist aus und vorbei mit ihr." Warum? Weil sie nicht glaubt, dass die meisten, ja, nicht einmal viele Frauen "über die Biologie und über die gewöhnlichen bürgerlichen Sehnsüchte [nach materieller Annehmlichkeit und emotionaler Sicherheit] hinausgehen wollen." Sie erklärt, dass "Frauen nach der Revolution ebenso sehr Ehemann und Kinder wollen wie alles andere im Leben". Das ist zweifellos wahr – aber Hymowitz benutzt die Tatsache, dass sich die Mehrheit der Frauen ein Familienleben wünscht, um zu behaupten, dass es nichts darüber hinaus Erstrebenswertes gebe. Sie erkennt zwar an, dass es weiterhin unvermeidlich "eine tiefe Spannung zwischen ... dem weiblichen Ehrgeiz [und dem Wunsch nach Kindern] geben wird, die noch viele Jahre lang der Zündfunke kultureller Debatten sein wird", sieht jedoch keinen Grund, unsere kulturellen Arrangements in Frage zu stellen, und scheint sich mit der Tatsache abzufinden, dass Frauen in Bezug auf die weltliche Macht keine Gleichheit mit Männern erreichen. Da sich unsere schnelllebige Ökonomie auf diese Geschlechtertrennung gründet, wird sie immer die Frauen bestrafen, die ihre Zeit zwischen dem Erfolg im Arbeitsbereich und ihrer Sicherheit zu Hause aufteilen wollen. Wie sie es formuliert, "ist dieselbe Wirtschaft, welche bei der Jugend Fantasie und Ehrgeiz weckt, ... auch eine, die niemals besonders familienfreundlich sein wird und häufig ehrgeizige arbeitende Mütter hinter sich lässt". Wenn wir allerdings die auf dem Geschlecht gründende Trennung von Erfolg und Sicherheit der Moderne als gegeben hinnehmen, dann hat Hymowitz Recht: Die Mehrheit der Frauen wird sich schließlich für Kinder entscheiden und zu Hause bleiben, wenn sie es sich leisten kann. Dennoch ist es töricht, diese Tatsache als Argument dafür zu nutzen, dass keine weiteren Veränderungen vonnöten wären. Wenn man kulturelle Veränderungen der Mehrheit überließe, würde sich wohl kaum je etwas ändern. Niemals wird der Status quo für eine radikale Evolution den Kampf aufnehmen – so etwas hat es noch nie gegeben.
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