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Auf der Jagd nach Unsterblichkeit


Die Technologie des ewigen Lebens

Ein Interview mit Ray Kurzweil
von Craig Hamilton
 

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Ray Kurzweil

Die Faszination ewigen Lebens hat die menschliche Vorstellungskraft beschäftigt, seit wir anfingen, über unsere Endlichkeit nachzusinnen. Vom Gilgamesch-Epos, dem ältesten bekannten literarischen Werk der Erde, über den taoistischen Kult der Unsterblichkeit bis hin zur Suche des spanischen Eroberers Ponce de Leon nach dem Elixier ewiger Jugend hat sich unsere Leidenschaft, uns aus dem Griff des Sensenmannes zu befreien, als genauso beharrlich erwiesen wie die Kraft, gegen die sie versucht anzukämpfen. Doch trotz möglicher Inspiration durch Berichte von Yogis im Himalaja, die jahrhundertelang lebten, und unserer kollektiven Obsession für Gesundheit, Fitness und verlängerte Lebenszeit, die ein immerwährendes Topthema zu sein scheint, haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht einmal die Optimistischsten unter uns ernstlich an die Möglichkeit gedacht, dass der Tod sozusagen etwas Freiwilliges werden könnte. In einer zunehmend chaotischen und unvorhersagbaren Welt scheint unsere Sterblichkeit vielmehr eines der wenigen Dinge zu sein, derer wir uns sicher sein können.

Ray Kurzweil ist entschlossen, das zu ändern. In dem Buch Fantastic Voyage: Live Long Enough to Live Forever (Eine fantastische Reise: Lebe lange genug, um ewig zu leben), das er kürzlich zusammen mit Terry Grossman veröffentlicht hat, beschreibt der mehrfach ausgezeichnete Erfinder und Zukunftsforscher die Vision einer "Wissenschaftlichkeit radikaler Lebensverlängerung", welche die Fantasie der meisten Science-Fiction-Autoren in den Schatten stellt. Und damit steht er nicht allein. In den vergangenen Jahrzehnten hat eine wachsende Forschungstätigkeit in Laboren überall auf der Welt zu einer Ansammlung von Erkenntnissen über den Alterungsprozess geführt. Und unter den ambitionierteren der daran beteiligten Wissenschaftler gibt es–ob Sie es glauben oder nicht–einen zunehmenden Optimismus in Bezug auf das Potenzial, den anscheinend unumkehrbaren Mechanismus der Degeneration und des Verfalls, der die Menschheit Jahrtausende verfolgt hat, tatsächlich zu einem abrupten Ende zu bringen. Und das schon bald.

Wie bald? Nach Kurzweil sieht es so aus, dass die magische Zahl wohl "zwei oder drei Jahrzehnte" heißt. Und für ihn und andere alternde Babyboomer ist die Millionen-Dollar-Frage: Wird er noch da sein und in guter Gesundheit, wenn die Quelle ewiger Jugend schließlich zu sprudeln beginnt? Hier wird der Untertitel seines Buches interessant. Lang genug zu leben, um ewig zu leben, so zeigt sich, wird wohl etwas mehr erfordern als Gemüse zu essen und mit dem Rauchen aufzuhören (obwohl das definitiv ein guter Anfang ist). Für Kurzweil bedeutet die "erste Brücke" hin zu radikaler Lebensverlängerung eine radikale Umstellung der Ernährung, ein strenges System von Mitteln zur Nahrungsergänzung (er nimmt 250 solcher Mittel pro Tag) und regelmäßige medizinische Untersuchungen und Verjüngungskuren, um den Alterungsprozess mit den Möglichkeiten der heutigen Technologie (und natürlich kontinuierlichem Training und stressfreier Lebensweise) bestmöglich zu verlangsamen. Aber sogar Kurzweils "Programm zur Langlebigkeit" ist, so gesteht er, nur die bestmögliche Positionierung gegenüber dem Unvermeidlichen. Aber mit ein bisschen Glück wird das für ihn ausreichen, fit zu bleiben, bis die "zweite und dritte Brücke"–die Biotechnologie und besonders die Nanotechnologie–vollständig in Erscheinung getreten sind, um ihm seinen Platz in der Ewigkeit zu sichern.

Sind wir Menschen wirklich bereit, ewig zu leben? Haben wir die psychologischen und spirituellen Ressourcen, um mit solch einer fundamentalen Veränderung in den Grundlagen unserer Existenz zurechtzukommen? Was wäre ein Mensch ohne die Konfrontation mit der Sterblichkeit, die Leben und Kultur, wie wir sie kennen, definiert hat? Und so sehr wir auch vor dem Tod davonlaufen, sind wir uns sicher, dass ihn zu beseitigen etwas Gutes wäre? Was würde aus einer Spezies, die als Erste die Barriere des Todes durchbricht? Bei der Konfrontation mit derartig radikalen Zukunftsaussichten wie der Unsterblichkeit werden auf Fragen wie diese Antworten nötig. Und wenn wir dann noch annehmen, dass wir tatsächlich die erste Generation in der Geschichte sein könnten, die den Luxus hat, sich diese Fragen stellen zu müssen, dann wird es viele geben, die das Gefühl haben, dass wir sie genau überdenken sollten, bevor wir dem Glück verheißenden Weg nach Shangri-la weiter folgen.

Aber das hält Kurzweil nicht auf. Auch scheint es ihn nicht langsamer zu machen. Ist er doch weitgehend anerkannt als einer der heute führenden Futuristen und Erneuerer (Gewinner der angesehenen National Medal of Technology. Unter anderem Erfinder der ersten Lesemaschine für Blinde und des ersten Synthesizers, der den Klang eines Konzertflügels erzeugen kann), dessen ungezügelter Enthusiasmus für die Allmacht der Technologie bezüglich ihrer Fähigkeit, jedes sich ihr bietende Hindernis zu überwinden, ihn in die Lage versetzt, der Zukunft auf ganzer Breite zu begegnen, wie auch immer sie aussehen wird. Wenn auch nur ein Zehntel von dem, was er vorhersagt, Wirklichkeit wird, bedeutet dies das Ende von dem Leben–und dem Tod–, wie wir sie kennen.


WHAT IS ENLIGHTENMENT: In Ihrem neuen Buch behaupten Sie, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft die Fähigkeit haben werden, die menschliche Lebenszeit unbegrenzt zu verlängern. Wie lange nun können wir, Ihrer Ansicht nach, erwarten zu leben?

RAY Kurzweil: Eine Analogie, die der Erforscher der Lebensverlängerung Aubrey de Grey gebraucht, ist folgende: "Wie lange steht ein Haus? Wenn Sie sich fleißig um das Haus kümmern und schnell auf jedes Problem reagieren, kann das Haus unbegrenzte Zeit überdauern. Wenn Sie sich nicht darum kümmern, wird es nicht lange halten." Ein Grund, warum diese Analogie auf unseren Körper angewendet nicht zutrifft, ist, dass wir noch nicht alle Methoden verstehen und noch nicht alle Werkzeuge zur Erhaltung unseres Körpers besitzen, wie wir sie für Häuser schon haben. Wir verstehen vollkommen, wie ein Haus funktioniert, weil wir das Konzept eines Hauses konstruiert haben. Wir haben solche Informationen aber noch nicht über unseren Körper und unser Gehirn und wir haben noch nicht die Werkzeuge. Aber innerhalb von zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren werden wir sie haben, und dann werden wir in der Lage sein, unseren Körper unbegrenzt zu erhalten–und die Probleme, die uns zurzeit noch altern und sterben lassen, sogar vorauszusehen. Worum es geht ist, Ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, anstatt es, metaphorisch gesagt, in den Händen des Glaubens zu lassen.

WIE: Wie wird die Wissenschaft das zustande bringen?

Kurzweil: Terry Grossman und ich haben die so genannten "drei Brücken" der radikalen Lebensverlängerung beschrieben. Die erste Brücke hat damit zu tun, das heutige Wissen der Biologie vollständig zu nutzen, um Alterungs- und Krankheitsprozesse dramatisch zu verlangsamen. Das macht es uns möglich, in bestmöglicher Verfassung zu sein, wenn die Technologien der zweiten Brücke erhältlich sind. Diese zweite Brücke ist die biotechnische Revolution, die uns die Mittel geben wird, unsere Biologie und die ihr zugrunde liegenden biochemischen Informationsprozesse neu zu programmieren. Wir sind schon im frühen Stadium dieser Revolution, aber in fünfzehn Jahren werden wir unsere Biologie zum großen Teil wirklich gemeistert haben. Dies wird uns zu der dritten Brücke bringen, der technologischen Revolution, mit der wir unseren Körper und unser Gehirn auf molekularer Ebene erneuern können. Das wird es uns ermöglichen, die verbleibenden Probleme zu lösen, die innerhalb der Grenzen der Biologie schwer in den Griff zu bekommen sind, und uns schließlich in die Lage versetzen, vollständig über die Begrenzungen der Biologie hinauszugehen. Die Idee ist also, die erste Brücke jetzt zu erreichen, um gesund am Leben zu sein, wenn die biotechnologischen und nanotechnologischen Revolutionen ausgereift sind. Unser Ziel ist es, lange genug zu leben, um ewig zu leben.

WIE: Sie sind seit einigen Jahren ihrem eigenen "Programm der ersten Brücke zur Lebensverlängerung" gefolgt. Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte dafür, dass es funktioniert?

Kurzweil: Als ich vierzig war, nahm ich an diesen Alterungstests teil, die vierzig oder fünfzig verschiedene biochemische Indikatoren messen, mit dem Ergebnis eines biologischen Alters von 38. Nun bin ich siebenundfünfzig, und letztes Jahr war mein Ergebnis vierzig. Also bin ich in den letzten sechszehn Jahren nur um zwei Jahre gealtert. Das stimmt auch damit überein, wie ich mich fühle und wie ich aussehe. Ich habe eine schwerwiegende Prädisposition zu Diabetes überwunden–vor zweiundzwanzig Jahren wurde tatsächlich Diabetes bei mir diagnostiziert, aber durch Verwendung grundlegend natürlicher Methoden, um meine Biochemie zu verändern, habe ich heute kein Symptom mehr davon. Ich hatte auch eine Prädisposition für die Herzkrankheit. Mein Vater starb mit achtundfünfzig daran, aber ich habe sie niemals bekommen. Somit habe ich eine vollkommen andere Biochemie, als ich sie normalerweise hätte.

WIE: Können Sie ein Beispiel dafür geben, was Sie mit dieser ersten Brücke meinen und wie wir unsere Lebenszeit verlängern können, indem wir das heutige medizinische Wissen anwenden?

Kurzweil: Ein Alterungsprozess, den wir momentan kontrollieren können, hat mit dem Verlust von Phosphatidylcholin in unseren Zellmembranen zu tun. Die Zellmembran eines jungen Menschen besitzt typischerweise sechzig oder mehr Prozent Phosphatidylcholin, aber bei älteren Menschen kann dies bis auf zehn Prozent abnehmen und wird ausgetauscht gegen nutzlose Substanzen wie Fette und Cholesterin. Das ist einer der Gründe, weshalb die Haut eines älteren Menschen nicht mehr so geschmeidig ist und die Organe nicht mehr so effektiv arbeiten. Der Körper stellt Phosphatidylcholin her, aber nur sehr ineffizient, und so verringert sich über die Jahrzehnte diese lebenswichtige Substanz in unseren Zellmembranen. Sie können dem entgegenwirken, indem Sie Phosphatidylcholin als Nahrungsergänzungsmittel nehmen; es ist eines von 250 dieser Mittel, die ich verwende. Das Ziel ist, diese Methoden der ersten Brücke zu benutzen, das heißt, das gegenwärtige Wissen aggressiv einzusetzen, sodass wir in guter Verfassung sind, wenn die neuen Technologien der zweiten Brücke, also die biotechnologische Revolution, in ungefähr fünfzehn Jahren nutzbar sein werden.

WIE: Wie wird die Biotechnologie bei der Verlängerung des Lebens helfen?

Kurzweil: Durch die Biotechnologie entwickeln wir die Mittel, um unsere Biologie auf der fundamentalsten Ebene neu zu programmieren–auf der Ebene biochemischer Informationsprozesse. Wir sind nicht weit davon entfernt, Krankheiten wie Herzkrankheit, Krebs, Diabetes Typ II oder Schlaganfälle zu überwinden–die hauptsächlichen Krankheiten, an denen fünfundneunzig Prozent von uns sterben. Und es geht um mehr, als einfach nur Krankheiten zu heilen; wir arbeiten auch daran, das Altern umzukehren, das heißt, wir beschäftigen uns eingehend mit mindestens einem Dutzend verschiedener Prozesse, die zum Altern beitragen. Eine der Schlüsselideen in der biotechnologischen Revolution wird "rationales Medikamentendesign" genannt. Wir können Medikamente herstellen, die sich sehr genau bestimmter Ziele annehmen, um präzise geplante Wirkungen zu erreichen. Die Entwicklung von Medikamenten wurde als Entdeckung bezeichnet, und das war sie buchstäblich auch. Wenn man ein Ziel hatte, wie zum Beispiel den Blutdruck zu senken, dann testete man 50.000 Substanzen und fand dann eine, die tatsächlich den Blutdruck senkt. Aber man wusste nicht, wie oder warum sie wirkt. Dieses sehr grobe Vorgehen hatte unvermeidlich alle möglichen Nebenwirkungen. Jetzt hingegen können wir diese Prozesse sehr genau in ihrer biochemischen Dimension verstehen–zum Beispiel die ganze Aufeinanderfolge von Informationsprozessen, die in der Entwicklung von so etwas wie der Arteriosklerose auftreten, der Hauptursache für Herzerkrankungen–und dann können wir sie an spezifischen wunden Punkten angreifen. Zum Beispiel gibt es im Körper ein Enzym, welches das HDL, das so genannte gute Cholesterin, zerstört. Wenn Sie dieses Enzym inhibieren, geht der Gehalt von HDL in die Höhe und verhindert Arteriosklerose. Es gibt ein Medikament namens Torsotropie, das gerade in der dritten Testphase beim FDA (der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde) ist und genau diesen Effekt hat und sehr vielversprechend aussieht. Ich würde nicht alles nur auf eine dieser spezifischen Entwicklungen setzen, aber es gibt Tausende solcher Beispiele.

Wir haben mittlerweile auch die Möglichkeit, die Wirkung bestimmter Gene zu verhindern. Das ist sehr wichtig, denn jede der bedeutenden Krankheiten–Herzkrankheit, Krebs, Diabetes und natürlich durch Viren ausgelöste Krankheiten–benutzt die Wirkung von Genen, und wenn wir die Aktivierung sehr sorgsam ausgewählter Gene verhindern, können wir Krankheiten stoppen. Es gibt eine neue Methodik, RNA-Interferenz genannt, mit der wir kleine RNA-Fragmente in ein Medikament bringen, das dann in die Zelle eindringt und die Boten-RNA eines bestimmten Gens blockiert und damit die Aktivierung dieses Gens verhindert. Das funktioniert sehr gut.



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WIE Ausgabe 18:
Unsere Ausgabe zum Thema Unsterblichkeit


Mit weiteren Artikeln von: Ray Kurzweil, Jakob von Uexküll, Cheri Huber, Ken Wilber & Andrew Cohen, Pierre Teilhard de Chardin



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