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1 | 2 "Von hier soll eine Revolution ausgehen? Kaum zu glauben!", kommt mir in den Sinn, als ich vor dem unscheinbaren Londoner Bürogebäude mit der Anschrift Waterloo Place Nr. 11, kurz hinter dem Piccadilly Circus, stehen bleibe. Bevor ich durch die großen Glastüren gehe, werfe ich noch einen kurzen Blick die Straße hinauf zum Trafalgar Square. Ich kann gerade noch die Nelson-Säule erkennen, mit der Statue eines der berühmtesten Helden Großbritanniens, dessen in Licht getauchtes Antlitz auf die Touristenbusse hinunter blickt. Vor zweihundert Jahren, als Europa die Welt regierte, war Lord Nelson der Garant für die Vormachtstellung der britischen Marine auf den Weltmeeren. Doch ich bin nach London gekommen, um einen Helden einen Helden unserer Tage aufzusuchen. Sein Name ist Jakob von Uexküll, und dieser Mann hat einen ebenso einfachen wie revolutionären Plan: Er will hundert weltweit anerkannte Führungspersönlichkeiten–Helden unserer Tage–zusammenbringen und sie zu einer politischen Kraft einen, wie sie in der Menschheitsgeschichte noch nicht existiert hat. Er nennt sein Vorhaben "World Future Council" (Weltzukunftsrat)–ein internationales Gremium sorgfältig ausgewählter und hoch angesehener Persönlichkeiten, das um unserer gemeinsamen Zukunft willen in der jetzigen kritischen Phase der Menschheitsentwicklung das Weltgewissen aufrütteln soll. Nach der Vorstellung von Uexküll soll sich dieser Rat aus hundert der fähigsten und couragiertesten Männer und Frauen unserer Zeit zusammensetzen. Ihre spezifische Aufgabe soll darin bestehen, sich jenseits der Interessen von Nationen, Regierungen, Unternehmen und Ideologien der Interessen des gesamten Planeten und des Wohlergehens aller seiner sechs Milliarden Bewohner anzunehmen. Sie sollen auf Regierungen und einflussreiche Persönlichkeiten weltweit einwirken und in der Diskussion über die globalen Probleme–seien sie politisch, wirtschaftlich, ökologisch, religiös oder humanitär–ihr kollektives moralisches Gewicht einbringen. Von Uexküll hofft, auf diese Weise einen völlig neuen X-Faktor in der Weltpolitik mit nicht zu ignorierender moralischer Autorität und politischer Legitimität zu schaffen, um eine zukunftsfähige, erleuchtete Politik zu fördern. Die großen Leitgedanken dieses Rates würden sich mit dem künftigen Zustand unserer Welt, die immer kleiner wird, befassen und dem Erbe, das wir zukünftigen Generationen hinterlassen wollen. Das ist ein kühner Plan, und ich bin auf mein Zusammentreffen mit diesem Visionär sehr gespannt. Als er mich am Lift herzlich begrüßt und in sein kleines Büro bittet, wirkt von Uexküll so liebenswürdig, dass man an einen Helden nicht so recht glauben mag. So hochgewachsen und schlaksig wie er ist, mit einem Akzent, der seine skandinavische Herkunft verrät, sieht er wie ein Collegeprofessor aus. Sein grau melierter Bart, die Brille und seine höflich reservierte Art vermitteln den Eindruck eines intellektuellen Ästheten. Sowie wir aber über seine Vision globaler Reformen zu sprechen beginnen, verrät seine Stimme die stille Leidenschaft und moralische Autorität, die man von einem prominenten Aktivisten erwartet. "Unsere Politiker heute sind ängstlich", erklärt er. "Ihnen fehlt der Mut, sie sind kurzsichtig und zum Teil sind sie korrupt. Winston Churchill hat einmal gesagt: ‚Der Politiker denkt an die nächste Wahl, der Staatsmann an die nächste Generation.' Heutzutage gibt es nur sehr wenige Staatsmänner und -frauen." Es war die Sorge um das Erbe, das wir zukünftigen Generationen hinterlassen, die diesen Schweden mit der sanften Stimme zu einem derart ambitionierten Projekt wie dem World Future Council inspirierte. Als früherem Mitglied der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament und als Gründer des hoch angesehenen Right Livelihood Award, der in den Medien häufig als "Alternativer Nobelpreis" bezeichnet wird, ist die mitleidlose Komplexität der internationalen Politik von Uexküll nicht fremd. Er hat die Interaktionen kurzsichtiger Regierungen, mächtiger Unternehmensinteressen und wohlmeinender Nichtregierungsorganisationen als direkter Beobachter miterlebt und auch, wie sich hoch engagierte Aktivisten abmühen, Antworten auf die rasch anwachsende Zahl der Probleme zu finden, die unser gesamtes globales Dorf betreffen–im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen. "Gute Ideen gibt es reichlich", sagt er, "aber diese schmoren oft jahrelang in Berichten oder unverbindlichen Erklärungen und werden selten verwirklicht. Deshalb hat man den Eindruck, viele der grundlegenden Veränderungen, die für eine bessere menschliche Zukunft absolut unverzichtbar sind, rückten in immer weitere Ferne, obwohl sie immer dringender gebraucht werden." Irgendwann, in den späten Neunzigern, hatte von Uexküll genug von diesen Frustrationen. "1998 war ich Mitglied einer UNESCO-Kommission, die einen Entwurf für eine so genannte ‚Erklärung der Pflichten und Verantwortlichkeiten der Menschheit' schreiben sollte", erinnert er sich. "Mir war bewusst, dass die UNESCO damit etwas ganz Wichtiges aufgegriffen hat, was aber letzten Endes dabei herauskam, war nicht mehr als eine kurze Konferenz mit einer unverbindlichen Resolution. Und so fing ich an, darüber nachzudenken, wie man all diese gute Vorarbeit und all diesen Idealismus nutzen und die wachsende Umsetzungslücke überbrücken kann." Die Öffentlichkeit erfuhr zum ersten Mal davon, was später die World Future Council Initiative (WFCI) werden sollte, als von Uexküll noch im gleichen Jahr in einem Interview mit einem deutschen Radiosender aus dem Stegreif über die Vision sprach, die er über Jahre gedanklich entwickelt hatte. In diesem Radiointerview rief er zur Gründung eines globalen Rates von "weisen Älteren, Denkern, Pionieren und jungen Führungspersönlichkeiten" auf, der überall auf der Welt durch Lobbyarbeit Einfluss auf die Parlamente nehmen solle. Als sorgfältig koordinierte und global orientierte Interessengruppe mit hohem Profil–so seine Idee–könne ein derart angesehenes Gremium die Aufmerksamkeit der Welt auf die wirklich wichtigen Probleme lenken, solche, mit denen die Menschheit in ihrer Gesamtheit konfrontiert ist. Das war ein sehr weitreichendes Anliegen und von Uexküll war sich schon damals bewusst, dass dessen Realisierung von einem festen und dauerhaften Engagement und sehr finanzkräftigen Förderern abhängen würde. Dafür galt es, die weltbesten Führungspersönlichkeiten zu gewinnen, Individuen, deren hohes moralisches Gewicht sie dazu prädestiniert, der Sehnsucht aller Menschen nach einer besseren Zukunft Ausdruck zu verleihen. Und irgendjemand musste dieses ganze Unternehmen organisieren. "Ich war bereits für ein unterdotiertes globales Projekt mit Namen "Right Livelihood Award" verantwortlich", erklärt er. "Dieses neue Projekt aber war offensichtlich wesentlich größer, und deshalb war ich der Auffassung, ich könnte es auf keinen Fall übernehmen." Wie sehr von Uexküll sich auch sträubte, sein Schicksal holte ihn ein. Die Reaktionen auf seinen Vorschlag folgten prompt. Fernsehsender wollten mit ihm über die Übertragung der Ratstagungen sprechen, Leute schlugen ihm Philanthropen vor und er wurde von positivem Feedback geradezu überschwemmt. Der Widerstand, den er von der so häufig auf Eigeninteressen fixierten Welt der Aktionsgruppen, gemeinnützigen und Nichtregierungsorganisationen erwartet hatte, blieb aus. "Wir dachten, die hohen Beamten der Vereinten Nationen würden erklären, dass dies bereits Teil ihrer Arbeit sei“, erinnert sich von Uexküll. "Stattdessen erhielten wir vom früheren UN-Generalsekretär Boutros-Ghali begeisterte Zustimmung. Dann dachte ich, die Zukunftsforscher würden einwenden, wir sollten nicht noch eine Organisation gründen, die sich mit Zukunftsfragen befasst. Stattdessen schickten uns mehrere ihrer Spitzenleute Anfragen, wann man mit der Zusammenarbeit beginnen könne. Dann dachte ich, die Nichtregierungsorganisationen würden uns vorhalten, die Idee sei zu kopflastig. Stattdessen wurde ich als Redner zu einer ihrer Konferenzen eingeladen, und die Reaktionen waren sehr positiv. Offenbar ist das Gefühl weit verbreitet, dass etwas Derartiges in den Strukturen der internationalen Politik fehlt und so bald wie möglich eingerichtet werden sollte." Victor Hugo hat einmal gesagt, nichts sei stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Die WFCI schien eine jener seltenen Visionen zu sein, die zum Zeitpunkt ihrer Geburt schon ihre leidenschaftliche Anhängerschaft mitführte. Von Uexküll wurde klar, dass er in der Pflicht stand, darauf zu reagieren. Unwissentlich hatte er mit dem Tag des Radiointerviews sein eigenes Schicksal besiegelt. Als global orientierter und über den Zustand der Welt zutiefst besorgter Aktivist, der bereits allzu lange mit ansehen musste, wie ineffizient und wirkungslos die meisten der weltpolitischen Lichtgestalten waren, blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich der Revolution anzuschließen, die er selbst ausgelöst hatte.
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