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Reich & Relaxed


Ein Ausflug in Amerikas neuesten Yoga-Trend
von Maura R. O'Connor
 

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Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hier scheint alles machbar. Doch hätte jemand voraussehen können, dass Swami Vivekanandas Besuch beim ersten Weltparlament der Religionen 1893 solch weite Kreise zieht? Und wer hätte an solche Auswirkungen gedacht?


Madison Avenue, die teuerste Shopping-Meile des Landes. Versace und Christian Dior in der Frühlingssonne. Ein Empfangsbereich mit Marmorboden und Mahagoni-Täfelung. Hier stehe ich mit dem Portier und warte auf den Fahrstuhl. Ein Stockwerk hinauf und da sind wir – Exhale, zu Deutsch: Ausatmen, und das ist wörtlich gemeint. Exhale ist ein Yoga-Studio und ein "Mind-Body-Spa", das Menschen dabei unterstützen möchte, ihr inneres und äußeres Selbst zu transformieren. Kommen Sie – durch den Eingang mit den zweihundert Jahre alten aus Asien importierten Schiebetüren. Machen Sie den Schritt in ein "neues Paradigma in der Welt des Wohlbefindens", in ein Reich des Luxus, wo Ihnen "Spa-Therapien à la carte" geboten werden – ohne weitere Umstände ordern Sie eine "vierhändige Körper-Erleuchtungsmassage", lassen sich die "wahrhaft transformierende Gesichtscreme" präsentieren oder buchen eine "geleitete Entspannung", die "Ihr Bewusstsein erwecken" wird. Nie hat sich Yoga so gut angefühlt. Meine Finger betasten im Vorübergehen die superweiche elastische Kleidung in der Auslage, als ich mich auf ein Kerzen-Regal in weißem Milchglas zubewege. Dort stehen die Düfte "Magnolie", "Grüner Tee und Rose" und "Mandarine Lemongras" mit Namensschöpfungen wie "Prana". Nie hat Spiritualität so gut geduftet.

Die heutzutage mit Yoga bezeichnete Neuschöpfung ist eine völlig perfekte postmoderne Fusion: die Aneignung einer 5.000 Jahre alten indischen Tradition durch die unerbittlichen Kräfte der westlichen Kultur. In den USA üben 20 Millionen Yogis in fünfzig Bundesstaaten nun den Downward Dog, die Hundestellung Kopf nach unten. Weitere 25 Millionen werden dieses Jahr Yoga ausprobieren. In Deutschland sind es immerhin ca. drei Millionen, davon 80 % Frauen. Hunderttausende von Menschen gestalten ihr gesamtes Leben gemäß dem Yoga – einem modernem spirituellen Weg, den wir nach unserem Bilde geschaffen haben. Es ist auch ein Industriezweig mit einem Jahresgewinn von 27 Milliarden Dollar, für den zum Ablauf dieses Jahres eine Gewinnverdoppelung erwartet wird und dessen Produktpalette von 600 Dollar teueren Prada-Taschen für Yoga-Matten bis zu Räucherstäbchen für zwei Dollar reicht. Videos, CDs, DVDs, Kleidung und anderes Zubehör – wenn Sie nicht, wie der Gründer des ersten Franchise-Unternehmens für Yoga, Bikram Choudhury heißen, dann können Sie Asanas (die Yoga-Übungen) nicht wirklich "verkaufen", aber Sie können in den Menschen das Empfinden wecken, dass sie einiges an Ausstattung benötigen, um diese Übungen zu machen. Für jeden künftigen Yogi, der eine Kreditkarte zur Verfügung hat, stehen Tausende von Angeboten zur freien Wahl. Allgegenwärtige Angebote. Sie gehen in den Supermarkt – Yoga begegnet Ihnen auf der Titelseite des Magazins Time; Sie schalten den Fernseher ein – Yoga spielt in den Wellness- und Lifestyle-Werbespots ständig eine Rolle. Sogar MTV hat seine eigene Power Yoga-Videoserie. Das Bild einer schönen Frau, die ruhig in Lotusstellung, die Augen sanft geschlossen, den straffen bronzefarbenen Bauch entblößt dasitzt – auf diese authentische Art sexy zu sein verkauft authentischen inneren Frieden und Glück, dieses Image ist heutzutage Standardmotiv von Werbeagenturen, die an dem profitablen Kuchen der stetig wachsenden Popularität von Yoga emsig knabbern.

Dutzende von Yogalehrern reiten auf der Popularitätswelle des Yoga – einige (Sean Corn, Baron Baptiste, Cyndi Lee, Shiva Rea und Rodney Yee) sogar mit Prominentenstatus. In einem kürzlich in der New York Times veröffentlichten Artikel schrieb die Journalistin Mary Billard: "Bei ihren Fans haben sie die Aura von Rockstars. Wenn Mr. Yee mit wehendem langem dunklem Haar, beschwingtem Schritt und blonder Partnerin die Empfangshalle eines Hotels betritt ..., kommt das einem Erscheinen von Mick Jagger gleich." Yee trat 2001 in der bekannten amerikanischen Fernsehshow Oprah auf und gab vor 22 Millionen Zuschauern eine Yoga-Lektion und unterzeichnete kürzlich Werbeverträge mit den Naturkost-Anbietern Nasoya und Vitasoy. Auf Oprahs Website heißt es: "Yoga ist das Übungssystem, das allen – von der Prominenz bis hin zu gestressten Müttern – geholfen hat, abzunehmen, neue Energie zu finden, ihre Gesundheit zu verbessern und mit sich selbst in Kontakt zu kommen." Auch Ricky Martin erschien in Oprahs Show. Der Herzensbrecher aus Puerto Rico, der besonders für seine aufdringlich kreisenden Hüften in seinem Song "Living La Vida Loca" bekannt ist, zeigte sich von den Kräften des Yoga überzeugt. "Es ist faszinierend," sagte er. "Wieder einmal geht es nur darum, dein 'Selbst' kennen zu lernen. Dein Herz und deinen Verstand miteinander zu verbinden, damit du keine unfreien und zwanghaften Entscheidungen in deinem Leben triffst. Einfachheit ist die Medizin." Zahllose Stars praktizieren Yoga. Zum einen die, von denen man es erwartet (Madonna, Sting), aber auch einige, bei denen es nicht so offensichtlich ist – Al Pacino, Pamela Anderson und Kirk Hammett von Metallica, die Heavy Metal-Band, die, nachdem sie 25 Jahre lang die Fackel der menschlichen Ängste hochgehalten hatte, diese Therapie gemeinsam für sich entdeckte, was in dem Film Some Kind of Monster dokumentiert ist.

Ich dachte, ich treffe vielleicht einige dieser Stars im Mind-Body-Spa Exhale, aber die Einzigen, die ich sehe, sind Gwyneth Paltrow und Drew Barrymore – auf den Paparazzi-Fotos direkt neben den ganzheitlichen Hautpflegeprodukten, die sie vermutlich benutzt haben. 125 Dollar für eine Kleinstmenge Hautcreme, die die Alterung rückgängig macht? Ah, ich verstehe, sie ist aus frühkindlicher Vorhaut hergestellt. Bei dieser Gelegenheit muss man nur die Vorschläge von Exhale beachten und "sich der Spa-Therapie hingeben". Ich kam wegen Exhale’s Hip-Hop Power Yoga-Kurs, der eine "energetische und herausfordernde Vinyasa-Praxis für alle Schweregrade zu den Beats von 50 Cent verspricht." 50 Cent alias Curtis Jackson ist der ehemalige Crackdealer, der sich zu einem Rap-Star und Multimillionär gewandelt hat. 50 Cent praktiziert kein Yoga, aber in einem seiner Songs kommt es vor: "The 16 top shot loader’ll bend ya ass like yoga." Leider ist der Kurs schon voll. Stattdessen besuche ich das übergesunde Gourmet-Café, das Kräuter-Tonic und Protein-Kuchen mit Streusamen anbietet, bevor ich in einen der Core Fusion-Kurse gehe, der Yoga, Pilates und orthopädische Dehnungsübungen zu einem Kurrezept vereinigt, das "einen flexiblen jugendlichen Körper und ein Gefühl von Frieden und Entspannung" vermittelt. Ich beobachte den vorwiegend weiblichen Kurs beim Dehnen, Atmen und Schwitzen, während ich ab und zu einen Blick auf die polierten indonesischen Holzböden, die neoasiatische Einrichtung, die mächtigen Marmorsäulen und die hohe, mit elegantem grünem Stoff verkleidete Decke werfe.

Yoga hat sich – da gleicht es dem Elasthan – wegen seiner Flexibilität für die breite Masse der Westler als perfekt passend erwiesen. Jahrzehntelang galt es bloß als Freizeitbeschäftigung für Suchende und Hippies am Rande der Subkulturen, wo der Osten und der Westen aufeinander trafen. Erst in den Achtzigern stieg die Zahl der Yoga-Praktizierenden in die Millionen, als dem Körper vermehrte Aufmerksamkeit zukam, als das Gesundheitsbewusstsein zunahm und daher neue Formen gesucht wurden, um den Körper zu trainieren. Aber selbst da existierte es nur in Form eines neuen Fitnesstrainings und losgelöst von seinen Wurzeln in der hinduistischen Religion und Spiritualität. Mit der explosionsartigen Entwicklung des Phänomens der Selbstverwirklichung in den 90ern verbreitete es sich schnell in der ganzen westlichen Welt. Yoga war nun viel mehr als Fitness, es wurde zum beliebtesten säkularen Allheilmittel, um Stress abzubauen, geistige Klarheit zu finden, abzunehmen, emotionale und körperliche Selbstheilung zu bewirken und die Gesäßmuskulatur zu straffen. Und bald darauf wurde es für viele in der Wüstenei ihres zunehmend materialistischen weltlichen Lebens Verirrte zu einer Quelle spiritueller Erfüllung. "Verständlicherweise hat eine Fitnessübung, die man auch als spirituelle Übung verwenden kann und die darüber hinaus den Gang zum Therapeuten erspart, für die an Effizienz orientierten Amerikaner eine besondere Anziehungskraft", schrieb Rebecca Mead für die Zeitschrift New Yorker in ihrem Artikel über Ashtanga Yoga. Auch die spirituelle Sucherin und Yogalehrerin Suzanne Clores brachte zweifellos die Erfahrung vieler Menschen zum Ausdruck, als sie kürzlich in einem Artikel für das Magazin Body & Soul schrieb: "Obwohl ich nicht den Weg der Heiligen Katharina von Siena oder des Heiligen Franziskus von Assisi gehen konnte und nicht, wie die heiligen Menschen, materiellen Besitz, meine sozialen Beziehungen und andere weltliche Dinge hinter mir lassen wollte, suchte ich dennoch nach spiritueller Tiefe ... Das war drei Jahre, bevor ich Yoga entdeckte."



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Jahrzehnte lang waren es nur vereinzelte Auseinandersetzungen – jetzt entbrennt der Kampf zwischen fortschrittlicher Spiritualität und traditioneller Religion in der Kultur des Mainstream wie nie zuvor. Und sein Ausgang hängt allein von einer Frage ab: Wenn es um das spirituelle Leben geht, wer hat letztendlich die Autorität? Die Kirche? Der Guru? Oder ... Du?





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