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Ich erinnere mich noch genau an die Szene: Ich saß in einer Hotelbar in Vancouver und unterhielt mich eindringlich mit einem anderen spirituellen Lehrer, dem ich dort zum ersten Mal begegnet war. Er schilderte mir in erschreckenden Details, wie er über mehrere Monate hinweg wiederholt psychotische Zustände erlebte, nachdem er eine starke psychoaktive Substanz zu sich genommen hatte. Diese Erlebnisse hatten sein Leben in einen lebendigen Albtraum verwandelt und schließlich zur Auflösung seiner Gemeinschaft geführt. Ungerührt fuhr er fort zu beschreiben, wie seine Welt sich fast gänzlich auflöste, wie seine Gesundheit über einen langen Zeitraum hinweg nur noch an einem seidenen Faden hing und wie viele seiner Schüler sich enttäuscht und wütend abwandten. Als er diese qualvolle Geschichte beendet hatte, sah er von seiner Tasse Kaffee auf, lächelte und sagte, "so, Andrew, jetzt erzähl mir von deinem Schatten ..." In den östlichen Traditionen nimmt man an, dass jemand, der als erleuchtet gilt, kein Ego mehr hat. Wenn aber jemand bemerkt, dass trotz seines tiefen Erwachens das Ego immer noch lebendig und schlagkräftig ist, dann versucht er oder sie das meistens zu verstecken. Wir im Westen haben mittlerweile verstanden, dass in den allermeisten Fällen, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, das Ego in der Tat nicht stirbt. Obwohl über längere Zeiträume hinweg ein höherer Zustand des Bewusstseins erfahren wird, überlebt am Ende die narzisstische Selbstbezogenheit fast immer. Viele haben das erkannt und haben auch gesehen, was passiert, wenn jemand einen Entwicklungsstand jenseits des Egos vorgibt, den er nicht authentisch erreicht hat. Das Ergebnis ist eine Persönlichkeit, die ein sogar noch höheres Maß an Täuschung ausdrückt, als sie es tat, bevor sie "erleuchtet" wurde. Langsam aber sicher sind westliche spirituelle Lehrer, Meister und Gurus zu dem Schluss gekommen, dass es nicht nur nicht wirklich möglich ist, das Ego zu transzendieren, sondern – und das ist noch wichtiger – dass jedes ernsthafte Bestreben in diese Richtung verwegen, unmodern und irregeleitet ist. Die einst noble Intention, sich zu erheben und die kleinen, selbstgefälligen und allzu oft destruktiven Impulse des Egos zu transzendieren, wurde abgelöst von dem "reiferen" Akzeptieren von uns selbst mit "allem, was dazugehört". Es sieht ganz danach aus, dass dieses Sich-Selbst-Akzeptieren jetzt das neue Gesicht der höheren Entwicklung ist. Im spirituellen Mentor kann sich das in erstaunlichen Anwandlungen von brutaler Offenheit bezüglich persönlicher Fehler, Schwächen und demütigender Maßlosigkeit zeigen. Diese oft erschreckende Bereitschaft, "seine Seele offen zu legen", wird heutzutage in höherem Maße als Gütezeichen der spirituellen Entwicklung angesehen, als die guten altmodischen Tugenden wie Mut, Ehre, Würde, Selbstachtung, Entschlossenheit und Vortrefflichkeit. Es gibt einen beachtlichen Mangel an vertikaler Ausrichtung oder dem Drang zur Höherentwicklung in unserer postmodernen, spirituellen – aber nicht religiösen – Kultur. Die vorherrschenden Glaubenssätze dieser Kultur verhindern unbewusst genau die evolutionäre oder spirituelle Entwicklung, die sie vorgeben, anzustreben. Viele haben erweiterte Bewusstseinszustände erlebt, die ihnen einen flüchtigen Blick auf höhere Ebenen der Entwicklung erlaubten, die den hinterhältigen Narzissmus und die endlose Selbstbezogenheit unserer mächtigen Egos dramatisch überschreiten. Aber der Ethos des kulturellen Kontextes, in dem diese Erfahrungen erscheinen, erstickt den natürlichen Impuls, sich zu erheben, sich nach dem Höheren zu strecken und die höheren Zustände bewusst anzustreben, die sich in ekstatischer spiritueller Erfahrung offenbart haben. Am Ende bleibt alles beim Alten. Ohne es zu merken, sind wir zutiefst zynisch geworden bezüglich unseres eigenen Potenzials, uns wirklich zu entwickeln, sodass es spürbare Auswirkungen hat. Selbst die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen, offenbart unseren Zynismus. Ein anderer spiritueller Lehrer, den ich kenne, hat folgenden Lieblingssatz: "Alle sind verrückt." Inmitten einer freundlichen Unterhaltung mit ihm fand ich mich in der schwierigen Situation wieder, nicht bereit zu sein, mich in "Alle" einzufügen. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass ich verrückt bin. Heutzutage ist es allerdings politisch inkorrekt, so etwas zu sagen, und deshalb war es so unangenehm. Die Rolle des spirituellen Mentors in einem evolutionären Kontext ist es, meiner Ansicht nach, unser höheres und tieferes Potenzial zu repräsentieren. Wir sind hier, um eine Spannung zu erzeugen, eine lebensbejahende, evolutionäre Spannung, die Andere auf kraftvolle Weise dazu zwingt, uns auf einer höheren und – tiefer gehenden – Ebene zu begegnen. Wir werden aber niemals in der Lage sein, diese Funktion völlig zu erfüllen, solange wir meinen, die Verteidiger unserer eigenen Schwächen sein zu müssen. Bis dass unsere erwachte Leidenschaft für Evolution, Erleuchtung und das Versprechen einer neuen Welt nicht stärker ist als das endlose Verlangen und die unbefriedigten Bedürfnisse unser Egos, sollten wir vielleicht nicht lehren. Das Problem unserer spirituellen – aber nicht religiösen – Kultur ist, dass wir keinen erleuchteten philosophischen Kontext haben, keinen ethischen oder moralischen Kodex, keine höheren spirituellen Prinzipien, die wir uns verpflichtet fühlen aufrechtzuerhalten. Es sei denn, wir fühlen uns danach. Ich glaube, dass wir einen neuen post-traditionellen philosophischen Kontext für unsere menschliche Erfahrung schaffen müssen, der auf dem bewusst anerkannten Bestreben und der Verpflichtung aufgebaut ist, uns zu entwickeln. Die Natur eines solchen lebendigen, kraftvollen, intersubjektiven spirituellen Kontextes erwartet unausgesprochen, wenn sie es nicht sogar ausdrücklich fordert, eine höhere Ordnung menschlicher Verpflichtung, eine Ordnung, die auf den guten altmodischen Tugenden wie Ehre, Würde, Respekt, Angemessenheit aufgebaut ist, und der Treue zu dem besten Teil in uns – Treue und Verpflichtung gegenüber dem, was wirklich heilig ist, dem, was allein dem Leben Bedeutung schenkt. Andrew Cohen, Gründer und Herausgeber von What Is Enlightenment?, ist seit 1986 spiritueller Lehrer und Autor zahlreicher Bücher, darunter Erleuchtet leben und Himmel und Erde umarmen. Weitere Informationen unter andrewcohen.org
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