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Spirituell aber nicht religiös


Jenseits der postmodernen Spiritualität
von Elizabeth Debold
 

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Elizabeth Debold

Fasziniert von dem saphirblauen Glitzern stehe ich am Ufer des heiligen Ganges in Rishikesh, das er in schneller Bewegung durcheilt. Ein lebendiges Leuchten geht von den vielen kleinen Wellen auf seiner Oberfläche aus. Ein Leuchten, das die Luft verwandelt, die weißen Felsen am Ufer und, beim Blick hinunter, auch meine Füße. Und im Umherschauen erstrahlt dasselbe glitzernde Leuchten in allem: dem felsigen Ufer, den dünnen, knochigen Körpern der heiligen Männer, einer abgemagerten Kuh, den Gebäuden und Hügeln, die ich weiter entfernt sehe. Überrascht fange ich an zu lachen. Gerade ist eine Woche stiller Meditation in einem Retreat zu Ende gegangen und dies ist der erste Ausflug außerhalb des kühlen, dunklen Ashrams mit seinen strengen Regeln. Meine Wahrnehmung ist gesteigert: Die Farben vibrieren, der Klang des rauschenden Flusses ist ein geräuschloses Brüllen und alles ist durchflutet von diesem ganz besonderen Licht. Plötzlich erkenne ich, dass es lebt: Das Licht lebt. Alles um mich herum, die ganze Welt, ist durchsichtig und von innen erleuchtet. Als ob man einfach die Hand ausstrecken und die Oberfläche der Realität zerreißen könnte, um so den Glanz zu enthüllen, der darunter liegt. Doch das normale Gefühl des "Ich bin hier und die Welt ist da draußen" ist verschwunden. Der ganze Zwischenraum ist gefüllt – alles ist eins – und ich bin nicht davon getrennt. Ich bin vollkommen leer, diese Fülle ist überall. Ich lache: "Die Leichtigkeit des Seins" erscheint mir wie ein Wortspiel. Aber Jahre später werde ich erfahren, dass diese Wahrnehmung eine Ahnung dessen war, was mit "Guru mind" bezeichnet wird.

Ein Suchender aus dem Westen im Osten – ist das nicht eine klassische Szene aus den glücklichen Hippietagen der 60er- und 70er-Jahre? Das waren aber die 90er, ich war mit meinem amerikanischen spirituellen Lehrer in Indien, und ich bin kein Hippie. Die Tage des Goldrauschs, die in den 70er-Jahren ihren Höhepunkt erreichten, sind vorbei. Es war die Zeit, in denen Menschen aus dem Westen auf der Suche nach Erleuchtung in den Osten gingen und die großen Zen Meister und Hindu Yogis in den Westen kamen. Viele tausend Blumen erblühten unter dieser bemerkenswerten Fremdbestäubung von Ost und West – ein oftmals zu wenig beachtetes Ergebnis unserer globalisierten Welt. Während die Abendnachrichten uns ständig daran erinnern, dass die Globalisierung eine Bühne für religiöse Konflikte geschaffen hat, nehmen wir selten ein Nebenprodukt unserer zunehmend globalen Verbundenheit wahr – die unzähligen Bücher über Spiritualität, die vielen Studios für Kampfkunst und die vielen unterschiedlichen Angebote für spirituelle Retreats und Kurse in Meditation und Yoga. Mit typisch westlichem Einfallsreichtum haben wir das mystische Herz enthüllt, das in den unterschiedlichen Wegen zu Gott oder zum SELBST jenseits des Ichs schlägt. Die wachsende interreligiöse Bewegung, die von religiösen Traditionalisten oft mit Sorge betrachtet wird, ist Ergebnis eines wachsenden Bewusstseins der Gemeinsamkeiten von den unterschiedlichen Religionen. Wir haben den Code der heiligen Traditionen geknackt und Perlen des Erwachens aus der harten Schale religiöser Rituale und Opfer geerntet. Das ist eine erstaunliche menschliche Leistung. Und es ist ein Zeugnis unserer beständigen Suche danach, wer wir sind und warum wir hier sind.

Wenn ich jedoch diesen Trend in einem größeren historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang betrachte und über meine eigene Erfahrung nachdenke, dann frage ich mich, wohin uns die derzeitige Zunahme spirituellen Interesses eigentlich führen. Indem sie aus der Fülle der Angebote auf dem spirituellen Marktplatz unserer Zeit schöpfen, erschaffen sich immer mehr Menschen ihre individuellen spirituellen Wege und suchen außerhalb eines religiösen Zusammenhangs. Religio, die Wurzel des Wortes "Religion" bedeutet: sich zu verbinden – mit dem Absoluten, aber auch miteinander, in einer Kultur des gemeinsamen Verständnisses, wer wir sind und warum wir hier sind. Hat diese einzigartige postmoderne Spiritualität – jeder von uns in einer ihm eigenen Religion – die Fähigkeit, uns in eine wahrhaft globale Kultur einzubinden? Oder brauchen wir dazu noch etwas mehr?

Während der letzten Jahrzehnte hat die Zahl der Menschen, die einen direkten Zugang zu mystischen Dimensionen suchen – und finden – dramatisch zugenommen. Von 1962 bis 1994 stieg die Zahl der Erwachsenen in den USA, die berichten, eine religiöse oder mystische Erfahrung gehabt zu haben, von 22 auf 33 Prozent, und jüngere Umfragen weisen darauf hin, dass es inzwischen 40 Prozent sein könnten. Wenn diese Zahl auch die "Bekehrungserlebnisse", die Teil baptistischer und anderer fundamentalistisch christlicher Sekten sind, einschließt, hat die Zahl der Amerikaner aber abgenommen, die sich mit einer traditionellen Religion identifizieren. Diejenigen, die bei der Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit "keine" ankreuzen, haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Diese unkonventionellen, der Gruppe "keine" Zugehörigen, die nach den Katholiken und Baptisten möglicherweise die drittgrößte Gruppe in den USA bilden, umfassen ungefähr 29 Millionen Menschen. Laut einer Umfrage aus dem Jahre 2001 glauben zwei Drittel der "keine"-Anhänger an Gott, über ein Drittel betrachtet sich selbst als religiös und kauft eine Menge Bücher über Spiritualität. Wenn man die steigende Zahl der Menschen betrachtet, die spirituelle Erfahrungen haben, und den Rückgang derer, die sich einer der traditionellen Religionen zugehörig fühlen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass viele von denen, die heutzutage mystische Erfahrungen haben, auf einem eigenen unorthodoxen Weg dahin finden.

Ich gehörte ganz klar zu den "keine"-Anhängern, eine ziemliche Ironie, wenn man bedenkt, dass ich katholisch erzogen wurde und als junges Mädchen daran dachte, Nonne zu werden. Es war der aus dieser Nichtzugehörigkeit entstandene Wunsch nach einem tiefgründigeren Leben, der mich nach Rishikesh führte. Es war nicht so, dass ich mir selbst nicht ein tolles Leben geschaffen hätte: eine Familie von wunderbaren Freunden, die für mich da waren; die regelmäßige Übung in buddhistischer Meditation; eine herausfordernde Beziehung mit einem brillanten und großherzigen Mann; und eine Arbeit, die mir Antrieb und Halt gab und mein emotionales Zentrum war. Die Leidenschaft für meine Arbeit – die Entwicklung der Mädchen und Befreiung der Frauen – war eine geheimnisvolle Kraft in meinem Leben. Seit meinen Jahren an der High School öffnete sich mir die Welt an jeder kritischen Abzweigung auf meinem Lebensweg, sobald ich mich wirklich tiefer engagierte. Je mehr Risiken ich einging, umso größer wurden die Möglichkeiten. Das führte mich von meiner Zeit als Aktivistin zu den höheren Fachsemestern in Harvard, zu einer außerordentlichen Frauenforschungsgruppe bis zum Schreiben eines Bestsellers und sogar in Oprahs Talkshow im amerikanischen Fernsehen. Wenn man bedenkt, dass meine Mutter mich dazu erzogen hatte, eine gute Ehefrau und Mutter zu werden, war ich oft erstaunt und fast mit Ehrfurcht erfüllt, was sich da alles entfaltete. Und doch erschien mir mein Leben fadenscheinig, so als ob ein plötzlicher Windstoß alles, was ich mir aufgebaut hatte, hinwegfegen und von der Erde tilgen könnte. Oft fühlte ich mich wie eine hohle Fälschung und fing an mich zu fragen, ob das anders wäre, wenn ich ein Kind hätte. Aber war das nicht ein furchtbar armseliger Grund, Leben in die Welt zu setzen? Mithilfe eines guten Therapeuten hatte ich so ziemlich aufgehört, emotionale Dramen dazu zu benutzen, mein Leben interessanter zu machen. Stattdessen bewegte ich mich von einem intensiven Projekt zum nächsten, und dazwischen lagen Anfälle von Kaufsucht, wo ich mir Dinge zulegte, die ich nicht brauchte. Manchmal hat mich ein Paar Schuhe eine ganze Woche lang verfolgt.

Also war ich in Rishikesh, um etwas Tieferes zu finden. Und indem ich die Anweisungen meines Lehrers während des Retreats befolgte, wich dieses seltsame Gefühl des Getrenntseins und des ständigen Verlangens der herrlichen Erkenntnis, dass das Leben vollkommen und gut war. Ich reihte mich ein in die vielen Millionen derer, die einen Blick auf die höchste Form des Einsseins erhascht haben. Wenn man in Betracht zieht, dass der Weg der Mystiker bis jetzt normalerweise für ein paar wenige mutige Seelen – den "Elitetruppen" der Religionen – reserviert war, sind diese Zahlen einfach unglaublich. Wir scheinen auf der Schwelle einer wesentlichen Entwicklung zu stehen. Aber worum genau handelt es sich? Einige der beliebtesten Propheten des New Age – Deepak Chopra, Eckhart Tolle und Barbara Marx Hubbard, um nur wenige zu nennen – glauben, dass solche Beweise darauf hindeuten, dass wir uns in einem Prozess der globalen Transformation des Bewussteins befinden. Paul Ray, der gemeinsam mit Sherry Anderson Autor des in Amerika populären Buches Cultural Creatives ist, schätzt, dass sich in den USA 20 Millionen Menschen "im Prozess des Erwachens befinden". Und er hat kürzlich festgestellt, dass in den USA und Europa insgesamt fast 4 Millionen Menschen nahe dran sind, einen Zustand des persönlichen Erwachens zu erreichen.

Diese Nachrichten sind zwar faszinierend, aber die wirkliche Bedeutung dieser Welle spiritueller Erfahrungen wird davon abhängen, welchen Sinn wir aus diesen Erfahrungen ziehen. Authentische Augenblicke transzendenter Gnade erfahren Fundamentalisten, Fatalisten und zeitgenössische spirituelle Sucher gleichermaßen. Der Fundamentalist jedoch sieht in dieser Erfahrung eine vollständige Bestätigung seiner Beziehung zu dem einen wahren Gott, an den er oder sie glaubt. Was passiert, wenn der religiöse Kontext nicht mehr da ist, wenn wir die Spiritualität aus den Traditionen herauslösen und die Erfahrung der Transzendenz für sich allein genommen machen?

"Spiritualität und Religion verhalten sich zueinander wie eine Romanze zur Ehe", behauptet ein Geistlicher der Religionsgemeinschaft der Unitarier. "Wenn sie keine Unterstützung durch Traditionen bekommt und nicht den rechtlichen Rahmen einer Ehe eingebettet ist, läuft eine Liebesaffäre immer Gefahr zu scheitern oder in einer Sackgasse zu enden und ebenso schnell zu erlöschen, wie sie aufgeflammt ist." Aber für die meisten von uns, die in dem zeitgenössischen postmodernen Kontext leben, kann gerade die Vorstellung von Religion ein Gefühl der Einschränkung und der leeren Rituale hervorrufen und an das blinde Fürwahrhalten von Prinzipien erinnern, die nicht mehr in unsere Zeit passen. Eine aktuelle Umfrage stellt fest, dass von den 20 Prozent der Amerikaner, die sich als "spirituell, aber nicht religiös" betrachten, wiederum 47 Prozent Religion als etwas Negatives sehen. Obwohl Religion eine Struktur für die höchsten Wahrheiten schafft, die uns offenbart worden sind, und damit unserem Leben einen ethischen und moralischen Zusammenhalt gibt, empfinden heute viele Menschen Religion und Spiritualität nicht mehr als etwas miteinander Verbundenes, sondern als etwas Getrenntes – und Gott sei Dank ist das so. Aber ich frage mich, ob unser Unbehagen bei dem Begriff "Religion" nicht vielleicht zum Teil daher rührt, dass wir an einer kollektiven Amnesie leiden, was die Bedeutung betrifft, die die Religion für die Entwicklung der Menschheit hatte.



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Jahrzehnte lang waren es nur vereinzelte Auseinandersetzungen – jetzt entbrennt der Kampf zwischen fortschrittlicher Spiritualität und traditioneller Religion in der Kultur des Mainstream wie nie zuvor. Und sein Ausgang hängt allein von einer Frage ab: Wenn es um das spirituelle Leben geht, wer hat letztendlich die Autorität? Die Kirche? Der Guru? Oder ... Du?





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