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Editorial


von Andrew Cohen
Gründer und Herausgeber



Obwohl ich seit fast zwei Jahrzehnten ernsthaft Hatha Yoga praktiziere, ist es Jahre her, dass ich einen Yogakurs besucht oder ein Yoga-Magazin gelesen habe. Dann schlug ich vor ungefähr neun Monaten ein neues Yoga Journal auf, das man mir auf den Schreibtisch gelegt hatte. Ich war verblüfft wie jemand, der nach langem Schlaf aufwacht und sich auf einem anderen Planeten wiederfindet, in einer anderen Dimension. Da sah ich eine Welt, in der jeder reich und schön war. In dieser Welt gab es einen populären Trend, "Spiritualität" genannt, bei dem jeder eine persönliche Beziehung mit seinem Schöpfer hatte und wo es anscheinend das Wichtigste war, einen schönen Körper zu haben und glücklich zu sein!

Ungefähr zur selben Zeit sah ich die ungewöhnliche Dokumentation Words of My Perfect Teacher von Lesley Ann Patten, die die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung zu ihrem bahnbrechenden, rätselhaften tibetischen Meister Dzongsar Rinpoche auf überzeugende Weise darstellte. Was mich an diesem Film am meisten faszinierte, war zu sehen, welche Herausforderung es für Dzongsars westliche Schüler bedeutete, echtes Vertrauen zu finden, und zwar nicht nur zu ihm, sondern zu der Möglichkeit ihrer eigenen Transformation. Diese beiden Ereignisse, die in keinerlei Beziehung zueinander standen, wurden schließlich zur Grundlage der Ausgabe von What Is Enlightenment?, die Sie jetzt in den Händen halten.

Lange Zeit schon haben wir im Redaktionsteam fast täglich Diskussionen über ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt: das postmoderne spirituelle Dilemma. Mit Besorgnis beobachten wir die sich immer weiter ausbreitende Kluft zwischen den traditionellen Religionen und der gegenwärtigen Kultur der "persönlichen" Spiritualität und fragen uns, was wir dazu beitragen können, diese Trennung zu überwinden. Das jüngste Ergebnis unserer Untersuchungen ist der Artikel "Spirituell, aber nicht religiös: Jenseits der postmodernen Spiritualität" von unserer Chefredakteurin Elizabeth Debold, welcher den Kontext für diese Ausgabe vorgibt, unterstützt von Rabbi Marc Gafnis Artikel "Die Evolution der Göttlichkeit". Die dringende Bitte des Philosophen Jason Hill nach der Schaffung eines neuen Hie­rarchiemodells ist tatsächlich so etwas wie eine Pionierarbeit, die uns auf unserem weiteren Weg durch das 21. Jahrhundert einen Rahmen für den Umgang mit der Komplexität der Lehrer-Schüler-Beziehung bietet.

Und wie es die Synchronizität so wollte, verbrachte ich im letzten Mai ganz unerwartet einen wundervollen Nachmittag mit Dr. Dario Salas Sommer, einem Vertreter der Hermetischen Philosophie und spirituellen Lehrer, der in ganz Südamerika als eine legendäre Persönlichkeit gilt. Das gab uns die Möglichkeit, seine kompromisslosen Ansichten zur traditionellen Rolle des spirituellen Meisters mit einzubeziehen, die in krassem Gegensatz stehen zu der vorherrschenden Verflachung der Unterschiede zwischen, wie Jason Hill es nennen würde, dem "Hie­rarchisierenden" und dem "Hiercharchisierten".

Und schließlich drängt uns Tom Hustons ins Mark treffende Besprechung des sehr erfolgreichen Buches The Translucent Revolution von meinem Freund Arjuna Ardagh dazu, nach noch Höherem zu streben und eine neue Zukunft einzuleiten, eine Zukunft, in der die alten Traditionen wieder lebendig werden, sodass sie nicht nur Bewahrer des Glaubens, sondern auch Motoren der Evolution des menschlichen Bewusstseins sind. Eine Zukunft, in der die Erfahrung von Transzendenz, von höheren Ebenen vielleicht sogar die Schaffung neuer Traditionen auslösen wird ...
Viel Freude beim Lesen!