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1 | 2 Der erleuchtete Mentor, der Guru, war schon seit jeher jenes herausragende Wesen, welches willentlich gegen die mächtigen Kräfte der Unwissenheit, die in den Tiefen der menschlichen Seele wohnen, in die Schlacht zog. Durch seine oder ihre lebendige Gegenwart katalysiert der Guru eine außergewöhnliche Transformation, und führt den Menschen von der Dunkelheit zum Licht, von der Enge einer kleinen und unbedeutenden Existenz zur freien, unendlichen Weite des erleuchteten Bewusstseins. Wenige moderne Lehrer können mit solcher Berechtigung den Titel des Gurus in Anspruch nehmen wie Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche, der in einer langen und berühmten Tradition Buddhistischer Meister steht. In diesem kürzlich mit dem spirituellen Lehrer und Herausgeber von WIE Andrew Cohen entstandenen Interview, spricht Dzongsar Rinpoche ganz offen über die Anforderungen seiner Rolle als Guru. Er erläutert, warum es die größte Herausforderung ist, im Osten wie auch im Westen, den Mut aufzubringen sich vollständig von der öffentlichen Meinung zu lösen und "echte Gleichgültigkeit" zu gewinnen.
ANDREW COHEN: Sie schaffen im wahrsten Sinne des Wortes den Spagat zwischen
zwei Welten; Sie wurden als Tulku geboren und auf traditionelle
buddhistische Weise in Ihrer eigenen Kultur erzogen und ausgebildet, aber
Sie haben auch viel Zeit im Westen verbracht, wo Sie zu einem bekannten
Filmemacher wurden. Anscheinend stehen Sie daher mit einem Bein in der
prämodernen und dem anderen in der postmodernen Welt. Sie sind ein
unabhängiger Denker und erkämpfen sich Ihren eigenen Weg als einer der
Pioniere in dieser sehr interessanten Zeit des Übergangs und der
Entwicklung des Dharma der "East-meets-West"-Spiritualität. Daher möchte
ich gerne mit Ihnen darüber sprechen, was es bedeutet, zu diesem
historischen Zeitpunkt ein Guru zu sein. DZONGSAR RINPOCHE: Der Guru ist deshalb am wirksamsten, weil er jemand ist, den man als dem Menschen übergeordnet betrachten sollte. Gleichzeitig ist er aber auch jemand, auf den man sich beziehen kann. Ein Guru ist jemand, der Pizza isst, der dieselbe Pizza mag wie man selbst. Und das ist sehr wichtig, denn zur gleichen Zeit, wo man sich mit ihm identifizieren kann, ist er auch derjenige, den man bewusst oder unbewusst zur eigenen Vernichtung angeheuert hat! COHEN: Würden Sie das näher erläutern? DZONGSAR: Man gibt alles auf und heuert ihn an, das Ego zu zerstören. Und man zahlt ihm dafür mit Körper, Sprache und Verstand. COHEN: Wenn Sie von der "Zerstörung des Ego" sprechen, dann ist das keine Kleinigkeit. DZONGSAR: Stimmt.
COHEN: Und wie schon erwähnt, ist die Zerstörung des Ego anscheinend ein
fremdartiges Konzept in der postmodernen westlichen Kultur, die eine
religionslose, säkulare Gesellschaft ist. Es scheint sogar, dass das Ego,
das Empfinden des Getrenntseins, als Ergebnis der gesellschaftlichen
Umwälzungen seit den 60er Jahren noch viel mächtiger geworden ist. Damals
wurden die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit für den Einzelnen
betont. Und das Ergebnis ist, dass es entgegen früheren Zeiten keinen Gott
mehr über uns gibt, den man fürchten muss und der in der Vergangenheit
vielleicht Demut hervorgerufen hätte, ein klein wenig gesunde Angst vor
etwas Höherem als wir selbst. DZONGSAR: Das ist schwierig. Deshalb ist es sehr wichtig, das Ego zu definieren, insbesondere in einer Kultur, der dieser Hintergrund fehlt. Und ich glaube, die klassische Methode, das Ego zu definieren, ist letztendlich die einzige Lösung: Unwissenheit – was dasselbe ist wie Ego – bedeutet, dass man zwei oder mehr als zwei, sich ständig wandelnde vergängliche Objekte betrachtet und dennoch glaubt sie seien eins; man glaubt sie seien unabhängig und unvergänglich. Das ist Unwissenheit und das ist Ego. Wenn ich beispielsweise meine Hand betrachte, mache ich drei Fehler. Erstens: ich glaube, die Hand sei die gleiche, die ich am Morgen noch hatte. Aber das ist nicht wahr; sie hat sich verändert. Und zweitens: Ich glaube, dass es so etwas gibt, was man "Hand" nennt, während dem tatsächlich aber nicht so ist, denn sie ist ein Teil von vielen Dingen – meinen Venen, meiner Haut, meinem Blut, Teil von allen möglichen Dingen. COHEN: Der Punkt ist also, dass es keine unabhängige Existenz gibt. DZONGSAR: Richtig. Und ich mache noch einen weiteren Fehler, indem ich nicht erkenne, dass die Existenz meiner Hand tatsächlich von vielen Dingen abhängt. Zum Beispiel ist die Tatsache, dass die Decke nicht auf meine Hand gefallen ist, der Grund dafür, dass sie sich bewegt, dass sie da ist. Aber so denke ich nicht darüber nach. Ich glaube, meine Hand ist da, weil sie da ist. COHEN: Sie sprechen von dem, was man "abhängige Schöpfung" nennt, der Sichtweise, dass jede Existenz von allem anderen Existierenden abhängig ist, welches wiederum von allem anderen Existierenden abhängig ist. Dadurch erkennt man, dass das eigene Selbst ein Teil dieses unendlich abhängigen Prozesses ist, worin niemand isoliert oder vom Ganzen getrennt ist. DZONGSAR: Ja, und all diese Informationen müssen an den, der das Opfer des Gurus sein will, vermittelt werden. COHEN: Im Film sprechen Sie auch darüber, dass der Guru den Stolz der Leute bricht, um sie von Ego-Motivationen und Bindung zu läutern. DZONGSAR: Ja, denn Stolz bedeutet, etwas anzunehmen, das man eigentlich nicht ist. Wenn ich Sie zum Beispiel frage: "Sind Sie ein Mann?" Dann wäre Ihre Antwort "ja". Das ist Vertrauen, nicht Stolz. Wenn ich Sie aber frage: "Sind Sie ein Supermann?" und Sie dann mit "Ja" antworten, dann könnte das Stolz sein, denn "super" ist eine Eigenschaft und das wird einem nicht einfach zugeschrieben. Stolz, Ego und Unwissenheit sind alle gleich.
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