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1 | 2 COHEN: Sie haben auch gesagt, dass ein Lehrer, "der Ihren Stolz bricht und dieses weltliche Leben völlig unerträglich macht, das ist, was Sie wollen. Er ist der Attentäter, er ist der Mann oder die Frau mit dem von Ihnen erteilten Auftrag, sie vollkommen auseinander zu nehmen." DZONGSAR: Vielleicht erkennt man nicht, dass man das tut, aber das ist die Idee dabei – alles auseinander zu nehmen: die Identität, alles. Und es ist nicht so als ob man nur eine tiefe Angewohnheit zerstört. Es verändert sich. Nehmen wir einmal an, dass ich heute gerne gestreichelt werden will. Dann sollte ein Lehrer mich nicht streicheln. Oder vielleicht möchte ich heute lieber geschlagen werden. Dann sollte ich vielleicht eher gestreichelt werden. Daher geht es hierbei nicht um Misshandlung, es geht über Misshandlung hinaus. Wenn jemand Sie beißt oder schlägt oder Ihnen Handschellen anlegt, das ist eine Art von Misshandlung, nicht wahr? Aber ich spreche über die ultimative Misshandlung. Gleichzeitig ist es so, dass das Phänomen der Misshandlung nur dann noch existiert, wenn man vergängliche Phänomene immer noch als unvergänglich und real betrachtet. Wenn man das nicht mehr macht, dann gibt es nichts, was missbraucht werden könnte. Aber das ist schwierig, wirklich schwierig. COHEN: In dem Fall wäre die Arbeit des Lehrers getan. DZONGSAR: Ja, natürlich. Aber wir sprechen hier über eine Art von Schüler, die es nicht gibt. Und diese Art von Lehrer gibt es auch nicht. Lehrer haben diesen Mut nicht. Ich habe ihn nicht. Ich bin vielleicht ein Lehrer, aber einen solchen Mut bringe ich nicht auf, denn ich lege Wert auf meinen guten Ruf. Wer möchte schon als Schänder bekannt sein? Ich nicht. Ich bin ein Schmeichler. Ich versuche, mit dem einherzugehen, was die Leute glauben. Wenn die Leute meinen, dass ein Lehrer seinen Kopf rasieren, rotbraune Kleidung tragen, behutsam schreiten, nur vegetarisch essen und heitere Gelassenheit ausstrahlen sollte, dann bin ich sehr in Versuchung, das zu tun. Rajneesh hatte den Schneid, 93 Rolls-Royce zu besitzen. Ich nenne das Schneid. Ein einziger Rolls-Royce ist schon ein Ding. Von mir aus auch zwei oder drei – aber 93, das nenne ich Schneid! Und ich habe diesen Schneid, dieses Vertrauen nicht. Ich mag Rajneesh sehr. Ich mag ihn mehr als Krishnamurti. Vieles, was er gesagt hat, ist sehr gut und ich kann verstehen, dass die Leute im Westen ihn mochten. COHEN: Das Problem bei Krishnamurti war vielleicht, dass er vorgab, kein Guru oder Meister zu sein, obwohl er das ganz offensichtlich war. Ich denke, das hat es den Leuten sehr schwer gemacht. DZONGSAR: Ja, das war ein Widerspruch. COHEN: Sagen Sie also, dass Sie sich mit Ihren Schülern zurückhalten? DZONGSAR: Ja, immer. COHEN: Gleichzeitig sprechen Sie aber in Ihrem Film darüber, dass Sie ein Attentäter sind – dass das Ihr Job ist. DZONGSAR: Ja, wenn ich der Lehrer eines Schülers bin, dann ist das in diesem Zusammenhang mein Job. Aber ich verspreche nicht, dass ich es tun kann. Sie müssen verstehen, dass ich die acht weltlichen Dharmas sehr liebe. Ich bin wie ein Geheimpolizist, der in einer Mafia-Familie verdeckt ermittelt. Mein Auftrag ist, wirklich herauszufinden, was diese Leute vorhaben, aber ich verliebe mich in das, was sie tun und folge daher dem, was sie wollen. Es ist schwierig. Und das kommt von der Bindung an die acht weltlichen Dharmas – Abhängigkeit von Lob und Furcht vor Kritik. COHEN: Aber einige der größten tibetanischen Gurus stehen im Ruf, besonders hart gewesen zu sein, wie Marpa zum Beispiel. Er war der Härteste. DZONGSAR: Oh ja, natürlich. Die konnten das tun, denn sie folgten keinem Programm. Ihr einziges Ziel war, Erleuchtung zu bringen. Es kümmerte sie nicht, was die Leute sagten, was andere Leute meinten – ich nenne das CCL: couldn’t-care-less-ness. [dt. etwa: völliges Mir-Schnuppesein] Darin liegt die größte Kraft. Aber wer hat die schon heutzutage? Niemand. COHEN: Eine der interessantesten Sachen, die der Film über Sie enthüllt, ist die Nebeneinanderstellung der Rollen, die Sie einnehmen. Im Westen arbeiten Sie als Guru mit abendländischen Schülern, die – zumindest theoretisch – zu Ihnen kommen, weil sie Erleuchtung wollen und gleichzeitig dem postmodernen Kontext entstammen mit seinem tief sitzenden Misstrauen gegenüber jeder Autorität. Während in Bhutan Tausende und Abertausende von Bhutanern keinen Zweifel daran haben, dass Sie ein lebender Gott sind. DZONGSAR: Ich denke, dass ich auf beiden Kontinenten die Kunst der Verstellung gemeistert habe. Wenn ich nach Bhutan gehe, weiß ich, was ich für diese Leute tun muss, was dort am harmonischsten ist. Wenn ich nämlich in Bhutan oder Tibet so sprechen würde wie hier im Westen, dann würde ich ziemlich viel Ärger kriegen. Sehen Sie, das habe ich vorhin gemeint. Ich mache das, weil ich keine Schüler verlieren will; ich will nicht kritisiert werden. Natürlich kann ich meine Handlungen rechtfertigen, indem ich behaupte: "Oh, das kommt aus einer guten Absicht, weil ich nämlich den spirituellen Weg von Hunderten von Leuten nicht gefährden will." COHEN: Im Film beschreiben Sie, wie ausgesprochen schwierig es für Sie ist, eine authentische Beziehung mit der Mehrzahl Ihrer bhutanischen Schüler zu haben, weil diese Ihnen solche Bewunderung entgegenbringen. Bei Ihren westlichen Schülern hingegen gibt es eine fundamentale Ego-Haltung, die da heißt: "Mir ist niemand übergeordnet." Und das birgt auch seine Schwierigkeiten. Denn wenn ein authentischer Guru in der Lage sein soll, einem Schüler beim Erreichen von Erleuchtung behilflich zu sein, muss von Anfang an die Akzeptanz da sein, dass der Guru etwas erkannt hat, was der Schüler noch nicht erkennt. Und der Guru übt natürlich ungeheuren Druck auf das Ego und die Identifikation des Schülers mit dem Ego aus. In Words of My Perfect Teacher zeigt Lesley Ann Patten sehr gut, wie viele Ihrer Schüler aus dem Westen genau mit diesen Themen gekämpft haben – mit dem Konzept von Hierarchie und Autorität und sogar mit ihrem eigenen Zweifel an der Möglichkeit der Erleuchtung. DZONGSAR: Ja, genau. Aber beide Kulturen haben eine Gemeinsamkeit – das Problem heißt: Erwartung. In den östlichen Kulturen, wie Bhutan eine ist, gibt es vielleicht so etwas wie blinde Ergebenheit, aber alle hegen Erwartungen. Im Westen sind die Leute vielleicht skeptisch und weltlich, aber sie haben auch Erwartungen. Und obwohl diese Erwartung auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommt, ist sie grundsätzlich gleicher Natur: Jeder will glücklich sein. Und an dem Punkt geht die Sache schief. Buddhist zu sein und das Dharma zu praktizieren haben nichts mit Glücklichsein zu tun. Wenn man das Dharma praktiziert, um glücklich zu sein, dann ist es als würde man das genaue Gegenteil tun, einfach das Gegenteil. Erleuchtung hat nichts mit Glück oder Unglück zu tun. Und beide Kulturen kommen zu mir, um glücklich zu sein. Das ist die wirkliche Quelle aller Missverständnisse. COHEN: Ja. Das Ziel ist, frei zu sein von Glück und Unglück gleichermaßen. DZONGSAR: Ja. Und ich muss die Leute lehren, was sie erwarten können. Aber das ist wirklich schwierig. COHEN: Der Umstand, dass Sie in diesen beiden Kulturen wirken, macht es zu einer Herausforderung für Sie, einfach und authentisch Sie selbst zu sein. Denn einerseits müssen Sie in Bhutan eine bestimmte Rolle annehmen, die Sie auch akzeptiert haben – das ist Ihr Dharma, Ihre Bestimmung. Aber mit diesem prämodernen Kontext gehen Einschränkungen einher. Und im Westen gibt es ebenfalls Einschränkung wegen des postmodernen, weltlichen Kontexts. Daher muss Ihre Kapazität, einfach völlig spontan Sie selbst zu sein, in beiden Fällen eingeschränkt sein. Würden Sie darüber kurz sprechen?
DZONGSAR: Das ist eine sehr gute Frage. All das läuft im Grunde darauf
hinaus, dass ich den Mut entwickeln muss, den Mut mir die CCL-Eigenschaft –
"couldn’t-care-less-ness" – anzueignen. Morgens kann ich mit ein bisschen
guten Willen zu lehren beginnen. Dafür werde ich wohl ein paar Bonuspunkte
sammeln, da bin ich sicher. Wenigstens laufe ich nicht herum und erzähle
den Leuten, dass sie sich selbst in die Luft jagen oder Ungläubige
umbringen sollen. Und ich lehre auch nur, wenn ich in einer spirituellen
Stimmung bin. Meine jetztige Aufgabe, meine Pflicht im Moment ist es aber,
zuallererst meine "couldn’t-care-less-ness" zu entwickeln. Unterm Strich
geht es darum, dass ich das lernen muss; das muss ich erreichen. Sogar wenn
ich dann schlechte Publicity im Westen erhalte, kümmert mich das überhaupt
nicht. Wenn ich das einmal erreicht habe, dann bin ich auf einer Ebene
angelangt, wo es echtes Mitgefühl gibt. Bis dahin ist alles irgendwie ein
bisschen trügerisch.
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