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Ich bin ein Tantra-Meister


Ein Interview mit Barry Long
von Andrew Cohen
 

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Interview

Andrew Cohen: Vor einiger Zeit habe ich Ihr Buch Stillness is the Way erhalten, und als ich es mit unserem Redaktionsteam laut las, erfuhr ich tatsächlich eine Übertragung, und dann, im selben Augenblick, hatte ich das Gefühl, daß ich verstand, was Sie den Menschen mitzuteilen versuchten. Ich begann auf eine Weise zu verstehen, die mich tatsächlich sehr berührte. Ich glaube, was Sie darin beschreiben, ist eine moderne Perspektive von Tantra. Ich würde Ihnen gerne erzählen, was ich glaube verstanden zu haben, und da ich sicherlich nicht alles verstanden habe, bitte ich Sie, mich im Laufe unseres Gesprächs zu korrigieren. Ich glaube, Ihr Hauptpunkt ist, daß die innere Erfahrung der Offenbarung, des Einsseins, nichts bedeutet, wenn sie nicht in die Welt hinausgetragen wird, in diese sehr reale, wirkliche, materielle Welt. .

Barry Long: Ja, das stimmt.

AC: Und daß der einzige oder bedeutendste Weg, diese Offenbarung in die Welt zu bringen, der der vollendeten Vereinigung von Mann und Frau ist.

BL: Ja.

AC: Und dadurch, daß Mann und Frau in romantischer oder sexueller Vereinigung zusammenkommen, machen beide die Erfahrung dieses vollkommenen Nicht-Getrenntseins, der vollendeten Einheit.

BL: Ja.

AC: Und darin, könnte man sagen, erfahren beide die verkörperte Erfüllung der inneren spirituellen Offenbarung.

BL: Nun, ja, obwohl das dazu führen könnte, daß die Menschen eventuell zuviel für sich selbst erwarten - denn für sie selbst gibt es darin nichts. Der Frau allerdings bringt diese Erfahrung höchste und vollständige Liebe zum Mann, und wenn eine Frau einen Mann zutiefst und absolut liebt - natürlich einen Mann, der auch sie liebt, sieht sie Gott in ihm. Und mehr kann die Frau nicht tun, und mehr braucht sie auch nicht zu tun. Denn wenn sie in ihrem Mann Gott sieht und vollkommen geliebt wird, dann ist sie im Zustand der Frau.

Sehen Sie, die Frau hat keine Erleuchtung; das glaubt sie nur. Die Frau ist bereits erleuchtet, wenn sie sich in einem solchen Zustand der Liebe befindet; wenn ich zum Beispiel sterben würde, würde Sara hier nicht leiden, denn ich bin bereits in ihr, und sie weiß, was ich bin. Und so ist sie davor geschützt, weiter unter dem Mann zu leiden, denn sie hat Gott im Mann erkannt oder gesehen, und sie hat dieses Bewußtsein, das einfach Frau ist - und das könnte man als reine Liebe bezeichnen. Es gibt kein großes blendendes Bewußtsein. Das ist nur ein rhetorischer Trick spiritueller Kommentatoren. Ich erlebe jetzt keinerlei blendendes Licht. Ich meine damit, daß ich das, was wir Verwirklichung und großartige Einsichten nennen, hatte, als ich unwissend war, denn Einsichten kommen in der Dunkelheit; und so sieht man dann hübsche Lichter. Wenn die Unwissenheit aber schließlich verschwindet, bleibt nur mehr ein konstanter Zustand zurück, was auch immer es ist. Es gibt dann weder Licht noch Dunkelheit, was hat man dann?

Hier also wird oder ist Frau - eine Frau - die Liebe Gottes. Das ist es, was sie tut. Nun, in diesem Zustand kann sie nichts wissen, und das ist das Besondere. Denn in der göttlichen Liebe, der wahren Liebe, in der Vereinigung mit Gott, weiß man nichts. Ist es nicht so, Andrew?

AC: Ja, das ist absolut wahr.

BL: Und sie wird in diesen Zustand gebracht, weil das Wesen der Frau höchste und absolute Liebe ist. Sie ist Gott, manifestiert in weiblicher Gestalt. Und wenn sie dahin durch die Liebe eines Mannes gelangen kann, der Gott in männlicher Gestalt ist, dann macht Gott Liebe mit Gott in den beiden Formen, die Gott geschaffen hat, damit Gott Liebe erfahren kann, denn wenn es keine zwei Formen gibt, gibt es keine Unterscheidung. Gäbe es nur eine einzige Form, gäbe es keine Unterscheidung und daher in dieser Existenz auch keine Möglichkeit der Verwirklichung.

AC: : Keine Selbst-Erkenntnis.

BL: Ja, genau.

AC: Nun, aus dem Abschnitt, den ich gelesen habe, habe ich verstanden, daß in dieser Praxis der körperlichen Liebe, oder wenn ein Mann eine Frau oder eine Frau einen Mann liebt, die absolute Notwendigkeit besteht, daß das Ego sich ganz ergibt wegen der Forderung an den Mann, die Frau absolut, total und vollständig zu lieben, und an die Frau, den Mann bedingungslos und absolut anzunehmen.

BL: Ja.

AC: Und ich habe verstanden, daß, wenn der Mann die Frau wirklich annimmt und die Frau den Mann wirklich annimmt - damit diese letztendliche Vereinigung auch tatsächlich stattfinden kann - das Ego dann völlig zurücktreten muß. Und gerade das macht diese spezielle Praxis so stark. Damit es funktionieren kann, muß absolute Hingabe stattfinden; sonst könnte die darin liegende Erfüllung niemals verwirklicht werden.

BL: Ja, denn sonst gäbe es einfach nur das, was wir menschliche Liebe nennen, die Liebe zwischen allen Paaren auf Erden. Und deshalb bedarf es einer Vorbereitung, die ebenfalls in meiner Lehre enthalten ist. Wie komme ich dahin? Wie geht das? Nun, erst einmal muß man aufrichtig sein, ansonsten ist es eine unaufrichtige Liebe und eine unaufrichtige Verbindung. Und aus diesem Grund, um der Ehrlichkeit willen, darf die Frau ihrem Mann nichts durchgehen lassen. Sie kann nicht sagen: "Nun, ich möchte dir nicht sagen, was du zu tun oder zu lassen hast", oder etwas Ähnliches, auch wenn die Versuchung dazu da wäre. Sie muß sagen: "Moment, ich will dir zwar nichts sagen, aber als wir diese Beziehung begannen, waren wir uns darin einig, daß wir Gott und der Wahrheit gegenüber ehrlich sein wollten. Und was ist schon Gutes an einer Beziehung, wenn es nicht darum geht?" Da sie darin übereingekommen waren, muß sie zum Beispiel sagen: "Du hast gerade mit mir in einer Art gesprochen, die versucht, die Frau zu demütigen. Das ist dir vielleicht nicht bewußt, aber es ist so. Ich werde dir jetzt sagen, was du gesagt hast. Du hast mich gedemütigt" - denn das ist im Grunde die Natur des Mannes, die Frau zu demütigen - "Du hast versucht, mich zu unterminieren. Stimmt das oder nicht?" Und der Mann, wenn er bereits gesagt hat: "Ich möchte ehrlich zu dir sein", wird darüber nachdenken, was er gesagt hat, und wird dann antworten: "Ja, ich verstehe dich. Ich habe gelacht, als ich sagte 'Du machst oft Fehler, oder?' Das war's doch, ich habe gelacht, nicht wahr?" Das ist also eine Form, die Frau unter dem Deckmantel einer witzigen Bemerkung zu demütigen. Und sie muß dem Ganzen ein Ende machen, denn so handeln Männer. Ihm ist jedes Mittel recht, um sie zu unterminieren. Das ist nur ein Beispiel dafür, auf welche Weise die Frau auf den Mann achtgeben muß.

Und dann geht das natürlich beim Sex weiter, wenn er erregt ist. Dann muß sie sagen: "Ich brauche keinen erregten Mann in meinem Körper, denn so überträgst du deine Erregung auf meinen Körper. Und dann passiert mit mir genau das, was ich früher erlebte, als ich eine ganz normale Frau war und sexuell erregte Männer hatte - ich wurde hinuntergezogen; immer wieder hatte ich Zweifel an mir und war deprimiert. Ich hatte nicht das geringste Selbstbewußtsein und bin so von meinem Weg abgekommen. Und ich weiß, das geschah deshalb, weil sexuell erregte Männer mit sexuellen Wünschen - ‚Sexmänner' - in mir waren. Und jetzt habe ich keinen Sexmann in mir. Ich habe einen Mann, der nicht erregt ist, der mich einfach lieben möchte, und zwar mit seinem Körper und nicht mit seinem Verstand." Denn der Verstand hat nie im Leben geliebt und wird es nie tun. Er hat nur Sex gehabt.

AC: Wenn Sie also "Liebesakt" sagen, meinen Sie damit, auf ein aggressives Streben nach einem Erlebnis zu verzichten, bei dem der andere benutzt wird - in diesem Fall die Frau vom Mann - und dies nur, um sich eine Art sinnlicher Erfahrung zu verschaffen.

BL: Das ist doch absolut egoistisch, oder nicht? Es ist nicht ehrlich, nicht ehrlich zu Gott, zu nichts und niemandem ehrlich. Mit Sicherheit ist es der Frau gegenüber nicht ehrlich. Nun, wenn es nach mir geht, ist es damit vorbei. Und wie man das macht, versuche ich, so gut ich kann, deutlich zu machen.

AC: Stimmt es, daß, wenn man körperliche Liebe als spirituellen Weg sieht, die Persönlichkeit - zum Beispiel die persönliche Identität des Mannes - transzendiert werden muß, um voll und ganz begreifen zu können, was es wirklich heißt, Mann zu sein?

BL: Ja.

AC: Und dasselbe gilt für die Frau? Unter persönlicher Identität verstehe ich eine neurotische Fixierung auf sich selbst und alles, was damit zusammenhängt. Müßte das alles transzendiert werden, um tatsächlich erfassen zu können, was es heißt, Frau zu sein? Daß der Mann sich also erlauben könnte zu erfahren, wer er tatsächlich ist, wenn keine neurotische Fixierung auf sich selbst vorhanden ist, und die Frau erfahren könnte, wer sie wirklich ist, und daß jeder von beiden die Erfahrung des letztendlichen unpersönlichen Selbst machen würde?

BL: Nun, ich verwende nicht das Wort "Selbst", ich verwende "Sein".

AC: So würde in diesem unpersönlichen Sein also das lebendige bewußte Wissen darüber liegen, wer sie waren, bevor überhaupt je ein Gedanke daran vorhanden war, eine getrennte Person zu sein?

BL: Ganz so würde ich es nicht sagen. Ich würde sagen, daß sie vollständig und absolut in der Erkenntnis von Liebe sind. Und die Erkenntnis von Liebe ist die Erkenntnis von Nichts. Es gibt also keine Erfahrung von sich selbst. Es ist überhaupt nicht zu beschreiben außer mit den Worten: "Das ist Schönheit. Das ist schön. Ich liebe dich. Du bist wunderbar." Mehr ist einfach nicht zu sagen..

AC: Würde darin eine Erfahrung von Fülle liegen?

BL: Ja, aber keine Fülle, die man erlangen kann. Es ist eine Fülle des Seins, und man wird verstehen und erkennen, daß die Fülle des Seins nichts ist, worüber man sprechen könnte. Das ist es: nichts, worüber man sprechen könnte. Denn die Menschen erschrecken, wenn man sagt: "Gott ist nichts." Deshalb sage ich noch dazu, so gut ich es kann, daß es "nichts ist, worüber man sprechen könnte", denn sie werden erschrecken, wenn sie es selbst begreifen. "Oh Gott", werden sie sagen, "Ich werde nichts sein?"

AC: Auf diesem Weg also, dem Weg der physischen Liebe und Beziehung als spirituellem Weg, ist das, was das Ego so ungeheuer stark unter Druck setzt, die Forderung, alle trennenden und falschen Vorstellungen des Selbst aufzugeben, um Mann oder Frau sein zu können. Ist das so?

BL: Ja.

AC: Das ist sehr stark - und sehr schön. Und wie ich bereits sagte, ich habe das Gefühl, ich habe gerade erst begonnen, zum ersten Mal zu verstehen, wie und warum es eine echte Praxis der Befreiung sein könnte und wie es tatsächlich funktionieren könnte.

BL: Nun ja, es funktioniert, denn ich lebe es. Und sehen Sie, was ich gelebt habe, versetzt mich in die Lage zu lehren. Hätte ich es nicht gelebt, wäre ich nur ein Kommentator.

AC: Natürlich.

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WIE Ausgabe 2:
Unsere Ausgabe zum Thema Sex & Spiritualität?


Interviews mit: Miranda Shaw, Margot Anand, Barry Long, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, Pater Thomas Keating, Bhante Henepola Gunaratana, Swami Chidananda




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