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BL: Die biologische Notwendigkeit ist in jedem, Andrew, und zwar in erster Instanz zur Erhaltung der Rasse. Und verkörpertes Sein neu zu erschaffen ist effektiv etwas Schreckliches. Es ist Unwissenheit, die großes Leid entstehen läßt, denn jeder, der geboren ist, muß Unglück erleben, während jeder, der tot ist oder in traumlosem Tiefschlaf, nichts davon verspürt - nichts. Und das ist wunderbar. Sehen Sie, wir sind Tiere, vergessen aber, daß wir Tiere sind. Wir sind aber auch das, was wir "Geist" nennen, und dieser Geist ist in dieses Tier eingetreten und ist nun mit seinem Fleisch verstrickt, verstrickt in unsere animalischen Neigungen. So als würde man Selbstbewußtsein in ein Tier bringen wollen, in eine Kuh zum Beispiel - man hätte dann plötzlich einen Verstand, der sich dauernd mit allen möglichen sexuellen Gedanken beschäftigen würde. Aber Tiere haben keinen Verstand, sie haben nur ihre Instinkte, und deshalb haben sie keine sexuellen Gedanken - Gott sei Dank! Wenn man aber Selbstbewußtsein in ein menschliches Tier legt, dann kommt es genau zu den Schwierigkeiten, von denen wir sprechen. Deshalb müssen wir das Animalische vom Geist trennen, denn die animalischen Instinkte sind das, was wir das Ego, das kleine Selbst nennen. Und das geschieht durch spirituelles Leben, indem ich mich aufgebe, oder nicht? - indem ich meine Selbstbeschäftigung aufgebe, meine Ablenkungen, und indem ich mich der Wahrheit dessen stelle, was ich am meisten liebe. Denn das, was ich am meisten liebe, ist immer Gott, und Gott ist Liebe, und Gott ist Wahrheit, und Gott ist das Unbekannte - das liebt jeder Mann und jede Frau am meisten, aber es ist von Lehrern, Worten und Meinungen verdeckt worden, anstatt daß man einfach zur Sache kommt. Wenn man Gott außerhalb der Existenz verwirklichen möchte - das heißt nur in uns selbst, nur in unserem Körper - dann muß man sicherlich durch Entsagung, Selbstverleugnung und Selbstauflösung gehen. Man selbst unterbricht die natürliche Verwirklichung Gottes, der die große Wahrheit außerhalb der Existenz ist. Aber niemand scheint sich darüber Gedanken zu machen oder sich darum zu kümmern, wie man Gott im manifesten Sein verwirklicht. Und ich sage, eine Frau zu lieben, heißt Gott innerhalb der Existenz zu verwirklichen, denn das ist Gott. Es ist sehr einfach. AC: Sie sagen, daß, abgesehen vom biologischen Trieb, der Hauptgrund dafür, daß Männer Frauen lieben, darin besteht - BL: Daß die Frau Gott ist. AC: Aber ist die Frau Gott? Oder nimmt der Mann die Frau als Gott wahr, weil er sich selbst weiterhin grundlegend als Mann wahrnimmt? BL: Das stimmt. Aber das ist so, weil sie in Wahrheit das ist, was ihm fehlt. Er erkennt: "Hier ist die Liebe, die mir fehlt." AC: Verstehen Sie unter "fehlender Liebe", daß der Mann, solange er in der Welt oder in der Existenz nicht mit der Frau vereint ist, sich immer noch als halb oder unvollständig erlebt? BL: Ja, er wäre nicht ganz; trotz all seiner Gottverwirklichungen außerhalb der Existenz ist er nicht vollständig. Denn es geht nur darum, Gott von außerhalb der Existenz in die Existenz zu bringen. Dann hat man das vollständige Ganze. AC: Und das ist, nach Ihrer Lehre, die Erfüllung der Gottverwirklichung. BL: Ja. AC: Das ist gewaltig. Und wie ich Ihnen anfangs schon sagte, als wir uns hinsetzten, um Ihr Buch zu lesen, befand ich mich in einem Zustand großer Offenheit, und als wir mit der Lektüre begannen, ging es direkt in mich hinein. Plötzlich begriff ich es, und ich sagte zu allen: "Ich glaube, ich verstehe es wirklich." Und als ich dann zu erklären begann, was ich verstanden hatte, wurden auch andere in diese Erfahrung hineingezogen und begannen es ebenfalls zu verstehen. BL: Sie haben es ganz sicher verstanden, denn Ihre Fragen zeigen, daß Sie ganz da sind. Und dann ist es wie mit jeder Lehre, man braucht sie nur zu leben, wie Sie wissen. Aber man muß sich auch bewußt sein, daß das schwierig und mühsam ist, es zuerst einmal überhaupt zu erfassen und dann auch wirklich zu leben. AC: Ihrer Ansicht nach, Barry, wäre ein Mann oder eine Frau, die Gott verwirklicht haben und die nicht die Liebe zu einem Mann oder zu einer Frau in dieser Welt praktizieren würden - BL: Unvollständig? AC: Ja, unvollständig, oder sie vernachlässigen irgendwie ihre Pflicht, ihre Verwirklichung in der Existenz zu erfüllen. Glauben Sie das? BL: Nun, ich nehme an, daß das in unserem Gespräch sehr deutlich geworden ist. Ich habe es nicht erfunden. AC: Was, meinen Sie, wäre dann der Grund, wenn ein verwirklichter Mann oder eine verwirklichte Frau das nicht tun würden? Denn ganz sicher haben es viele verwirklichte Männer und Frauen nicht getan. BL: Wir müssen bedenken, daß jeder Mensch mit Gottverwirklichung sagen könnte: "Es hat keine Bedeutung - dieses körperliche Dasein hat keine Bedeutung." Oder er könnte sagen, daß es schon eine Bedeutung hat, aber letztendlich doch nicht wichtig ist. Aber wir sind Materie, und deshalb ist diese Existenz sicher immer von Bedeutung. Ein Mensch, der Gott verwirklicht hat, könnte jedoch sagen: "Schau, es hat keine Bedeutung. Ich habe Gott verwirklicht. Das verkörperte Sein ist vergänglich, und hier findet es sein Ende." Das wäre ganz OK, aber ich bin in der Welt, ich bin im verkörperten Sein, und durch meine Unterscheidungskraft, die Unterscheidungskraft, die jeder spirituelle Mensch besitzt, sehe ich, daß das meiste Leid im Leben zwischen Mann und Frau stattfindet. Und wie jeder spirituelle Mensch möchte ich die Unwissenheit der Menschen, die die Ursache ihres Leidens ist, beseitigen. Ich spreche über das, was ich sehe. Ansonsten ist es egal; vom Unsterblichen und vom Ewigen her gesehen ist es wirklich nicht wichtig. Aber es sieht ganz so aus, als wäre ich aus einem bestimmten Grund hier - jeder von uns -, und wir kennen den Wert von Harmonie, Güte und Richtigkeit, und das ist Gott. Ich nehme also an, daß wir uns alle darum bemühen werden, das zu finden. Für mich ist es also ziemlich selbstverständlich, daß das der richtige Weg für uns ist, auch wenn wir hier nicht allzuviel darüber wissen. AC: Trotzdem, in einigen westlichen Traditionen und in vielen östlichen Traditionen wurde stets größter Wert auf den absoluten Verzicht und/oder das Transzendieren der sexuellen Funktion gelegt, als Mittel oder Vehikel, um sich bei der Suche nach Gottverwirklichung absolut zu konzentrieren und auf das Ziel auszurichten. BL: Das mag so sein. Und man kann Gott außerhalb der Existenz verwirklichen. Aber was macht man dann in der Existenz? Sobald man Gott außerhalb der Existenz verwirklicht hat und ganz rein und heilig ist, was macht man dann mit dem ganzen Leid, das einen umgibt? AC: Aber katholische Priester sagen zum Beispiel manchmal, daß durch ihr Enthaltsamkeitsgelübde sie offen dafür sind, alle Wesen gleichermaßen zu lieben und niemanden auf besondere Weise zu lieben; ihre Keuschheit gestattet es ihnen, vollkommen empfänglich zu sein, sich selbst gänzlich dafür einzusetzen, das Leiden aller Kinder Gottes zu beseitigen. BL: Nun, das sind Priester, und ich spreche nur mit Meistern. Ich höre nur auf den einen Meister - den Ursprünglichen. Sonst hat man Priester, die Dinge erfinden, spirituelle Kommentatoren. Wissen Sie, sie schreiben Bücher, halten Vorträge, sie machen alles mögliche, aber kein Wort von dem, was sie sagen, kann man glauben, weil sie nicht von Gottverwirklichung inspiriert sind, und das hört man heraus. AC: Ich erinnere mich, in Ihrer Lehre etwas von Ritterlichkeit gehört zu haben. Was sind Ihre Gedanken dazu, was es wirklich heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein? Was sehen Sie zum Beispiel als die richtige Verhaltensweise von Männern gegenüber Frauen an? BL: Ein korrektes Verhalten ist, soweit wie möglich in ihrer Gegenwart nicht zu fluchen, denn das ist eine Verunglimpfung dessen, was zwischen ihnen ist, und das sollte nicht passieren. Natürlich wird es in unserer modernen Gesellschaft vorkommen, daß es zu fluchähnlichen Äußerungen kommt, aber im allgemeinen ist es eine ganz einfache Sache, im Zusammensein miteinander nicht zu fluchen. Wir sahen vorgestern abend ein Video über einen Mann und eine Frau, die sich wirklich liebten, aber jedes zweite Wort, das sie sagte, war: "Verdammte Scheiße, was ist los?" Das hören unsere Kinder, wissen Sie, die einmal die Menschen lieben sollen, und man kann Menschen nicht lieben, wenn man gewöhnt ist, solche Dinge zu sagen, weil das ein Fluch ist. Ein Gewaltakt steht dann zwischen uns, und so etwas erfüllt mein animalisches, gewalttätiges Ego als Mensch mit Leben, wenn ich das tue. Das ist also etwas, das wir nicht tun dürfen. Ich muß mich bemühen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um dir dabei zu helfen, nicht nur zivilisiert, sondern liebevoll zu sprechen, so wie ich mit dir spreche. Da wir miteinander sprechen müssen, können wir genauso gut liebevoll sprechen - und damit meine ich kein Liebesgeflüster. Es ist der Geist Gottes, der sich in Form von Harmonie zwischen uns manifestiert, in unseren Handlungen und in unserem Verhalten. Gott ist Harmonie. Und so geht es auch um Kleinigkeiten wie diese, würde ich sagen. Sehen Sie, wenn zwei Menschen einander wirklich lieben, wenn sie den Liebesakt auf so göttliche Weise vollziehen, wie wir es besprochen haben, dann brauchen sie keine anderen Worte als: "Ich liebe dich. Du bist wunderbar." Sie sagt es ihm. Er sagt es ihr. Sie umarmen einander. Sie küssen sich. Sie halten sich an den Händen. Keine Diskussionen über irgend etwas, was mit spirituellem Leben zu tun hat - nur Sara fragt mich manchmal: "Bist du sicher, daß ich spirituell genug bin? Bist du wirklich sicher, daß ich spirituell genug bin?" Ich selbst habe anscheinend keine Fragen. Nur: "Ich liebe dich." Ich glaube, daß dies - keine Fragen zu haben - für jeden am schwierigsten zu verstehen ist, einfach leer zu sein, wo nichts hochkommt, einfach in der Lage zu sein, jeden Moment in einem Zustand von - nicht einmal in einem Zustand von Liebe zu sein, denn Liebe ist kein Gefühl; Liebe ist ein Moment - in einem Zustand zu sein, in dem es nichts gibt! Das passiert auch normalen Menschen; sie gelangen in einen Zustand, wo sie nichts wissen, aber sie erschrecken. Aber das ist der heilige Zustand! Normale Menschen sind uninformiert und daher unfähig zu erfassen, daß das richtig ist, daß das der heilige Zustand ist, von dem die Meister sprechen: in dem man nichts weiß. Deshalb werden sie alle unruhig, wenn sie das Gefühl haben, sie hätten den Faden verloren. Die Frau weiß also nichts, wenn sie liebt. Sie ist die Liebende; sie ist Gott in weiblicher Gestalt, reine Liebe, und sie tut, was sie tut, aber sie hat keine forcierende Kraft in sich. Wir Männer haben diesen Ansatz zum körperlichen Nach-Außen-Wirken, und es ist unsere natürliche Neigung weiterzugeben, während es ihre ist, zu empfangen und zu sein. Die Leute sagen, Männer und Frauen seien gleich, ich aber sage, sie sind überhaupt nicht gleich. Gott sei Dank sind sie vollkommen verschieden. Ich weiß, sie ist Gott, und ich liebe sie, weil sie Gott ist; sie liebt mich, weil ich Gott bin, und das ist das Grundlegende. Und ich weiß nicht, ob ich Ihre Fragen beantworten konnte oder nicht. Barry Long wurde 1926 in Sydney, Australien, geboren. Im Alter von einunddreißig Jahren bewog ihn eine intensive spirituelle Sehnsucht dazu, seine Karriere als Journalist aufzugeben und spirituelle Verwirklichung zu suchen. Bald darauf löste seine leidenschaftliche Liebe zu einer Frau eine machtvolle spirituelle Veränderung aus. Dann ging er nach London und begann zu lehren. 1986 kehrte er nach Australien zurück und errichtete die Barry Long Foundation International. Er hat in der ganzen Welt Seminare gehalten und zahlreiche Bücher und Audiolehrkassetten herausgegeben, wie zum Beispiel die Audio-Serien The Origin of Man and Universe, Stillness is the Way, The Myth of Life und die Making Love-Cassetten.
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