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Ich bin ein Tantra-Meister


Ein Interview mit Barry Long
von Andrew Cohen

Einleitung

"Es geht mir gut, und ich würde mich freuen, wenn wir uns im September treffen könnten; lassen Sie es mich bitte kurz vorher noch wissen. Könnten wir das Absolute dort lassen, wo es immer ist, und über die Liebe zwischen Mann und Frau sprechen, die so absolut problematisch zu sein scheint?" Das schrieb mir Barry Long letzten Sommer …

Es sollte mein zweites Treffen mit Barry Long werden, einem spirituellen Lehrer und selbsternannten Tantra-Meister, der mit Sara, "der einzigen Frau, mit der er zur Zeit Liebe macht", an der Nordküste von New South Wales in Australien lebt.

In den vergangenen zehn Jahren hatte ich immer wieder von Barry Long gehört, ihn jedoch zum ersten Mal letztes Jahr in seinem Landhaus nördlich von Byron Bay getroffen, wo ich gelehrt hatte. Unsere erste Begegnung war warm und respektvoll gewesen. Ich hatte um dieses Treffen gebeten, da ich schon seit sehr langer Zeit neugierig darauf gewesen war, diesen rätselhaften Lehrer kennen zu lernen. Wenn sich zwei Lehrer als Ebenbürtige begegnen, geschieht dies immer in einer Atmosphäre erhöhter Aufmerksamkeit, da beide sich gegenseitig prüfen, um festzustellen, ob der andere auch wirklich echt ist. Bei dieser Begegnung gab es keinen einzigen Moment der Unhöflichkeit, nicht einmal einen Hauch von Konkurrenz. Von seiten dieses Mannes, dessen Lehre offensichtlich ganz anders ist als meine, bekam ich nichts anders zu spüren als Respekt und ein zutiefst bewegendes Zartgefühl, das Kennzeichen eines Menschen, dessen Herz unwiderruflich von etwas berührt worden war, das unendlich größer ist als er selbst. Bei unserer ersten Begegnung verbrachten wir den Großteil der Zeit damit, uns gegenseitig kennenzulernen, und sprachen nur ganz allgemein über unsere unterschiedliche Art, an diese überaus heikle Aufgabe heranzugehen: es zu wagen, andere im Geheimnis der Befreiung zu unterweisen. Mir war bekannt, daß in Barrys Lehre die spirituelle Praxis hauptsächlich darin bestand, "auf die richtige Art Liebe zu machen", und daß dies Barrys einzigartiger und sehr origineller Zugang zum traditionellen Weg des "linkshändigen" Tantra war. Damals wußte ich sehr wenig darüber, was er eigentlich tatsächlich in bezug auf Tantra unterrichtete; ich wußte nur, daß er größten Wert darauf legte. Als ich im letzten September, ein Jahr später, aus Australien zurückkam, hatten wir bereits beschlossen, die nächste Ausgabe von Was ist Erleuchtung? gänzlich der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Sexualität und Spiritualität zu widmen, und es war daher ganz klar, daß wir mit dem Mann sprechen mußten, der sich mit voller Überzeugung als den "einzigen westlichen Tantra-Meister" bezeichnet.

Um mein Treffen mit Barry vorzubereiten, saß ich eines Abends mit den Mitgliedern der Redaktion zusammen, um Auszüge aus seinen Büchern zu lesen, die sich mit dem von ihm gelehrten tantrischen Weg beschäftigen. Zu meiner großen Überraschung geschah etwas völlig Unerwartetes. Nur durch "Zuhören" empfing ich eine Übertragung, d. h. ich hatte eine direkte Erkenntnis darüber, was es ist, das Barry den Menschen mitzuteilen versucht, die zu ihm kommen. Für mich persönlich war das ein wichtiges Ereignis, denn zum ersten Mal in meinem Leben war ich in der Lage, verstehen zu können, worum es bei spiritueller Sexualität überhaupt gehen könnte.

Seit meinem Interview mit Barry habe ich mehr und intensiver über seine Lehre, "auf die richtige Art Liebe zu machen" gelesen, und egal, was man letztendlich darüber denken mag, ob spirituelle Sexualität, in welcher Form auch immer, das Potential besitzt, einen Menschen wahrhaft zur Befreiung zu führen, so besteht doch kein Zweifel daran, daß es sich bei der Lehre von Barry Long um einen ernsten spirituellen Weg handelt, der von jedem, der ihm folgen will, Aufrichtigkeit und tiefe Hingabe verlangt. Obwohl Barry für einen Lehrer von Erleuchtung oft unverschämt, stets verwegen und rückhaltlos romantisch ist, strahlt doch sein ruhiges Verweilen in dem absolut Einen immer durch - speziell dann, wenn man sich sicher ist, daß er gerade einen Schritt zu weit gegangen ist.





Interview

Andrew Cohen: Vor einiger Zeit habe ich Ihr Buch Stillness is the Way erhalten, und als ich es mit unserem Redaktionsteam laut las, erfuhr ich tatsächlich eine Übertragung, und dann, im selben Augenblick, hatte ich das Gefühl, daß ich verstand, was Sie den Menschen mitzuteilen versuchten. Ich begann auf eine Weise zu verstehen, die mich tatsächlich sehr berührte. Ich glaube, was Sie darin beschreiben, ist eine moderne Perspektive von Tantra. Ich würde Ihnen gerne erzählen, was ich glaube verstanden zu haben, und da ich sicherlich nicht alles verstanden habe, bitte ich Sie, mich im Laufe unseres Gesprächs zu korrigieren. Ich glaube, Ihr Hauptpunkt ist, daß die innere Erfahrung der Offenbarung, des Einsseins, nichts bedeutet, wenn sie nicht in die Welt hinausgetragen wird, in diese sehr reale, wirkliche, materielle Welt. .

Barry Long: Ja, das stimmt.

AC: Und daß der einzige oder bedeutendste Weg, diese Offenbarung in die Welt zu bringen, der der vollendeten Vereinigung von Mann und Frau ist.

BL: Ja.

AC: Und dadurch, daß Mann und Frau in romantischer oder sexueller Vereinigung zusammenkommen, machen beide die Erfahrung dieses vollkommenen Nicht-Getrenntseins, der vollendeten Einheit.

BL: Ja.

AC: Und darin, könnte man sagen, erfahren beide die verkörperte Erfüllung der inneren spirituellen Offenbarung.

BL: Nun, ja, obwohl das dazu führen könnte, daß die Menschen eventuell zuviel für sich selbst erwarten - denn für sie selbst gibt es darin nichts. Der Frau allerdings bringt diese Erfahrung höchste und vollständige Liebe zum Mann, und wenn eine Frau einen Mann zutiefst und absolut liebt - natürlich einen Mann, der auch sie liebt, sieht sie Gott in ihm. Und mehr kann die Frau nicht tun, und mehr braucht sie auch nicht zu tun. Denn wenn sie in ihrem Mann Gott sieht und vollkommen geliebt wird, dann ist sie im Zustand der Frau.

Sehen Sie, die Frau hat keine Erleuchtung; das glaubt sie nur. Die Frau ist bereits erleuchtet, wenn sie sich in einem solchen Zustand der Liebe befindet; wenn ich zum Beispiel sterben würde, würde Sara hier nicht leiden, denn ich bin bereits in ihr, und sie weiß, was ich bin. Und so ist sie davor geschützt, weiter unter dem Mann zu leiden, denn sie hat Gott im Mann erkannt oder gesehen, und sie hat dieses Bewußtsein, das einfach Frau ist - und das könnte man als reine Liebe bezeichnen. Es gibt kein großes blendendes Bewußtsein. Das ist nur ein rhetorischer Trick spiritueller Kommentatoren. Ich erlebe jetzt keinerlei blendendes Licht. Ich meine damit, daß ich das, was wir Verwirklichung und großartige Einsichten nennen, hatte, als ich unwissend war, denn Einsichten kommen in der Dunkelheit; und so sieht man dann hübsche Lichter. Wenn die Unwissenheit aber schließlich verschwindet, bleibt nur mehr ein konstanter Zustand zurück, was auch immer es ist. Es gibt dann weder Licht noch Dunkelheit, was hat man dann?

Hier also wird oder ist Frau - eine Frau - die Liebe Gottes. Das ist es, was sie tut. Nun, in diesem Zustand kann sie nichts wissen, und das ist das Besondere. Denn in der göttlichen Liebe, der wahren Liebe, in der Vereinigung mit Gott, weiß man nichts. Ist es nicht so, Andrew?

AC: Ja, das ist absolut wahr.

BL: Und sie wird in diesen Zustand gebracht, weil das Wesen der Frau höchste und absolute Liebe ist. Sie ist Gott, manifestiert in weiblicher Gestalt. Und wenn sie dahin durch die Liebe eines Mannes gelangen kann, der Gott in männlicher Gestalt ist, dann macht Gott Liebe mit Gott in den beiden Formen, die Gott geschaffen hat, damit Gott Liebe erfahren kann, denn wenn es keine zwei Formen gibt, gibt es keine Unterscheidung. Gäbe es nur eine einzige Form, gäbe es keine Unterscheidung und daher in dieser Existenz auch keine Möglichkeit der Verwirklichung.

AC: : Keine Selbst-Erkenntnis.

BL: Ja, genau.

AC: Nun, aus dem Abschnitt, den ich gelesen habe, habe ich verstanden, daß in dieser Praxis der körperlichen Liebe, oder wenn ein Mann eine Frau oder eine Frau einen Mann liebt, die absolute Notwendigkeit besteht, daß das Ego sich ganz ergibt wegen der Forderung an den Mann, die Frau absolut, total und vollständig zu lieben, und an die Frau, den Mann bedingungslos und absolut anzunehmen.

BL: Ja.

AC: Und ich habe verstanden, daß, wenn der Mann die Frau wirklich annimmt und die Frau den Mann wirklich annimmt - damit diese letztendliche Vereinigung auch tatsächlich stattfinden kann - das Ego dann völlig zurücktreten muß. Und gerade das macht diese spezielle Praxis so stark. Damit es funktionieren kann, muß absolute Hingabe stattfinden; sonst könnte die darin liegende Erfüllung niemals verwirklicht werden.

BL: Ja, denn sonst gäbe es einfach nur das, was wir menschliche Liebe nennen, die Liebe zwischen allen Paaren auf Erden. Und deshalb bedarf es einer Vorbereitung, die ebenfalls in meiner Lehre enthalten ist. Wie komme ich dahin? Wie geht das? Nun, erst einmal muß man aufrichtig sein, ansonsten ist es eine unaufrichtige Liebe und eine unaufrichtige Verbindung. Und aus diesem Grund, um der Ehrlichkeit willen, darf die Frau ihrem Mann nichts durchgehen lassen. Sie kann nicht sagen: "Nun, ich möchte dir nicht sagen, was du zu tun oder zu lassen hast", oder etwas Ähnliches, auch wenn die Versuchung dazu da wäre. Sie muß sagen: "Moment, ich will dir zwar nichts sagen, aber als wir diese Beziehung begannen, waren wir uns darin einig, daß wir Gott und der Wahrheit gegenüber ehrlich sein wollten. Und was ist schon Gutes an einer Beziehung, wenn es nicht darum geht?" Da sie darin übereingekommen waren, muß sie zum Beispiel sagen: "Du hast gerade mit mir in einer Art gesprochen, die versucht, die Frau zu demütigen. Das ist dir vielleicht nicht bewußt, aber es ist so. Ich werde dir jetzt sagen, was du gesagt hast. Du hast mich gedemütigt" - denn das ist im Grunde die Natur des Mannes, die Frau zu demütigen - "Du hast versucht, mich zu unterminieren. Stimmt das oder nicht?" Und der Mann, wenn er bereits gesagt hat: "Ich möchte ehrlich zu dir sein", wird darüber nachdenken, was er gesagt hat, und wird dann antworten: "Ja, ich verstehe dich. Ich habe gelacht, als ich sagte 'Du machst oft Fehler, oder?' Das war's doch, ich habe gelacht, nicht wahr?" Das ist also eine Form, die Frau unter dem Deckmantel einer witzigen Bemerkung zu demütigen. Und sie muß dem Ganzen ein Ende machen, denn so handeln Männer. Ihm ist jedes Mittel recht, um sie zu unterminieren. Das ist nur ein Beispiel dafür, auf welche Weise die Frau auf den Mann achtgeben muß.

Und dann geht das natürlich beim Sex weiter, wenn er erregt ist. Dann muß sie sagen: "Ich brauche keinen erregten Mann in meinem Körper, denn so überträgst du deine Erregung auf meinen Körper. Und dann passiert mit mir genau das, was ich früher erlebte, als ich eine ganz normale Frau war und sexuell erregte Männer hatte - ich wurde hinuntergezogen; immer wieder hatte ich Zweifel an mir und war deprimiert. Ich hatte nicht das geringste Selbstbewußtsein und bin so von meinem Weg abgekommen. Und ich weiß, das geschah deshalb, weil sexuell erregte Männer mit sexuellen Wünschen - ‚Sexmänner' - in mir waren. Und jetzt habe ich keinen Sexmann in mir. Ich habe einen Mann, der nicht erregt ist, der mich einfach lieben möchte, und zwar mit seinem Körper und nicht mit seinem Verstand." Denn der Verstand hat nie im Leben geliebt und wird es nie tun. Er hat nur Sex gehabt.

AC: Wenn Sie also "Liebesakt" sagen, meinen Sie damit, auf ein aggressives Streben nach einem Erlebnis zu verzichten, bei dem der andere benutzt wird - in diesem Fall die Frau vom Mann - und dies nur, um sich eine Art sinnlicher Erfahrung zu verschaffen.

BL: Das ist doch absolut egoistisch, oder nicht? Es ist nicht ehrlich, nicht ehrlich zu Gott, zu nichts und niemandem ehrlich. Mit Sicherheit ist es der Frau gegenüber nicht ehrlich. Nun, wenn es nach mir geht, ist es damit vorbei. Und wie man das macht, versuche ich, so gut ich kann, deutlich zu machen.

AC: Stimmt es, daß, wenn man körperliche Liebe als spirituellen Weg sieht, die Persönlichkeit - zum Beispiel die persönliche Identität des Mannes - transzendiert werden muß, um voll und ganz begreifen zu können, was es wirklich heißt, Mann zu sein?

BL: Ja.

AC: Und dasselbe gilt für die Frau? Unter persönlicher Identität verstehe ich eine neurotische Fixierung auf sich selbst und alles, was damit zusammenhängt. Müßte das alles transzendiert werden, um tatsächlich erfassen zu können, was es heißt, Frau zu sein? Daß der Mann sich also erlauben könnte zu erfahren, wer er tatsächlich ist, wenn keine neurotische Fixierung auf sich selbst vorhanden ist, und die Frau erfahren könnte, wer sie wirklich ist, und daß jeder von beiden die Erfahrung des letztendlichen unpersönlichen Selbst machen würde?

BL: Nun, ich verwende nicht das Wort "Selbst", ich verwende "Sein".

AC: So würde in diesem unpersönlichen Sein also das lebendige bewußte Wissen darüber liegen, wer sie waren, bevor überhaupt je ein Gedanke daran vorhanden war, eine getrennte Person zu sein?

BL: Ganz so würde ich es nicht sagen. Ich würde sagen, daß sie vollständig und absolut in der Erkenntnis von Liebe sind. Und die Erkenntnis von Liebe ist die Erkenntnis von Nichts. Es gibt also keine Erfahrung von sich selbst. Es ist überhaupt nicht zu beschreiben außer mit den Worten: "Das ist Schönheit. Das ist schön. Ich liebe dich. Du bist wunderbar." Mehr ist einfach nicht zu sagen..

AC: Würde darin eine Erfahrung von Fülle liegen?

BL: Ja, aber keine Fülle, die man erlangen kann. Es ist eine Fülle des Seins, und man wird verstehen und erkennen, daß die Fülle des Seins nichts ist, worüber man sprechen könnte. Das ist es: nichts, worüber man sprechen könnte. Denn die Menschen erschrecken, wenn man sagt: "Gott ist nichts." Deshalb sage ich noch dazu, so gut ich es kann, daß es "nichts ist, worüber man sprechen könnte", denn sie werden erschrecken, wenn sie es selbst begreifen. "Oh Gott", werden sie sagen, "Ich werde nichts sein?"

AC: Auf diesem Weg also, dem Weg der physischen Liebe und Beziehung als spirituellem Weg, ist das, was das Ego so ungeheuer stark unter Druck setzt, die Forderung, alle trennenden und falschen Vorstellungen des Selbst aufzugeben, um Mann oder Frau sein zu können. Ist das so?

BL: Ja.

AC: Das ist sehr stark - und sehr schön. Und wie ich bereits sagte, ich habe das Gefühl, ich habe gerade erst begonnen, zum ersten Mal zu verstehen, wie und warum es eine echte Praxis der Befreiung sein könnte und wie es tatsächlich funktionieren könnte.

BL: Nun ja, es funktioniert, denn ich lebe es. Und sehen Sie, was ich gelebt habe, versetzt mich in die Lage zu lehren. Hätte ich es nicht gelebt, wäre ich nur ein Kommentator.

AC: Natürlich.

BL: Ich bin ein Tantra-Meister. Und ich lebe das tantrische Leben, und ich habe tantrisch gelebt und ich führe weiterhin ein tantrisches Leben, aber jetzt nur mit meiner einen Frau. Aber ich habe einige Frauen zum Bewußtsein geführt - zu einem ausreichenden Bewußtsein. Und sie sind jetzt in der Welt und tun das, was ich von ihnen erwarte, nämlich den Männern helfen, mehr Erkenntnis über Gott zu erlangen, und das ist Liebe. Jetzt lebe ich mit Sara das Unmögliche, etwas von Gott Gegebenes: die Vereinigung von zwei sterblichen Körpern im Ewigen. Das lebe ich jetzt mit Sara, denn wenn ich es lebe, kann ich es weitergeben, oder es wird an diejenigen weitergegeben, die in meiner Lehre stehen und diese Liebe, diese aufrichtige Liebe, leben. Aber zuerst muß ich es leben, denn ich bin der Meister. Und wenn der Meister es nicht lebt, haben die Menschen keine Chance dazu. Sie bekommen es, weil durch die Psyche, die ständig in uns wirkt, eine Übertragung stattfindet: Wenn ich es lebe, wird es an diejenigen weitergegeben, die es nach ihrem besten Vermögen zu leben versuchen. Das geschieht hier. Auf diese Weise habe ich in meiner Lehre mit Frauen den Liebesakt vollzogen, mit Frauen, in denen ich das Licht gesehen habe oder in denen genug Liebe ist, um sie zu einer größeren Verwirklichung Gottes zu führen. Wenn ein Tantra-Meister eine Frau liebt, ist das etwas anderes, als wenn irgend jemand anderer sie liebt, denn er vermittelt ihr ein größeres Wissen über die Liebe Gottes.

AC: Darf ich fragen, wie er das tut?

BL: Nicht mit dem Geist, sondern mit seinem physischen Körper und seiner Unschuld. Wie sonst könnte er es tun? Er muß unschuldig sein.

AC: Durch seine Reinheit.

BL: Sein Körper muß rein sein. Das ist das einzige, worum sich jeder Mann auf dem spirituellen Weg bemüht - die Reinigung seines Körpers. Er beginnt zuerst mit dem Geist, der immer unrein ist; er muß seinen Verstand loswerden. Dann muß er die Grundlage seines Verstandes loswerden, die aus seinen Gefühlen und all diesen falschen Dingen besteht, die er angeblich liebt: er liebt dieses, er liebt jenes, das mag er nicht, das mag er - alles Gefühle. Diese beiden Dinge muß er also loswerden, um unschuldig zu werden. Und dann muß er in seinem Körper sein, der noch immer da ist, nachdem er sich von diesen Dingen gereinigt hat. Wir sind immer da, wo unser Körper ist, nicht wahr? Wenn man nicht gerade ein Magier ist, kann man nirgendwo sonst sein. Man muß da sein, wo die Wahrheit ist, und die Wahrheit ist da, wo der Körper ist. Wenn ich also den Liebesakt vollziehe, ist es absolut wichtig, daß ich in meinem Körper bin, denn nur mein Körper kann Liebe machen. Wenn ich phantasiere, bin ich im Verstand, und das führt zu Gefühlen; ich habe meinen Körper zurückgelassen und kann die Liebe nicht mehr vollziehen, weil ich nicht mehr unschuldig bin.

AC: Nein, natürlich nicht, denn dann ist man nicht einmal mehr bei dem Menschen, mit dem man zusammen ist. Man liebt nicht ihn.

BL: Nein, vermutlich bist du dann bei einer Phantomfrau im Geist. Und diese Phantomfrau, an die du denkst, verschafft dir die Erektion. Das brauchst du aber jetzt nicht. Aber mein Gott, sobald Männer an diesen Punkt kommen, und in meiner Lehre leben die Männer das, so gut sie können, stellen sie fest, daß sie ohne die Erregung des Sex keine Erektion haben, und sie verlieren ihr Selbstvertrauen und verlieren alles, weil sie die ganze Zeit von einer falschen Erregung, genannt "Sex", abhängig gewesen sind.

AC: Ja.

BL: Wenn man das nun aufgibt, tut sich immer eine Falle auf; es gibt immer eine Übergangsphase, nicht wahr? Genauso als wenn jemand zu den Vorträgen kommt und voller Begeisterung sagt: "Andrew, du bist wunderbar. Eine solche Offenbarung habe ich noch nie erlebt." Und dann sind sie einige Wochen oder Monate weg, und wenn sie zurückkommen, sagen sie: "Ich habe es verloren! Ich habe es verloren!" Alles ist weg, weil sie angefangen haben, einen anderen Teil ihres Fundaments zu betreten, und es entsteht Verwirrung, weil die alte Unwissenheit und der Strom der Veränderung zusammenfließen. Sie müssen neu beginnen. Dann können sie die Verwirrung loswerden.

AC: Betonen Sie in der tantrischen Liebe, daß es für den Mann überaus wichtig ist, die Phase vor dem Samenerguß zu verlängern oder ihn überhaupt zu vermeiden? Damit er zum Beispiel in der Lage ist, tiefe Intimität mit der Frau zu erleben?

BL: Ja. Zu Beginn muß er sich so gut es geht zurückhalten, jedoch ohne zu unterdrücken. Und es ist allein schon schwierig genug, beides voneinander zu unterscheiden. Aber weil es eine göttliche Sache ist und weil Gott die Liebe vollzieht und nicht eine Person, ist der Fokus am Ende nicht mehr auf dem Zurückhalten oder Nicht-Zurückhalten; dann ist es einfach das, was es ist. Und zwar deshalb, weil die Person nicht mehr da ist, während ein Zurückhalten mit einer bestimmten Person, mit einer Absicht, zu tun hat.

AC: Jemand, der noch versucht, etwas zu tun oder nicht zu tun.

BL: Ja, und natürlich stellt sich die Frage: wie komme ich dorthin - zwischen Zurückhalten und Unterdrücken? Und an diesem Punkt muß er aufhören, es mit dem Verstand zu versuchen. Er muß seinem Körper gestatten, es einfach zu tun. Es wird Momente geben, wo er sich überhaupt nicht zurückhalten kann, wo er anfängt, Orgasmen zu haben, die er nicht aufhalten kann, und das wird ihn an sich selbst zweifeln lassen. Der ganze Zweck des spirituellen Lebens ist es aber, an einen Punkt zu gelangen, wo es keinerlei Selbstzweifel mehr gibt. Er muß also eine seiner stärksten Verhaftungen aufgeben: den Zweifel an sich selbst. Und dann, verstehen Sie, gewinnt Gott immer mehr die Oberhand.

AC: Und da der Zweifel an sich selbst aufgegeben oder transzendiert worden ist, kann die Fähigkeit, den Liebesakt auf nicht-egoistische, nicht-aggressive und nicht-dualistische Weise zu praktizieren, immer natürlicher werden.

BL: Immer natürlicher, genauso ist es.

AC: Und letztlich würde der Liebesakt dann sehr, sehr lange dauern - manchmal stundenlang?

BL: Ich würde sagen, es gibt keine Unterbrechung: diese Anziehung ist immer da. Es ist nicht so, daß sie kommt und geht und man sich daher nicht mehr danach fühlt. Was ich den Leuten beibringe, ist, daß du aufgeben mußt, dich nach Liebe zu fühlen, und auch aufgeben mußt, dich nicht nach Liebe zu fühlen. Denn wenn man Lust auf Liebe hat, ist das egoistisch. Und wenn man keine Lust auf Liebe hat, ist das genauso egoistisch. Bei einem meiner letzten Treffen sagte jemand: "Aber wie kann man sich davon befreien, Lust auf Liebe zu haben oder keine Lust auf Liebe zu haben?" Das kennen wir alle. Der Mann liegt neben der Frau und fragt sich: "Werde ich oder werde ich nicht? Will ich oder will ich nicht?" Und ich habe geantwortet: "Sie machen doch immer Liebe." Wenn man etwas fortwährend tut, dann kann man nicht von Lust oder Unlust ausgehen, oder? Und die nächste Frage war: "Wie oft ist genug?" Und ich sage: "Nun, morgens, nachts und wenn möglich mittags." Ich nehme an, das schockiert alle, aber anderenfalls wirst du Lust haben oder keine Lust haben, nur weil du dich der Liebe nicht hingegeben hast. Wenn zwischen den Liebes-akten Pausen entstehen, verspürt man ein mentales oder biologisches Bedürfnis, eine Frau zu lieben - man ist ein Mann, man kann nichts dagegen tun - aber das ist ein Verlangen, und im spirituellen Leben kann man nicht verlangen.

Siehst du, das ist Tantra. Ich bin der einzige westliche Tantra-Meister. Ich weiß schon, daß das nach Selbstbeweihräucherung klingt, aber ich höre niemanden die Wahrheit des Tantra sprechen, verstehen Sie. Ich hingegen bin sehr offen; ich bin offen hinsichtlich der Tatsache, daß ich ein Tantra-Meister bin. Als ich damals fünf Frauen aus der Gruppe hatte und sie alle auch physisch liebte, habe ich es meinen Leuten gesagt. Denn ich lasse keine Geheimnisse zu, und ich habe keine Geheimnisse. Ich gehe nicht in intime Details, aber ich möchte die Menschen auch nicht täuschen. Das ist mein Lebensstil, und wem es nicht gefällt, der muß eben gehen. Wer aber die Wahrheit hört, die ich sage, wird vielleicht etwas davon haben.

Jemand hat mir aus Amerika einen Artikel über einen Tantra-Meister geschickt, ich glaube, es handelte sich um einen Tibeter. Einige Frauen in den Vereinigten Staaten haben gegen ihn prozessiert, und ich las in diesem Artikel, daß die amerikanischen Buddhisten als Reaktion darauf einen Verhaltenscodex für spirituelle Meister erlassen haben. Das ist ein völliger Widerspruch, denn natürlich treibt echtes Tantra keinen Mißbrauch. Tantra ist Liebe, ist Gott, der Gott im Dasein liebt. Und Gott treibt keinen Mißbrauch. Was mir so besonders mißfällt, ist die Heimlichtuerei dieser Leute. Dieser tibetische Lehrer hat den Menschen nicht gesagt, was los war - nämlich, daß er mit seinen Schülern schlief. Er hat nicht gesagt: "Ich bin ein Tantra-Meister, und das ist ein geheiligter Zustand." Wegen solcher Geschichten ist Tantra so in Verruf geraten, und wir haben Tantra-Schulen und Tantra dies und Tantra das - überall, wo ich hinkomme, höre ich das - von Menschen, die nicht wissen, wovon sie sprechen, weil sie nicht die von Gott gegebene Kraft haben. Es ist eine von Gott gegebene Kraft, ein Tantra-Meister zu sein, diese Kraft in seinem Körper zu haben; es ist ein von Gott gegebener Zustand, genauso wie Selbstverwirklichung oder Gottesverwirklichung ein Zustand ist, oder wie Erleuchtung ein Zustand ist. Es ist etwas, das von Gott gegeben ist, und es ist für die Menschen. Aber wenn man nicht mit den Menschen darüber spricht, wird Tantra von Kommentatoren, Schwindlern und Sexisten und Gott weiß von wem mißbraucht! Das versuche ich zu vermeiden, indem ich offen und ehrlich bin mit dem, was ich mit meinem Leben mache.

AC: Das ist essentiell.

BL: Ja, besonders bei einem so heiklen Thema. Die ganze Welt ist sexuell, ist Sex. Ich aber spreche über Gott, der aus Mann und Frau kommt, die Liebe machen. Ich spreche nicht über Orgasmen, sexuelle Befriedigung und Erregung. Ich spreche von etwas Reinem und Schönem, das daraus erwächst.

AC: Ich würde gerne noch etwas mehr über die eigentliche Tantrapraxis im Liebesakt sprechen. Sie haben gesagt, daß man idealerweise diese Art tiefer Intimität mit dem Partner dreimal täglich erleben sollte. Ist diese Intimität, in der es idealerweise kein Wollen oder Nicht-Wollen gibt - sondern einfach Sein -, immer eine Erfahrung ohne Orgasmus für den Mann und hat auch die Frau keinen Orgasmus?

BL: Nein, es ist nicht immer ohne Orgasmus. Hier geht es darum, daß Gott Gott liebt, und das ist so, ob es zu einem Orgasmus kommt oder nicht. Dabei verschwinden allerdings Lust und Nicht-Lust auf Liebe gänzlich. Nachdem man es also getan hat, nachdem man einander geliebt hat, gibt es kein Wollen oder Nicht-Wollen; es ist einfach ein Zustand, in dem man sich keine Gedanken macht um Wollen oder Nicht-Wollen, das ist dann von dir abgefallen. So wie das Selbst von dir abfällt, so fällt das eben auch ab.

AC: Ich merke, daß diese Art der Praxis, wenn man sich sehr ernsthaft damit beschäftigt, eine Erfahrung tiefster und andauernder Intimität mit dem anderen entstehen läßt, und im zwischenmenschlichen Bereich müßte dann vollkommene Aufrichtigkeit herrschen. Keine Zweifel oder Unstimmigkeiten könnten sich jemals ansammeln, denn wenn es so wäre, würde dieses vollkommene Vertrauen sofort zerstört werden.

BL: Ja, genau. Aber wir müssen diese Dinge auch praktisch sehen. Ich versuche nicht, in dieser Existenz etwas Vollkommenes zu präsentieren, so vollkommen, daß es keine Reaktionen mehr gibt. Schließlich hat es der Mann zu Beginn mit einer individuellen Frau zu tun. Auch wenn er das, was er liebt, als das weibliche Prinzip sieht, wenn er diese Frau trifft, hat er es doch zuerst einmal mit ihren Emotionen zu tun, die ihre Vergangenheit sind - ihre früheren sexuellen Erfahrungen und alles andere. Und das steckt in ihrem Körper. Und wenn sie nicht damit begonnen hat, ihre Identifikation mit diesen Dingen abzulegen, kann er sie auch nicht verehren. Er kann physische Liebe mit ihr haben und sich bemühen, sie zu erreichen, aber er wird nicht in der Lage sein, sie zu verehren, aufgrund der Hindernisse, die in ihr sind und die zwischen ihm stehen und dem, was sie wirklich ist. Und was für Frauen gilt, gilt selbstverständlich auch für Männer, und das ist der Zweck des spirituellen Lebens: diese verdammten egoistischen emotionalen Hindernisse loszuwerden, die zwischen uns stehen. Es kann nicht funktionieren, solange nicht beide darin übereingekommen sind, sich gegenseitig dabei zu helfen, diese Dinge loszuwerden und sie nicht ständig Macht über uns gewinnen zu lassen. Auch wenn wir es nicht schaffen, haben wir doch wenigstens den guten Willen, sie loszuwerden.

Eines Tages muß der Mann sein Herumziehen von einer Frau zur anderen aufgeben. Das muß aufhören. Okay, es ist in Ordnung; es ist Teil der Erfahrung, Teil des Lebens. Aber wenn er schließlich Gott in verkörperter Form, was das weibliche Prinzip ist, verwirklichen will, muß er die Frau annehmen. Ich habe fünf Frauen angenommen. Ich habe sie fast drei Jahre lang geliebt und gelehrt. Jedes Mal, wenn wir zusammen waren, sprachen wir über die Liebe und über Gott, über das Leben und über die Wahrheit, und wir sprachen alle zusammen, weil alle Frauen zusammen waren, und Eifersucht konnte hier natürlich in keinster Weise existieren.

AC: Haben Sie alle zusammengelebt?

BL: Nein, aber wir haben uns getroffen, und natürlich geht es darum, der Frau die Eifersucht zu nehmen, das Konkurrenzdenken, denn solange dies nicht geschehen ist, kann das nicht gelebt werden. Und so überwanden diese Frauen ihre Eifersucht, sie überwanden ihr Konkurrenzdenken, denn wenn über Gott gesprochen wird, über ihn gelehrt und wenn er verwirklicht wird, ist diese wunderbare Kraft da, auf die man sich konzentriert und die den Frauen hilft, dasselbe zu tun. Die meisten Männer haben heimlich mit anderen Frauen Geschlechtsverkehr - hinter dem Rücken der Frau, und sie stellt vielleicht fünf Jahre später fest, daß er Affären hat, und ist erschüttert, absolut erschüttert - ich aber tat es in Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit und in Gott. Es ist ungeheuer wichtig für einen Mann, mit seiner Frau über die Liebe, das Leben, über Gott, die Wahrheit und den Tod sprechen zu können.

Nun kann sich nicht jeder Mann auf fünf Frauen einlassen und mit ihnen über die Liebe, das Leben, Gott, die Wahrheit und den Tod sprechen und das alles auf die Reihe bekommen. Ein normaler Mann kann das nicht. Er wird sexuell; sein Geist zieht weg und ihr Geist zieht weg, und sie treten in Konkurrenz zueinander. Das kann nur ein Tantra-Meister. Ansonsten ist es eine zu große Anforderung. Aber der Tantra-Meister hat die Kraft dazu. Heute, da ich nur mehr mit Sara lebe, sind diese Frauen da draußen, und sie sind spirituelle Schwestern. Sie lieben einander und haben Eifersucht und Besitzansprüche überwunden, und da sie das erlebt haben, werden sie sich nie mehr von Männern täuschen lassen. Sie wissen um die Sexualität des Mannes, und sie wissen auch, was es heißt, ohne Sexualität und ohne Erregung geliebt zu werden. Und wie ich schon sagte, diese Frauen sind jetzt in der Welt und tun das, wozu sie berufen sind, nämlich mit Männern so ehrlich wie möglich zu sein und Männern mehr Liebe zu bringen.

AC: Lehren sie?

BL: Nein, sie lehren nicht. Lehren ist nicht Aufgabe der Frau; Aufgabe der Frau ist es zu lieben, um Gottes willen! Sie kann mit ihrer Liebe alles bewirken. Sie kann durch ihre Liebe alles geben und übermitteln, denn das ist ihre Kraft. Ihre Liebe ist die Kraft Gottes in ihr. Sie steht nicht auf und erklärt, daß sie erleuchtet ist, und hält keine Vorträge. Das nicht. Sie ist der empfangende Teil. Sie ist hinter den Kulissen. Aber sie ist unerbittlich damit beschäftigt, den Mann der Liebe gegenüber ehrlich zu machen. Sie ist das, was dem Mann fehlt, und deshalb denkt er unaufhörlich an sie.

AC: Könnten Sie ein wenig über die Einstellung sprechen, die ein Mann haben muß, um eine Frau wahrhaft verehren zu können, und auch über die Einstellung, die die Frau haben muß, um den Mann wirklich lieben zu können? Denn soweit ich verstanden habe, geht es eben um diese Einstellung, sowohl bei der Frau als auch beim Mann, wenn sie die Art von neurotischer Selbstbezogenheit, von der Sie vorher gesprochen haben, absolut überwinden wollen.

BL: Nun, wie ich schon sagte, ich spreche immer lieber über das Praktische, denn wenn ich es nicht praktisch darstelle, funktioniert es nicht. Und die praktische Realität ist, daß jeder Mann alle fünf Minuten oder so, falls er nicht gerade etwas anderes tut, an die Frau denkt. Und die Frau denkt an den Mann. Das ist die grundlegende Realität unserer Existenz als Männer und Frauen. Aber es scheint so, als wäre es in neuerer Zeit nicht vielen Menschen in den Sinn gekommen, daß genau in dieser Tatsache die Mittel und Wege liegen müssen, die uns zur Wirklichkeit führen - daß diese Grundanziehung etwas enthalten muß, das heilig ist und das ein wirklicher Anfang ist, denn wer ins verkörperte Dasein tritt, kann nur als Mann oder als Frau kommen. Das ist die erste Erscheinungsform Gottes im Dasein: Gott in männlicher oder weiblicher Gestalt. Gott teilt sich, damit die Liebe verwirklicht werden kann, damit Gott verwirklicht werden kann, denn die Frau ist Gott als Form und der Mann ist Gott als Form.

Nun, für mich gilt, daß jeder Mensch erkennen sollte, was er im Dasein am meisten liebt. Natürlich liebt er am meisten Gott - und Gott im verkörperten Dasein ist Liebe, und Gott außerhalb des verkörperten Daseins ist Wahrheit. Es gibt keine Liebe ohne verkörpertes Dasein; jede Liebe findet im Dasein statt, richtig? Aber wir bringen alles durcheinander. Die spirituellen Kommentatoren und Lehrer verstehen es nicht. Es gibt Gott außerhalb des verkörperten Daseins, und das kann jeder in seinem eigenen Körper ohne Unterstützung durch einen anderen Körper verwirklichen. Gott auf diese Weise zu verwirklichen ist ohne Zweifel das Einmaligste, Wunderbarste und Herrlichste, aber das ist Gott außerhalb des Daseins, den man in sich selbst verwirklicht.

Wenn es aber um Gott im Dasein geht, kann das nur erfolgen, wenn sich Männer mit dem auseinandersetzen, was sie in diesem Dasein am meisten lieben. Nun gut, der Mann hat sein Boot, sein Golf, seine Jagd und dieses und jenes zu tun, aber das sind Ablenkungen, die sein Geist erfunden hat, um ihn vom Grundgedanken fernzuhalten, der ihm in seinem Leben ständig aufgezeigt wird, nämlich: "Ich liebe die Frau." Sein Verstand wird versuchen, das auf eine individuelle, persönliche Frau zu transferieren. Aber in Wahrheit muß er darüber hinausgehen und sich der einfachen Tatsache stellen: "Ich liebe die Frau." Wenn er das tut und wirklich sieht, liebt er das weibliche Prinzip, das Unbekannte in der Frau, die Essenz der Frau, den Gott in der Frau, über den man nicht sprechen kann. Dann kann er auch zum Persönlichen kommen und eine Beziehung oder in der einen oder anderen Weise eine Verbindung zum Körper einer individuellen Frau haben. Dann muß er sich bemühen, diesen Gott, das, was er am meisten liebt, in dieser Frau zu sehen. Und wenn es dann zum Liebesakt mit ihr kommt, darf er sie nicht um seiner selbst willen lieben, wegen des Orgasmus oder wegen seiner eigenen Befriedigung, sondern aus Freude daran, sie zu lieben. Wenn er es aber irgendwie persönlich macht, wenn er selbst darin verwickelt ist, wenn er versucht, etwas zurückzubekommen, dann wird es zu Sex, und er hat es verloren; er hat diese unpersönliche Schönheit verloren.

Also muß man sich zuallererst mit der Frage auseinandersetzen: Was liebe ich am meisten in diesem Dasein? Es bringt nichts zu sagen: "Gott", denn Gott ist nicht in diesem Dasein. Wo ist Gott im Dasein? Aha, in dem, woran ich am meisten im Leben denke - in der Frau! Nun kann es nicht diese oder jene Frau sein, denn es gibt so viele. Was ist es dann also? Es ist das Prinzip der Frau, das ich liebe. Natürlich! Es ist diese Essenz, das, was hinter jeder Frau steht. Und sobald der Mann das weiß, ist der Bewußtseinszustand ein anderer.

AC: Aber warum lieben Männer Frauen? Warum, abgesehen von der biologischen Notwendigkeit, lieben Männer Frauen, so wie Sie das beschreiben?

BL: Die biologische Notwendigkeit ist in jedem, Andrew, und zwar in erster Instanz zur Erhaltung der Rasse. Und verkörpertes Sein neu zu erschaffen ist effektiv etwas Schreckliches. Es ist Unwissenheit, die großes Leid entstehen läßt, denn jeder, der geboren ist, muß Unglück erleben, während jeder, der tot ist oder in traumlosem Tiefschlaf, nichts davon verspürt - nichts. Und das ist wunderbar.

Sehen Sie, wir sind Tiere, vergessen aber, daß wir Tiere sind. Wir sind aber auch das, was wir "Geist" nennen, und dieser Geist ist in dieses Tier eingetreten und ist nun mit seinem Fleisch verstrickt, verstrickt in unsere animalischen Neigungen. So als würde man Selbstbewußtsein in ein Tier bringen wollen, in eine Kuh zum Beispiel - man hätte dann plötzlich einen Verstand, der sich dauernd mit allen möglichen sexuellen Gedanken beschäftigen würde. Aber Tiere haben keinen Verstand, sie haben nur ihre Instinkte, und deshalb haben sie keine sexuellen Gedanken - Gott sei Dank! Wenn man aber Selbstbewußtsein in ein menschliches Tier legt, dann kommt es genau zu den Schwierigkeiten, von denen wir sprechen.

Deshalb müssen wir das Animalische vom Geist trennen, denn die animalischen Instinkte sind das, was wir das Ego, das kleine Selbst nennen. Und das geschieht durch spirituelles Leben, indem ich mich aufgebe, oder nicht? - indem ich meine Selbstbeschäftigung aufgebe, meine Ablenkungen, und indem ich mich der Wahrheit dessen stelle, was ich am meisten liebe. Denn das, was ich am meisten liebe, ist immer Gott, und Gott ist Liebe, und Gott ist Wahrheit, und Gott ist das Unbekannte - das liebt jeder Mann und jede Frau am meisten, aber es ist von Lehrern, Worten und Meinungen verdeckt worden, anstatt daß man einfach zur Sache kommt. Wenn man Gott außerhalb der Existenz verwirklichen möchte - das heißt nur in uns selbst, nur in unserem Körper - dann muß man sicherlich durch Entsagung, Selbstverleugnung und Selbstauflösung gehen. Man selbst unterbricht die natürliche Verwirklichung Gottes, der die große Wahrheit außerhalb der Existenz ist. Aber niemand scheint sich darüber Gedanken zu machen oder sich darum zu kümmern, wie man Gott im manifesten Sein verwirklicht. Und ich sage, eine Frau zu lieben, heißt Gott innerhalb der Existenz zu verwirklichen, denn das ist Gott. Es ist sehr einfach.

AC: Sie sagen, daß, abgesehen vom biologischen Trieb, der Hauptgrund dafür, daß Männer Frauen lieben, darin besteht -

BL: Daß die Frau Gott ist.

AC: Aber ist die Frau Gott? Oder nimmt der Mann die Frau als Gott wahr, weil er sich selbst weiterhin grundlegend als Mann wahrnimmt?

BL: Das stimmt. Aber das ist so, weil sie in Wahrheit das ist, was ihm fehlt. Er erkennt: "Hier ist die Liebe, die mir fehlt."

AC: Verstehen Sie unter "fehlender Liebe", daß der Mann, solange er in der Welt oder in der Existenz nicht mit der Frau vereint ist, sich immer noch als halb oder unvollständig erlebt?

BL: Ja, er wäre nicht ganz; trotz all seiner Gottverwirklichungen außerhalb der Existenz ist er nicht vollständig. Denn es geht nur darum, Gott von außerhalb der Existenz in die Existenz zu bringen. Dann hat man das vollständige Ganze.

AC: Und das ist, nach Ihrer Lehre, die Erfüllung der Gottverwirklichung.

BL: Ja.

AC: Das ist gewaltig. Und wie ich Ihnen anfangs schon sagte, als wir uns hinsetzten, um Ihr Buch zu lesen, befand ich mich in einem Zustand großer Offenheit, und als wir mit der Lektüre begannen, ging es direkt in mich hinein. Plötzlich begriff ich es, und ich sagte zu allen: "Ich glaube, ich verstehe es wirklich." Und als ich dann zu erklären begann, was ich verstanden hatte, wurden auch andere in diese Erfahrung hineingezogen und begannen es ebenfalls zu verstehen.

BL: Sie haben es ganz sicher verstanden, denn Ihre Fragen zeigen, daß Sie ganz da sind. Und dann ist es wie mit jeder Lehre, man braucht sie nur zu leben, wie Sie wissen. Aber man muß sich auch bewußt sein, daß das schwierig und mühsam ist, es zuerst einmal überhaupt zu erfassen und dann auch wirklich zu leben.

AC: Ihrer Ansicht nach, Barry, wäre ein Mann oder eine Frau, die Gott verwirklicht haben und die nicht die Liebe zu einem Mann oder zu einer Frau in dieser Welt praktizieren würden -

BL: Unvollständig?

AC: Ja, unvollständig, oder sie vernachlässigen irgendwie ihre Pflicht, ihre Verwirklichung in der Existenz zu erfüllen. Glauben Sie das?

BL: Nun, ich nehme an, daß das in unserem Gespräch sehr deutlich geworden ist. Ich habe es nicht erfunden.

AC: Was, meinen Sie, wäre dann der Grund, wenn ein verwirklichter Mann oder eine verwirklichte Frau das nicht tun würden? Denn ganz sicher haben es viele verwirklichte Männer und Frauen nicht getan.

BL: Wir müssen bedenken, daß jeder Mensch mit Gottverwirklichung sagen könnte: "Es hat keine Bedeutung - dieses körperliche Dasein hat keine Bedeutung." Oder er könnte sagen, daß es schon eine Bedeutung hat, aber letztendlich doch nicht wichtig ist. Aber wir sind Materie, und deshalb ist diese Existenz sicher immer von Bedeutung. Ein Mensch, der Gott verwirklicht hat, könnte jedoch sagen: "Schau, es hat keine Bedeutung. Ich habe Gott verwirklicht. Das verkörperte Sein ist vergänglich, und hier findet es sein Ende." Das wäre ganz OK, aber ich bin in der Welt, ich bin im verkörperten Sein, und durch meine Unterscheidungskraft, die Unterscheidungskraft, die jeder spirituelle Mensch besitzt, sehe ich, daß das meiste Leid im Leben zwischen Mann und Frau stattfindet. Und wie jeder spirituelle Mensch möchte ich die Unwissenheit der Menschen, die die Ursache ihres Leidens ist, beseitigen. Ich spreche über das, was ich sehe.

Ansonsten ist es egal; vom Unsterblichen und vom Ewigen her gesehen ist es wirklich nicht wichtig. Aber es sieht ganz so aus, als wäre ich aus einem bestimmten Grund hier - jeder von uns -, und wir kennen den Wert von Harmonie, Güte und Richtigkeit, und das ist Gott. Ich nehme also an, daß wir uns alle darum bemühen werden, das zu finden. Für mich ist es also ziemlich selbstverständlich, daß das der richtige Weg für uns ist, auch wenn wir hier nicht allzuviel darüber wissen.

AC: Trotzdem, in einigen westlichen Traditionen und in vielen östlichen Traditionen wurde stets größter Wert auf den absoluten Verzicht und/oder das Transzendieren der sexuellen Funktion gelegt, als Mittel oder Vehikel, um sich bei der Suche nach Gottverwirklichung absolut zu konzentrieren und auf das Ziel auszurichten.

BL: Das mag so sein. Und man kann Gott außerhalb der Existenz verwirklichen. Aber was macht man dann in der Existenz? Sobald man Gott außerhalb der Existenz verwirklicht hat und ganz rein und heilig ist, was macht man dann mit dem ganzen Leid, das einen umgibt?

AC: Aber katholische Priester sagen zum Beispiel manchmal, daß durch ihr Enthaltsamkeitsgelübde sie offen dafür sind, alle Wesen gleichermaßen zu lieben und niemanden auf besondere Weise zu lieben; ihre Keuschheit gestattet es ihnen, vollkommen empfänglich zu sein, sich selbst gänzlich dafür einzusetzen, das Leiden aller Kinder Gottes zu beseitigen.

BL: Nun, das sind Priester, und ich spreche nur mit Meistern. Ich höre nur auf den einen Meister - den Ursprünglichen. Sonst hat man Priester, die Dinge erfinden, spirituelle Kommentatoren. Wissen Sie, sie schreiben Bücher, halten Vorträge, sie machen alles mögliche, aber kein Wort von dem, was sie sagen, kann man glauben, weil sie nicht von Gottverwirklichung inspiriert sind, und das hört man heraus.

AC: Ich erinnere mich, in Ihrer Lehre etwas von Ritterlichkeit gehört zu haben. Was sind Ihre Gedanken dazu, was es wirklich heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein? Was sehen Sie zum Beispiel als die richtige Verhaltensweise von Männern gegenüber Frauen an?

BL: Ein korrektes Verhalten ist, soweit wie möglich in ihrer Gegenwart nicht zu fluchen, denn das ist eine Verunglimpfung dessen, was zwischen ihnen ist, und das sollte nicht passieren. Natürlich wird es in unserer modernen Gesellschaft vorkommen, daß es zu fluchähnlichen Äußerungen kommt, aber im allgemeinen ist es eine ganz einfache Sache, im Zusammensein miteinander nicht zu fluchen. Wir sahen vorgestern abend ein Video über einen Mann und eine Frau, die sich wirklich liebten, aber jedes zweite Wort, das sie sagte, war: "Verdammte Scheiße, was ist los?" Das hören unsere Kinder, wissen Sie, die einmal die Menschen lieben sollen, und man kann Menschen nicht lieben, wenn man gewöhnt ist, solche Dinge zu sagen, weil das ein Fluch ist. Ein Gewaltakt steht dann zwischen uns, und so etwas erfüllt mein animalisches, gewalttätiges Ego als Mensch mit Leben, wenn ich das tue. Das ist also etwas, das wir nicht tun dürfen. Ich muß mich bemühen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um dir dabei zu helfen, nicht nur zivilisiert, sondern liebevoll zu sprechen, so wie ich mit dir spreche. Da wir miteinander sprechen müssen, können wir genauso gut liebevoll sprechen - und damit meine ich kein Liebesgeflüster. Es ist der Geist Gottes, der sich in Form von Harmonie zwischen uns manifestiert, in unseren Handlungen und in unserem Verhalten. Gott ist Harmonie. Und so geht es auch um Kleinigkeiten wie diese, würde ich sagen.

Sehen Sie, wenn zwei Menschen einander wirklich lieben, wenn sie den Liebesakt auf so göttliche Weise vollziehen, wie wir es besprochen haben, dann brauchen sie keine anderen Worte als: "Ich liebe dich. Du bist wunderbar." Sie sagt es ihm. Er sagt es ihr. Sie umarmen einander. Sie küssen sich. Sie halten sich an den Händen. Keine Diskussionen über irgend etwas, was mit spirituellem Leben zu tun hat - nur Sara fragt mich manchmal: "Bist du sicher, daß ich spirituell genug bin? Bist du wirklich sicher, daß ich spirituell genug bin?" Ich selbst habe anscheinend keine Fragen. Nur: "Ich liebe dich." Ich glaube, daß dies - keine Fragen zu haben - für jeden am schwierigsten zu verstehen ist, einfach leer zu sein, wo nichts hochkommt, einfach in der Lage zu sein, jeden Moment in einem Zustand von - nicht einmal in einem Zustand von Liebe zu sein, denn Liebe ist kein Gefühl; Liebe ist ein Moment - in einem Zustand zu sein, in dem es nichts gibt! Das passiert auch normalen Menschen; sie gelangen in einen Zustand, wo sie nichts wissen, aber sie erschrecken. Aber das ist der heilige Zustand! Normale Menschen sind uninformiert und daher unfähig zu erfassen, daß das richtig ist, daß das der heilige Zustand ist, von dem die Meister sprechen: in dem man nichts weiß. Deshalb werden sie alle unruhig, wenn sie das Gefühl haben, sie hätten den Faden verloren.

Die Frau weiß also nichts, wenn sie liebt. Sie ist die Liebende; sie ist Gott in weiblicher Gestalt, reine Liebe, und sie tut, was sie tut, aber sie hat keine forcierende Kraft in sich. Wir Männer haben diesen Ansatz zum körperlichen Nach-Außen-Wirken, und es ist unsere natürliche Neigung weiterzugeben, während es ihre ist, zu empfangen und zu sein. Die Leute sagen, Männer und Frauen seien gleich, ich aber sage, sie sind überhaupt nicht gleich. Gott sei Dank sind sie vollkommen verschieden. Ich weiß, sie ist Gott, und ich liebe sie, weil sie Gott ist; sie liebt mich, weil ich Gott bin, und das ist das Grundlegende. Und ich weiß nicht, ob ich Ihre Fragen beantworten konnte oder nicht.

Barry Long wurde 1926 in Sydney, Australien, geboren. Im Alter von einunddreißig Jahren bewog ihn eine intensive spirituelle Sehnsucht dazu, seine Karriere als Journalist aufzugeben und spirituelle Verwirklichung zu suchen. Bald darauf löste seine leidenschaftliche Liebe zu einer Frau eine machtvolle spirituelle Veränderung aus. Dann ging er nach London und begann zu lehren. 1986 kehrte er nach Australien zurück und errichtete die Barry Long Foundation International. Er hat in der ganzen Welt Seminare gehalten und zahlreiche Bücher und Audiolehrkassetten herausgegeben, wie zum Beispiel die Audio-Serien The Origin of Man and Universe, Stillness is the Way, The Myth of Life und die Making Love-Cassetten.